Gastbeitrag von Kalle Eberhardt Bootstrapping vs. Venture Capital – was passt zu mir?

Wer vor der Gründung steht muss die Grundsatzentscheidung treffen, ob er sein „Baby“ alleine großziehen oder auf die Finanzierung durch einen VC setzen will. Im folgenden Artikel zeigt Kalle Eberhardt auf, in welchen Bereichen die Gründungsphilosophien punkten und welches Konzept für welche Gründung sinnvoll ist.
Bootstrapping vs. Venture Capital – was passt zu mir?

Viele Menschen verbinden mit dem Begriff „Start-up“ ein mit Venture Capital ausgestattetes Team, das mit einem großen Marketingbudget im Gepäck versucht, schnell und groß in den Markt einzutreten. Das erstaunt nicht, da die Presse natürlich lieber darüber berichtet, wenn ein Ashton Kutcher oder die Samwer-Brüder Millionen in ein Start-up stecken, als über noch unbekannte Gründungen zu schreiben. Nichtsdestotrotz hat sich gerade in Berlin eine Gründerszene heraus gebildet, die eine andere Gründungsphilosophie verfolgt. Hier geht es nicht darum, möglichst viel Geld einzusammeln und dieses in Produkt und Marketing zu stecken, sondern darum, mit möglichst wenig Geld das Produkt zu entwickeln und durch kreatives Marketing Aufmerksamkeit zu erregen.

Wer vor der Gründung eines Start-ups steht muss die Grundsatzentscheidung treffen, ob er sein „Baby“ lieber alleine großziehen oder auf die Finanzierung durch einen VC setzen will. Im folgenden Artikel zeigt Kalle Eberhardt (Idea Camp) auf, in welchen Bereichen die beiden Gründungsphilosophien jeweils punkten und welches Konzept für welche Art von Gründung sinnvoll ist.

Vorteile von Venture Capital

Finanzielle Sicherheit
Es liegt auf der Hand: Wer nicht über entsprechende Rücklagen verfügt, muss dem Thema Startfinanzierung gezwungenermaßen einen großen Stellenwert einräumen. Die eigene Miete muss bezahlt werden, ohne Essen geht es auch nicht und irgendwie muss auch der Vorrat an Club Mate bezahlt werden. Außerdem fallen eventuell Kosten für Büromiete, die Produktentwicklung und das Marketing an. Ohne einen gewissen finanziellen Spielraum ist es einem Team unmöglich, langfristig Vollzeit an einem Projekt zu arbeiten. Wer Nebenjobs annimmt oder in seinem Job bleibt, bindet wiederum eigene Ressourcen. All diese Probleme wird ein Team los, sobald es Funding erhält. Von diesem Zeitpunkt an kann es sich komplett auf das Projekt konzentrieren und die finanziellen Sorgen fürs erste Vergessen.

Bekanntheit des Start-Ups
Allein im Raum Berlin existieren Tausende von Start-ups; von den meisten hat man jedoch nie gehört. Das Erreichen einer kritischen Bekanntheit ist eines der größten Probleme für Start-ups. Dieses Problem kann man als Team natürlich umgehen, wenn man Funding erhält. Es gibt diverse Seiten, auf denen publiziert wird, welche Firmen wie viel Geld erhalten haben. Allein durch die Finanzierung rücken Start-ups also automatisch auf den Radar der Presse und erzielen eine gewisse Bekanntheit, für die das Team ansonsten hart arbeiten müsste. Ein Team ohne Funding muss meist extrem in Marketing investieren, um auch nur annähernd diesen Bekanntheitsgrad zu erreichen.

Netzwerk
Eines der Hauptargumente für einen Investor sind die Netzwerke, die sich dadurch für das Team öffnen. Investoren stellen häufig hervorragende Kontakte her und verschaffen dem Team Zugang zu ansonsten schwer erreichbaren Personen. Dies nimmt dem Team sehr viel Arbeit ab und ermöglicht dadurch, sich auf andere Dinge zu konzentrieren. Zusätzlich öffnet alleine der Name eines gefundeten Start-ups viele Türen.

Allerdings hat diese Art des Netzwerkens auch einen Nachteil: Manche gefundeten Teams neigen zu Faulheit und machen sich wenig Gedanken um wirklich sinnvolle, neue Kontakte sondern greifen auf die bestehenden Kontakte zurück. Start-ups ohne Förderung bauen ihre Netzwerke hingegen sehr bewusst auf, geben ihr Herzblut hinein und gewinnen eine positive Hartnäckigkeit. Trotzdem: Mit Investoren im Rücken geht der Netzwerkaufbau schneller und mit weniger Reibungsverlusten.

