Factory expandiert nach Kreuzberg “Damit kann man viel Geld in den Sand setzen”

Die Factory Berlin Mitte bekommt Nachwuchs in Kreuzberg. Im Januar 2016 geht der neue Coworking Space im Berliner Szenebezirk Kreuzberg offiziell an den Start. Schon jetzt arbeiten dort Start-ups wie freeletics, unu und OhLaLa. Wir waren zu Besuch und haben mit den Factory-Machern gesprochen.
“Damit kann man viel Geld in den Sand setzen”

Bereits im Eingangsbereich der Factory Berlin Mitte spürt man den Fabrik-Charme. Die rohen Wände, der Backstein und vor allem die schweren Türen sorgen dafür. Es ist verwinkelt und irgendwie – ja es ist ‘Fancy’. Der Coworking Space ist hell, offen, modern. Alles ist transparent und so fallen die bunten “Post it”-Zettel an der Glaswand sofort auf.

Die Klebezettel sind für Anregungen und Feedback gedacht. Zum Beispiel wurde via “Post it” einstimmig entscheiden, dass es freitags immer ein Freibier geben soll. Auf einem rosa “Post it” steht: “Ich fühle mich wie ein Tier im Zoo, wenn ständig fremde Leute kommen und mich fotografieren”. Von realistischen Vorschlägen wie “eine Mikrowelle” bin hin zum Pool ist alles dabei. Der Pool ist gar nicht mal so abwegig denn neben einen schalldichten Telefonraum gibt es sogar einen “Nap-room”, einen Raum für ein Schläfchen. Zukünftig soll es sogar ein Fitnessstudio geben. Dafür wird ein neuer Glaskasten, der 2.000 Quadratmeter Fläche bietet, auf den bisherigen Parkplatz gesetzt. Darin ist eine ‘Mucki-Bude’ und ein neuer Zoo, ähh weitere Bürofläche.

Das Ganze erinnert schon sehr an einen großen amerikanischen Social Media-Konzern. Das gibt auch Lukas Kampfmann, Marketing Chef der Factory, zu: “Wir reisen um die Welt und lassen uns inspirieren von anderen Unternehmen, unter anderem auch von Facebook.” Man fragt sich, wer sich diesen Luxus überhaupt leisten kann, denn die Factory möchte ja nicht nur die ‘Old und New Economy’ sinnvoll vereinen, sondern gerade Start-ups die Möglichkeit geben, ein flexibles Büro unkompliziert zu mieten. “Ab 40 Euro kann man bereits einen Platz im Monat mieten und für Start-ups, die in ein Büro wollen gilt: Maximal 300 Euro,” so Kampfmann. Große Konzerne hingegen sollen etwas mehr zahlen, da geht nichts unter 600 Euro. Auch dahingehend wird es Neuerungen geben – die großen ‘Fische’ sollen künftig mehr zahlen, um die Start-ups zu entlasten. So ist das System in der Factory, sich gegenseitig befruchten mit Kreativität, Vision und Struktur.

Auf dem Sonnendeck der Factory wartet Udo Schloemer. Der Factory-Gründer erzählt über den Sinn und aber auch über den Unsinn der Factory. Warum überhaupt benötigt es drei weitere Factorys und das ausschließlich in Berlin? “Ich denke nur in Berlin ist es möglich ein Silicon Valley zu erschaffen. Hier sind die Lebenshaltungskosten noch niedrig und die Lebensqualität hoch. Hier ist Multi-Kulti, Inspiration und Offenheit.” Es hört sich romantisch und vielleicht sogar etwas verrückt an, gerade weil Schloemer nicht den Vergleich mit New York in den 80er Jahren scheut. Er hat Visonen “aus Berlin vielleicht sogar das neue New York oder Silicon Valley zu machen”. Ein Visionär, vielleicht ein Träumer oder ein Realist – eines steht fest – in diesem Falle ist Schloemer kein Ökonom – denn wie er selbst gesteht: “Damit kann man viel Geld in den Sand setzen aber reich werde ich damit noch nicht – mein Antrieb ist meine Vision, es ist mir eine Herzensangelegenheit.” Das erklärt auch die Trennung vom damaligen Partner Simon Schäfer. Schäfer und Schloemer trennten sich Anfang des Jahres, denn Schäfer wollte ins Ausland, ein Imperium erschaffen, Kohle machen. Aber Schloemer wollte einen Mehrwert schaffen und das ginge, seiner Meinung nach, eben nur in Berlin – allerdings ist er Kooperationen mit anderen Städten nicht abgeneigt. Der Campus Mitte ‘platzt aus allen Nähten’ daher gibt es drei weitere Objekte in Berlin, die in den kommenden Jahren nach und nach eröffnet werden. Das erste Objekt, welches die Türen öffnet, ist der 3.000 Quadratmeter große Campus in Kreuzberg.

