#Interview Was die BillPay-Gründer bei Modifi nun anders machen

"Es gibt nicht viele Fintech-Teams, die einen Zyklus komplett erfolgreich durchlaufen haben und jetzt wieder neu gründen. Ich habe gerade durch BillPay, Wonga und Klarna viele der Top-VC kennen gelernt und viele Investoren interessiert, an was wir arbeiten", sagt Modifi-Macher Nelson Holzner.
Was die BillPay-Gründer bei Modifi nun anders machen

Neustart für Nelson Holzner, Sven Brauer und Jan Wehrs! Das Trio, das bereits BillPay gegründet, aufgebaut und verkauft hat, meldet sich mit Modifi zurück. Das Startup soll Händlern bei Vorfinanzierungen helfen. “Mit unserer neuen Plattform können wir Tausenden von unterversorgten Unternehmen den Handel mit Gütern erleichtern und damit die Wirtschaft lokal fördern. Wir wollen einen positiven Beitrag insbesondere in weniger entwickelten Märkten leisten, in denen Unternehmen am meisten unter den bestehenden Systemdefiziten leiden”, sagt Mitgründer Holzner. Im Interview mit deutsche-startups.de spricht Holzner über Unabhängigkeit, papierbasierte Prozesse und Toptalente.

Was reizt Dich daran, mit Modifi wieder ein Startup hochzuziehen?
Es hat mir extrem viel Spaß gemacht, mein erstes Startup BillPay aufzubauen, von der Gründung vor neun Jahren, zum Aufbau des tollen Teams, dem ersten Verkauf, die Lizenzierung durch die BaFin, über die Profitabilität bis hin letztjährigen Verkauf an Klarna. Nachdem wir als Gründer nach dem Verkauf in deutlich größeren Einheiten tätig waren, Sven und Jan bei Klarna und ich bei AEVI, einem Tochteruntenehmen von DieboldNixdorf, hat es uns Dreien in den Fingern gejuckt, wieder ein neues Unternehmen zu gründen und Dinge schnell und unbürokratsich umzusetzen und auch eine bestimmte Kultur zu formen. Aus meiner Sicht haben wir da einen sehr großen Hebel in einem boomenden FinTech-Umfeld. Die Höhen und Tiefen zu erleben und selbst die Richtung bestimmen zu können, schafft ein Gefühl der Unabhängigkeit und mir persönlich eine große Befriedigung. Wir kommen jeden Tag mit einem breiten Lächeln ins Büro.

Euer neues Unternehmen heißt Modifi. Welches Problem wollt Ihr mit Modifi lösen?
Handelsfinanzierungen bzw. Trade Finance sind ein riesiger globaler Markt mit einem Volumen von circa 20 Billionen US-Dolar pro Jahr und einer sehr großen Finanzierungslücke von jährlich 1,5 Billionen Dollar. Unterversorgt sind insbesondere kleine und mittelgroße Unternehmen: Jeder zweite Finanzierungsantrag von SMEs wird von Banken abgelehnt und 60% der abgelehnten Handelstransaktionen scheitern mangels Finanzierung. Hauptgrund sind veraltete, langsame und oftmals papierbasierte teure Prozesse der Banken beim Onboarding, der Risikomanagement und der Transaktionsverarbeitung. Der schwierige Zugang zu externer Finanzierung hemmt das Wachstum vieler Unternehmen, aber auch die Entwicklung in Schwellenländern, deren Volkswirtschaften sehr oft stark von SMEs geprägt sind. In der Praxis führt dies oft dazu, dass die Handelspartner untereinander vereinbaren müssen, ob zuerst die Ware geliefert wird – mit durchschnittlichen Zahlungszielen von 90 Tagen zu Lasten des Lieferanten – oder ob der Käufer/Importeur zuerst das Geld zahlen muss – dann muss der Käufer/Importeur oft 30 bis 120 Tage auf die Ware und die Zahlungen seiner Kunden warten und den Kaufpreis zwischenfinanzieren.

Wie genau könnt ihr da nun mit Modifi helfen?
Modifi unterstützt beide Handelspartner mit einfachem und schnellem Zugang zu Liquidität, um Zeiträume von 30 bis maximal 120 zu überbrücken. Mit unserer digitalen Einkaufsfinanzierung können Einkäufer/Importeure ihre Wareneinkäufe mit zusätzlicher Liquidität bis zu 120 Tage finanzieren und entweder mehr kaufen oder mit uns ihre Profitabilität verbessern, indem sie attraktive Skonti von bis zu 5 % ziehen. So kann beispielsweise ein Online-Händler heute drei Container mit Fashion in China für 100.000 Euro ordern. Modifi zahlt den Kaufpreis bei Fälligkeit zum Beispiel morgen direkt an den chinesischen Lieferanten aus. Der Online-Händler hat dann 30, 60 oder 90 Tage, um den Kaufpreis an Modifi zu zahlen und kann um weitere 30 Tage verlängern. Das heißt der Händler kann die Waren ggf. sogar an seine Kunden weiterverkaufen, bevor er die Waren bezahlen muss. Und dass alles in einem komplett digitalen schlanken Prozess.

