Cloud Computing: Cloud aus Sicht des Kunden – Gastbeitrag von Stefan Rühl

Im ersten Teil seines Gastbeitrages über Cloud Computing beschäftigte sich Stefan Rühl mit der Frage “Was ist Cloud Computing?“. Im zweiten Teil ging es um “Dedicated Hosting oder virtualisierte Lösung?” Der dritte Teil […]

Im ersten Teil seines Gastbeitrages über Cloud Computing beschäftigte sich Stefan Rühl mit der Frage “Was ist Cloud Computing?“. Im zweiten Teil ging es um “Dedicated Hosting oder virtualisierte Lösung?” Der dritte Teil beschäftigte sich mit der Frage “Private managed Cloud – die ideale Lösung?” Im vierten Teil ging es um “Virtualisierungsschicht“. Im letzten Teil dreht sich alles um das Thema “Cloud aus Sicht des Kunden”.

Kundenerwartungen & Realität: Einer der am häufigsten von Carriern /Hosting Anbietern gemachter Fehler ist die Fehleinschätzung, was der Markt, die Kunden wirklich wollen. Nicht selten werden Kundenwünsche intern als Nörgelei oder „was der will ist Blödsinn“ abgetan. Die Verliebtheit in die eigenen Produkte, Lösungen oder Prozesse ist teilweise erschreckend. Oft wird auch geglaubt, dass eine intern, oft unter größten Anstrengungen implementierte Lösung nun etwas Tolles sein muss. Intern mag das so sein, aber wie sieht der Kunde es? Auch wird von solchen „Fachkräften“ der Mitbewerb meist falsch eingeschätzt.

Die großen wie Amazon oder Google werden schon fast pathologisch ignoriert und Anbieter aus dem gleichen Land eher diffamiert. So ist es zu erklären, dass es in Deutschland nicht einen einzigen Anbieter gibt, welcher ein komplett innovatives und attraktives Portfolio anbietet.

Häufig ist das Argument der Kosten zu hören. Jedoch bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass die von den Carriern eingesetzten finanziellen Mittel und personellen Aufwendungen durchaus beachtlich sind. Was jedoch i.d.R fehlt, sind erfahrene Manager, welche eine konkrete Vision für ein Portfolio und Kunden haben. Meist sind diese Führungskräfte Lichtjahre von ihren Kunden entfernt und flüchten sich lieber in interne Grabenkämpfe. Und hier eines der größten Probleme: obwohl kein Carrier, wie bereits geschrieben, sich merklich erfolgreich den neuen Herausforderungen stellt, gibt es bei vielen Carriern ausgezeichnete Mitarbeiter mit einem hohen Fachwissen. Nur fehlt es an einer durchgreifenden Organisation. Da kämpfen die „technischen / ausführenden“ Abteilungen gegen die Auftragslast des Vertriebes, beide gegen den zu langsamen Einkauf, dieser hat Probleme mit auslaufenden Budgets und die RZ und Netzwerkplaner fühlen sich eh immer ausgeschlossen und überrannt. Schaut man über diesen ganzen Kindergarten hinweg, gibt es ausreichend Kunden, welche beauftragen wollen und bei den Unternehmen auch alle Möglichkeiten, diese Aufträge umzusetzen. Was fehlt, ist ein erfahrenes Management, welches effiziente Prozesse und schlanke Organisationen aufbaut und leitet. Dieses geht natürlich nur, wenn man ein klares Ziel hat… und dieses MUSS am Kundenbedarf ausgerichtet sein.

Viele Unternehmen sind es noch gewohnt, dass ein Kunde seine Order platziert und dann die interne Maschinerie angeworfen wird. Die Lieferzeit liegt dann eben bei 8-12 Wochen… oder noch länger. Es fällt diesen Unternehmen schwer, sich auf die neuen Anforderungen einer sich gerade völlig umstellenden IT Welt einzustellen. Es besteht zu Unrecht die Hoffnung, dass man noch eine Weile so wie bisher weiter machen kann. Die Konsequenz kann man bereits seit vielen Monaten in Stellenabbauprogrammen bzw. Standortschließungen einiger renommierter Unternehmen beobachten.