Vorteile Bootstrapping

Gründerteam/Arbeitsatmosphäre
Gründerteams schließen sich in der Regel aufgrund gemeinsamer Vorstellungen zusammen, wissen darauf basierend, wie sie zusammen arbeiten und haben in der Regel eine sehr gute Grundlage, Probleme aus der Welt zu schaffen. Dieses Gefüge kann durch die Hereinnahme eines Investors gestört werden. Die Interessen eines Investors und des Teams gehen oftmals auseinander. Investoren denken oft in einer Zeitspanne von drei bis fünf Jahren, während das Team meist längerfristige Interessen hat. Außerdem haben Investoren teilweise andere Vorstellungen von Arbeitsweise oder vom Produkt und bringen Zeit- und Erfolgsdruck mit ins Projekt. Dies kann das Arbeitsklima im Team stören und die Produktivität senken.
Hier existieren natürlich Ausnahmen und es gibt auch Investoren, die komplett mit dem Team harmonieren und sich wenig in das Projekt einmischen. Wenn ein Team sich einen Investoren ins Boot holt, ist dies in jedem Fall eine Komponente, die im Vorfeld geklärt werden sollte.

Unabhängigkeit
Gründerteams haben in der Regel eine sehr fixe Vorstellung davon, wie ihr Produkt oder ihr Service aussehen soll. Die Idee ist ihr Baby und sie haben meist wenig Bereitschaft, dieses zu ändern. Mit der Hereinnahme von einem Investor erlangt dieser jedoch meist Mitspracherechte. Auf einmal muss sich das Team mit einer anderen Partei abstimmen, wie das Produkt ausgestaltet wird, welcher Markt zuerst betreten wird und wie Marketing auszusehen hat. Es mag Teams geben, für die das wenig kritisch ist, andere dagegen zerbrechen an dieser Herausforderung.
Wer vollständige Handlungsfreiheit wünscht, dem bleibt oftmals nur der Weg, das Produkt ohne Investor an den Markt zu bringen.

Sinnvoller Umgang mit Ressourcen
Es gibt viele Beispiele von Teams, die Kapital eingesammelt haben und damit wenig umsichtig umgegangen sind. Gründer, die Geld einsammeln, arbeiten in den seltensten Fällen weiter von zu Hause aus, um Geld zu sparen. Im Gegenzug gibt es viele Beispiele, bei denen Teams sich direkt nach Erhalt des Geldes ihr Büro höchst kostspielig eingerichtet und mit allem „Notwendigen“ ausgestattet haben. Oft bleibt das Gefühl, dass die Mittel auch sinnvoller hätten eingesetzt werden können. Teams, die ihr Projekt bootstrappen, arbeiten dagegen häufig von zu Hause aus, drehen jeden Cent zwei Mal um und analysieren bei jeder Ausgabe, ob dies nun die sinnvollste Möglichkeit ist, das Geld zu nutzen. Hierbei wird der kritische Umgang mit Ressourcen sozusagen von Kleinauf gelernt.

Zeit bis Marktreife
Auf den ersten Blick könnte man meinen, gefundete Start-ups brauchen weniger Zeit als gebootstrappte Start-ups, bis sie ihr Produkt an den Markt bringen. Schließlich stehen Teams mit Funding unter Druck und haben meist straffe Zeitpläne, jeder Schritt wird kontrolliert und bei Bedarf können zusätzliche Mitarbeiter eingestellt werden. Allerdings sieht es in der Realität so aus, dass sich gefundete Teams oftmals nicht mit einem simplen Produkt zufrieden geben, sondern noch viele Extras einbauen und für möglichst viele Fälle vorbereitet sein wollen. Diese Zusätze nehmen viel Zeit in Anspruch und verzögern die Marktreife oftmals. Hinzu kommt bei diesen Teams die Zeit, die sie mit der Suche eines Investors verloren haben. Start-ups verbringen oftmals Monate damit, einen Investoren zu suchen, anstatt in dieser Zeit ihr Produkt im Markt zu testen und weiter zu entwickeln.

Die Situation beim Bootstrapping ist eine ganz andere. Hier fokussieren sich die Gründer – trotz Nebenjob – meist auf den Kern des Produktes. Alle zusätzlichen Wünsche werden zunächst vernachlässigt und das Produkt wird möglichst schnell an den Markt gebracht. Anschließend kann das Produkt von den Einnahmen weiter ausgebaut werden.

