VC-Interview Berliner Geldgeberin lässt sich nicht von “Daten blenden”

"Obwohl wir logisch agieren, versuchen wir uns nicht durch Daten blenden zu lassen. Häufig ist die Performance des Unternehmens in der Vergangenheit kein Indikator für die zukünftige Wertentwicklung", sagt Videesha Böckle vom neuen Kapitalgeber signals Venture Capital.
Berliner Geldgeberin lässt sich nicht von “Daten blenden”

Der junge Kapitalgeber signals Venture Capital, hinter dem die bekannte Versicherungsgruppe Signal Iduna steckt, investiert zwischen 1 und 3 Millionen in Unternehmen aus den Segmenten Predictive Analytics, Artificial Intelligence, Blockchain, Cybersecurity und IoT. Geführt wird der unabhängige Geldgeber von Videesha Böckle, früher unter anderem PROfounders Capital und Redstone Digital. Im VC-Interview mit deutsche-startups.de spricht Böckle über fachliche Expertise, Daten und Wiederholbarkeiten.

Reden wir über Geld. Was genau reizt Dich daran, Geld in Unternehmen zu investieren?
Wahrscheinlich wie bei den meisten VCs ein großartiges Team, das mit dem richtigen Timing einen Mehrwert für die Kunden schafft. Bei Start-up-Teams achten wir auf die folgenden Kriterien: die Motivation der Gründer – abgesehen von Geld -, ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, komplementäre Fähigkeiten, erste Berührungspunkte mit Kunden, die Fähigkeit Hindernisse zu überwinden, sowie Ausdauer. Ein starkes Netzwerk und die Fähigkeit, eine Vision klar und deutlich zu kommunizieren, stehen ebenfalls ganz oben auf unserer Prioritätenliste. Wenn ein Team ein offensichtliches Problem standardgemäß löst und sich dadurch nicht von Mitbewerbern unterscheidet, werden wir wahrscheinlich nicht investieren.

Wie wird man eigentlich Venture-Capital-Geber – wie bist Du Venture-Capital-Geber geworden?
Es gibt so viele unterschiedliche Wege ein VC zu werden und tagtäglich werden neue Venture Capital-Firmen gegründet und bekannt gegeben. Die Chancen in dieser Branche sind somit weit größer als noch vor wenigen Jahren, als ich meine Venture Capital-Karriere begann. Angefangen habe ich in London bei PROfounders Capital. Zu der Zeit war Brent Hoberman, Gründer von lastminute.com, ein Limited Partner bei PROfounders Capital. Als ich dann vor vier Jahren nach Berlin kam, fing ich bei einer neuen Venture Capital-Firma an, bei der Michael Brehm – ehemals StudiVZ – Partner war. Mit signals Venture Capital startete ich noch einmal neu. Mein Werdegang als VC war sehr hart aber auch sehr lohnend. Ich konnte direkt mit Limited Partnern arbeiten und Fonds neu aufbauen. So habe ich eine breite operative und fachliche Expertise aufgebaut.

In der VC-Welt wird oftmals mit Millionenbeträgen hantiert, wird Dir da nicht manchmal mulmig zumute – bei diesen Summen?
Durch meine Erfahrung als Kreditanalyst und meiner Tätigkeit in einem Ultra High Net Worth-Team bei einer Privatbank, bin ich an Zahlen mit vielen Nullen gewohnt. Bei signals Venture Capital geht es um Überzeugung und um Mut. Nur so können wir die beste Entscheidung treffen, die wir mit den zur Verfügung stehenden Informationen zu dem entsprechenden Zeitpunkt treffen können.

Was sollte jeder Gründer über Euch – als VC – wissen – wie etwa grenzt Ihr Euch von anderen Investoren ab?
Venture Capital basiert auf drei Kernbereichen: Geld, Netzwerk und intellektuelle Fähigkeiten. Diese Bereiche wirken sich maßgebend auf den Markenwert eines VC-Unternehmens aus. Deshalb konzentrieren wir uns bei signals Venture Capital darauf, wie wir uns von anderen Investoren unterscheiden können, indem wir Beziehungen aufbauen und vermitteln – etwas Einstellung von Mitarbeitern, usw. – und intellektuelles Kapital – etwa Branchenexpertise – bieten. Wir haben ein sehr vielfältiges Team. signals Venture Capital wurde von Unternehmern mitbegründet, um ein richtiges Verständnis dafür zu erhalten, welchen Wert Unternehmer von VCs erwarten. Die Gründer, die sich unserem Portfolio anschließen, bedienen einen ähnlichen Kundenstamm, so dass die Erfahrungen zwischen ihnen besser aufeinander abgestimmt werden können. Wir beteiligen uns mit Investitionssummen zwischen 1 Million und 3 Millionen Ezro an Finanzierungsrunden für die späte Seed- und Series A-Finanzierung in den Bereichen Frontier Tech und Enterprise – B2B oder B2B2C.