Cloud beschert uns eine ungeahnte Welle von Zentralisierung und Outsourcing. Der entscheidende USP für die Kunden ist es, die aufgeblähten IT Abteilungen, welche teilweise Kosten verursachen, die eher zu kleinen ISPs passen würden, in überschaubare Serviceunits umzuwandeln. Die Kosten für Server, Lizenzen etc werden von CAPEX zu OPEX. Und der OPEX Kosten sind linear und leicht zu managen. Nur in Lastzeiten steigen diese an. Hier stehen aber i.d.R auch Einnahmen gegenüber (hohe Auftragslage / Marketing Events zur Kundengewinnung etc).

Diesen Trend aufhalten zu wollen ist ein Kampf, wie einst Don Quijote gegen die Windmühlen.

Leider wird es versäumt, hier die große Chance zu sehen, neue Kundenbindungsmaßnahmen anzuschieben.

Neben dem oben beschriebenen Managementproblem gibt es noch ein zweites: die Angst vor Fehlinvestitionen. So ist der Aufbau einer innovativen Cloud Umgebung mit Vorlaufkosten verbunden. Es muss eine Serverlandschaft inkl. der Lizenz- und RZ Kosten aufgebaut werden.

Es müssen Storagesysteme angeschafft werden und die Mitarbeiter müssen entsprechend geschult werden. Hier sind schnell Kosten von einer Million Euro oder mehr investiert. Auch werden die Aufwendungen für eine professionelle Reorganisation der Unternehmen meist unterschätzt. Aber es führt kein Weg daran vorbei. Der Markt wird seinen Weg gehen. Die Frage ist nur, wer ihn beliefern wird.

In vielen Gesprächen mit CTOs, Portalgründern und Admins in den letzten 5 Jahren habe ich die tollsten Anforderungen erfahren. Die „spannendste“ war sicherlich die, dass Carrier eine völlig offene Cloud Umgebung bereitstellen sollten. Dieses bedeutet, dass der Carrier Server + Infrastruktur auf minütlich abzurechnenden Nutzungsmodellen basierend anbieten sollte. Es werden also eine Anzahl von Prozessoren & RAM geordert, welche über ein Webfrontend auf vom Kunden bereitgestellten Systemen (VMware, XEN, open nebula, Linux, Windows…) starten. Hier muss der Kunde natürlich ein hohes Know-how haben. Allerdings stellt sich hier die Frage, wie das ganze Thema Loadbalancer, Firewall, Switche etc. gehandelt werden soll. Sollte eine solche Lösung möglich sein, so hießen die Betreiber wohl eher HP, IBM etc. und Carrier würden sich wieder nur um Netze kümmern. Wohl eher eine Vision.

Interessanter ist da eher die Anforderung, via Webportal Prozessoren, RAM, Storade, Loadbalancer, Firewalls etc. zusammenzuklicken, Standardregelsätze zusammenzuklicken… bis hin zur Festlegung der MySQL DB oder des Apache in der VM. Dieses System könnte in Blöcken einen Pauschalsockelpreis haben und dann via Minutenabrechnung performen.

Denkt man dieses Modell weiter, wird nur noch via Portal z.B. 10x MySQL DB mit x SLA und 20x Apache mit y SLA usw. geordert.

Am Ende führt dieses System dazu, dass z.B. verivox nicht nur Info für den gerade billigsten Strom oder Gasanbieter ausspuckt, sondern auch den gerade günstigsten Anbieter für MySQL Datenbanken.

Allerdings glaube ich nicht, dass dieser Weg gangbar ist. Kein Anbieter wird Millionen von Euro in eine Infrastruktur investieren, die auf einem hart umkämpften Markt im Minutentakt verkauft wird. Die hier entstehende Margenschlacht wäre ruinös. Sicherlich wird es solche Anbieter irgendwann vereinzelt geben. Angeblich will Microsoft die kommende Office Version nur noch als SaaS herausbringen. Bereits jetzt läuft im TV Windows 7 Cloud Werbung. Der Zug rollt. Aber es muss zwischen Consumersystemen und businesskritischen Lösungen unterschieden werden.

Es bleibt weiterhin spannend im Markt um die Wolke. Eines ist jedoch sicher, dieser Markt wird die nächsten 5-10 Jahre beherrschen.

