Franchise, (auch) ein Modell für Start-ups?

Franchise, (auch) ein Modell für Start-ups? – Gastbeitrag von Philipp Benkler von Testbirds. Seit 1. September haben Unternehmen in Ungarn die Möglichkeit, Apps oder Webseiten von einem lokalen Anbieter mittels Crowdtesting unter die […]
Franchise, (auch) ein Modell für Start-ups?

Franchise, (auch) ein Modell für Start-ups? – Gastbeitrag von Philipp Benkler von Testbirds. Seit 1. September haben Unternehmen in Ungarn die Möglichkeit, Apps oder Webseiten von einem lokalen Anbieter mittels Crowdtesting unter die Lupe nehmen zu lassen. Bei der Testbirds Kft. in Budapest handelt es sich jedoch nicht um eine Neugründung. Es ist ein Franchisenehmer der in München gegründeten Testbirds GmbH.

Der folgende Beitrag stellt Beweggründe sowie entscheidende Faktoren für diesen Schritt eines noch jungen Unternehmens dar und gibt einen Überblick über die Vor- und Nachteile von Franchise.

Unternehmen europaweit bekannt machen

Vor knapp einem Jahr trafen wir auf der Communication World in München ein Unternemen aus Ungarn, das dort seit vielen Jahren IT-Services anbietet. Beim Austausch über die jeweiligen Geschäftsmodelle waren die ungarischen Kollegen derart von der Idee des Crowdtesting begeistert, dass schnell die Frage nach einem möglichen Franchising-Modell gestellt wurde. Um ehrlich zu sein hatte zu diesem Zeitpunkt keiner von uns jemals über so eine Möglichkeit nachgedacht. Aber was hatten wir schon zu verlieren? Wie sich herausstellen sollte, war der Zeitpunkt genau der richtige.

Wir befanden uns in den finalen Zügen einer intensiven europäischen Marktanalyse mit dem Ziel, Testbirds europaweit bekannt zu machen und zu expandieren. Mit namenhaften Kunden wie Deutsche Post, Allianz oder Die Welt hatte Testbirds in Deutschland den Proof-of-Konzept erfolgreich bestanden und eine Expansion sollte den nächste logische Schritt darstellen. Ziel war es, ein bis zwei viel versprechende Länder zu identifizieren, um Testbirds dort ähnlich wie in Deutschland aufzuziehen.

In einem ersten Schritt wurden die Anzahl der Länder mithilfe von Kriterien wie Wirtschaftskennzahlen oder Smartphone-/App-Penetration auf die relevantesten reduziert. Darauf folgte ein detailliertes Rankingverfahren, mit dessen Hilfe mehrere Länder-Cluster gebildet wurden. Die Wahl fiel schließlich auf Großbritannien und die Niederlande als attraktivste Märkte, unter anderem aufgrund der geringen Sprachbarrieren sowie des großen und wachsenden mobilen App-Marktes.

Gleichzeitig erwies sich der Osteuropäische Markt als wenig relevant. Das liegt vor allem daran, dass einige Hürden den Eintritt in einen sonst spannenden Markt verhindern. Eine vergleichsweise geringe Verbreitung der englischen Sprache und ein Markt, der sich sehr zentral in Budapest abspielt, sind von außen nur schwer zu durchdringen. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch: Unternehmen, die bereits jahrelange Erfahrung und Kontakte in der Branche gesammelt haben, können viel schneller signifikante Erfolge erzielen. Eine grundliegende Voraussetzung zum Thema Franchising war damit bereits gegeben: Ungarn wird auch in Zukunft kein priorisierter Markt für Testbirds Deutschland sein und ist daher potenziell für ein Franchising-Modell geeignet.

Trennung trotz Synergien

Hinzu kommt die Frage, ob Geschäfte derart deutlich getrennt werden können, dass sich Franchisegeber und Franchisenehmer nicht in die Quere kommen. Bei Testbirds ist diese Abgrenzung geographischer Natur, denn die Märkte für Crowdtesting lassen sich eindeutig nach Ländergrenzen unterteilen. Bei Crowdtesting testen bestimmte Zielgruppen auf ihren eigenen Geräten Software unter realen Bedingungen, zum Beispiel von Zuhause. Sie arbeiten über eine online Plattform und erhalten ihre Entlohnung auf Auftragsbasis.

Testbirds Kft. betreut demnach alle Tester und Projekte aus Ungarn, wofür die Abwicklungsplattform nicht nur übersetzt, sondern auch um einige Funktionalitäten erweitert werden musste. Synergien entstehen unter anderem dadurch, dass alle Tester Teil eines zentralen Systems sind. Lediglich die jeweiligen Oberflächen und Zugriffsrechte für die internen Projektmanager unterscheiden von Land zu Land. Dadurch wird es möglich, auch länderübergreifende Tests durchzuführen und dabei auf die alle Tester weltweit zuzugreifen. Ein gutes Beispiel für klare Abgrenzungen ist die Gastronomie, in der unabhängige Gesellschaften, beispielsweise pro Stadt, als Franchisenehmer agieren.