Jede Woche entstehen dutzende neue Startups, warum wird ausgerechnet Modifi ein Erfolg?
Mein Unternehmerherz schlägt für sehr große und komplexe Probleme und wir lösen ein echtes, sehr großes und komplexes Problem in einem der größten globalen Märkte, den es gibt: Internationaler Handel. Einige der Hauptprobleme sind veraltete, langsame und oftmals papier-basierte, teure Prozesse bei den Banken beim Onboarding von Kunden, dem Risikomanagement und der Transaktionsverabeitung. Wir lösen diese Probleme mit Hilfe modernster Technologie und werde dadurch Kunden bedienen können, die bisher kaum Zugang zu Trade Finance hatten. Wir bedienen als nicht nur bereits existierende Kunden mit einem neuen Produkt, sondern erschließen auch komplett neue Kundenschichten. Als Kernteam von BillPay kennen wir die Bedürfnisse auf Kundenseite sehr gut, weil wir fast 10 Jahre 5.000 überwiegend kleine und mittelgroße Händler bedient und zum Teil auch finanziert haben. Wir sind auch mit den großen Herausforderungen wie b2b-Vertrieb, Risikomanagement, Refinanzierung, Regulierung und skalierbaren Tech-Plattformen sehr vertraut und können daher viele Themen besser einschätzen. Schließlich hilft uns der große Erfolg von BillPay auch, extrem gute Leute zu finden, die mit uns gemeinsam ein neues globales FinTech bauen wollen. Wir haben circa 25 Mitarbeiter eingestellt und hatten über 1.000 Bewerbungen. Ich bin der festen Überzeugung, dass das beste Team in aller Regel gewinnt und wir haben schon jetzt ein extrem starkes internationales Team aufbauen können.

Welche Erfahrungen aus dem Aufbau von BillPay sind in Modifi bereits eingeflossen?
Wie schon gesagt, können wir viele unserer Erfahrungen von BillPay bei Modifi fachlich nutzen. Auch wenn BillPay ein tolles Unternehmen geworden ist und wir immer noch mit Stolz auf die Kunden und die Gewinne von BillPay blicken, habe ich auch eine ganze Reihe von Fehlern gemacht, die wir jetzt vermeiden: Ganz zu Beginn haben wir viel Zeit in die Analyse des Geschäfts und des Markts investiert, um einen extrem großen und attraktiven Markt für Modifi zu finden. Auch haben wir früh die Strategie und die Brand für Modifi entwickelt und Unternehmenswerte definiert, etwas das wir bei BillPay viel zu spät gemacht hatten, aber für das Team außerordentlich wichtig ist. Es war uns auch wichtig, einen signifikanten Pool für Mitarbeiter-Optionen schaffen und damit langfristig tolle Leute an uns zu binden. Außerdem haben wir eine ziemlich große Seed-Runde aufgenommen, um gleich zu Beginn Toptalent an Bord holen zu können und ein starkes Fundament zu legen. Auch unser CapTable sieht viel besser aus und ist für weitere Investoren deutlich attraktiver, weil wir Gründer und das Team die große Mehrheit an Modifi gehört.

Rocket-Geldgeber Global Founders Gapital unterstützt Modifi. Ist es als Seriengründer einfacher, Geld einzusammen?
Ja, deutlich einfacher. Es gibt einfach nicht viele Fintech-Teams, die einen Zyklus komplett erfolgreich durchlaufen haben und jetzt mit komplementärem Skillset wieder neu gründen. Ich habe gerade durch BillPay, Wonga und Klarna viele der Top-VC intensiv kennen gelernt und viele Investoren interessiert, an was wir jetzt arbeiten. Wir bringen als Gründerteam viel Kredibilität mit, was besonders in den frühen Phasen sehr hilfreich ist, weil die ersten Finanzierungen im Wesentlichen Investments in die Gründer und den Markt sind.

Wo steht Modifi in einem Jahr?
In einem Jahr werden Handelspartner unsere Plattform global nutzen können, mit vertrieblichem Schwerpunkt und weiteren Büros in unseren regionalen Hubs Europa und Asien. Wir werden erste Netzwerkeffekte auf der Plattform sehen und dezidierte Produkte für Importeure und Exporteure haben. Um unsere globale Expansion zügig voranzutreiben, werden wir auch weitere Finanzierung aufgenommen haben, sowohl Equity als auch Debt zu Refinanzierung des Portfolios.

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Foto (oben): Modifi

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.