Interview Gegen alle Widerstände: 70.000 Patienten setzen auf DrEd

"Unser Meilenstein für das nächste Jahr ist, dass wir über 150.000 Patienten im Monat beraten und behandeln und dass unsere Leistungen von mindestens einer gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland erstattet wird", sagt David Meinertz von DrEd.
Gegen alle Widerstände: 70.000 Patienten setzen auf DrEd

Gerade im ländlichen Raum gibt es immer weniger Ärzte. Aber auch in vielen Großstädten sind viele Praxen regelmäßig überfüllt. Die deutsch-englische Online-Arztpraxis DrEd, das wegen der gesetzlichen Lage seit Jahren von London aus operiert, versucht diese Probleme zu lösen. Europaweit behandelt das Grown-up inzwischen über 70.000 Patienten im Monat. Die Kosten für eine Sprechstunde liegen zwischen 9 und 29 Euro. Das Geschäft rentiert sich bereits, DrEd wirtschaftet profitabel.

Und dies, obwohl das Start-up mit vielen Problemen zu kämpfen hatte und hat. So watschte die Stiftung Warentest die Online-Arztpraxis bereits 2012 gehörig ab. “Deutsche Ärzte betreiben von London aus eine Onlinepraxis namens DrEd. Die Stiftung Warentest hat sie ausprobiert – und rät dringend ab. Das Risiko einer Falsch­behand­lung ist immens”, urteilten die Warentester damals. Zudem gibt es immer wieder gesetzliche Vorhaben, die das Modell von DrEd komplett zerstören könnten – etwa die Voraussetzung von einem Arzt-Patienten-Kontakt für die Erstverschreibung von Arzneimitteln. Rund 80 Mitarbeiter arbeiten für DrEd, davon 15 Ärzte. Im Interview mit deutsche-startups.de spricht Mitgründer David Meinertz über Krankheiten, Regeln und Patienten.

Wie würdest Du Deiner Großmutter DrEd erklären?
Manchmal hat man gesundheitliche Beschwerden, bei denen ist es einem unangenehm, darüber zu sprechen. Herpes zum Beispiel. Oder Warzen. Viele Menschen gehen dann mit ihrem „peinlichen“ Problem nicht zum Arzt. Aber das ist keine Lösung. Aus diesem Grund wollten wir ein medizinisches Angebot schaffen, das den Menschen die Arztvisite erleichtert: die Behandlung aus der Ferne – diskret, unkompliziert und kompetent. So motiviert gründeten wir 2010 unsere Online-Arztpraxis DrEd. Wir entwickelten ärztliche Fragebögen, die zugeschnitten auf das jeweilige Anliegen im Detail erfragen, was ein Arzt von seinem Patienten erfahren muss, um das gesundheitliche Problem richtig behandeln zu können.

Funktioniert dieser Ansatz bei jeder Krankheit?
Nicht jede Krankheit kann aus der Ferne behandelt werden. Wir behandeln zum Beispiel kein Bauch- oder Kopfweh. Das sind Symptome, bei denen eine körperliche Untersuchung für eine Diagnose notwendig ist. Auch verschreiben wir keine starken Schmerzmittel oder Schlaftabletten wegen des hohen Missbrauchspotentials. Wir behandeln nur dann, wenn Fernbehandlung Sinn macht. Erfahrungsgemäß verweisen wir in bis zu 20 % der Fälle unsere Patienten an einen Arzt seiner Wahl vor Ort. Unser Angebot ist also eine Ergänzung, kein Ersatz für die Arztpraxis vor Ort. Der Patient entscheidet, welchen Weg zum Arzt er wählt: online oder offline.

Hat sich Euer Konzept, Eurer Geschäftsmodell, in den vergangenen Jahren verändert?
Wir sind 2011 mit den Schwerpunkten Männer- und Frauengesundheit gestartet. Zu Beginn suchten vor allem Männer Rat bei Erektionsstörungen, ein ernst zu nehmendes Problem, aber ein gesellschaftliches Tabuthema. In den folgenden Jahren haben wir Schritt für Schritt die Behandlungsfelder erweitert und bieten mittlerweile Behandlungen zu Reisemedizin, Allgemein- und Innere Medizin an. Neben Erstverordnungen stellen wir auch Folgerezepte aus.

Wie genau funktioniert das?
Menschen mit chronischen Krankheiten, zum Beispiel Asthma oder Bluthochdruck, die bereits vom Arzt auf ihre Tabletten eingestellt sind, können ihr Folgerezept ganz einfach online bei uns anfordern. Patienten, die in ärztlich unterversorgten Regionen leben oder immobil sind, müssen nicht mehr den beschwerlichen Weg zur Arztpraxis auf sich nehmen. Nicht nur die Anfahrt, auch die oft wochenlange Wartezeit bis zum Termin entfällt. Ob von Zuhause, in der Mittagspause oder aus dem Urlaub – die Online-Behandlung richtet sich nach den Lebensgewohnheiten des Patienten und spart ihm wertvolle Zeit. Die Analyse erfolgt auf der Grundlage eines umfassenden Fragebogens, den der Patient ganz in Ruhe online ausfüllt. Hat der Arzt Rückfragen, tauscht er sich zusätzlich mit dem Patienten aus. Mittlerweile behandelt DrEd monatlich über 70.000 Patienten und bietet seinen Service neben England und Irland auch in Deutschland, Österreich. Frankreich und der Schweiz an.

Blicke bitte einmal zurück: Was ist in den vergangenen Jahren so richtig schiefgegangen?
Wir hätten die einzelnen Märkte Schritt für Schritt erschließen sollen, einen nach dem anderen. So war im Jahr 2012 die gleichzeitige Expansion in die Schweiz und nach Österreich ein bisschen zu viel. Wir waren zu dem Zeitpunkt noch ein sehr kleines Start-up-Team, und jeder Gesundheitsmarkt hat seine sehr eigenen Regeln, auch wenn die Gesundheitsprobleme der Patienten dieselben sind.

Und wo habt Ihr bisher alles richtig gemacht?
Wir haben mindestens zwei Dinge richtig gemacht. Zum einen haben wir in unseren Kernmärkten unseren Product-Market Fit gefunden. Das sehen wir an der hohen Zahl wiederkehrender Patienten. Sie sind bereit, für unsere Leistungen Geld aus eigener Tasche zu zahlen und sie geben uns die Bestnote “Hervorragend“ auf unabhängigen Bewertungsplattformen wie Trustpilot. Zweitens haben wir anfangs nur sehr wenig Kapital aufgenommen und sind damit sehr effizient und zielstrebig umgegangen. Seit 2014 sind wir profitabel.

Wo steht DrEd in einem Jahr?
Unser Meilenstein für das nächste Jahr ist, dass wir über 150.000 Patienten im Monat beraten und behandeln und dass unsere Leistungen von mindestens einer gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland erstattet wird. Und wir wollen wachsen: Die Zahl unserer Mitarbeiter im Londoner Büro soll von 80 auf 130 steigen. Wir suchen Verstärkung für fast alle Unternehmensbereiche, insbesondere in die Development- und Marketing-Teams.

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Foto (oben): DrEd

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.

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