Gastbeitrag ICOs machen Venture Capital überflüssig

Im Sommer dieses Jahres haben Startups erstmals mehr Investitionen über Initial Coin Offerings (ICOs) eingeworben als von Venture Capitalists. Und das zu deutlich besseren Konditionen. Wer braucht da noch VCs? Die Geldgeber werden sich neu aufstellen müssen.
ICOs machen Venture Capital überflüssig

Naturgemäß wollen VCs für ihre Startup-Investments viele Anteile, sie verlangen umfangreiche Garantien von Gründern, und die Anbahnung eines VC-Deals kann Monate dauern. Ein ICO hingegen ist in wenigen Wochen abgeschlossen, es wechseln wenige oder gar keine Anteile den Besitzer, und Garantien gibt es keine. Da verwundert es kaum, dass immer mehr Gründer VCs den Rücken kehren.

Was ist ein ICO?

Bei einem Initial Coin Offering (ICO) wirbt ein Unternehmen über die Blockchain Geld ein. Die meisten ICOs verwenden Ethereum als Plattform. Ethereum ist eine Blockchain, die es Nutzern ermöglicht, ihre eigenen Krypto-Coins – auch Tokens genannt – herauszugeben. So ein Token ist zunächst einmal nur eine digitale Recheneinheit ohne Wert. Wenn aber ein Startup einen Token auflegt und Käufern verspricht, dass sie dafür in Zukunft einen Gegenwert erhalten, sieht die Sache schon anders aus. Das ist dann ein ICO.

In 2017 haben Startups mit ICOs spektakuläre Geldsummen eingesammelt. Hier die aktuelle Top 3:

  • Filecoin: 257 Mio. US-Dollar
  • Tezos: 232 Mio. US-Dollar
  • EOS: 185 Mio. US-Dollar

Alle drei Startups stehen vor dem Launch. Es gibt noch kein Produkt und keine Umsätze. Mit Venture Capital wären Finanzierungsrunden in dieser Größe undenkbar. Gründer müssen mit VCs um jeden Euro feilschen. Da wird wochenlang diskutiert, ob das Startup wirklich 3 Mio. Euro Seed-Finanzierung braucht oder ob nicht auch 2 Mio. reichen würden. Darüber können Gründer von ICO-Startups nur lachen.

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Tezos hat über 65 Tsd. Bitcoin und 361 Tsd. Ether eingesammelt.

ICOs vor unserer Haustür

Wer jetzt denkt, ICOs wären so ein abgefahrenes Ding aus dem Silicon Valley, das in Deutschland nicht funktionieren würde, der irrt sich. Das Startup Lisk mit einem großen Büro in Berlin hat im März 2016 einen ICO in Höhe von 5 Mio. Euro hingelegt. Das war seinerzeit der zweitgrößte Token-Verkauf. Seitdem hat sich das Modell durchgesetzt und größere Runden sind an der Tagesordnung. Aber auch kleine ICOs sind möglich. Das Startup Brickblock aus Berlin-Kreuzberg hat gerade erst im September Tokens im Wert von 850.000 Euro verkauft.

Die bisher aufgezählten Startups verwenden die Blockchain-Technologie in ihrem Geschäftsmodell. Bald werden aber auch “themenfremde” Startups ICOs machen können. Daran arbeitet auch ein Berliner Startup, das noch nicht namentlich genannt werden will. Das junge Unternehmen ist dabei, eine ICO-Plattform aufzusetzen, über die Startups ihre Unternehmensanteile an Kleinanleger verkaufen können. Das ist vor allem aus juristischer Sicht eine Herausforderung. Wenn das Rahmenwerk erst einmal steht, wird jedes Startup schnell und einfach ICOs durchführen können. Auch für das Thema Due Diligence wird sich eine Lösung finden. Token-Verkäufer könnten zum Beispiel eine unabhängige Analysefirma damit beauftragen, ihren ICO transparenter zu machen.

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Lisk beschäftigt 14 Leute in Berlin – ohne einen Euro Venture Capital.

Harte Zeiten für VCs

Wenn Gründer künftig ihren Finanzierungsbedarf über die Blockchain decken, wer braucht dann noch VCs? Jeder Gründer kennt das: wochenlange Diskussionen mit VC-Partnern über das Geschäftsmodell, KPIs, Investitionshöhe, Bewertung und so weiter; Anwaltskosten von zehn- bis zwanzigtausend Euro; und am Ende umfangreiche Pflichten gegenüber den Investoren. Alles das ist bei einem ICO unnötig. Es ist sonnenklar, dass sich diese neue Form der Finanzierung durchsetzen wird. Die Folge: VCs werden Gründern mehr bieten müssen als nur Geld, wenn sie nicht ins Hintertreffen geraten wollen.

Vereinzelte VCs gehen mit gutem Beispiel voran. Sie unterstützen ihre Portfolio-Startups etwa beim Recruiting, indem sie Dienste von HR Managern bereitstellen, oder sie veranstalten Networking-Events für die Gründer. Hier zeigen sich echte Mehrwerte gegenüber einem ICO. Andere VCs werden sich davon eine Scheibe abschneiden müssen. Vor allem werden sie an Geschwindigkeit zulegen müssen. Wochenlange Entscheidungsprozesse verbieten sich von selbst, wenn ein ICO als Alternative lockt. Unterm Strich können sich Gründer auf eine rosige Zukunft freuen, in der sie ihre Ideen schneller und mit mehr Kapital umsetzen können.

Über den Autor

Viktor Becher ist Co-Founder des Insurtech-Startups Getsurance. Der studierte Informatiker ist ein Bitcoin-Investor der ersten Stunde und berät Unternehmen zu Chancen und Risiken der Blockchain.

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Foto (oben): Shutterstock