VC-Interview “Mehr Bescheidenheit würde der Branche guttun”

"Wir versuchen so lange wie möglich, zu retten, was zu retten ist. Wenn nichts mehr geht, trennen wir uns auch mal. Getreu dem Motto lieber ein Ende mit Schrecken usw", sagt Anan Pinitvetchagan, der der Hamburger Kapitalgeber 20scoops ins Leben gerufen hat.
“Mehr Bescheidenheit würde der Branche guttun”

Der junge Kapitalgeber 20scoops investiert nicht nur in Startups, sondern bietet auch Co-Working-Plätze an. “wie jeder VC sind wir auf der Suche nach dem Unicorn. Wir wissen aber, dass nicht nur das Geschäftsmodell über den Erfolg entscheidet. Das Team ist genauso wichtig. Auf unserem CoWorking-Space haben wir die Möglichkeit, die Mieter und somit potentielle Ventures besser kennenzulernen”, sagt 20scoops-Macher Anan Pinitvetchagan. Das 20scoops-Team interessiert sich besonders für Unternehmen aus den Segmenten Food, Health Care und PropTech. Im VC-Interview mit deutsche-startups.de spricht Pinitvetchagan über Aufbruchstimmung, Videokonferenzen und Schrecken.

Reden wir über Geld. Was genau reizt Dich daran, Geld in Unternehmen zu investieren?
Die digitale Branche begeistert mich schon seit Jahrzehnten. Ich habe die Anfänge hautnah miterlebt und die Aufbruchstimmung hält sich seit Anbeginn. Wenn alle Voraussetzungen stimmen, nutzen wir gerne die Gelegenheit frische Ideen junger Gründer auch finanziell zu unterstützen.

Wie wird man eigentlich Venture-Capital-Geber – wie bist Du Venture-Capital-Geber geworden?
Per Zufall habe ich vor zwei Jahren den Gründer eines Family Office kennengelernt. Wir verstanden uns auf Anhieb. Obwohl er aus einer eher „konservativen“ Branche kommt, erkannte er sofort das Potential der Digitalisierung und innovativer, digitaler Geschäftsmodelle. Er wollte nicht versäumen Teil dieser Entwicklung und dieser Welt zu sein. Seitdem investieren wir in Startups.

In der VC-Welt wird oftmals mit Millionenbeträgen hantiert, wird Dir da nicht manchmal mulmig zumute – bei diesen Summen?
Mulmig wäre das falsche Wort. Ich habe Respekt vor den Summen. Es gibt auch sicherlich überhöhte Bewertungen. Ein wenig mehr Bescheidenheit würde der Branche manchmal guttun.

Was sollte jeder Gründer über Euch – als VC – wissen – wie etwa grenzt Ihr Euch von anderen Investoren ab?
Wir wollen uns auf die Bereiche fokussieren, in denen wir Knowhow mitbringen, damit wir ein Sparring-Partner auf Augenhöhe und nicht nur Geldgeber für die Ventures sind. Health Care, Food und PropTech sind unsere Kerngebiete. Mit Fashion dagegen haben wir zum Beispiel keine Berührungspunkte, so dass keine Seite von einem Invest profitieren würde.

Wie entscheidet Ihr, ob Ihr in ein Start-up investiert?
Dank unseres Co-Working-Space in Hamburg haben wir die Chance, uns nicht nur auf Bauchgefühl und Daten verlassen zu müssen. Ein intensiver Austausch über einen längeren Zeitraum vor Ort macht es möglich, das Geschäftsmodell zu prüfen und das Team in allen Situationen kennenzulernen. So können wir im Anschluss nachhaltige Entscheidungen treffen, ob ein Invest in Frage kommt ist.

Wie organisiert Ihr den Austausch mit Euren Portfolio-Firmen, welche Tools nutzt Ihr?
Tatsächlich sind wir da noch ganz klassisch unterwegs; regelmäßige Meetings, Videokonferenzen und E-Mail-Verkehr. Wir haben außerdem einen Standort in Chiang Mai, Thailand, der für unsere Startups schwerpunktmäßig die IT-Entwicklung übernehmen kann. Hier nutzen wir digitale Projekt Management-Tools in Kombination mit Skype.

Was ist wichtiger: Das Team oder die Idee?
Das Team! Das haben wir in knapp zwei Jahren am Markt erst lernen müssen. Das Geschäftsmodell kann noch so gut sein. Ohne funktionierendes Team im Hintergrund, wird die Idee scheitern.

Wie sieht das ideale Gründerteam aus bzw. gibt es überhaupt das ideale Gründerteam?
Ja, es gibt das ideale Team und es sollte möglichst heterogen sein. Nicht nur fachlich. Erfahrung, Alter, Geschlecht – je mehr diese Faktoren variieren, desto besser.

Nicht jedes Start-up läuft rund, nicht jedes wird ein Erfolg. Was macht Ihr, wenn eine Eurer Beteiligungen in Schieflage gerät?
Wir versuchen so lange wie möglich, zu retten, was zu retten ist. Wenn nichts mehr geht, trennen wir uns auch mal. Getreu dem Motto lieber ein Ende mit Schrecken usw.

Und woran merkt Ihr, dass Ihr bei einem Start-up die endgültige Reißleine ziehen müsst?
Wenn die Situation verfahren ist und keine Seite weitere Kompromisse eingehen möchte. Spätestens dann ist es Zeit, die Reißleine zu ziehen.

Wie wichtig und bindend ist ein Businessplan?
Er ist sehr wichtig, aber nicht bindend. Dem Businessplan können wir entnehmen, ob ein Start-up seine Hausaufgaben gemacht hat und gut vorbereitet ist. Alles kann man natürlich nicht vorhersehen und genau dann ist es essentiell, sich Flexibilität zu wahren.

Wie spricht man als Gründer am besten einen Investor an?
Auf alle Fragen vorbereitet und kritikfähig. Wir haben Gründer getroffen, die kein Feedback mehr zu ließen.

Was sollten Gründer vor Investoren niemals sagen oder machen?
Wir können in dem Fall nur für uns sprechen: Die Gründer sollten nicht beim ersten Pitch sagen, dass sie besser sind als Google oder das neue Facebook. Wir wünschen uns von Start-ups eine realistische Einstellung.

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Foto (oben): Shutterstock

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.