Wissenstranfer ist wichtig

Neben der Marktrelevanz und Marktabgrenzung spielen die vorhandenen Strukturen und Prozesse, also der eigene Reifegrad, eine Rolle. Bin ich als Start-up so weit, dass ein funktionierendes Controlling vorhanden ist? Sind die Abläufe und Zuständigkeiten in meinem Team klar definiert? Habe ich Ressourcen, um den Franchisenehmer zu betreuen ohne das Kerngeschäft zu vernachlässigen? Damit ein Service mit demselben Maß an Qualität angeboten werden kann, ist viel Zeit erforderlich. In unserem Fall war das Team aus Ungarn für einen zweiwöchigen Intensivworkshop in München und wir zu Besuch in Budapest. Ziel war es, einen Wissenstransfer in allen Bereichen zu ermöglichen und die Werkzeuge für eine erfolgreiche Umsetzung an die Hand zu geben.

Eine weitere Herausforderung besteht darin, den Auftritt und die Qualität der eigenen Marke weiterhin zu gewährleisten. Richtlinien für die Corporate Identity sowie ein sinnvolles und regelmäßiges Reporting sind aus diesem Grund unerlässlich. Da bei Testbirds sämtliche Projekte über eine zentrale Plattform ablaufen, sind hier besonders gute Möglichkeiten vorhanden. Ein für uns wichtiger Punkt war außerdem die Motivation der ungarischen Kollegen. Sie sind von unserem Modell genauso begeistert wie wir und können auf bestehende Infrastrukturen zurückgreifen. Jahrelange Erfahrung, der Aufbau eines eigenen Unternehmens mit 50-100 Mitarbeitern in der Vergangenheit und die Tatsache, dass zu zahlreichen führenden Konzernen in Ungarn bereits Kontakte bestehen, waren ausschlaggebend. In unserem Fall war die erste Gelegenheit also ein Glückstreffer.

In Verhandlungen Kennzahlen definieren

Ein Franchising-Modell sollte sich für beide Parteien lohnen und hierbei spielt der Vertrag eine zentrale Rolle. In jedem Fall sollte ein Experte hinzugezogen werden, der bei den Verhandlungen unterstützt. Ein Businessplan liefert von Beginn an Klarheit über die notwendigen Kennzahlen, enthält in unserem Fall aber auch Optionen für eine langfristige Erweiterung bei erfolgreicher Umsetzung. Hierbei spielt die Marktabgrenzung eine wichtige Rolle. Bei Tests, an denen sowohl ungarische als auch Tester aus anderen Ländern teilnehmen, ist die Teilung des Umsatzes genau geregelt.

In Summe hatten wir also, wie mein Mitgründer Georg damals so treffend formuliert hat, „nichts zu verlieren“. Die Rahmenbedingungen stimmen und während wir uns von England und Holland aus auf den westeuropäischen Markt konzentrieren, ist Testbirds nun auch in Ungarn vertreten. Bereits vor dem offiziellen Start im September zählte das Nest dort mehr als 2000 registrierte Tester.

Fragen zum Thema Franchising:

• Wird der betreffende Markt langfristig für mich selbst relevant?
• Ist eine klare Abgrenzung der Geschäftsbereiche möglich?
• Sind die nötigen Prozesse und Strukturen zur Übergabe vorhanden?
• Ist ein aussagekräftiges Reporting möglich?
• Verfügt der Franchisenehmer über die nötigen Mittel um erfolgreich zu sein?

Foto oben: Shutterstock, JohnKwan, bearbeitet

Zur Person:
Philipp Benkler ist Geschäftsführer der Testbirds GmbH (www.testbirds.de). Er Finanz- und Informationsmanagement an der Universität Augsburg und der TU München studiert. Benkler hat umfassende Erfahrungen im Enterprise Umfeld sowie als selbstständiger Entwickler. Er verantwortet als geschäftsführender Gesellschafter die IT-Infrastruktur und kümmert sich um das Tagesgeschäft.

Christina Cassala, Redakteurin bei deutsche-startups.de, war schon zu ihren besten Uni- Zeiten in den 90er Jahren journalistisch tätig. Gleich nach dem Volontariat arbeitete sie bei einem Branchenfachverlag in Hamburg, ehe sie 2007 zu deutsche-startups.de stieß und seither die Entwicklungen der Start-up Szene in Deutschland mit großer Neugierde beobachtet.

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  2. Eine interessante Darstellung. Klar ist das Franchise-Modell auch eine Option für Startups. Es kommt durchaus vor, dass neue Unternehmen von Beginn an als Franchise-Konzepte konzipiert werden. Umso wichtiger sind die in dem Artikel gestellten Fragen nach der Durchführbarkeit auch in den eigenen Reihen. Ressourcen, professionelle Betreuung der Partner, ein gutes Handbuch und nutzstiftende Schulungen sowie ein ausgereifter Vertrag sind nur einige Punkte, mit denen man sich beim Aufbau eines Franchise-Systems beschäftigen muss – ob StartUp oder nicht. Im Falle eines StartUps kommt halt noch mehr auf einmal auf einen zu. Denn Franchise ist kein Konzept um den eigenen Aufwand als Franchisegeber zu reduzieren. Im Gegenteil, man hat gleich weitere Baustellen. Partner finden, Partner betreuuen plus das normale Alltagsgeschäft.
    In jedem Fall sollte sich das Konzept zuvor über einen Pilotbetrieb eine längere Zeit bewährt haben. Ob dies durch ein Proof-of-Konzept schon der Fall ist, lässt sich von außen nicht beurteilen.
    Sinnvoll ist die geografische Abgrenzung. Meist greifen z.B. Dienstleister, die nur einen begrenzten Raum abdecken können, aus diesem Grund auf die Vertriebsform Franchising zurück.

    Viel Erfolg Euch also bei der weiteren Expansion!

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