15 Fragen an Zahir Dehnadi von navabi “Ich sehe uns als Coachs eines Hochleistungsteams”

Jeden Freitag beantwortet ein Gründer oder eine Gründerin unseren standardisierten Fragebogen. Der Fragenkatalog lebt von der Vergleichbarkeit der unterschiedlichen Fragen, die alle Gründerinnen und Gründer beantworten müssen – diesmal antwortet Zahir Dehnadi von navabi .
“Ich sehe uns als Coachs eines Hochleistungsteams”

Was bedeutet es Ihnen, Ihr eigener Chef zu sein?
Das Wort ‘Chef’ ist für mich negativ konnotiert, weshalb ich es überhaupt nicht mag. Ich hoffe, mein Geschäftspartner, Bahman Nedaei, und ich waren in der Lage, eine Firmenkultur aufzubauen, in der man uns nicht als ‘Chefs’ sieht bzw. als Personen, die über allen Anderen entscheidet – und das nur aufgrund der Position!

Ich sehe uns eher als Coachs eines Hochleistungsteams. Als Coachs ist eine unserer wichtigsten Aufgaben, den Kontext für alle navabisten (Mitarbeiter bei navabi) zu gestalten, so dass sie bei navabi erfolgreich werden und ihr Potenzial bis zum Maximum ausschöpfen können. Dies bedeutet wiederrum für uns, dass wir jeden navabisten als Entrepreneur behandeln und ihm genug Freiheit, aber auch Verantwortung, geben müssen, um ‘Chef’ seines eigenen Lebens und Erfolgs zu sein.

Bei welcher Gelegenheit kam Ihnen die Idee zu Ihrem Start-up?
Mein Mitgründer Bahman Nedaei kommt aus einer Familie, in der die Arbeit mit Mode Tradition hat. Sein Großvater und seine Tante sind seit langem im Modegeschäft tätig. Er experimentierte früh mit den Möglichkeiten, Mode online zu verkaufen. Vor vielen Jahren ebnete er damit den Weg für navabis Erfolg. Als guter Unternehmer erkannte er schnell, dass es sich lohnen würde, sehr viel zu riskieren. Durch die Erfahrungen in seiner Familie und anhand unserer ersten Verkaufszahlen realisierten wir, dass wir mit der Marktlücke für Premium-Mode in großen Größen wahrscheinlich auf eine Goldgrube gestoßen waren.

Nach Abschluss meines MBAs begannen wir gemeinsam, den deutschen, den europaweiten und den weltweiten Modemarkt sehr detailliert zu analysieren. Es gab nur „billige“ Mode ab Gr. 42. Wir haben schon damals viel darüber diskutiert, wie es sein kann, dass ein so großer Markt wie Premium Plus Size Fashion so massiv unterversorgt ist. Im Prinzip schloss die Modeindustrie je nach Land rund 30 bis 40 Prozent aller europäischen Frauen (und ihre Bedürfnisse) aus.

Ein ideale Grundlage für Entrepreneure: Ein „Blue Ocean“ Markt, der weltweit vernachlässigt wurde. Das war für uns die Chance, eine globale Firma aufzubauen, die ein Synonym für ihre Kategorie werden kann. Wir sahen einen Markt, in dem der Mehrwert für die Kundin „ein neues Leben“ ist und nicht der x-te Shop, der ein Produkt anbietet, das man auch überall sonst kriegen könnte.

Wir haben darauf basierend unser aktuelles Geschäftsmodell entwickelt und uns mit navabi vollkommen auf Premium-Mode spezialisiert. Am Anfang wurden wir oft belächelt, weil wir zwei relativ sportliche Jungs waren, die Kleider für kurvige Frauen machen wollten. Die Experten rieten uns davon ab, weil größere Frauen kein „Fashion wollen“. Der Erfolg gab uns aber recht: Kundinnen aus über 30 Ländern schreiben uns täglich, wie sehr wir ihr Leben verändern. Wir ermöglichen es ihnen, sich endlich modisch zu kleiden, um ihre Identität durch Kleidung auszudrücken.

Woher stammte das Kapital für Ihr Unternehmen?
Der Start wurde privat finanziert. 2010 schlossen wir dann mit DuMont Venture eine erste Finanzierungsrunde ab. Kurz danach folgte Seventure aus Frankreich und in 2013 eine größere Runde, die von Index Ventures angeführt wurde. Und jetzt, im Januar diesen Jahres, kam frisches Kapital in Höhe von 25 Millionen Euro hinzu. Neben den Investoren der ersten Stunde sind nun auch Bauer Venture Partners mit an Bord, die uns damit helfen, über ihre Publikationen noch mehr Frauen weltweit zu erreichen.

