Weshalb IT bei Web-Startups keine wichtige Rolle spielt – Gastbeitrag von Paul Piper

Weshalb IT bei Web-Startups keine wichtige Rolle spielt – oder: How I stopped worrying and learned to love the game! Im Grunde ist jeder Gründer mit der IT unzufrieden. Das Layout ist nach […]

Weshalb IT bei Web-Startups keine wichtige Rolle spielt – oder: How I stopped worrying and learned to love the game! Im Grunde ist jeder Gründer mit der IT unzufrieden. Das Layout ist nach drei Monaten schon nicht mehr so frisch, der Bestell- oder Registrierprozess wirft noch Fehler und überhaupt denkt man längst an die übernächste Version, die endlich den eigenen Vorstellungen entsprechen wird. Ein Agenturwechsel, eine komplette Neu-Entwicklung oder ein frisches Design, alles ist in der IT möglich. Die Wichtigkeit dieser Änderungen wird jedoch häufig überschätzt.

Make or Buy?
Es fängt schon bei der Konzeptionierung an: Eigenentwicklung oder Fremd-Software? Was so einfach klingt, hat weit reichende Konsequenzen. Wer einen ITler im (Gründungs-)Team hat, wird sich fast immer für eine Eigenkonstruktion entscheiden, obgleich ein externer Dienstleister mitunter die besseren Erfahrungen einfließen lassen könnte. Die Vorteile der internen Lösung liegen ja auf der Hand: man muss nicht sofort entscheiden, welche Anforderungen die eigene Software erfüllen muss und außerdem muss man Externen nicht vertrauen.

Bei der eigenen Gründung wird sich dabei besonders gern auf Open Source-Lösungen verlassen. Kostenlos bekommt man professionelle Software-Bausteine aus denen man in Handumdrehen die eigene Plattform entwickeln kann. Was einem jedoch keiner verrät: die Dokumentation fehlt häufig, eine Lösung, die genau die eigenen Bedürfnisse perfekt abdeckt, ebenso.

So kriegt man neben der kostenlosen Software auch noch einen verstecken Kostentreiber gratis dazu! Der Gründer, der die Entscheidung trifft, kennt die konkreten Anforderungen an die Open-Source-Software nicht, entscheidet auf Basis eines groben Funktionskatalogs und hofft aufs Beste. Viele Gründer unterschätzen dabei die internen Kosten für die Anpassungen oder überschlagen diese erst gar nicht. Ein hervorragendes internes Team von Entwicklern ist zwar etwas günstiger als der Einkauf der fertigen Software, erfordert aber auch ein enormes Verständnis von Technologien und der Gründer muss seine Anforderungen klar kommunizieren können, damit diese auch umgesetzt werden können.

Leider scheitern gute Teams meist genau an letzterem. Selbst ein hervorragendes Entwickler-Team kann keine hervorragende Leistung bringen, wenn die Ziele nicht klar formuliert sind – dies überträgt sich auch auf die Software, die im schlimmsten Fall die erdachten Anforderungen nur in Teilen erfüllt. Hier ist die Unzufriedenheit geradezu vorprogrammiert. Nächster Ansprechpartner: Ein externer Berater. Aber Vorsicht: ein guter Berater verkauft keine Luftschlösser, vor Lösungen die das Internet revolutionieren werden, sollte man also Abstand nehmen.

Die Präsentation gewinnt
Wenn man vielen aktuellen Medienberichten glauben schenkt, so ist fast jedes Web-Startup von einem enormen Technologie-Push getrieben. Google liefert mit komplizierten Hi-Tech-Algorithmen die besten Ergebnisse, Amazon lockt alle Kunden durch seine Vorschlagfunktion und Facebook nutzen alle, weil die API so viele, tolle Spiele liefert. Soweit so vorschnell geschlussfolgert. Natürlich spielen die Technologien eine Rolle bei Web-Startups, deren Einfluss auf den Erfolg wird jedoch weitestgehend überschätzt.

Denn während man selber zwar die eigenen Prozesse im Hintergrund genau kennt, so sind diese dem Kunden fremd und die Technologie interessiert zunächst weniger. Besucher interessieren sich ausschließlich für Inhalte, seien es Texte, Bilder oder Produkte. Man kann den Kunden also theoretisch auch dann schon überzeugen, wenn die Seite einmal rein statisch erstellt und ohne unterstützende Software ins Netz gestellt wurde.

Ein wenig weitergedacht, hat Technologie also nur einen untergeordneten Einfluss auf den Erfolg des Unternehmens: sie stellt die vom Kunden gewünschten Inhalte für Ihn möglichst schnell und ansprechend dar – sprich: sie präsentiert den guten Inhalt. Da einem Niemand hinter die Kulissen schauen kann, kann also auch eine „minderwertige“ Software tolle Resultate liefern, sofern diese die Inhalte sinnig in Szene setzt.

Tolle Software ist nutzbar – hübsche Software ist teuer
Die Darstellung von Inhalten ist einem Plattform-Betreiber enorm wichtig und doch ändert sich die Startseite nur so häufig wie das eigene Team diese überarbeitet – kein Wunder also, dass der Status Quo immer ein wenig fad wirkt, besonders für die Team-Mitglieder, die ihn jeden Tag sehen. Es sind diese Momente, in denen man gerne der Plattform eine Generalüberholung geben möchte.

Hüte dich vor diesen Momenten! Das Gefährliche an ihnen ist, dass man kurzfristig gewiss ein wenig mehr Aufmerksamkeit erhält. Mit etwas Glück schreiben andere über die Änderungen und vielleicht schauen auch die bisherigen Kunden einmal neugierig vorbei. Was man hierbei jedoch vergisst, ist das folgende: Neugier ist kein Interesse am eigentlichen Angebot. Schlimmer noch: sie hält einen selber davon ab die eigenen Leistungen und Darstellungen der bereits vorhandenen Angebote zu überdenken und gezielt zu verbessern.

Dies bedeutet gewiss nicht, dass man nicht auch die Optik überdenken muss, dies sollte jedoch immer im Kontext der so genannten „Usability“, also der Nutzbarkeit der eigenen Seite, stehen. Denn wenn der neue Look auch begeistern kann, so sind es in der Regel die besonders „brauchbaren“ Webseiten die wir regelmäßig besuchen. Webseiten sind genau wie Powerpoint-Präsentationen: Gute erkennt man an ihrem Inhalt, nicht an ihrem Aussehen.

Abschließend lässt sich also feststellen, dass die wenigsten Unternehmungen an der Leistung der IT gemessen werden, sondern an ihrem Team, welches die vorhandenen Ressourcen gekonnt einsetzt. Hinter dieser Überlegung ist jede Investition in die eigene Software gewiss nicht falsch, sollte jedoch hinter den anderen Zielen anstehen. Dies beinhaltet die Präsentation als auch die Nutzbarkeit der Seite gleichermaßen. Im Grunde nämlich ist es egal, welche Software Du nutzt – Hauptsache ist, der Kunde versteht und schätzt dein Angebot!

Zur Person
Paul Piper ist Gründer und Geschäftsführer von ilscipio (www.ilscipio.com), einer E-Commerce Agentur, die unter anderem Weiterentwicklungen an dem Open Source-System OFBiz umgesetzt hat. Zusätzlich ist er Gründer von Bazaaria (www.bazaaria.com), einer Verkaufs- und Tauschbörse. Daneben absolviert Piper ein weiterführendes Studium zum Technologie Unternehmer an der Hochschule St. Gallen.

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.