Rene Maudrich im Interview “Wir leben eine No-Bullshit-Philosophie”

"Wir haben uns schön früher die Frage gestellt, wann der richtige Zeitpunkt für mehr Kapital gekommen ist. Jetzt haben wir den perfekten Moment gefunden: wir wissen, wofür wir das Geld einsetzen können und die Investoren setzen auf eine profitable Firma", sagt Rene Maudrich von Fastbill.
“Wir leben eine No-Bullshit-Philosophie”

In den vergangenen sechs Jahren zogen Christian Häfner und Rene Maudrich FastBill im Bootstrapping-Modus hoch. Nun holen sich die Gründer mit FinLab und coparion erstmals Investoren an Bord. Das frische Kapital soll unter anderem “in weiteres starkes Wachstum und den Ausbau der Finanzplattform” fließen. Im Interview mit deutsche-startups.de spricht Fastbill-Mitgründer Maudrich über den richtigen Zeitpunkt, Hypes und den Stadtrand von Frankfurt.

Nach sechs Jahren Bootstrapping habt Ihr Euch nun entschieden, bei FastBill Geldgeber an Bord zu holen. Warum dieser Sinneswandel?
Das waren für uns keine Entweder-oder-Entscheidung. Bisher sind wir sehr gut mit dem Ansatz gefahren, unsere Produkte und Thesen im überschaubaren Rahmen zu validieren und sehr sparsam mit Budgets umzugehen. Seit der ersten Version von FastBill hat sich die Welt sehr verändert. Es mussten wichtige Voraussetzungen im Markt geschaffen werden, sowohl technologische als auch in der Akzeptanz von SaaS-Modellen und cloudbasierter Datenverarbeitung. Dazu konnten wir ein tiefgreifendes Verständnis der Zielgruppen und beteiligten Rollen innerhalb unserer Wertschöpfungskette aufbauen und sind jetzt in der Lage den nächsten großen Wurf zu machen.

Also war die Zeit einfach reif für externe Geldgeber?
Wir haben uns natürlich schön früher die Frage gestellt, wann der richtige Zeitpunkt für mehr Kapital gekommen ist. Jetzt haben wir den perfekten Moment gefunden: wir wissen, wofür wir das Geld effizient einsetzen können und die Investoren setzen auf eine profitable Firma mit bewiesenem Geschäftsmodell und umfangreicher Expertise.

Du hast selbst gerade angesprochen: Seit der ersten Version von FastBill hat sich die Welt sehr verändert. Wie hat sich Euer Konzept, Eurer Geschäftsmodell, in den vergangenen Jahren verändert?
Begonnen hatte alles mit einem Online-Service für Rechnungsstellung und Zeiterfassung. Sukzessive haben wir uns dann weiter mit dem Kernprozess im Rechnungswesen kleiner Unternehmen befasst und Module für die Kostenerfassung, Angebotsstellung und das Banking entwickelt. Seit 2013 fokussieren wir uns stark auf die Themen Automatisierung und Machine-Learning und bieten etwa mit Monsum eine Lösung zur komplett automatisierten Abrechnung und Zahlung von Subscription-Modellen an. Aus der Idee eine einfache Rechnungsmaske zu entwickeln ist mittlerweile die Vision geworden, kleinen Unternehmen und Freelancern als Assistent in Sachen Finanzmanagement zur Seite zu stehen, lästige Aufgaben abzunehmen und proaktiv zu unterstützen. Wir wollen keine weitere Verwaltungssoftware auf dem Markt anbieten, sondern Unternehmertum grundlegend vereinfachen.

