Crowdinvesting-Kampagne Protonet-Seedmatch-Investition: Für wen lohnt es sich?

Das 'Wunder von Hamburg' geht weiter. Heute um 12.00 Uhr ging die zweite Seedmatch-Kampagne des Hamburger Senkrechtstarters Protonet in ihre zweite Runde. Nach dem sensationellen Crowdfunding von 1,5 Millionen Anfang Juni soll noch einmal maximal der gleiche Betrag eingesammelt werden.
Protonet-Seedmatch-Investition: Für wen lohnt es sich?

Wahrscheinlich ist die Seedmatch-Kampagne, um die es in diesem Artikel gehen soll, auch schon in kurzer Zeit wieder Geschichte. Beleuchten wir das Ganze mal aus Sicht derjenigen, die überlegen, ob und wie viel sie in Protonet investieren sollten.

Was bisher geschah – in der Chronologie der Berichterstattung bei deutsche-startups.de:
13. August 2013: Protonet – der einfachste eigene Server der Welt: “Seit 2009 arbeitet das Team um Gründer Ali Jelveh und Christopher Blum – beide früher bei Xing als Software Architekt bzw. Frontender – an Protonet. Seit Ende 2011 war es in der offenen Beta und seit dem 4. Juli 2013 ist Protonet ‘out there and making money’.”

3. Juli 2013: protonet sammelt Kapital ein: Der Hamburger Unternehmer Tarek Müller, Agentur Gründer Kolle-Rebbe und die Innovationsstiftung investieren in das Hamburger Start-up protonet. 400.000 Euro Investoren- und 400.000 Euro Fördergelder fließen in das Unternehmen. … Über Seedmatch hatte protonet im vergangenen Jahr 200.000 Euro eingesammelt.

20. Dezember 2013: Verdient höchsten Respekt – Glückwunsch! Protonet ist das Start-up des Jahres (nachdem das Unternehmen auch schon den Web Future Award 2013 gewonnen hatte).

24. März 2014: Deutsche Start-ups auf der SXSW – Roadmap für die USA-Reise eines Start-ups: Protonet gewinnt eine Reise zur South by South West, der weltweit größten Interactive-Konferenz in Austin, Texas.

04. Juni 2014: Keine 12 Stunden und Protonet hat in seiner 2. Seedmatch-Kampagne 1,5 Mio. eingesammelt.

Klar, 1,5 Millionen Euro in 12 Stunden auf einer Plattformen zu crowdfunden, die ausschließlich Investoren mit deutschem Bankkonto zulässt, ist gigantisch, aber
für den Erfolg von Protonet insgesamt – und vor allem ihres Produkts – heißt das so für sich gestellt noch nicht viel.

Vergleicht man den Weg eines Unternehmens mit einem Langstreckenlauf, hat Protonet jetzt gerade mal die 2. Kurve nach wenigen Kilometern der Gesamtstrecke genommen. Zugegeben: In einem irren Tempo.

Und die bisher gelaufenen Kilometer wurden auch nicht nur auf den eigenen Beinen eines ‘rundum großartigen und super funktionierenden Produkts’ bewältigt. Über so einige Passagen der Strecke wurde Protonet auch getragen. Getragen von seinen Fans, die einfach die Idee und die Story hinter dem Produkt großartig finden und deshalb eher als Anhänger der Idee von daten-Unabhängigkeit denn als Überzeugungs-Nutzer des Produkts gelten dürfen.

Und natürlich spielen auch Hype und bei einer großartigen Sache Dabei-Sein-Wollen ganz sicher Rollen bei dem bisherigen Erfolg der Protonet-Kampagnen.

Aber erst die Zeit wird zeigen, ob das Start-up die Kondition und Ausdauer hat, auch erfolgreich die gesamte Strecke zu bewältigen und ob sie dann unter den Ersten sind, die die Ziellinie überschreiten. Und das werden sie nicht schaffen, wenn bis dahin nicht auch das Produkt an sich extrem überzeugend ist und aus Fans einer Idee Hardcore-Nutzer geworden sind.

Wie auch immer: Eine Internationalisierung steht noch aus und momentan gibt es also noch nicht viele Indizien dafür, ob Protonet mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann auch international zu den nennenswerten Playern gehören wird.

Aber nun zur laufenden Seedmatch-Kampagne. Ali Jelveh erklärt in folgendem Video, warum man die Crowdfundig-Kampagne wieder geöffnet hat:

CHOICE für alle: einfach unabhängig from Protonet on Vimeo.

Sollte ich in Protonet investieren? Und wenn ja, wie viel?
Nehmen wir die Protonet-Seedmatch-Kampagne einmal genauer unter die Lupe:

Überhaupt zeichnen dürfen bei Seedmatch nur Investoren mit deutschem Bankkonto. Alle anderen können an dieser Stelle schon aufhören nachzudenken…

Im Falle einer Liquidation von Protonet droht Totalverlust: Bei den Investionen über Seedmatch handelt es sich um ‘partiarische Nachrangdarlehen’. Das heißt, sollte das Unternehmen, in das man via Seedmatch investiert hat, liquidiert werden, bekommen die Seedmatch-Investoren als letzte ihr Geld zurück – wenn überhaupt.

