Anti-Angel-Gesetz Was weiß Hessens Finanzminister über Start-up-Finanzierung? Nichts!

Es geht mal wieder um das Anti-Angel-Gesetz! "Dass nur jemand Geld gibt und nur zuguckt, ist in dieser Diskussion zwischen Business Angels und Venture Capital eher selten", sagt der hessische Finanzminister Thomas Schäfer (CDU). "In den allerwenigsten Fällen geht jemand in ein Start-up mit weniger als 10 %-Beteiligung".
Was weiß Hessens Finanzminister über Start-up-Finanzierung? Nichts!

Wir haben bereits Ende Oktober darüber berichtet: Das Anti-Angel-Gesetz steht vor der Rückkehr – leider! Hintergrund ist eine Bundesratsinitiative des hessischen Finanzministers Thomas Schäfer (CDU), wonach künftig Erträge aus der Veräußerung von Streubesitzbeteiligungen wieder einmal besteuert werden sollen – siehe dazu auch “Hessens Finanzminister gefährdet Start-up-Finanzierung“. Nun gibt es neues Futter in dieser Sache: In einem Interview mit Alexander Bode spricht Finanzminister Schäfer öffentlich über seine Sicht der Dinge auf die Start-up-Finanzierung im Lande (siehe unten).

Zitat aus dem hanebüchenen Gespräch über Start-up-Finanzierung: “In den allerwenigsten Fällen geht jemand in ein Start-up-Unternehmen mit weniger als 10 %-Beteiligung. Die meisten gehen mal mindestens mit 25,1 % um einen bestimmenden Einfluss auf das Unternehmen zu haben. Dass nur jemand Geld gibt und nur zuguckt, ist in dieser Diskussion zwischen Business Angels und Venture Capital eher selten. Sofern sind die meisten nicht betroffen”, sagt Schäfer mit breiter Brust zur großen Sorge in der Szene, dass das Vorhaben die Start-up-Finanzierung durch Business Angel faktisch verhindert.

Die Reaktionen auf das Video aus der Szene sind eindeutig: “Lieber Herr Minister Schäfer, Sie haben einfach überhaupt keine Ahnung von Startups und Business-Angel Finanzierung”, schreibt etwa Ladenzeile-Mitgründer und Business Angel Robert Maier bei Facebook. Der bekannte Business Angel Ron Hillmann stimmt dem zu uns schreibt: “Erschreckend oder? Bei meinen erfolgreichsten Invests habe ich unter 1 %.” Auch Jan Sessenhausen, zuletzt beim High-Tech Gründerfonds tätigt, meldete sich in dieser Sache bereits zu Wort. “The politician leading the initiative (Dr. Thomas Schäfer, CDU) obviously has no clue what he is talking about and what damages he will cause”, schreibt er in einem Beitrag mit dem Titel “Damage of so called “Anti Angel Law” discussion in Germany has already been done?—?and it is about much more“.

betreut-Mitgründer Steffen Zoller wiederum schreibt bei Facebook: “Kann ihm jemand eine Einladung mal schicken zu einigen Start Ups. Vielleicht hat er auch falsche Studiendaten, z.B. Business Angel Beteiligungen am Anfang vs. beim Exit. Der Finanzminister sollte mal aktuelle Daten bekommen”. Stimmt, Aufklärung wäre hier gut.

Zur Erinnerung: Vor zwei Jahren stand das Anti-Angel-Gesetz schon einmal auf der Agenda, konnte aber verhindert werden. Passend zum Thema: “Anti-Angel-Gesetz vom Tisch – ‘Die Start-up-Szene hat schnell und geschlossen reagiert’

Foto: OMG! Comic Speech Bubble, Cartoon from Shutterstock

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.



  1. Spectator

    Gibt es schon Infos, was heute bei der Anhörung im Bundestag rausgekommen ist zum Anti Angel Gesetz (ist ja Teil des Jahressteuergesetzes 2015) ?