Rechtliche Themen

Aktuell findet eine lebhafte Debatte über die rechtlichen Auswirkungen und Bedenken in Cloud Umgebungen statt. Es ist jedoch, wie in vielen hitzig geführten Debatten, viel Feuerwerk um ein eigentlich recht sachliches Thema. Natürlich ist bei einer IT Umgebung, welche sich mehrere Kunden teilen (egal ob Plattform oder Storage) darauf zu achten, dass kein Kunde die Daten des anderen sehen kann, bzw. Teile seines Netzes, seiner V-Lans etc. Das sind keine neuen Herausforderungen. Diese Themen müssen auch heute professionell geregelt sein. Neu ist hier die Thematisierung innerhalb der Virtualisierungsschicht. Setzt ein Kunde eine private Cloud ein, entfällt dieses Thema.

Komplexer ist hier das Thema der nationalen Rechtsauswirkungen bei internationalen Plattformen. Ein Beispiel:

Ein Unternehmen hat bei seinem Cloud Anbieter in Deutschland eine Plattform angemietet. Auf dieser sind neben seinen Servern auch die Daten seiner Kunden. Verschiebt nun der Kunde eine Datenbankinstanz vom Rechenzentrum A (Deutschland) seines Anbieters in dessen Rechenzentrum B (London), so werden plötzlich die Daten seiner Kunden in einem anderen Land verarbeitet. Ebenso verhält es sich, wenn der Content auf dem Storage durch Europa oder noch weiter verschoben wird.

Auch ist zu beachten, wie welcher Content in einzelnen Ländern betrachtet wird.

Stellen Sie sich vor, sie haben erotischen Content und Ihr Carrier verschiebt diesen in sein RZ der arabischen Welt. Neben Internationalen Vereinbarungen unterliegt man in jedem Land in erster Linie den nationalen Gesetzen. Ich würde zu dieser Zeit dieses Land nicht bereisen.

Folgende Fragestellungen müssen hier bedacht werden:

* Ist den Endkunden des Kunden der Ort / die Orte der Datenvorhaltung bekannt?
* Haben diese ausdrücklich zugestimmt?
* Darf dieser Content Deutschland überhaupt verlassen (DRM)?
* Darf dieser Content in dem entsprechenden Land gehostet werden?
* Wie ist die Rechtslage (in unserem Beispiel) in UK?
* Wie kann der engl. Staat auf diese Daten zugreifen?
* Wie ist das mit dem deutschen Bundesdatenschutzgesetz vereinbar?
* Was passiert, wenn diese Daten im Ausland ausgespäht werden?
* Auswirkungen der Verträge Rom I
* Einfluss des öffentlichen Rechtes auf nationales Recht
* Auf welchem nationalen Recht beruht der Vertrag?

Im Grunde sind dieses alles Fragen, welche innerhalb Deutschlands geregelt sind. Auch in UK ist das Thema Datenschutz geregelt… nur eben in einigen Details anders. Dazu kommt dann noch die Betrachtung auf Europäischer Ebene – ganz zu schweigen, wenn es um Verlagerungen in die USA geht. Ich bin überzeugt, dass die meisten deutschen Unternehmen, welche Ihre Plattform bei Amazon betreiben, dieses Thema nicht eindeutig und zufriedenstellend gelöst haben. Zwar steht die Plattform in Irland, aber der Zugriff aus den USA ist vorhanden.

Es ist jedoch absolut unbegründet, vor dem Thema Recht Angst zu haben. Die meisten Themen sind klar zu fassen und zu benennen. Hier ist es notwendig, einen kompetenten Juristen mit der Prüfung des Themas zu beauftragen und die AGB entsprechend anzupassen. Auch wenn diese Prüfung erhebliche Kosten verursacht – ein Schadensersatzprozess auf europäischer Ebene kostet mehr – vor allem Reputation! Wichtig hier ist die Transparenz gegenüber dem Endkunden und klare Information in den AGB.

Für die Kunden ist es wichtig, dass die Leistung klar und eindeutig beschrieben ist, der Rechtsstandort eindeutig formuliert ist und die SLAs und Kündigungsklauseln / Schadensersatzregelungen klar formuliert sind. Ist hier ein Anbieter, der standardisierte Verträge hat und in für den Kunden nicht akzeptablen Teilen Änderungen nicht akzeptiert, so sollte ein anderer Anbieter in Betracht gezogen werden. Bedenken Sie die Situation Amazon / Wikileaks. Hier wurde ohne ein Urteil eines ordentlichen Gerichtes ein Kunde abgeschaltet, weil Amazon der Meinung war, Wikileaks habe einen Rechtsverstoß begangen und somit gegen die Regeln von Amazon verstoßen. Wäre Wikileaks ein Wirtschaftsunternehmen, wäre es jetzt offline = pleite.