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Das Erdgeschoss des neuen Factory-Campus in Kreuzberg ist noch eine Baustelle. Daher fällt es einem umso schwerer zu glauben, dass hier, in einer ehemaligen Gummifabrik, tatsächlich schon Firmen wie freeletics und unu arbeiten. Auch auf diesem Campus soll es einen Fitnessraum, einen kleinen Biergarten, ein Café, einen Club und sogar vier Apartments geben. Genau diese ‘Goodies’ befinden sich aber noch in der Bauphase. Zum Beispiel muss noch eine Decke herausgerissen werden – damit der geplante Biergarten dann auch Open Air ist. Trotzdem ist hier schon zu erahnen, dass es ein schönes Café geben wird, mit vielen Steckdosen und einen Biergarten mit einem Freitagsbier. In der zweiten Etage glänzt es schon und die Baustelle ist vergessen. Die fast 200 Jahre alte Fabrik, erscheint im neuen Stil – hier ist bereits alles fertig und ja, hier kann man auch sehr komfortabel arbeiten.

In den schönen Lackböden kann man sich spiegeln – und auch in Kreuzberg mag man es gläsern. Das gibt die Möglichkeit einen Blick in das Büro von freeletics zu werfen. Offensichtlich gehören Möbel aus Euro-Paletten bei einem Coworking Space einfach zum guten Ton, es scheint als könne man dort gut arbeiten und kreativ sein. Eine Etage höher sitzt das Start-up unu. Co-Founder Pascal Blum erzählt, wie und warum er von Bayern nach Berlin gekommen ist: “Mit gerade mal sieben Leuten sind wir innerhalb von 24 Stunden nach Berlin gezogen. Wir haben lange nach etwas passendem gesucht und die Factory hat uns das gegeben was wir wirklich brauchen – Flexibilität und Chance zum Wachsen. Es ist auch viel leichter in Berlin internationales Personal zu finden bzw. zieht Berlin einfach mehr Leute an. Mittlerweile sind wir 30 Mitarbeiter und wenn wir weiter wachsen, können wir ganz unkompliziert in ein größeres Büro ziehen, das macht die Factory so unkompliziert.”

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Die Factory Kreuzberg wir voraussichtlich Anfang nächsten Jahres für die Allgemeinheit die Türen öffnen. Für diese Türen muss nämlich erst mal die (Fabrik)Mauer fallen. Wenn es dann soweit ist, können sicherlich auch ein Paar Faktoryaner in freier Wildbahn beobachtet werden.

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Conny Nolzen, geboren 1989, arbeitet seit September 2015 als Volontärin bei deutsche-startups.de. Die Hamburgerin konnte bereits, neben ihrer Tätigkeit als Pferdewirtin, verschiedene Start-ups mit kreativen Ideen unterstützen. Ihr besonderes Interesse galt hierbei den Gründerinnen der Szene. Erste journalistische Erfahrungen sammelte sie in der Nachrichtenredaktion eines Hamburger Radiosenders. Mit Conny kam auch der erste Bürohund zu ds - welcher (meistens) auf den Namen Emil hört.