Was waren bei der Gründung Ihres Start-ups die größten Stolpersteine?
Den größten Stolperstein haben uns die etablierten Modeunternehmen mit ihrem realitätsfernen Schönheitsideal in den Weg gelegt. Gleichzeitig war aber genau das auch unser größter Vorteil. Auf der einen Seite gibt es navabi eben nur aufgrund des Irrglaubens der Branche, dass Plus-Size-Mode in Premium-Qualität nicht gekauft werden würde. Auf der anderen Seite benötigte es viel Ausdauer und Aufklärungsarbeit, den Designern zu erklären, dass die Modeindustrie an einem wichtigen Markt vorbeiproduziert. Auch hier haben wir aber nicht locker gelassen.

Durch die Vorurteile der Branche waren wir in der Modeindustrie isoliert und auf uns alleine gestellt. Also haben wir uns alles von Grund auf alleine beigebracht – und sind heute mit dem Expertenwissen, das wir uns über die Jahre in einer Nische aufgebaut haben, weltweit führend auf unserem Gebiet. Als First Mover sehen wir unsere Aufgabe darin, eine neue Revolution in der Modelwelt richtungsweisend anzutreiben. Heute freuen wir uns, dass navabi sowohl bekannte Fremdmarken als auch hochwertige eigene Kollektionen anbietet.

Wir sind jedoch leider noch nicht an dem Punkt angelangt, wo kurvige Frauen von der Modeindustrie akzeptiert werden. Aber dass wir auf einem guten Weg sind, zeigen die Fakten: So schaffte es unser Plus-Size-Model Candice Huffine dieses Jahr in den berühmten Pirelli Kalender und unser Model Ashley Graham in die weltweit bekannte Zeitschrift Sports Illustrated.

Was würden Sie rückblickend in der Gründungsphase anders machen?
Wir haben sehr bewusst bis 2014 wenig über navabi nach außen kommuniziert. Unsere Strategie war es, eine marktbestimmende Position einzunehmen, um dann zum richtigen Zeitpunkt die PR-Maschine anzuwerfen. Wir wollten unseren First Mover-Vorteil ausnutzen und keine schlafenden Hunde wecken. Im Nachhinein denke ich, dass die Zurückhaltung nicht notwendig war. Wir haben ein erstklassiges Team, das mit den Besten der Welt mithalten kann.

Wir waren die ersten, die einen 20+ Milliarden Markt entdeckten und geholfen haben, ihn aufzubauen. Natürlich gab es seitdem einige Nachahmer. Aber bis heute haben sich alle an diesem anspruchsvollen Markt die Finger verbrannt, weil sie ihn nicht verstanden haben. Ich bin stolz, dass wir es geschafft haben und heute weltweit als Experten der Branche bekannt sind.

Jedes Start-up muss bekannt werden. Welche Marketingspielart ist für Sie besonders wichtig?
Natürlich nutzen wir, wie jede andere E-Commerce-Firma, das Potenzial des Online-Marketings und analysieren alles rauf und runter. Zusätzlich haben wir von Anfang an auf Beratung und Inspiration für unsere Kundinnen gesetzt.

So stehen unsere Mode-Experten der Plus-Size-Kundin mit Beratung im Shop aber auch in unserem eigenen navabi Magazin mit zahlreichen Styling-Tipps zur Seite. Seit letztem Jahr laufen unsere TV-Werbekampagnen in Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Aktuell läuft zum Beispiel ein TV-Spot mit Plus-Size-Topmodel Candice Huffine im deutschen und bald auch britischen Fernsehen.

Bevor wir den Schritt ins Fernsehen gewagt haben, haben wir uns aber bewusst (und das war das Resultat einer Diskussion mit dem renommierten Entrepreneur Seth Godin) darauf fokussiert, das Produkt zu perfektionieren. Wir sind heute nicht international führend, weil wir weltweite Werbung schalten – sondern weil wir das beste Produkt für die Plus-Size-Kundin haben.

Welche Person hat Sie bei der Gründung besonders unterstützt?
Da muss ich zweifellos zwei Personen nennen: Jörg Binnenbrücker, damals Leiter von DuMont Venture und heute Gründer und Managing Partner von Capnamic. Er hat als einer der sehr Wenigen von Anfang an uns geglaubt. Uns wurde damals von einem seiner Portfoliofirmen gesagt, dass er der beste VC in Europa ist.