Cloud Anbieter

Die Anzahl der Cloud Anbieter wächst ständig. Ich habe hier versucht, einige der bekanntesten zusammenzustellen. Interessant ist hier, dass jeder Anbieter einen anderen Ansatz fährt und somit eine eigene Kundenklientel anspricht. Was jedoch am meisten auffällt: es ist kein einziges deutsches Unternehmen dabei.

* Amazon Web Service
* Windows Azure
* Google Apps
* Scalr
* GoGrid
* RightScale (basiert auf Amazon EC2)
* Aptana Cloud
* flexiant

Sicherlich ist diese Auswahl nicht komplett und einige in Deutschland ansässige Unternehmen werden protestieren. Jedoch zeigt sich bei genauerem Hinschauen i.d.R., dass entweder spezialisierte Softwarelösungen (SaaS) angeboten werden oder lediglich eine Shared VM Plattform angeboten wird. Peakabrechnung im Minutentakt wird wenn, entweder über Amazon abgewickelt oder es stehen einige abgeschriebene Server dafür bereit. Das betrachte ich jedoch nicht als Cloud-Plattform.

Fazit

Nach Besprechung aller obigen Punkte und der Betrachtung des deutschen Marktes ist es für einen Carrier, welcher in diesem Markt mitspielen möchte, wohl unabdingbar, sich dem Thema der hybrid cloud, also einer Umgebung, bestehend aus public cloud, private cloud und dedicated hosting, sowie der dazu nötigen managed Services zu stellen. Ob dieses als ad hoc Projekt oder als step by step Projekt aufgesetzt wird, ist eine Frage, wie schnell welche Kunden angegangen werden sollen. Der größte Erfolg wird sich sicherlich mit der Gesamtlösung erzielen lassen, wobei diese auch nur der Beginn eines Weges ist.

Für den Kunden, welcher sich heute nach einem Cloud Anbieter umschaut, ist das intensive Prüfen und Hinterfragen der angebotenen Leistungen sehr wichtig. Folgende Punkte sollten unbedingt abgefragt werden:

* Kann in einer kostengünstigen public cloud gestartet werden?
* Kann von Dort in eine private cloud / in managed hosting migriert werden?
* Wie sehen die Migrationsprozesse aus?
* Welche OS Systeme werden supportet?
* Welche Applikationen werden supportet (MySQL, Oracle, Apache)?
* Kann die Plattform via Onlineportal gemanaged werden?
* Onlinezugang zu Ticketsystem?
* Wie arbeiten die Eskalationsprozesse?
* Internationalisierung / legal
* Storage Optionen
* Wie lange sind Vertragslaufzeiten?
* Ist ein downsizing der Plattform möglich?
* Können online neue VMs geschaltet werden und mit Images sofort ausgerollt werden?
* Kann online Storage geordert werden – mit sofortiger Nutzung?
* Wie lang sind die Mindestlaufzeiten von RAM/Proz./Storage – Minuten / Stunden / Tage?
* Kann ein Servicemanager gebucht werden?
* Gibt es Support bei Applikations- / DB Problemen?
* Wie werden Bandbreitenpeaks gemanaged?
* Garantien / Pönalen / SLAs
* Kosten

Sicherlich gibt es noch viele weitere abzufragende Punkte. Gerade wenn es um SaaS Lösungen geht. Jedoch soll dieses Papier nur Gedankenanstöße geben und nicht fertige Lösungen vorstellen.

Tipp: Weitere Artikel zum Thema Cloud Computing gibt es in unserem Special

Zur Person
Stefan Ruehl ist seit fast 20 Jahren im IT-Sales für verschiedene Carrier tätig und hat in dieser Zeit einige der bedeutendsten Web 2.0-Portale in Deutschland beraten und begleitet. In den vergangenen Jahren hat er viele Gespräche mit CIOs, CTOs und CEOs zum Thema Cloud Computing und dessen Vorteile und Risiken geführt. In diesen Gesprächen zeigte sich immer deutlicher, dass die große Herausforderung im Cloud Computing weniger technische, rechtliche oder kaufmännische sind, sondern vielmehr die Vernetzung und Gestaltung von Unternehmensprozessen mit der „Produktion“ und die Annahme neuer Rollensituationen der Mitarbeiter – also eine Top Management-Aufgabe.

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.