15 Fragen an Martin Böhringer “Wenn man das einmal erlebt hat, gibt es kein zurück!”

"Wir wollten eigentlich schon immer einen Bürohund, haben dann unseren braunen Labrador Coco erst nach einem Jahr “eingestellt”. Rückblickend hätten wir das eher machen sollen!", sagt Martin Böhringer, von Staffbase, einem HR-Startup aus Chemnitz.
“Wenn man das einmal erlebt hat, gibt es kein zurück!”

Jeden Freitag beantwortet ein Gründer oder eine Gründerin unseren standardisierten Fragebogen. Der Fragenkatalog lebt von der Vergleichbarkeit der unterschiedlichen Fragen, die alle Gründerinnen und Gründer beantworten müssen – diesmal antwortet Martin Böhringer von Staffbase. Das HR-Tech-Startup unterstützt Unternehmen bei der mobilen Kommunikation per Mitarbeiter-App.

Was bedeutet es Ihnen, Ihr eigener Chef zu sein?
Mit dieser Bezeichnung kann ich nicht viel anfangen. Klar, als CEO ist es meine Aufgabe, unseren mehr als 40 Mitarbeitern eine Richtung vorzugeben. Allerdings hat jeder einzelne im Team Entscheidungskompetenzen, trägt Verantwortung und ist damit “sein eigener Chef“, wenn man so will. Jeder ist bis in die Haarspitzen motiviert und ein Experte auf seinem Gebiet. Dadurch können wir Dinge unglaublich schnell und zielorientiert umsetzen. Bei Staffbase arbeiten wir für unsere Unternehmenskunden und deren Mitarbeiter, denen wir mit ihrer Mitarbeiter-App besseren Zugang zu Informationen und Services ihres Unternehmens geben. Vor diesem Hintergrund treffen wir natürlich keine Entscheidungen einfach deshalb, weil wir “Chefs” sind, sondern immer mit Blick auf die Bedürfnisse unserer Kunden. Ich habe das aber auch schon anders erlebt: ich kenne die Welt von Großunternehmen und auch vom öffentlichen Dienst durch meine Zeit an der Uni. Ein Start-up ist eine komplett andere Welt. Wenn man das einmal erlebt hat, gibt es kein zurück!

Bei welcher Gelegenheit kam Ihnen die Idee zu Ihrem Start-up?
Wir drei Gründer – Frank Wolf, Lutz Gerlach und ich – hatten alle aus unterschiedlichen Perspektiven mit Interner Kommunikation in Unternehmen zu tun. Die konkrete Idee zu Mitarbeiter-Apps für große Unternehmen hatte Frank. Er war als Berater für Accenture und T-Systems in diesem Gebiet unterwegs. Viele seiner Kunden kannten das Problem der digital unsichtbaren Mitarbeiter: Produktionsmitarbeiter, Busfahrer, Verkäufer, Krankenschwester. Sie alle haben gemeinsam, dass sie meist keine Firmen-Geräte und keine Firmen-E-Mail besitzen. Diese Gruppe stellt mit etwa zwei Drittel aller Mitarbeiter den Großteil der Workforce in Europa und der USA. Deshalb gibt es in Unternehmen noch Pinnwandaushänge, gedruckte Mitarbeiterzeitungen, Urlaubsanträge auf Papier – und dadurch große Informationslücken; Digitalisierung Fehlanzeige. Das Problem gab es also schon länger und es ist riesig. Mit der Verbreitung von privaten Smartphones können wir es jetzt erstmals lösen. Das haben wir vor zweieinhalb Jahren gesehen und vor allem die Chance erkannt, das Problem mit einem Standard-SaaS-Produkt anzugehen.

Woher stammte das Kapital für Ihr Unternehmen?
Wir haben gleich zu Beginn Kapital in einer Seed-Runde eingesammelt. Anfang letzten Jahres haben wir dann in einer Series A nachgelegt und weiteres Wachstumskapital aufgenommen. Wir haben uns für Kizoo Technology Ventures und Capnamic Ventures entschieden. Beide Investoren-Teams haben starke Kompetenz in B2B-SaaS und wir profitieren bei operativen und strategischen Fragen von ihrer Expertise.

Was waren bei der Gründung Ihres Start-ups die größten Stolpersteine?
Unsere Kunden rollen auf Basis von Staffbase eine gebrandete Mitarbeiter-App an ihre Mitarbeiter aus. Die Apps heißen zum Beispiel “SiemensWelt” für Siemens oder “ZapfAPP” für Paulaner. Innerhalb der Unternehmen bekommt die App natürlich eine sehr große Sichtbarkeit, es darf nichts schief gehen. Deshalb spielt Vertrauen für unsere Kunden eine sehr große Rolle. Vertrauen kommt im B2B-Bereich vor allem aus bestehenden Referenzkunden. Als frisch gegründetes Unternehmen war dieses Henne-Ei-Problem die größte Hürde. Als wir dann innerhalb von wenigen Wochen mit Viessmann, Siemens und T-Systems MMS drei namhafte Referenzkunden gewinnen konnten, war der Knoten geplatzt.