Klingt nach einer intensiven Zeit. Was macht für Euch im Kern Fastbill und Euer Erfolgskonzept aus?
Wenn ich unsere Entwicklung betrachte, gibt es drei wichtige Charaktereigenschaften, die FastBill ausmachen und die maßgeblich für unseren Erfolg mitverantwortlich sind: Wir haben schon immer größten Wert auf eine sehr gute Teamkultur gelegt. Seit den Tagen, als Christian und ich zu zweit begonnen haben bis heute mit 34 Mitarbeitern leben wir einen sehr offenen, familiären Lifestyle, in dem jeder das Unternehmen mitgestalten kann und neue Mitarbeiter meist aus dem Bekanntenkreis gewonnen werden. Wir leben eine “No-Bullshit”-Philosophie und machen uns und unseren Kunden nichts vor. Authentizität ist eine große Stärke, wir meinen es ernst und legen Wert auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Wir zocken nicht, sondern bauen eine starke Marke auf, die noch in vielen Jahren da sein wird. Gerade in der Startup-Welt gibt es viele Hypes und ambitionierte Projekte mit viel Feuerwerk. Wir haben schon in unserer kurzen Firmengeschichte viele dieser Stories platzen sehen und wissen gut, wie schnell – oder langsam – sich unser Markt bewegt. Ein langer Atem und das Bedürfnis zu machen statt zu reden sind der richtige Weg.

Dennoch lief in den vergangen Jahren sicherlich nicht immer alles rund. Was ist so richtig schief gegangen?
Wir haben natürlich vieles gelernt auf unserer Reise, sind in Sackgassen gelandet, haben Kritik eingesteckt und in neue Lösungen einfließen lassen. Einige Entscheidungen, die uns kurzfristig Umsätze eingebracht haben, aber Kapazitäten für langfristige Produktentwicklung gekostet haben, würde ich mir heute zweimal überlegen. Und wir haben zu häufig zu wenig Fokus bewiesen, hatten immer ein paar Baustellen zu viel auf der Roadmap. Das waren sehr anstrengende Zeiten, die uns aber am Ende auch gezeigt haben was funktioniert und was nicht. Solange man wieder auf den richtigen Weg findet, kann auch mal etwas schiefgehen.

FastBill sitzt in Offenbach am Main – fern von den großen Gründerhochburgen. Ist dies ein Vor- oder ein Nachteil?
Bisher haben wir den Standort nicht als Nachteil empfunden. Unser Büro liegt verkehrsgünstig am Stadtrand von Frankfurt, wir hatten genügend Platz und eine gute Internetleitung. Dazu sind wir sehr gut vernetzt im Rhein-Main-Gebiet und können dies für uns nutzen. Unser CTO Mario veranstaltet etwa eine Reihe von Startup-Events und hat sehr gute Kontakte in der Agentur-Szene. Im Recruiting hilft das extrem, da wir uns gegenüber Banken und Agenturen sehr attraktiv positionieren können. Gerade jetzt in der Wachstumsphase nutzen wir das aus und sehen uns als Erfolgsbeispiel der Region. Sicher gibt es in Berlin oder Hamburg noch mehr Möglichkeiten des Networkings und des Erfahrungsaustausches, das vermissen wir hier noch etwas – allerdings birgt das auch die Gefahr sich zu sehr von der eigentlichen Mission ablenken zu lassen.

Wo steht FastBill in einem Jahr?
In diesem Jahr werden wir uns stark auf den weiteren Ausbau der smarten Buchhaltungsabläufe und das Liquiditätsmanagement konzentrieren, so dass der Arbeitsalltag unserer Nutzer noch einfacher wird und die Zusammenarbeit mit dem Steuerbüro immer stärker automatisiert abläuft. Wir wollen es schaffen, dass unsere Kunden in einem Jahr kaum noch an ihre Buchhaltung denken müssen und nach einem kurzen Blick auf das FastBill-Dashboard wissen, wie ihre Finanzen stehen und was zu erledigen ist. Das schließt auch passende Services mit ein, die dann Teil der Plattform sein werden und über FastBill gebucht werden können. Unser Ziel ist, dass unsere Kunden zum Ende eines Monats eine Checkliste sehen mit allen Dingen, die für den Monatsabschluss wichtig sind. Wenn noch Belege oder Angaben fehlen, wird das dort angezeigt. Sobald alle Haken auf grün stehen ist man fertig und alles geht an das Finanzamt bzw. den Steuerberater. Spätestens dann sprechen wir nicht mehr nur von Rechnungs- oder Buchhaltungs-Software, sondern vom “Finanz-Assistent”, der mitdenkt und wirklich Arbeit abnehmen kann.

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Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.

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