Die Energie im Silicon Valley ist gefühlt einzigartig – aber die deutsche digitale Wirtschaft nimmt Fahrt auf

Die Energie im Silicon Valley ist gefühlt einzigartig – aber die deutsche digitale Wirtschaft nimmt ordentlich Fahrt auf – Erfahrungsbericht der Silicon Valley-Reise mit Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler von Alexander Piutti (siehe oben), Gründer […]
Die Energie im Silicon Valley ist gefühlt einzigartig – aber die deutsche digitale Wirtschaft nimmt Fahrt auf

Die Energie im Silicon Valley ist gefühlt einzigartig – aber die deutsche digitale Wirtschaft nimmt ordentlich Fahrt auf – Erfahrungsbericht der Silicon Valley-Reise mit Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler von Alexander Piutti (siehe oben), Gründer von GameGenetics. Viel ist in den vergangenen Wochen über die Reise ins Valley geschrieben worden – zunächst in Teilen sehr einseitig und unvollständig.

Das ist OK, da im Nachgang deutlich mehr Platz für gute und abwägende Diskussionen in der Öffentlichkeit entstand – und die Dialoge erfreulicherweise nicht abreißen. Aber die Reise zunächst auf die berühmte Umarmung zu reduzieren, greift natürlich zu kurz und unterdrückt die vielen positiven Impulse, die durch die Reise ausgelöst wurden. Davon abgesehen – ich habe das Gefühl, dass Anzahl und Intensität von freundlichen Umarmungen in- und außerhalb der Gruppe seitdem deutlich gestiegen sind – und das ist ja eigentlich nichts Verwerfliches. Doch Spaß beiseite – als Teilnehmer möchte ich an dieser Stelle kurz darstellen, warum die Reise aus meiner Sicht absolut lobenswert war und welchen Nutzen unsere digitale Szene daraus ziehen kann.

Ich hatte das Glück, bereits die erste so genannte ‚New Economy‘ in Deutschland als Unternehmer zu erleben und zwischenzeitlich auch wieder gehen zu sehen. Ich spüre jedoch große Unterschiede zwischen der Situation damals und heute. Der wichtigste: Im Gegensatz zu damals ist die digitale Wirtschaft hierzulande heute deutlich solider aufgestellt und mittlerweile zu bedeutend, um einfach wieder zu verschwinden. Die Branche schafft heute zehntausende Arbeitsplätze und generiert massiven, belastbaren Umsatz. Neu ist auch: Politik und Bundesregierung haben erkannt, dass die netzbasierte Kreativwirtschaft einen wichtigen Beitrag für Deutschland als Wirtschaftsstandort leistet und möchten dazu beitragen, Unternehmertum zu fördern und weiteres Wachstum zu ermöglichen. Das ist eine gute Sache. Zumal unsere Branche langsam eine eigene kleine Lobby aufbaut und anfängt, sich zu organisieren und noch besser untereinander zu vernetzen. Das war in der ‚New Economy‘ um die Jahrtausendwende wenig möglich, da sie damals noch Neuland war.

Mein persönliches Fazit zur Reise lautet deshalb: der Trip ins Silicon Valley war ein guter Schritt, unsere Branche zu präsentieren, Brücken zu bauen und Kontakte zu knüpfen, von erfolgreichen Gründern (Andreessen, Bechtolsheim und viele weiteren) und Unternehmen zu lernen, Erfahrungen mitzunehmen und hier zur Verfügung zu stellen. Die positive Resonanz, die wir dabei erhalten haben, macht Mut: Die breiter werdende deutsche digitale Wirtschaft genießt Respekt in den USA – ähnlich wie in der Industrie steht „Made in Germany“ für Entwicklungspower, Verlässlichkeit und Genauigkeit. Berlins Wahrnehmung im Ausland als Startup hub ist gegeben, siehe auch Matt Cohlers Einschätzung hierzu. In puncto Innovation können wir noch zulegen, hier gibt es jedoch ein Henne/Ei-Problem: Tickets für größere Anschlussfinanzierungen sind in Deutschland überschaubar – dadurch sind die Mittel zum Teil begrenzt, die gebraucht werden, um wirklich auf Risiko und Innovation zu setzen. Ich denke aber, das wird sich im Zeitverlauf positiv verändern, zumal die Schwungmasse des entstehenden Ökosystems in Berlin und anderen deutschen Städten zunimmt.

Fasziniert hat mich einmal wieder die Sachlichkeit und Klarheit der Amerikaner: man darf sich keine Illusionen machen, dass amerikanisches Geld für deutsche Startups Schlange steht. Die West Coast VCs haben einen fantastischen deal flow vor der Nase, müssen nicht unbedingt zehntausende von Kilometern entfernte ‚opportunities‘ verfolgen. Das heißt aber auch: in Ausnahmefällen werden vielversprechende internationale Teams berücksichtigt … und (noch) in Einzelfällen finanziert. Das ist derzeit die Messlatte. THINK BIG klingt hierzulande oft noch ein wenig gewöhnungsbedürftig, verliert aber seine Sperrigkeit und Interpretation als Größenwahn und wird schlicht notwendig mit der weiteren Öffnung der internationalen Märkte – wie beispielsweise im Online- oder Mobile Games Bereich.

Gleichzeitig hat mich die Offenheit der Amerikaner gefesselt: hier wird viel direkter und kritischer hinterfragt. Gleichzeitig wird in einem sehr pragmatischen und konstruktiven Rahmen diskutiert. Begeistert hat mich die Kooperationsbereitschaft untereinander. Man hilft sich gegenseitig in einer schnellen und unkomplizierten Art, etwa mit Top Level Kontakten. Daran können wir uns hierzulande noch orientieren.

Als Unternehmer und wenig politischer Mensch möchte ich für unseren Minister eine Lanze brechen. Er hat sich auf der Reise unermüdlich und engagiert als Botschafter für die digitale Szene eingesetzt. Aber was mir heute noch ein Rätsel ist: wir Teilnehmer haben echt wenig geschlafen – der Trip war intensiv und spannend. Philipp Rösler hat noch weniger geschlafen (joggen um 6:30 Uhr), war permanent präsent, nahbar, interessiert, voller Energie und gut gelaunt. Respekt.

Was ich persönlich als stärksten Eindruck mitgenommen habe: die Gruppe selbst. Stecke 45 hektische Unternehmer in einen Flieger und schicke sie auf eine Reise. Der Austausch untereinander war gigantisch und geht erfreulicherweise auch nach Ende der Reise intensiv weiter. Diese Art von Kollektiv habe ich als neu und erfrischend wahrgenommen, ist übergreifend und konstruktiv. Mehr davon, das bringt die Szene massiv nach vorne.

Zur Person
Alexander Piutti ist Gründer und Geschäftsführer von GameGenetics (www.gamegenetics.com), einem Aggregator und Distributor von free-to-play Online Games. Erste Erfahrungen mit B2B-Modellen sammelte Piutti beim Aufbau von Overture – das Unternehmen wurde 2003 von Yahoo! gekauft. Anschließend verbrachte der Berliner mehrere Jahre in London und leitete für Yahoo! Europe den Produktbereich Search. Nach dem Erwerb seines MBAs an der Wharton School (UPenn) war Piutti zunächst als Unternehmensberater für Booz & Company in Europa und USA tätig.

Fotos: Alexander Piutti

Fotogalerie: Silicon Valley Tour

Ende Mai war Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler mit mehr als 100 Gründern und Unternehmern in den USA unterwegs. Einige Eindrücke der Silicon Valley Tour mit Philipp Rösler und Co. gibt es in unserer Fotogalerie.

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