Gastbeitrag von Justyna Mekler InsurTech: Tiefes Branchenwissen entscheidet über Erfolg

Auf dem deutschen Markt bieten eine Vielzahl neuer digitaler Player wie Friday, One (WeFox), Ottonova oder Element interessante Angebote und setzen den Kunden in den Mittelpunkt. Ein Problem ist es, den Bedürfnissen und Konsumgewohnheiten einer neuen Generation von Kunden gerecht zu werden.
InsurTech: Tiefes Branchenwissen entscheidet über Erfolg

Die InsurTech-Szene zeichnet sich durch eine sehr dynamische Entwicklung aus. Viele etablierte Versicherer haben die Möglichkeiten der Digitalisierung lange Zeit schlichtweg nicht erkannt oder keine Notwendigkeit für Transformation gesehen. Dies versucht sich eine rasant steigende Anzahl von Startups zu Nutze zu machen. Trotz großem Optimismus und hochfliegenden Plänen der jungen Unternehmen, muss man jedoch ernüchternd feststellen, dass auf dem deutschen Versicherungsmarkt noch keinem InsurTech der echte Durchbruch gelungen ist. Das mag daran liegen, dass sich der Großteil der InsurTechs noch nicht intensiv genug mit den Kernprozessen der Versicherer auseinandergesetzt hat. Die eigentlichen Probleme der Versicherer liegen oftmals in einer veralteten IT-Landschaft, überkomplizierten Prozessen und starren Organisationsstrukturen. Diese Barrieren verhindern Innovationen. Den Versicherungsbetrieb zu digitalisieren und effizienter zu gestalten, scheint also der Königsweg zum Erfolg für die neuen Player.

Die Startups besetzen neben dem Vertrieb nach und nach weitere Teile der Wertschöpfungskette mit digitalen Geschäftsmodellen und halten so die etablierten Branchengrößen in Alarmstimmung. Vor einigen Jahren starteten die ersten InsurTechs zumeist als Vergleichsportale oder digitale Makler (über drei Viertel aller InsurTechs werden laut CB Insights dem Vertrieb zugeordnet). Viele Ideen der Startups, die in den letzten Jahren aufgekommen sind, konnten bereits von den Branchengrößen aufgegriffen und implementiert werden. Diverse InsurTechs zielen nun auf weitere Glieder der Wertschöpfungskette und versuchen in das Back-Office der Versicherer vorzustoßen. Dabei weisen viele eine erstaunliche Ideenvielfalt auf. Neben der Absatzoptimierung durch neue Distributionswege, setzen sie verstärkt auf die Optimierung von Schadenmanagement-Prozessen, fortschrittliche Analysefunktionen oder auf neuartige Ansätze im Bereich Betrugsprävention. Doch die etablierten Player verfügen insbesondere durch ihre Kundenbasis, Markenbekanntheit und Kapitalausstattung über Mittel, um sich gegen die neue Konkurrenz zu verteidigen. Darüber hinaus stellt InsurTech aus Sicht der oft als träge wahrgenommenen Versicherer eine großartige Gelegenheit dar, um die digitale Transformation voranzutreiben. So sind Partnerschaften zwischen InsurTechs und etablierten Playern weit verbreitet.

Startups wie Zhong An, Lemonade, Trov oder Oscar sind in der Versicherungsbranche bereits zum festen Begriff geworden. Weltweit flossen im ersten Halbjahr 2017 1,2 Milliarden US-Dollar in InsurTechs. Deutsche Versicherer wie die Allianz oder Munich Re gehören weltweit zu den größten InsurTech-Investoren. Für die Geldgeber gibt es mittlerweile Grund zu verhaltenem Optimismus. Lemonade verkündete jüngst, dass das Jahresziel für Neukundengewinnung erreicht werden konnte. Aber der Umfang der Geschäfte erscheint immer noch winzig, wenn man ihn ins Verhältnis zum Branchenvolumen setzt.

Auf dem deutschen Markt bieten eine Vielzahl neuer digitaler Player wie Friday, One (WeFox), Ottonova oder Element interessante Angebote und setzen den Kunden in den Mittelpunkt. Ein Problem ist es, den Bedürfnissen und Konsumgewohnheiten einer neuen Generation von Kunden gerecht zu werden. Die Zahl der Versicherungsvermittler ist in Deutschland seit 2011 kontinuierlich gesunken und eine Trendwende ist nicht in Sicht. Daraus kann abgeleitet werden, dass sich etablierte Vertriebsmuster in Zukunft gravierend ändern müssen. Jüngere Generationen lassen sich von überkomplizierten Versicherungsverträgen, Bergen von Unterlagen und qualvollen Prozessen in der Schadenabwicklung in keiner Weise begeistern. Sie sind an nutzerfreundliche und leicht verständliche Angebote gewöhnt, wie sie Google oder Amazon vorleben. Bislang waren die Antworten, die die Versicherungsbranche zu bieten hatte, eher schwach und unausgereift. Es ist noch nicht eindeutig absehbar, welche Lösungen zum einen attraktiv für den Kunden sind und auf der anderen Seite den rechtlichen Vorgaben entsprechen. Insbesondere letzteres könnte von zentraler Bedeutung für den InsurTech-Markt sein, da sowohl die General Data Protection Regulation (GDPR) als auch die Insurance Distribution Directive (IDD) massive Auswirkungen nach sich ziehen dürften.

Die InsurTechs fangen nun an, in einen wirklichen Wettbewerb untereinander zu treten und schon bald wird sich herausstellen, welche Ideen sich auf dem Markt durchsetzen können. Dies bedeutet, dass einige der momentan vielbeachtete Startups scheitern werden. Die Story von Knip könnte ein erstes Anzeichen für derartige Entwicklungen sein. Es ist nicht erkennbar, welches InsurTech die Chance hat, den deutschen Versicherungsmarkt auf eigene Faust grundlegend zu verändern. Wer in den nächsten Jahren im Wettbewerb besteht, hat das Potenzial, sich als Gamechanger zu erweisen.

Zum Autor
Justyna Mekler ist Senior Consultant bei Sollers Consulting in Köln

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