15 Fragen an Julian Riedelsheimer “Wir wussten von Tag eins an, was wir erreichen wollten”

Jeden Freitag beantwortet ein Gründer oder eine Gründerin unseren standardisierten Fragebogen. Der Fragenkatalog lebt von der Vergleichbarkeit der unterschiedlichen Fragen, die alle Gründerinnen und Gründer beantworten müssen – diesmal antwortet Julian Riedelsheimer von 99chairs.
“Wir wussten von Tag eins an, was wir erreichen wollten”

Was bedeutet es Ihnen, Ihr eigener Chef zu sein?
Alles, ich liebe die Herausforderung und die Freiheit! Bei 99chairs gilt das aber für jedes Teammitglied. Wir streben nach einer Kultur in der jeder sein eigener Chef ist und Verantwortung trägt. Das bedeutet maximale Entscheidungsfreiheit für unser Team was die Arbeitsgestaltung angeht und die tägliche Chance bei 99chairs etwas zu bewegen.

Bei welcher Gelegenheit kam Ihnen die Idee zu Ihrem Start-up?
Bei einem typischen, bayerischen Weißwurst Kater-Frühstück mit meinem Mitgründer Frank Stegert! Er hatte die Woche zuvor gerade einen gemeinsamen Kumpel und dessen Freundin besucht, die zusammen in ihr erstes eigenes Zuhause gezogen sind. Obwohl die Zwei echt Bock auf ein cooles Zuhause hatten, war die Wohnung war nach vier Monaten immer noch so gut wie leer. Auf Franks Frage, wieso es nach dieser Zeit bei der Inneneinrichtung noch hakt, kamen Gründe zurück die unsere Generation prägen: die kostbare, oft zu kurz kommende Freizeit im heutigen Arbeitsleben möchte man mit coolen Reisen, Familienabenden oder am See mit guten Freunden verbringen – und eben nicht im Möbelhaus mit zu vielen Optionen und Maßeinheiten die einfach nur überfordern. Und selbst wenn man etwas findet, ob nun online oder offline, wie weiß man ob es im Raum wirklich so wirkt wie man sich es wünscht? Dabei ist das eigene Zuhause für das Wohlbefinden jedes Menschen so essenziell! Unser Gespräch ging dann auch schnell über die eigenen vier Wände hinaus – wie sieht es etwa mit Arbeitsplätzen aus? Warum sind sie so selten auch Wohlfühlplätze? Da wussten wir, dass wir ein relevantes Problem gefunden hatten, das wir gemeinsam mit einem tollen Team lösen wollten – und so wurde 99chairs geboren!

Woher stammte das Kapital für Ihr Unternehmen?
Gestartet sind wir mit unseren Ersparnissen und einem Friends&Family-Kredit, der sich auf insgesamt 10.000 Euro belief. Zu Beginn waren wir also erstmal an dieses Geld gebunden, bis wir unsere ersten Kunden gewinnen konnten. Wir wollten das Modell im Kleinen beweisen, bevor wir weiteres Fremdkapital aufbringen. Mittlerweile hat 99chairs, dank verschiedener Investoren und Business Angels -unter anderem unserem Lead Investor HTGF -, über 3 Millionen Euro Kapital aufgenommen.

Was waren bei der Gründung Ihres Start-ups die größten Stolpersteine?
Wir wussten von Tag eins an, was wir erreichen wollten, aber den richtigen Product-Market-Fit zu finden war eine Herausforderung. Wir haben viel ausprobiert und korrigiert um ein valides Konzept zu erstellen das funktioniert, rentabel ist, bei Kunden Anklang findet und einen starken USP hat.

Was würden Sie rückblickend in der Gründungsphase anders machen?
Es gibt auf jeden Fall einen Kernbereich, dessen Wichtigkeit Frank und mir erst mit der Zeit bewusst geworden ist. Während der Gründungsphase arbeiteten wir aufgrund der limitierten Ressourcen hauptsächlich mit Praktikanten und weniger mit Festangestellten. Rückblickend würde ich versuchen dies mehr zu balancieren. Es ist von extremer Wichtigkeit bereits frühzeitig erfahrene Leute in das Unternehmen zu bringen. Wir sehen heute den enormen Wert von Mitarbeitern, die uns langfristig begleiten, ihr Wissen einbringen und weitergeben, sowie unsere Firmenkultur nachhaltig prägen. Für uns trägt da vor allem das Thema Firmenkultur, bei uns Employee Experience genannt, einen enormen Stellenwert. Obwohl das Team natürlich von Anfang an unser Fokus war, würden wir rückblickend den gesamten Bereich von der Einstellung bis hin zu Themen wie Karriereentwicklung noch früher ausbauen.

Jedes Start-up muss bekannt werden. Welche Marketingspielart ist für Sie besonders wichtig?
Für B2C setzen wir unseren Fokus auf Performance Marketing. Insbesondere nutzen wir hier Social Ads auf Instragram und Facebook. B2B erreichen wir unsere Kunden durch einen hochentwickelten und automatisierten Leadgeneriengsprozess. Unser Sales Team kümmert sich dann um die neugewonnenen Interessenten.

