#Interview “Man unterschätzt oft, wie intensiv das Gründerleben ist”

"Ich denke, wir haben gerade zu Beginn viele Fehler gemacht, auch wenn man sich das in dem Moment nicht eingestehen wollte. Einer der größten Fehler war sicher die fehlende Fokussierung auf unser Kerngeschäft", sagt Robert Jänisch von IOX Lab.
“Man unterschätzt oft, wie intensiv das Gründerleben ist”

Wie starten ganz normale Gründerinnen und Gründer so in einen ganz normalen Startup-Arbeitsalltag? Wie schalten junge Unternehmerinnen und Unternehmer nach der Arbeit mal so richtig ab und was hätten die aufstrebenden Firmenlenker gerne gewusst bevor sie ihr Startup gegründet haben? Wir haben genau diese Sachen abgefragt. Heute antwortet Robert Jänisch, Mitgründer von IOX Lab, einem sogenannten “Innovations- und Entwicklungspartner” für Produkte im Bereich Internet of Things (IoT).

Wie startest Du in einen ganz normalen Startup-Arbeitsalltag?
Mal unabhängig davon, dass es vermutlich keinen ganz normalen Startup-Arbeitsalltag gibt, starte ich meinen Tag im Büro von IOX damit, dass ich mich mit allen Kollegen um 9 Uhr zum Stand-up treffe. Dort hole ich mir Infos aus dem Team: wie es den Kollegen geht, was sie bewegt, wobei sie gegebenenfalls Hilfe brauchen und an was sie derzeit konkret arbeiten. Danach treffe ich mich für eine halbe bis dreiviertel Stunde mit meinem Sales-Team um zu gucken, wie es um aktuelle Leads steht und was es braucht, um neue Kunden zu gewinnen. Im Anschluss ist Meeting-Marathon angesagt, wobei ich gegen 19:00 die Reißleine ziehe, um nach Hause zu meiner Frau und meinem Sohn zu fahren.

Wie schaltest du nach der Arbeit ab?
Abschalten ist insgesamt schwer für mich. Ich würde zum Beispiel gern mehr Sport machen, wenn ich ehrlich bin. Das wäre sicher gut zum Abschalten, passiert aber aktuell eher selten. Stattdessen bringt mich Zeit mit meiner Familie zur Ruhe. Nicht nur nach der Arbeit. Ich bringe meinen Sohn dreimal die Woche vor der Arbeit zum Kindergarten und diese Zeit genieße ich sehr. Abends freue ich mich, einfach nach Hause zu kommen, mit meiner Frau Abend zu essen und den Tag zu besprechen. Dabei komme ich runter. Außerdem achte ich darauf, zeitig ins Bett zu gehen, um auch wirklich erholsam zu schlafen.

Was über das Gründer-Dasein hättest du gerne vor der Gründung gewusst?
Ich weiß gar nicht, ob ich vorher gern mehr gewusst hätte. Wäre das der Fall gewesen, hätte ich unter Umständen vielleicht gar nicht gegründet. Ich glaube man unterschätzt oft stark, wie intensiv das Gründerleben eigentlich ist, auch weil es dabei immer um die eigene Existenz geht. Überlebe ich? Kann ich mir und meinem Team Gehalt zahlen? Solche Sorgen begleiten einen ständig. Und je größer man dann wird, umso größer werden auch die Probleme, die man lösen darf. Klar, auf der anderen Seite freut man sich auch, wenn man ein neues Problem gelöst hat oder sich weiter im Markt differenziert und das eigene Unternehmen positioniert. Es ist einfach eine extreme Reise, in der man unfassbar viel lernt.