Mittlerweile kennen wir sehr viele gute VCs in Europa und können das bestätigen. Jörg is our man. Als VC ist man oft darauf getrimmt, ausschließlich auf das Kapital zu schauen und die Menschen hinter der Firma auszublenden. Jörg ist da anders. Dank ihm gab es zum „smart money“ einen Freund inklusive.

Die zweite Person ist Peter Siedlatzek, unser Anwalt. Er war unser erster Anwalt und hat uns seit Tag eins als Berater und Freund begleitet. Es gibt meiner Meinung nach wenige Rechtsexperten in Europa, die Start-ups und VCs wirklich verstehen und mit Passion und Wissen beraten. Pete, wie wir ihn nennen, ist da ganz anders.

Welchen Tipp geben Sie anderen Gründern mit auf den Weg?
“If you want to make millions find a product that will make millions happier.” Und das nicht alleine, sondern mit dem besten Team was ihr aufbauen könnt. Als Coach ist es eure Aufgabe, das bestmögliche Team aufzubauen. Im Alltag geht das oft unter. Man will schnell sein und stellt Personen ein, die nicht passen. Und ich meine damit nicht, ob die Person ein Experte auf seinem Gebiet ist oder nicht. Ich meine damit primär, ob die Person zur Firmenkultur, zum Wissens- und Erfolgshunger passt.

Bei den ersten 50 Angestellten lohnt es sich besonders zu warten, bis man wirklich von einem Bewerber überzeugt ist. Das Anfangsteam funktioniert als Multiplikator, weil sehr gute Leute nur sehr gute Leute weiterempfehlen und einstellen werden.
Ich halte auch nicht viel von „hire fast & fire fast“. Ich bin fest davon überzeugt, dass „hire slow, keep or fire fast“ besser ist:

Hire Slow: Weil jeder Mitarbeiter den Erfolg oder Misserfolg der ganzen Firma beeinflussen kann und das weit über seinen eigenen Verantwortungsbereich. Seid euch sicher, wen ihr in die Firma lassen möchtet.

Keep: Die, die in die Firma passen, müssen von euch eine Lebensmission kriegen. Sie müssen die Firma lieben und als ihr Eigenes sehen. Sie müssen die Möglichkeit haben, eine steile Lernkurve durchlaufen zu dürfen, um ihr Potenzial vollkommen auszuschöpfen. Das kann man nicht erzwingen. Wir sind im Jahr ca. 5840 Stunden wach. Die meisten von uns sind ca. 2200-2400 davon auf der Arbeit. D.h. unser Leben ist zu einem großen Teil unsere Arbeit. Als Geschäftsführer hat man eine große Verantwortung und die Möglichkeit, das Leben vieler Menschen positiv beeinflussen zu können. Die Firmenkultur und euer Führungsstil werden hier den Weg ebnen. Es ist wichtig, sich mit Management- und Leadership-Theorien auseinanderzusetzen und zu experimentieren, welcher Stil am besten zu eurer Firma passt. Wir haben bei navabi unser eigenes Strategy & Management Framework entwickelt.

Um die Besten aber zu behalten, müsst ihr euch als Gründer rund um die Uhr weiterentwickeln und den Anspruch haben, euren Beruf zu „meistern“. D.h. ganz klar, dass man sich auf dem „Chef sein“ nicht ausruhen darf. Denn dann wird die Lernkurve eurer Mitarbeiter schneller und steiler sein als eure eigene und die Besten werden euch langsam aber sicher verlassen. Bei einer schnell wachsenden Firma ist es nicht leicht, die Lernkurve über der Wachstumskurve zu halten. Aber wir haben keine Firma gegründet, weil wir es im Leben leicht haben wollten. Wir haben gegründet, weil wir fest daran glauben, dass unsere Leidenschaft, unser Wille und unsere Disziplin uns Flügel geben können. Also: make it happen.

Fire Fast: Die Probezeit sollte wirklich eine Probezeit sein. Es ist wichtig, klare und messbare Ziele zu haben. Am besten eignen sich meiner Meinung nach „stretch goals“. Neue Mitarbeiter müssen beweisen, dass Sie eine Inspiration für euer Team sind, ansonsten sollte man sich wieder von ihnen trennen. Das ist das Beste für beide Parteien.

Sie treffen den Bundeswirtschaftsminister – was würden Sie sich für den Gründungsstandort Deutschland von ihm wünschen?
Staat und Bildungssysteme sind in Deutschland schon sehr eng verknüpft. Was fehlt sind gute und große VCs die die Ambition haben, die Welt zu verändern. Und auch, Synergie-Effekte und Kommunikation zwischen Jungunternehmen zu vereinfachen.