Was würden Sie rückblickend in der Gründungsphase anders machen?
Wir wollten eigentlich schon immer einen Bürohund, haben dann unseren braunen Labrador Coco erst nach einem Jahr “eingestellt”. Rückblickend hätten wir das eher machen sollen!

Jedes Start-up muss bekannt werden. Welche Marketingspielart ist für Sie besonders wichtig?
 Für uns ist Inbound Marketing sehr wichtig. Viele Unternehmen beschäftigen sich aktuell mit dem Thema Mitarbeiter-App. Wir möchten, dass jeder, der irgendwo auf der Welt zum Thema im Netz recherchiert, Staffbase findet und uns kontaktiert. So haben wir schon unsere ersten Kunden gewonnen und jetzt bringt uns Inbound Traffic das Marktwachstum automatisch in die Pipeline.

Welche Person hat Sie bei der Gründung besonders unterstützt?
Klar, Familie, Freunde, die ersten Investoren. Sie alle sind zentral für den Erfolg. Für uns darüber hinaus ganz besonders entscheidend waren unsere ersten drei Mitarbeiter. Sie haben sich damals in einer Phase relativer Unsicherheit für Staffbase entschieden und bilden heute das Grundgerüst unseres schnell wachsenden Teams.

Welchen Tipp geben Sie anderen Gründern mit auf den Weg?
Nicht groß zögern, unbedingt so schnell wie möglich einfach mal starten. „Better done than perfect“ ist der passende Silicon-Valley-Spruch dafür.

Sie treffen die Bundeswirtschaftsministerin – was würden Sie sich für den Gründungsstandort Deutschland von ihr wünschen?

Hohe Standards bei Datenschutz und anderen Regularien lassen sich nur aus einer Position der Stärke weltweit durchsetzen. Ich wünsche mir, dass dieser Zusammenhang klarer verstanden wird. Ein europäischer Marktführer mit mittlerem Datenschutzniveau ist im Zweifel besser als ein amerikanischer Marktführer ohne Datenschutz. Aktuell verlangen wir einen sehr hohen Schutz und erschweren damit schnelles Wachstum unserer Start-ups.

Was würden Sie beruflich machen, wenn Sie kein Start-up gegründet hätten?
Ich hatte schon während der Schule einen Gewerbeschein und habe Webseiten programmiert. Ich mag es sehr, Dinge auf die Straße zu bringen und durchzuziehen. Das kann man auch in anderen Rollen ausleben, man muss nicht unbedingt ein Start-up gründen. Zum Beispiel Produktmanager in größeren Unternehmen machen das, als Uni-Prof hat man auch viel Freiraum. Letzteres war nach meiner Promotion tatsächlich eine Option. Wer einmal eine Reisekostenabrechnung oder Budgetplanung an einer Uni gemacht hat, weiß, warum ich mich dann anders entschieden habe.

Bei welchem deutschen Start-up würden Sie gerne mal Mäuschen spielen?
Spannend finde ich natürlich solche Start-ups, die stark wachsen und viele Non-Desk-Worker haben. Ich denke da zum Beispiel an Zalando oder Flixbus. Als Mäuschen könnte ich lernen, an welchen Punkten die Interne Kommunikation hakt. Für beide Unternehmen wäre eine Mitarbeiter-App sicher ein strategisches Asset in ihrer Digital- und Wachstumsstrategie.

Sie dürften eine Zeitreise unternehmen: In welche Epoche reisen Sie?
Gründerzeit, 1890, bei uns hier in Chemnitz. Damals war die Stadt sowas wie Shenzhen heute: das Zentrum für Produktion und Innovation mit allem, was dazugehört – inklusive Forschung, VCs, großen Corporates, vielen Start-ups und brutalem Wachstum. Unser Büro ist in einer dieser großen verlassenen Fabriken aus dieser Zeit. Wäre spannend zu sehen, wie die Textilmaschinen in unserem Büro fauchen und die Dampfmaschine den Takt vorgibt.

Sie haben eine Million Euro zur persönlichen Verfügung: Was machen Sie mit dem ganzen Geld?
Ich habe da noch eine Verabredung mit einem befreundeten Tischler laufen: wenn ich “mal nichts mehr zu tun habe”, gehe ich bei ihm hospitieren und lerne mal “was Richtiges”. Da bleibt von der Million ja sicher noch was übrig. Das würde ich dafür nutzen, um Jugendlichen das gleiche zu ermöglichen. Ich finde es irre, dass viele Leute nach der Schule keine Perspektive haben, gleichzeitig vor allem das Handwerk dringend Nachwuchs sucht.

Wie verbringen Sie einen schönen Sonntag?
Mit meiner Familie, ich habe zwei kleine Kinder. Wenn ich mit ihnen unterwegs bin, brauche ich kein After-Work oder Sabbatical. Wenn ich dann noch eine halbe Stunde Zeit für eine Piano-Session finde – perfekt.

Mit wem würden Sie sich gerne einmal auf einen Kaffee oder ein Bier verabreden?
Quentin Tarantino. Wenn du seine Filme siehst wird klar, dass er völlig anders tickt. Das reizt mich. Und wir haben den gleichen Musikgeschmack.

Lesetipp: Weitere Fragebögen gibt es in unserem großen Themenschwerpunkt “15 Fragen an

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