Mut zu Fehlern
Wer keinen Namen hat, hat nichts zu verlieren. Firmen mit Funding werden häufig aufmerksam von den Medien beobachtet, was riskante Markttests unattraktiv macht und den Mut zu Fehlern mindert. Schließlich möchte man nicht schon vor dem Start schlechte Presse provozieren. Dies beraubt das Team jedoch um eine große Chance. Die Möglichkeit, aus Fehlern zu lernen, ist eine der wertvollsten Ressourcen, die ein Start-up hat. Nur wer früh mit einem Produkt an Kunden herantritt, kann Kundenwünsche früh einbauen und Probleme schnell erkennen. Start-ups ohne bekannten Namen können viel mehr riskieren und entsprechend Kundenfeedback deutlich besser in ihr Produkt einarbeiten.

Unentschieden: Lernerfolg und Erfolgschancen

Lernkurve des Teams
Teams mit Funding erhalten meist umfangreiche Unterstützung in vielen Bereichen. So werden sie z.B. in der Kundenansprache geschult, bekommen Support bei komplexer Software, beim Netzwerken etc. Dadurch erhalten sie häufig einen schnellen Einblick und bewegen sich so relativ zügig in vielen Gebieten sehr sicher. Das lässt die Lernkurve des Teams am Anfang sehr schnell ansteigen. Mit der Zeit jedoch werden die neuen Aufgaben weniger und das Team setzt angelernte Methoden souverän um.
Teams mit Bootstrapping-Ansatz haben es anfangs ungleich schwerer. Sie müssen sich mit jedem aufkommenden Problem zunächst intensiv beschäftigen, um sich gegebenenfalls Hilfe holen zu können. Dies kann je nach Komplexität des Problems sehr zeitraubend sein. Die unbekannte Software muss mit viel Aufwand verstanden werden, die ersten Versuche zu netzwerken scheitern kläglich und die ersten Kundengespräche laufen miserabel. Der Vorteil dieser Teams jedoch ist, dass sie dadurch viele Ansätze ausprobieren, aus Fehlern lernen und nachhaltig lernen, wie mit bestimmten Situationen umzugehen ist. Dadurch verstehen sie oftmals ihr Business besser und haben langfristig einen Vorteil.

Erfolgswahrscheinlichkeit
Der natürliche Menschenverstand sagt einem natürlich, dass eine Firma mit Kapital von einer Million Euro größere Erfolgschancen hat als eine Firma, in der die Gründer kaum ihre Miete bezahlen können. Auch erhalten meist nur sehr vielversprechende Ideen Förderung. Das bedeutet also, dass es eine Vorselektion gibt und die guten Ideen auch noch mit einem Wettbewerbsvorteil starten.
Trotzdem sollten Gründer das Potential eines Unternehmens, das den Bootstrapping-Ansatz verfolgt, nicht vernachlässigen – zumal „Erfolg“ nicht unbedingt immer ein Millionen-Exit sein muss. Ein einfaches Geschäftsmodell mit einer klaren Monetarisierung, das schnell und einfach umgesetzt wird, hat einige Vorteile. Es sammelt Erfahrungen am Markt, bevor andere Firmen überhaupt daran denken, mit Kunden zu sprechen, es kann bereits Kundenbindung erzielen und versuchen, eine kritische Masse zu erreichen. Dann tut sich selbst ein sehr finanzkräftiges Unternehmen anschließend schwer, diese Marktanteile zu übernehmen.

Empfehlung

Die Wahl, ob Gründer Funding anstreben sollten oder nicht, stellt sich in der Realität vielen Teams zunächst gar nicht. Viele Gründer verschwenden viel Zeit damit, einen Investor zu finden, das Vertragliche zu regeln und Büros einzurichten. Darüber vergessen sie das Wesentliche: die Produktentwicklung und den Markttest. Sobald die Voraussetzungen allerdings geschaffen sind, ist das Arbeiten in einem finanzierten Start-up hervorragend. Es sind finanzielle Mittel vorhanden, um Dinge auszulagern, der Markteintritt ist mit einer riesigen Kampagne möglich und die Kunden kennen das Unternehmen oftmals schon, bevor überhaupt ein Produkt existiert.

Bootstrapping kann hingegen ein beschwerlicher Weg sein. Kaum Mittel, um das Produkt zu entwickeln, kaum Geld um die Wohnung zu bezahlen und beim Marketing ist man auch auf Kreativität angewiesen. Trotzdem kann dieser Ansatz auch unglaublich zufriedenstellend sein. Wer so seinen ersten Kunden gewonnen hat oder sein erstes Gehalt verdient, erzielt dadurch viel mehr Befriedigung. Auch die Selbstbestimmung ist ein Aspekt, der bei vielen Gründern die Augen strahlen lässt.

Letztlich hängt die Entscheidung davon ab, welche der oben genannten Aspekte den Gründern am wichtigsten sind.