Das Zusammenspiel zwischen Staat, Bildung, Kapital und Kommunikation zwischen Firmen ist das Erfolgsrezept des Silicon Valley. Davon sind wir noch ein wenig entfernt. Aber ich bin mir sicher, dass Deutschland das Zeug hat, ähnlich große und globale Firmen wie die USA aufzubauen.

Was würden Sie beruflich machen, wenn Sie kein Start-up gegründet hätten?
Das ist eine gemeine Frage. Wenn ich die Welt schon nicht verändern darf, dann will ich es zumindest maximal genießen dürfen. Tauchlehrer auf den Malediven hört sich gut an.

Bei welchem deutschen Start-up würden Sie gerne mal Mäuschen spielen?
Sorry, aber ich liebe navabi über alles. Ich bin mir sicher, dass es viele andere gute Start-ups in Deutschland gibt. Ich konnte das glücklicherweise schon bei einigen Start-ups aus Deutschland, UK und USA live miterleben. Aber lieber als selbst Mäuschen zu spielen, würde ich jeden, der Interesse hat, gerne in unsere Kaiserstadt einladen, um navabi mal hautnah erleben zu dürfen.

Sie dürften eine Zeitreise unternehmen: In welche Epoche reisen Sie?
In die Renaissance, um einmal mit DaVinci Barhopping zu machen. ;) Ich glaube das war eine Zeit mit sehr viel „creative destruction“. DaVinci würde ich vor allem gerne kennenlernen, um zu verstehen, wie ein Mensch so vieles in so vielfältigen Bereichen erschaffen kann. War er ein Genie oder war es harte Arbeit? Ich vermute beides, aber nach dem fünften Moskau Mule würde er mir sicherlich sein Geheimnis verraten.

Sie haben eine Million Euro zur persönlichen Verfügung: Was machen Sie mit dem ganzen Geld?
Erstmal nach Mauritius. Strohhut aufsetzen, schlafen und schwimmen. Dann überlegen, welche Gründung die Welt braucht und sie verändern kann. Anschließend zurückkommen und das Geld in navabi investieren, um meinen Pfad fortzuführen. Meine Mauritius-Idee würde ich mir merken, falls ich doch eines Tages mehr Zeit habe – oder DaVincis Geheimnis erfahren habe.

Wie verbringen Sie einen schönen Sonntag?
Nach dem Sport noch ins Büro gehen. ;) Normalerweise würde ich entweder mit Freunden und Kollegen irgendwo auf der Welt das Leben genießen oder relativ früh aufstehen, Sport machen, mit meiner Freundin brunchen, mit ihr spazieren gehen, danach gemeinsam kochen, viel reden …

Mit wem würden Sie sich gerne einmal auf einen Kaffee oder ein Bier verabreden?
Mohammed Ali für einen Kaffee und Michael Jordan für ein Bier. Mohammed, weil er wohl ein sehr lustiger und gleichzeitig inspirierender Mensch ist. Und Michael, weil wohl kaum jemand in der Geschichte der Menschheit so verrückt nach dem Gewinnen ist und danach, sein gesamtes Potenzial maximal auszuschöpfen, wie er.

Im Fokus: Weitere Fragebögen in unserem großen Themenschwerpunkt 15 Fragen an

Zur Person:
Zahir Dehnadi ist Mitgründer und Geschäftsführer von navabi , dem weltweit führenden Online-Retailer für Premium Plus Size-Fashion für Frauen. Der gebürtige Iraner kam 1989 nach Deutschland. Nach seinem zweisprachigen Abitur studierte er in den Niederlanden, Italien und in den USA und absolvierte das renommierte Handelsblatt MBA Programm der Rotterdam School of Management und an der University Chicago- Booth School of Business. Schon während seiner Schul- und Studienzeit gründete Dehnadi zusammen mit seinem späteren navabi Partner Bahman Nedaei ein Werbeunternehmen, die Filmproduktion „Rebell Films“ und einige weitere Start-ups.

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Christina Cassala, Redakteurin bei deutsche-startups.de, war schon zu ihren besten Uni- Zeiten in den 90er Jahren journalistisch tätig. Gleich nach dem Volontariat arbeitete sie bei einem Branchenfachverlag in Hamburg, ehe sie 2007 zu deutsche-startups.de stieß und seither die Entwicklungen der Start-up Szene in Deutschland mit großer Neugierde beobachtet.