Im Gegensatz zu Plattformen wie Indiegogo oder Kickstarter kauft man mit seinem Investment bei Seedmatch kein Produkt. Bei der Protonet-Kampagne bekommt man ab einer bestimmten Zeichnungssumme ein Produkt geschenkt.

Dadurch minimiert man sein Investitionsrisiko um den Wert des Produkts:

  • Bei Zeichnung von 2.000 Euro oder mehr erhält man als Gegenwert einen ‘Maya’ im Wert von 1.200 Euro. Das tatsächliche Investitions-Risiko beträgt also nur noch 800 Euro.
  • Ab 5.000 Euro Investment bekommt man ‘Carlita’ im Wert von 2.999 Euro geschenkt und
  • Investoren, die 10.000 Euro und mehr zeichnen, erhalten ‘Carla’ im Wert von 4.699 Euro.

Ausführlicher dazu in der Infografik Rabatte für Investoren

Man versucht bei Seedmatch, das Investitions-Modell einem Aktien-Modell so ähnlich wie möglich zu machen und beteiligt den Darlehensgeber (neben der endfälligen Verzinsung von 1 % p.a.) mittels Bonuszins an Gewinn und Exit wie folgt:

Gewinnbeteiligung: Bei einem Investment von 1.000 Euro hat man Anspruch auf 0.0084 % des jährlichen Gewinns. Im Jahr 2017 ist ein Gewinn von 3.660.261 Euro eingeplant, davon wären also 0.0084 % 301 Euro, sprich 30 % Bonusverzinsung in diesem Jahr.

Exitbeteiligung: Bei einem Exiterlös der doppelten Bewertung von heute, also 23.810.000 Euro wären zusätzlich zur Rückzahlung des Investments weitere 1.000 Euro Bonuszins fällig.

Um all das zu kontrollieren, hat jeder Investor Zugang zu einer privaten Seite auf Seedmatch, wo Protonet quartalsmäßig seine Resultate offenlegt.

Risiko wenig ‘smart Money’: Zwar ist das Modell von Seedmatch dem eines Aktien-Modells ähnlich aber eben nicht damit identisch. So hat der Investor bei Seedmatch zum Beispiel kein Stimmrecht bei Protonet.

Weil Protonet damit liebäugelt, einen Großteil oder zukünftig sogar all ihrer benötigten Finanzmittel – das werden in den nächsten Jahren um die 3 bis 5 Mio Euro sein – über Crowdfunding einzusammeln, sind sie herrlich unabhängig von Venture Capitalists – bisher steckt ja nur wenig Geld von Investoren im Unternehmen, und Protonet hält fast alle Anteile daran noch selbst.

Aber: VCs bringen ja nie nur ihr Geld in ein Unternehmen ein, sondern auch ein gerüttelt Maß an Know-How und Kontakten, der Fähigkeit, dem Unternehmen wichtige Türen zu öffnen und sie fachkundig zu beraten. All das zusammen nennt man ‘smart Money’. Und das fehlt einem (fast) unabhängigen Unternehmen wie Protonet eben.

Umso wichtiger für Protonet – aber auch für die Crowdfunding-Investoren, die ja nur profitieren, wenn das Unternehmen erfolgreich wird und bleibt – dass man bald einen Aufsichtsrat einrichtet, um dieses Defizit des fehlenden smart Moneys wettzumachen.

Zwar ist ein Aufsichtsrat, der solch ein Amt nahezu ehrenamtlich gegen eine Aufwandsentschädigung bestreitet, nicht so stark motiviert wie ein VC, der zum Beispiel 2 Millionen investiert hat, aber dennoch ist das Know How und sind die Kontakte der Aufsichtsratsmitglieder eminent wichtig für den Erfolg eines Unternehmens.

Fazit: Zwar ist das Investitionsrisiko relativ hoch, weil Protonet ein ‘Alles oder nichts’-Geschäftsmodell hat.

Wer aber einen der Protonet-Server nutzen kann und will, holt sich ja über die geschenkten Produkte bei einer Zeichnung ab 2.000 Euro eine satte ‘Verzinsung’, die das Investitionsrisiko rechtfertigt.

Oder man findet einfach Protonet und die Idee dahinter toll und versteht sich bei einer kleineren Investition als Supporter. Und wenn Protonet tatsächlich richtig erfolgreich wird, rechnet sich dieser Support für die Investoren sogar wirtschaftlich.

Update 19.06.2014, 10.00 Uhr:
Um auch diese Frage beantworten zu lassen:

Elke Fleing aus Hamburg liefert Texte aller Art, redaktionellen Content und Kommunikations-Konzepte. Sie gibt Seminare, hält Vorträge und coacht Unternehmen. Bei deutsche-startups.de widmet sie sich vor allem Themen und Tools, die der Erfolgs-Maximierung von Unternehmen dienen.