Folgende Fragen können dabei helfen:
* Wie wichtig ist mir Selbstbestimmung und Unabhängigkeit?
* Wie dringend brauche ich Geld?
* Kann ich mir vorstellen, noch andere Personen in mein Projekt aufzunehmen?
* Wie schnell möchte ich am Markt sein?
* Was und von wem möchte ich lernen? Von anderen oder vom Markt?
* Träume ich von Millionen in drei Jahren oder reicht es mir, zunächst nicht wohlhabend aber unabhängig zu sein?

Das bedeutet: Wem es das größte Bedürfnis ist, unabhängig zu bleiben, seine eigenen Entscheidungen zu treffen und möglichst schnell und unkompliziert am Markt zu sein, für den ist Bootstrapping genau das Richtige.

Wer hingegen vom großen Durchbruch träumt, Millionen verdienen will und bereit ist, dafür Anteile und Mitspracherechte abzugeben, dem ist die Suche nach einem Venture Capitalisten zu empfehlen. Allerdings ist auch hier zu bedenken, dass oftmals große Teile der Firma abgegeben werden, was durch den Mehrwert des Investors ausgeglichen werden muss. Ansonsten können Gründer von gefundeten Start-ups auch nach dem Exit ohne viel Vermögen dastehen. Für High-Tech Firmen oder IT-lastige Start-ups gilt: Sie werden kaum um ein Funding herumkommen.

Zur Person:
Kalle Eberhardt ist Gründer und Geschäftsführer des Idea Camp. Das Gründernetzwerk unterstützt Gründungswillige von der Ideenfindung bis zur Umsetzung ihrer Idee. Dazu veranstaltet das Team 3-tägige Workshops und begleitet die Gründer anschließend als Mentoren. Darüber hinaus betreibt Eberhardt eine Plattform für Auto-Reimporte namens „Bezwinge die Autohersteller“ (www.bezwinge-die-autohersteller.de), über die Kunden Geld beim Neuwagenkauf sparen können, und unterstützt den Callthrough-Anbieter Sprachflut (www.sprachflut.de) bei wirtschaftlichen Fragen.

Foto (oben): Shutterstock

  1. Schöner Artikel. Wir haben eigentlich nach 3 Investorenveranstaltungen gemerkt, dass die Suche nach VC recht schwierig wird. Also haben wir – wie im Artikel beschrieben – unsere Ressourcen auf die Produktentwicklung gelegt und vom Start weg, Umsätze erzielt. Diese haben sparsam eingesetzt.

    Wir können auf 2 Jahre erfolgreiches Bootstrapping zurückschauen. Mit VC wäre sicher viel mehr Werbung drin gewesen, aber dafür haben wir keinen im Nacken sitzen, der ständig Zahlen sehen will.

  2. Danke für den Beitrag, es ist der beste den ich hier seit langem gelesen habe. Gerade die Investorensuche als erster Schritt, wie Kalle anspricht, ist so verbreitet und der größte Quatsch den man machen kann. Wir bootstrappen auch seit etwas über einem Jahr und sind super happy.

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  5. Auch ich bin großer Fan von Bootstrapping. Mit den zahlreichen Fördermöglichkeiten in Berlin (EXIST, ProFIT, InnoAssi, …) gibt es ja auch noch flankierende Finanzquellen, um finanziell nicht ganz so stark auf dem Zahnfleisch laufen zu müssen.

  6. Als Fan des Bootstrapping würde ich mich auch bezeichnen. Bootstrapping und Fremdfinanzierung müssen in meinen Augen aber nicht unbedingt ein Gegensatz sein.
    Verfolgt man beide Strategien nacheinander, kann sich beides auch ergänzen:
    Per Bootstrapping schafft man den “Proof of concept”, zeigt also, dass das Geschäftsmodell generell funktioniert. Will (oder muss) man anschließend schnell expandieren, ist VC möglicherweise die effektivere Variante.



  7. egal

    Einen wesentlichen Nachteil der VC-Finanzierung hast du vergessen:
    Jedes Start-Up braucht einen Businessplan. Dort stehen u.a. Meilensteine und Umsatzziele drin, die häufig zu optimistisch veranschlagt wurden (u.a. auch, um VC erst anzulocken). Sollte sich nun das Unternehmen etwas schlechter oder langsamer als erwartet entwickeln und die o.g. Ziele verfehlen, wird es keine weitere Finanzierungsrunde geben. Nirgendwo. Auch Kredite o.ä. sind dann nahezu unmöglich zu bekommen. Das Unternehmen geht in die Insolvenz oder wird gar vom VC übernommen und mit anderer Geschäftsführung weiter betrieben.
    Beispiele dafür findet man ja auch hier zur Genüge…

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