Wunderkit wird eingestellt – Hinfallen darf man, so oft man will – man muss nur einmal mehr wieder aufstehen

Vom Hocker gehauen hat Wunderkit (www.wunderkit.com) von 6 Wunderkinder mich ja von Anfang an nicht: Wunderkit vs. Asana – Von Bugs, Spam und Preismodellen. Und nun wird es – immer noch in der […]
Wunderkit wird eingestellt – Hinfallen darf man, so oft man will –  man muss nur einmal mehr wieder aufstehen

Vom Hocker gehauen hat Wunderkit (www.wunderkit.com) von 6 Wunderkinder mich ja von Anfang an nicht: Wunderkit vs. Asana – Von Bugs, Spam und Preismodellen. Und nun wird es – immer noch in der Betaphase und ein halbes Jahr nach dem unglaublich gehypten Beginn – wieder eingestellt. Trotzdem soll dies kein ‘Siehste, hab ich ja gleich gesagt!’-Häme-Artikel sein. Denn Scheitern ist einfach eine der Optionen, wenn man ein Unternehmen gründet. Es gehört Mut dazu und eine hohe Risikobereitschaft, ein Unternehmen zu gründen. Viel Herzblut und Leidenschaft, Kreativität, Hirnschmalz, Fleiß und Engagement, viele, viele Stunden ihrer Zeit und meistens noch mehr Nerven investieren Gründer in ihr junges Unternehmen. Und all das in dem Bewusstsein, dass es auch schief gehen kann. Das fordert Respekt.

Klar, bei einem Unternehmen wie diesem, dessen PR-Mannschaft derartig kräftig die Trommeln gerührt und einen wirklich unglaublichen Hype erzeugt hat, ist für viele beim Scheitern die Versuchung zur Häme groß. Aber warum eigentlich? Im Prinzip haben die PR-Leute doch einfach nur einen verdammt guten Job gemacht.

Vor dem Beta-Start von Wunderkit brachten die 6 Wunderkinder Wunderlist, einen Task-Manager, als kostenloses Appetithäppchen heraus. Der wurde auch gut angenommen. Wunderlist soll inzwischen um die 3 Millionen Nutzer haben, insgesamt 5,5 Millionen Mal downgeloadet worden sein. Parallel dazu begann die PR-Mannschaft ihre Arbeit: Die Neugier auf Wunderkit wurde geschürt.

Wunderkit sollte seinen Siegeszug durch die Netzgemeinde antreten als neues, revolutionäres Produktivitäts-Tool, mit dem Projekte und Aufgaben gemanagt werden können. So wie Evernote eben, nur schicker und mit Collaboration-Möglichkeiten.

Das Ganze sollte nach Abschluss der Beta-Phase als Fremium-Modell monetarisiert werden: Basis-Funktionen kostenlos, Premium-Funktionen gegen eine Abo-Gebühr. Klang gut, klang auch in den Ohren diverser Investoren gut: High Tech Gründerfonds steigt bei 6Wunderkinder aus – Earlybird steigt ein.

Der PR-Coup gelang: Fast niemand im Netz schwieg zum Start von Wunderkit. Die Reaktionen reichten von ‘ das nächste große Ding’ bis zu ‘braucht kein Mensch’ – wobei letztere eher selten waren. Laut Netzwertig wollten über 100.000 Nutzer einen Beta-Zugang zu Wunderkit.

Und dann? Kam ziemlich schnell das große Schweigen. Die Beta-Version war noch extrem buggy, die Nutzung an sich zu kompliziert – so schnell, wie sich die Nutzer registriert hatten, verfielen fast alle unter ihnen auch wieder in Agonie. Sie nutzen Wunderkit einfach nicht weiter. Die PR-Mannschaft stieg aus (wie und warum eigentlich?) und es war kaum noch etwas zu hören oder zu lesen über Wunderkit.

Dennoch schraubte man bei den Wunderkindern eifrig weiter an der Optimierung von Wunderkit. So eifrig, dass keine Ressourcen übrig blieben für die Weiterentwicklung von Wunderlist. Womit man dann auch noch dessen Nutzer verärgerte.

Jetzt zogen die 6 Wunderkinder die Reißleine: Wunderkit wird nicht weiterentwickelt. Alle Ressourcen sollen in die Entwicklung von Wunderlist 2 gesteckt werden, das die besten Eigenschaften von Wunderkit erben und noch dieses Jahr kommen soll.

Wunderlist allerdings war ja nur als Appetizer für Wunderkit konzipiert. So muss man jetzt also tatsächlich sagen, dass das gesamte bisherige strategische Konzept der Wunderkinder gescheitert ist.

Und nun eben alles auf Anfang. Neuer Versuch mit Wunderlist 2.

Eine wichtige Frage bleibt bisher offen: Wie will das Unternehmen sich zukünftig finanzieren, wie Gewinn machen?

Eine Antwort wird weder im Blogpost der Wunderkinder noch im – ansonsten lesenswerten und bemerkenswert offenen und optimistisch klingenden – Artikel in Wunderkinder-Gründer und CEO Christian Rebers persönlichem Blog: How we shifted 6Wunderkinder to Wunderlist, again – auch nur angerissen.

Wunderkit war ja als Fremium-Modell geplant und mit ihm sollte Geld verdient werden. Sicher kein unwichtiger Beweggrund für die Investoren, bei 6 Wunderkinder einzusteigen. Wunderlist hingegen war und ist bis heute kostenlos. Nirgends war bisher zu lesen, dass sich das bei Wunderlist 2 ändern soll. Und nun?

Update 7.9.2012, 13.30 Uhr:

Christian Rebers, CEO von 6 Wunderkinder, schrieb mir gerade:

“… Wollte dir nur kurz ein Update geben, unser Business Model hat sich durch den strategischen Shift nicht geändert. Wir setzen weiterhin auf Freemium und werden im nächsten Jahr Premium Funktionen in Wunderlist implementieren!”

Hausbesuch bei 6Wunderkinder

6Wunderkinder muss man in der deutschen Start-up-Szene sicherlich niemandem mehr vorstellen. ds-Haus- und Hoffotograf Andreas Lukoschek durfte sich beim Berliner Start-up einmal ganz genau umsehen. Er fand eine ausgiebige Spielzeugsammlung, unglaubliche viele blaue T-Shirts und ein 6wunderministerium. Einige Eindrücke in unserer Fotogalerie.

ds_6wunderkinder

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Elke Fleing aus Hamburg liefert Texte aller Art, redaktionellen Content und Kommunikations-Konzepte. Sie gibt Seminare, hält Vorträge und coacht Unternehmen. Bei deutsche-startups.de widmet sie sich vor allem Themen und Tools, die der Erfolgs-Maximierung von Unternehmen dienen.