Was waren die größten Hürden, die Du auf dem Weg zur Gründung überwinden musstest?
Tatsächlich loszulegen. Wenn ich mir überlege, wie lange ich im Endeffekt gebraucht habe… 2007 habe ich mir überlegt, ich will auf jeden Fall selbstständig sein, gemacht hab ich’s dann aber erst 2014. Dieser Sprung, zu sagen: „Ok, ich geh jetzt raus und lege los” und es dann auch wirklich zu machen, das war wie der Sprung in den See. Man möchte sich abkühlen, und steht dann ewig am Steg und überlegt, ob das Wasser nicht doch zu kalt ist. Am Ende ist der Sprung dann aber befreiend und man fragt sich, warum man es nicht eher gewagt hat. Außerdem hatte ich oft Zweifel, ob ich genug Wissen angesammelt habe, um diesen Weg zu gehen.

Was waren die größten Fehler, die Du bisher gemacht hast – und was hast Du aus diesen gelernt?
Ich denke, wir haben gerade zu Beginn viele Fehler gemacht, auch wenn man sich das in dem Moment nicht eingestehen wollte. Einer der größten Fehler war sicher die fehlende Fokussierung auf unser Kerngeschäft. Wir haben zu früh angefangen, ein zweites Produkt zu entwickeln, um einen neuen Geschäftszweig aufzumachen. Neben unserem IoT-Prototyping-Geschäft haben wir damals ein Bot-Managementsystem entwickelt. Das funktionierte zwar prima und ich denke, dass uns das auch in Zukunft noch von Nutzen sein kann, doch der Zeitpunkt war schlichtweg schlecht gewählt. Ich denke, die fehlende Fokussierung ist ein Fehler, den viele Startups begehen. Und die Rechnung dafür bekommt man schnell zu spüren. Das ist auch mein Haupt-Learning gewesen: Fokussierung lernt man erst, wenn die finanziellen Konsequenzen spürbar sind. Ein weiterer Fehler, den ich lieber nicht begangen hätte, ist, dass ich zu lange an den falschen Mitarbeitern festgehalten habe. Ich musste erst lernen, dass man mit jemandem auf persönlicher Ebene gut klar kommen kann, aber es auf beruflicher Ebene einfach nicht funktioniert und man Konsequenzen ziehen muss.

Wie findet man die passenden Mitarbeiter für sein Startup?
Ich glaube, zunächst muss man sich klar werden, was man selbst erreichen will. In einem zweiten Schritt sollte man sich ausreichend viele Kandidaten anschauen, statt den erstbesten einzustellen. Das ist natürlich leichter gesagt als getan, gerade für Startups.  Aber mal zur Einordnung: In 2019 haben wir bisher über 500 Bewerbungen erhalten. Für uns war und ist es wichtig, zu erkennen, wo die Leidenschaften und wo die Fähigkeiten unserer Mitarbeiter liegen, denn beides ist nicht immer deckungsgleich. Und auch die offene Kommunikation gegenüber Bewerbern ist entscheidend. So früh wie möglich sollten Bewerber ein reelles Bild davon erhalten, was die Firma wirklich braucht. Das ist nur fair und hilft nicht nur dem Bewerber, sondern ist auch wichtig für das Firmen-Ökosystem. Es geht nicht darum, was der Chef braucht, sondern darum, welchen Input das Business-Model benötigt. Natürlich ist da auch noch die andere Seite, also die Anreize, die ein Unternehmen bzw. ein Startup bieten muss, um geeignete Mitarbeiter auch anzuziehen. Wer heute noch denkt, flache Hierarchien, kurze Kommunikationswege und ein hippes Büro reichen aus, der verkennt die aktuelle Lage. Unser “Verkaufsargument” für Bewerber ist aber tatsächlich unsere Arbeit: Da wir uns früh auf die IoT-Branche konzentriert haben, arbeiten wir als agiler Vorreiter in einem noch recht jungen Feld. Das weckt bei vielen Bewerben das Interesse. Außerdem setzen wir alles daran, dass unsere Entwickler und Ingenieure Zugang zu den neuesten Technologien, zum Beispiel aus dem Bereich 3D-Druck, bekommen und vieles auch einfach mal ausprobieren können. Zu Guter Letzt überzeugt viele Bewerber unser “Why”, also unsere Vision: Wir sind mit dem Anspruch gestartet, IoT-Technologie auch für die Lösung komplexer gesellschaftlicher Fragen nutzbar zu machen, beispielsweise für den Umweltschutz.