Welche Person hat Sie bei der Gründung besonders unterstützt?
Ganz vorneweg natürlich mein Mitgründer, Frank. Ohne ihn wäre 99chairs nicht was es heute ist. Davon abgesehen haben wir natürlich sehr viel unseren Beratern zu verdanken, die uns von Anfang an mit Rat und Tat beiseite standen, wie beispielsweise mein ehemaliger Chef bei Project-A! Nicht zuletzt gilt mein Dank ebenfalls meinen Freunden und damit ganz speziell auch meiner Freundin, die mir jederzeit zur Seite stehen.

Welchen Tipp geben Sie anderen Gründern mit auf den Weg?
Gründe aus Leidenschaft! Um es mit einem Unternehmen weit zu bringen braucht man viel Energie und einen langen Atem. Man sollte an seine Idee glauben! Zweitens würde ich jedem Gründer raten die Firmenkultur niemals aus den Augen zu verlieren. Das Team ist der Herzschlag der Firma und der Schlüssel zum Erfolg.

Sie treffen die Bundeswirtschaftsministerin – was würden Sie sich für den Gründungsstandort Deutschland von ihr wünschen?
Mehr Freiheit und Flexibilität für deutsche Start-ups! Dazu gehört für mich eine bessere Kultur des wirtschaftlichen Scheiterns, denn die würde helfen Innovation zu fördern. Zudem wünsche ich mir weniger Bürokratie, um den Aufwand bei der Gründung eines Unternehmens überschaubar zu halten.

Was würden Sie beruflich machen, wenn Sie kein Start-up gegründet hätten?
Auf jeden Fall etwas anstoßen, dass verändert, was sich dann wohl wieder als Start-up klassifiziert. Aber diesmal im Warmen!

Bei welchem deutschen Start-up würden Sie gerne mal Mäuschen spielen?
Da fallen mir zuerst amerikanische Unternehmen ein. Dort gibt es viele Vorbilder die verstanden haben wie wichtig ihre Firmenkultur und ein wahrhaftiger ‚Purpose’ ist. Dazu gehören für mich unter anderen Zappos, Airbnb und Facebook. Zudem haben sie einen starken Fokus auf Kundenzufriedenheit, was mich absolut begeistert!

Sie dürften eine Zeitreise unternehmen: In welche Epoche reisen Sie?
In die Zukunft. Unser Team arbeitet an der Zukunft, denn wir wollen die Menschheit mit innovativer Lebensraumgestaltung letztendlich nach vorne bringen. Darum interessiert mich natürlich brennend, ob wir unsere Vision wahr werden lassen können! ?

Sie haben eine Million Euro zur persönlichen Verfügung: Was machen Sie mit dem ganzen Geld?
Mir ist vor allem wichtig ein erfülltes Leben zu führen und meine Freude mit anderen zu teilen – da würde ich reininvestieren. Darum würde ich mir auch direkt meine Freunde schnappen und mit ihnen ein paar Tage in der Sonne verbringen, zum Abschalten und Genießen. Dann würde ich gerne weitere Start-ups unterstützen an die ich glaube, so wie es andere damals für 99chairs taten.

Wie verbringen Sie einen schönen Sonntag?
Der startet mit einem gemütlichen Brunch mit meinen Lieblingsmenschen. Dann geht’s mit allen ans Wasser und in die Sonne. Dort wird gegrillt – als Franzose liebe ich gutes Essen und gerne auch mal Champagner dazu – und das am besten noch mit einem Open Air im Hintergrund!

Mit wem würden Sie sich gerne einmal auf einen Kaffee oder ein Bier verabreden?
Ich hätte gerne mal die Chance mit Donald Trump an einem Tisch zu sitzen. Nichts reizt mich mehr als mir selbst einen Eindruck davon machen zu können welche Schraube genau da bei ihm locker ist und was für ein End-Game er verfolgt. Für ein angenehmeres Treffen wäre dann aber Elon Musk meine Wahl, um uns über seine gewagten Ideen auszutauschen und für ein paar geheime Einblicke in seinen Mars-Besiedlungsplan!

Im Fokus: Weitere Fragebögen in unserem großen Themenschwerpunkt 15 Fragen an

Zur Person:
Julian Riedelsheimer gründete 2014 das Einrichtungs-Startup 99chairs. Zuvor studierte er Wirtschaftsinformatik in München und Kopenhagen.

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Christina Cassala, Redakteurin bei deutsche-startups.de, war schon zu ihren besten Uni- Zeiten in den 90er Jahren journalistisch tätig. Gleich nach dem Volontariat arbeitete sie bei einem Branchenfachverlag in Hamburg, ehe sie 2007 zu deutsche-startups.de stieß und seither die Entwicklungen der Start-up Szene in Deutschland mit großer Neugierde beobachtet.