Wie entscheidet Ihr, ob Ihr in ein Start-up investiert: Bauchgefühl, Daten, Beides oder was ganz anderes?
Daten und Bauchgefühl, aber nicht in gleichem Maße. Obwohl wir logisch agieren, versuchen wir uns nicht durch Daten blenden zu lassen. Häufig ist die Performance des Unternehmens in der Vergangenheit kein Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Die Erfahrung zeigt, dass Daten oft nur einen Teil der Geschichte erzählen. Gerade in der Anfangsphase interessieren uns vor allem die Beweggründe eines Unternehmens und dessen Erkenntnisse, und ob diese realistisch sind.

Welche Unterstützung bietet Ihr – neben Geld?
Bei signals Venture Capital bieten wir Unternehmern zwei verschiedene Mehrwerte. Zum einen traditionelle Unterstützung wie beispielsweise die Beratung bei strategischen Entscheidungen sowie im Bereich HR und Vertrieb und Zugang zu anderen Co-Investoren. Des Weiteren profitieren Unternehmer von unserem Netzwerk. Dazu gehört unter anderem die neue unabhängige signals-Initiative unseres Unternehmenspartners Signal Iduna. signals ist ein kollaboratives Ökosystem, das sich aus verschiedenen modularen, nutzerorientierten Lösungen zusammensetzt, die individuell oder als Ganzes genutzt werden können und die wir als “unbundled corporate value add” bezeichnen. Dazu gehören unter anderem die signals Open Studios. Dort erhalten Gründer Zugang zu neuen Vertriebskanälen, bestehenden Kundendatenbanken und Datensätzen sowie zu spezifischen Branchenexperten.

Wie organisiert Ihr den Austausch mit Euren Portfolio-Firmen, welche Tools nutzt Ihr?
Da wir uns auf ganz Europa konzentrieren, können wir unsere Teams nicht immer physisch zusammenbringen. Wir stellen Verbindungen zwischen unseren Portfolio-Unternehmen her und haben eine geschlossene Gruppe, in der sie miteinander kommunizieren können. Wir haben festgestellt, dass elektronische Tools wie webbasierte Instant Messaging-Dienste nicht wirklich genutzt werden. Natürlich wollen wir die Teams in unserem Portfolio auch Betreibern aus den USA und dem asiatischen Markt vorstellen, um neue Perspektiven zu bieten, die auch im europäischen Kontext nützlich sein könnten.

Was ist wichtiger: Das Team oder die Idee?
In den meisten Fällen ist das Team wichtiger als die Idee. Beides ist natürlich notwendig, aber nach unserer Erfahrung müssen Ideen auf einem starken Werteversprechen basieren, und sind selten statisch. Eine Idee kann sich ständig ändern und das Endergebnis kann etwas ganz anderes sein als anfangs geplant. Der Zeitpunkt und der Markt sind wahrscheinlich noch wichtiger als das Team oder die Idee und der am meisten unterschätzte und schwierig zu bestimmende Faktor für erfolgreiche VCs.

Wie sieht das ideale Gründerteam aus bzw. gibt es überhaupt das ideale Gründerteam?
Wir haben selten einzelne Gründer unterstützt. Wir sperren uns nicht gegen ein Investment von Gründern, die verwandt oder sogar verheiratet sind. Aber oft ist ein ideales Team eines, das die Schlüsselbereiche Vertrieb, Produkt und Technologie auf komplementäre Weise abdeckt. Das bedeutet nicht, dass eine technische Person nicht verkaufen kann oder dass eine Produktperson keine technische Expertise haben kann, aber Know-How in einem bestimmten Bereich, insbesondere innerhalb der Branche, kann sehr wertvoll sein.