Welchen Tipp hast Du für andere Gründer?
Es gibt von Stephen Covey ein großartiges Buch, “The Seven Habits of Highly Effective People”, das ich jedem Gründer ans Herz legen würde. Der für mich wertvollste Tipp daraus ist, dass man seiner Leidenschaft folgen sollte und dass das auch bedeuten kann, andere Themen hinten anstellen zu müssen. Wenn du keine Leidenschaft für dein Produkt oder dein Startup hast, dann hast du auch keine Freude daran, hart zu arbeiten. Und ohne harte Arbeit funktioniert es nunmal nicht. Daher finde ich auch die Debatte der “Work-Life-Balance” teilweise fehlgeleitet. Sich Gedanken zur eigenen “Work-Life-Balance” zu machen, das müssen in der Regel nur diejenigen, die keine Leidenschaft für ihr Projekt empfinden. Damit das aber jetzt nicht falsch verstanden wird: Ich meine damit nicht, beispielsweise seine Familie oder Freunde komplett zu vernachlässigen. Es geht mir lediglich darum, dass man durch Leidenschaft mehr erreicht, und das auch ohne ständige Überstunden oder Nachtschichten.

Ohne welches externes Tool würde dein Startup quasi nicht mehr existieren?
Das mag jetzt traurig klingen, aber ohne G-Suite wären wir ein bisschen aufgeschmissen.

Wie sorgt ihr bei eurem Team für gute Stimmung?
Wir setzen vor allem auf Transparenz und offene Kommunikation. Wenn alle Mitarbeiter wissen, was im Unternehmen abgeht, reduziert das oft einiges an potenziellem Frust. Dazu haben wir nicht nur den regelmäßigen Austausch in den Teams, sondern auch einmal im Monat einen Learning Day, an dem nicht nur über Erfahrungen gesprochen wird, sondern eben auch neue Sachen ausprobiert werden können. Ich glaube fest daran, dass ein echter Teamgeist entscheidend für ein Startup ist. Daher ist es mir auch wichtig, dass sich die Kollegen persönlich verstehen und sich im Idealfall auch außerhalb der Arbeit austauschen. Ich denke, wir fordern von unseren Team-Mitgliedern sehr viel und deshalb muss auch ausreichend Zeit sein für gemeinsame Aktivitäten. Wer nur auf schnelles Wachstum setzt, ohne sein Team abzuholen und mitzunehmen, verliert sein wertvollstes Kapital.

Was war Dein bisher wildestes Startup-Erlebnis?
“Wildestes Erlebnis” klingt gleich nach einer verrückten Orgie. Damit kann ich leider nicht dienen. Der für mich bisher emotionalste Moment in meiner Zeit bei IOX war vermutlich, als wir den NRW Gründerpreis gewonnen haben. Wir hatten uns bereits gegen über 150 andere Startups durchgesetzt und wurden zusammen mit neun weiteren Startups zur finalen Preisverleihung eingeladen. Allein das war schon überwältigend für uns. Beim Event selbst mussten wir jedoch alle nochmal präsentieren und es war bis zum Schluss nicht klar, wer das Rennen macht.
Die Woche vor der Preisverleihung war extrem anstrengend und hatte mir viel abverlangt. Es war eine dieser Wochen, in denen man nicht weiß, ob man so weitermachen kann und wie groß die Challenges noch werden können. Doch alle das war in der Sekunde vergessen, als klar war, dass wir gewonnen hatten. Das war ein großartiger Moment der Bestätigung für das, was wir mit IOX geschafft haben. Einer der Gründer von Urlaubsguru hielt damals die Laudatio und als klar wurde, dass es in seiner Rede um das Thema IoT geht und damit wir gemeint waren, war das ein Wahnsinnsgefühl – inklusive Gänsehaut.

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Foto (oben): IOX Lab

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.