  2. Johann Q

    Würde wohl speziell die Startups treffen, die mittel- und langfristig die deutlich besseren Aussichten auf Erfolg haben bzw. hätten…



  3. Karli Kunz

    Das sieht nach Lobbyarbeit von Banken und anderen Finanzdienstleistern aus!?



  4. Florian Nöll

    Wir – der Bundesverband Deutsche Startups – haben dem Minister gestern einen Brief geschrieben: https://deutschestartups.org/news/offener-brief-an-den-hessischen-finanzminister-dr-thomas-schafer/#more-4892



  5. Michael

    Darum ist er ja in der Politik und nicht in der Wirtschaft tätig. Hätte er Ahnung, könnte er ja “auf unserer Seite” stehen



  6. Frognal

    Wenn Herr Schäfer schon den europäischen Vergleich heranzieht sollte er sich vielleicht mal anschauen, welche steuerlichen Anreize Länder wie UK anbieten (z.B. über das SEIS/ EIS Programm). In dieser Hinsicht ist DE heute schon deutlich weniger attraktiv.



  7. Thomas K

    Unfug.Das ist doch kein Anti-Angel-Gesetz.
    Es geht um die Besteuerung von GEWINNEN. Wenn Business-Angel ihre Gewinne (und nur um die geht es doch wohl) nicht versteuern wollen (so wie Amazon;-)), ist das verständlich, aber warum sollen die besser behandelt werden als ich.
    Ich muss meine Gewinne auch versteuern.

    Ich habe durch diese Berichterstattung erst davon erfahren und finde die bisherige Nicht-Besteuerung skandalös. Schon die Nicht-Wirklich-Besteuerung von leistungslosem Kapitaleinkommen ist ungerecht. Ich als Arbeitender, Leistender muss Steuern zahlen und die Vermögenden, die sich leisten können, ihr Geld irgendwo “arbeiten” zu lassen, zahlen nichts oder wenig?

    Das ist die pure Gier.



    • Florian

      Hallo Thomas K!

      Es geht nicht darum, dass Gewinne nicht versteuert werden.

      Viele Angels nutzen für ihre Investements eine eigene GmbH, einfach als “Investment-Vehikel”.

      Nehmen wir an, ich habe einen Exit und meiner GmbH fliest Geld zu. Vom dem Geld möchte ich nun eine Urlaubsreise machen: Dazu muss ich mir die Gelder erstmal in mein Privatvermögen ausschütten. Bei diesen Schritt erfolgt selbstverständlich eine Besteuerung: Einkommensteuer, Soli, Kirchensteuer. Daran soll sich auch nichts ändern! Das fordert niemand!

      Durch das Anti-Angel-Gesetz soll nun aber eine doppelte(!) Besteuerung erfolgen, nämlich schon in dem Moment, wo Geld aus dem Exit in die GmbH hineinfliest. Im Erebnis stehen dann einfach weniger Gelder zu Verfügung, um weitere Investemtens (in neue Startups) zu machen.

      Und um ganz offen zu sein: Angel Investing ist alles andere als “eine einfach Art, Geld zu verdienen”. Die meisten Angels verdienen mit Ihrem Investments kein Geld bzw. verlieren sogar Geld. In den Medien liest man natürlich immer nur von den großen Erfolgen.

      Durch das Anti-Angel-Gesetz wird in Zukunft weniger (privates) Geld in Startups fliesen.

      Florian



      • Thomas K

        Also ich = meine GmbH investiere irgendwelche 10.000 in ein Startup, bekomme dafür 25% Anteile. Das wird ein Erfolg und ich kann die Anteile für 100.000 verkaufen. Gewinn = 90.000.
        Natürlich muss der versteuert werden, die GmbH hat ja Gewinn gemacht! (abzüglich der zahllosen Investitionen in nicht erfolgreiche Startups natürlich, wenn ich die gleichzeitig verkaufe/abschreibe) Ist das so in etwa das Konstrukt (ich habe nicht das Geld um so was zu machen und insofern keine Ahnung)?