Nicht jedes Start-up läuft rund, nicht jedes wird ein Erfolg. Was macht Ihr, wenn eine Eurer Beteiligungen in Schieflage gerät?
Oft weiß man bereits viele Monate vorher, dass ein Unternehmen nicht performt. Indikatoren dafür sind beispielsweise, dass interne KPIs nicht erreicht werden, die Produktentwicklung zu langsam läuft, neue Mitarbeiter zu schnell eingestellt werden oder das Kapital ausgeht. In diesen Fällen versuchen wir, die Anzeichen frühzeitig zu erkennen, Investitionen nicht sofort abzuschreiben und für die Unternehmen immer erreichbar zu sein. Das bedeutet nicht, dass man den Gründern Geld hinterherschmeißt, sondern offenes Feedback zu geben, kurz- und mittelfristige Lösungen zu finden und im schlimmsten Fall sogar den Verkauf von Anteilen zu ermöglichen. Dadurch kann zumindest ein Teil der anfänglichen Investition zurückgewonnen werden und die Gründer erhalten die Möglichkeit an neuen Lösungen zu arbeiten.

Und woran merkt Ihr, dass Ihr bei einem Start-up die endgültige Reißleine ziehen müsst?
Das ist eine schwierige Entscheidung. Uns kommt es auf mehrere Faktoren an: Stehen die Gründer und das Team noch voll hinter der Vision, was ist die realistische Situation des Unternehmens – Produktentwicklung, Teamausbau etc. -, ist die Marktakzeptanz stetig aber langsam und würde eine “Bridge Round” realistisch helfen? Ein weiterer wichtiger Faktor ist, ob das Unternehmen, neben dem operativen Geschäft, auch im Hinblick auf den Cap Table überzeugen können. All diese Faktoren müssen berücksichtigt werden, um eine differenzierte Entscheidung zu treffen.

Wie wichtig und bindend ist ein Businessplan?
Das hängt davon ab, in welcher Phase sich das Unternehmen befindet. Zu Beginn ist ein Businessplan wirklich nützlich, um die zugrundeliegenden Annahmen des Unternehmens zu durchdenken. Tatsächlich raten wir Gründern oft, dies zu tun. Aber ein Unternehmen aufzubauen ist etwas sehr Menschliches, das bedeutet Fehler können passieren. Wenn in Unternehmen alles nach Planliefe, würde jeder Gründer erfolgreich sein. Deshalb ist es wichtig, den Plan ständig auf Grund neuer Ergebnisse und Erkenntnisse zu aktualisieren. Sobald ein Unternehmen skaliert, gibt es eine gewisse Wiederholbarkeit, deshalb sollte das Geschäftsmodell vorhersehbarer und verbindlicher werden.

Wie spricht man als Gründer am besten einen Investor an?
Wir haben vor kurzem eine Umfrage zum Thema „Value Add“ durchgeführt und festgestellt, dass die meisten Gespräche und Bekanntmachungen durch Vertraute stattfinden. Die Schwierigkeit für viele Gründer besteht darin, dass sie meistens viel zu spät den Kontakt zu VCs suchen. Wenn sie den Kontakt bereits herstellen, wenn sie kein Geld, sondern Rat benötigen, ist die Erfolgsquote höher. Wenn ein VC die Intro zu einem anderen VC macht, steht die Frage im Raum, warum der ursprüngliche VC nicht selbst investiert. Mein Tipp ist, die Portfolio-Unternehmen zu kontaktieren. Kalte Akquise funktioniert auch, jedoch nur wenn die Bewerbung gut geschrieben und recherchiert ist.

Was sollten Gründer vor Investoren niemals sagen oder machen?
Häufige Fehler sind, zu übertreiben oder kritische Fragen mit vorformulierten Antworten zu umgehen. Zudem sollte man sich vor einem Treffen ausführlich über den Investor informieren. Man sollte niemals sagen: „Nein, ich bin mir nicht sicher, was Ihr VC tut, in was investieren Sie genau?“

Gebt Ihr uns einen Einblick in Euer Anti-Portfolio – bei welchen, jetzt erfolgreichen, Firmen seid Ihr leider nicht eingestiegen?
Ich bin der Meinung, dass ein starkes Anti-Portfolio sowie das Portfolio ein guter Indikator für die Qualität des Deal Flows sind. Ich bin in die folgenden Firmen nicht eingestiegen: Supercell, Lystable, Dalia Forschung, Uniplaces und Move Guides.

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Foto (oben): Shutterstock

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.

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