#Interview “Das Nervigste waren all die bürokratischen Vorgänge”

"Wir haben viele Growth-Channels durchprobiert. Viele Mentoren und Investoren haben uns dazu geraten, auf klassische Sales-Prozesse und Messen zu setzen. Intuitiv klang das für uns auch richtig; es hat letztlich bis jetzt für uns aber nicht funktioniert", sagt János Moldvay von Adtriba.
“Das Nervigste waren all die bürokratischen Vorgänge”
 Wie starten ganz normale Gründerinnen und Gründer so in einen ganz normalen Startup-Arbeitsalltag? Wie schalten junge Unternehmerinnen und Unternehmer nach der Arbeit mal so richtig ab und was hätten die aufstrebenden Firmenlenker gerne gewusst bevor sie ihr Startup gegründet haben? Wir haben genau diese Sachen abgefragt. Heute antwortet János Moldvay, Mitgründer von Adtriba, einem SaaS-Anbieter für dynamisches Attribution Modeling.

Wie startest Du in einen ganz normalen Startup-Arbeitsalltag?
Um 5 Uhr morgens klingelt mein Wecker. Nach einer kleinen, intensiven Sporteinheit bereite ich mich dann mental auf den Tag vor, indem ich meditiere. Bevor meine Kinder in den Kindergarten und in die Schule gehen, frühstücken wir gemeinsam als Familie. Anschließend plane ich meine To-Dos für den Tag.

Wie schaltest du nach der Arbeit ab?
Grundsätzlich schalte ich nicht nur nach der Arbeit, sondern auch manchmal sehr früh Morgens vor dem Office-Alltag ab. Indem ich zum Beispiel für ein paar Stunden zum Kiten aufs Wasser gehe. Zu Hause vereinnahmen mich meine Kinder und ich schalte bewusst von dem Arbeits- in den Familienmodus. Indem ich mich dann nur auf die Kinder fokussiere, gelingt es mir direkt abzuschalten und den Arbeitsalltag hinter mir zu lassen.

Was über das Gründer-Dasein hättest du gerne vor der Gründung gewusst?
Dass es voll mein Ding ist und ich schon viel früher etwas eigenes auf die Beine hätte stellen sollen. Letztlich habe ich mir und uns als Gründerteam anfänglich zu wenig zugetraut und mir war nicht bewusst, wie gut wir in unserem Bereich sind. Bevor ich Adtriba gemeinsam mit Ludwig Ostrowski, unserem CTO, 2015 gegründet habe, hätte ich zudem gerne gewusst, wie aufwendig es ist, ein Machine-Learning-Startup hochzuziehen und wie wichtig es ist, sich auf die richtigen Themen zu fokussieren. Das heißt, nicht zu viel parallel auszuprobieren. Sei es bezüglich der Wachstums- oder der Produktstrategie. Es macht zum Beispiel wenig Sinn, Sales, Content- und Performance-Marketing sowie PR bei stark limitierten Ressourcen gleichzeitig auszuprobieren, weil so nichts richtig gut wird.

Was waren die größten Hürden, die Du auf dem Weg zur Gründung überwinden musstet?
Auch auf die Gefahr hin, dass es klischeehaft klingt: Das Nervigste waren all die bürokratischen Vorgänge. Von der Beantragung des Existenzgründerzuschusses und der Gewerbeanmeldung, bis hin zu den Kosten für Notartermine, Steuerberater und Anwälte. Die Angst vor dem finanziellen Risiko als dreifacher Familienvater, ohne die notwendigen Rücklagen ein Startup zu gründen, war dagegen ein Klacks.

Was waren die größten Fehler, die Du bisher gemacht hast – und was hast Du aus diesen gelernt?
Wir haben viele Growth-Channels durchprobiert, was auch Teil des Startup-Prozesses ist. Viele Mentoren und Investoren haben uns dazu geraten, auf klassische Sales-Prozesse und Messen zu setzen. Intuitiv klang das für uns auch richtig; es hat letztlich bis jetzt für uns aber nicht funktioniert. Stattdessen ist es für uns wichtiger, bei unseren Zielkundengruppen einen möglichst hohen Bekanntheitsgrad zu erlangen. Das heißt, dass wir eher auf Branding, PR und Inbound-Marketing setzen. Hätten wir das früher gewusst, hätten wir uns eine Menge Kosten und Aufwände sparen können.

Wie findet man die passenden Mitarbeiter für sein Startup?
Gerade in einem Tech- und Machine-Learning-Startup ist es nicht immer leicht, gute Talente zu finden. Data Scientists bzw. Engineers gibt es bekanntlich nicht wie Sand am Meer. Da hilft es auch außerhalb Europas zu suchen. Einer unserer Data Scientists kommt aus Tunesien. Die persönliche Kontaktaufnahme per LinkedIn- oder XING-Nachricht hat sich dabei bisher als gute Recruiting-Methode bewährt.

Welchen Tipp hast Du für andere Gründer?
Um die Herausforderungen als Startup-Gründer besser zu meistern, empfehle ich tägliche Meditation und das bewusste Herausziehen aus dem operativen Daily Doing. Für Manchen von uns mag das vielleicht im krassen Gegensatz zu der Maxime stehen, möglichst viel Arbeitszeit in das Startup zu investieren. Vielleicht klingt es auch schlichtweg zu esoterisch. Mir hilft es aber ungemein dabei, Dinge besser zu fokussieren, produktiver zu arbeiten und ganz besonders im Umgang sowie der Kommunikation mit Kunden und Kollegen. Gerade in einem High-Tech-Startup geht es letzten Endes weniger um die Quantität der eingesetzten Arbeitszeit, als um die Qualität.

Ohne welches externe Tool würde dein Startup quasi nicht mehr existieren?
Mit unserer Software-as-a-Service-Lösung für Machine Learning-basierte Marketing Attribution helfen wir Marketing-Managern dabei, bessere Entscheidungen bei der Budget-Verteilung zu treffen. Ohne die Programmiersprache Python und die Libraries wie Scikit-Learn, Keras und Tensor-Flow wäre das nicht möglich – schließlich läuft darüber unser Machine-Learning-Algorithmus. Amazon Web Services (AWS), Googles G-Suite und unsere Kaffeemaschine “Rancilio Silvia” sind ebenfalls unabdingbar.

Wie sorgt ihr bei eurem Team für gute Stimmung?
Persönliche Wertschätzung, radikale Ehrlichkeit und offene Kommunikation gemäß dem “Radical Candor”-Prinzip helfen uns dabei, dass die Stimmung im Team erst gar nicht kippt. Wir achten zudem darauf, dass jeder Job und Privatleben bestmöglich unter einen Hut bekommt. Dabei plädieren wir für eine Work-Life-Integration statt -Balance. Home Office, Remote Office und andere Formen der individuellen Arbeitszeit-Gestaltung sind bei uns Standard. Wir sorgen außerdem dafür, dass sich jeder im Team mit den Themen befassen kann, die ihn oder sie interessieren. So kann jeder fachlich wachsen und sich auch persönlich weiterentwickeln.

Was war Dein bisher wildestes Startup-Erlebnis?
Ich bin gerade für ein paar  Wochen mit meiner Familie in einem VW-Bulli unterwegs, quasi mache ich “Workation”. Das Arbeiten von unterwegs aus muss gut geplant und getimed werden. Am wichtigsten ist aber, sich auf das Team zu Hause in Hamburg verlassen zu können. Das kann ich zum Glück! Es fühlt sich sehr gut an, wenn das Unternehmen auch ohne meine physische Präsenz gut funktioniert und erfolgreich wächst.

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Foto (oben): AdTriba

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.