        Und wenn ich als GmbH-Eigner mir Geld entnehme, wird auf meine persönliche Einkommenssteuer doch irgendwie die Körperschaftssteuer verrechnet oder vertue ich mich? Also nix mit doppelter Steuer.



  8. emden09

    Tja, seit Merkel wird immer der Minister, der von der Sache am wenigsten Ahnung hat. CDU und SPD bilden eine GroKo der Ahnungslosigkeit – bis dahin kannte man soviel Inkompetenz ja nur von der FDP.



  9. jab

    Mein liebes Deutschland, ich sehe schwarz für Dich. Obwohl ich ja Verständnis habe, ja es unbedingt richtig ist, Steuern bei Gewinnen zu erheben. Doch das Politiker mit solch Ahnungslosigkeit überhaupt Finanzminister werden können, ist ein massives Problem unseres Staates. Es geht also nicht nur darum solch hanebüchene Gesetze zu verhindern, sondern solche politische Inkompetenz zu analysieren und zu eleminieren. Andernfalls können wir bald bei unserer Deutschlandflagge die Farben Rot und Gold weglassen.



  10. Iris S. Hafner

    Ich kenne das bei Business Angels in Deutschland (nicht weltweit!) leider tatsächlich vielfach, dass jene für geringe Summen 25% Unternehmensanteile möchten und dafür noch im Unternehmen Mitspracherecht verlangen. In den USA funktioniert das vollkommen anders und ich denke, dass in Deutschland der Unterschied zwischen BA und VC nicht verstanden wird.



    • Florian

      Wenn Dir das Angebot, dass Dir ein Investor macht, nicht zusagt, musst Du es ja nicht annehmen.

      Dass ein Investor gewisse Mitsprachrechte möchte, halte ich allerdings für richtig.

      Beispiel: Investor überweist Geld an Firmenkonto, am nächsten Tag beschließen die Gründer eine Aussschüttung der Gelder an sich selbst und lösen den Laden auf. Ohne Mitsprachrechte des Investors wäre das ein legale Vorgehensweise. Warum sollte sich ein Investor auf so ein Risiko einlassen?



  11. ist doch egal

    Unstrittig, dass der Kerl keine Ahnung hat. Noch schlimmer finde ich es, dass diese alten unwissenden Leute UNSERE Zukunft verspielen. Ihr Steueraßgeier, fahrt mal zum neuen EZB-Gebäude nach Frankfurt und räumt den Rumänenstrich gegenüber auf, wenn ihr nix besseres zu tun habt!!!!!



  12. Roland Kirchhof

    Da geht bei manchen Kommentaren etwas durcheinander. Natürlich müssen die Angels die Gewinne versteuern, sobald sie diese in ihr Privatvermögen überführen. Es handelt sich also nur um einen Steueraufschub. Vorteil für Start-ups: Die Erträge aus Veräußerungserlösen können heute durch die Angel GmbH nahezu ungeschmälert wieder in andere Start-ups investiert werden, wenn die Beteiligung unter 10 % lag.

    Im Übrigen steht Hessens Schäfer bisher alleine da. Die Koalitionsvereinbarung will ausdrücklich für den Fall einer Streubesitzneuregelung Business Angel GmbHs aus der Besteuerung ausnehmen und NRW-Minister Walter-Borjahns hat dies im Bundesrat noch einmal bestätigt. Wessen Wort gilt mehr? Das von Merkel, Gabriel und Seehofer oder die Stimme von Minister Schäfer?

    Roland Kirchhof, Vorstand Business Angels Netzwerk Deutschland



  13. LXP

    Die fehlende Sachkenntnis deutscher Politiker ist eine seit Jahrzehnten verläßliche Konstante.

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