“Der Wettbewerb ist in Kanada stärker als in Deutschland” – Peter Berger im Interview, Teil 2

In Teil 1 des Interviews mit Peter Berger von der Autorenplattform Suite101.com (www.suite101.com) ging es zunächst um Vor-und Nachteile des kanadischen Start-up-Marktes. Im zweiten und letzten Teil werden die Finanzierungschancen für deutsche Unternehmen […]

In Teil 1 des Interviews mit Peter Berger von der Autorenplattform Suite101.com (www.suite101.com) ging es zunächst um Vor-und Nachteile des kanadischen Start-up-Marktes. Im zweiten und letzten Teil werden die Finanzierungschancen für deutsche Unternehmen in Kanada beleuchtet. Außerdem äußert sich Berger dazu, welche Start-ups in den kommen Monaten versuchen werden, den europäischen Markt zu erobern.

Welche Start-up-Ideen aus Deutschland würden in Kanada vermutlich nicht funktionieren und umgekehrt?
Mir fallen auf Anhieb keine Geschäftsideen ein, denen ich grundsätzlich ihre Chancen absprechen würde. Individuell kommt es vor allem auf den direkten Wettbewerb an – und der ist hier tendenziell stärker als in Deutschland.

Von welchen kanadischen Start-ups wird man voraussichtlich in den kommenden Jahren auf dem deutschen Markt hören?
Suite101.de als Autorenmagazin und Abebooks.de als Buchplattform sind momentan wahrscheinlich am stärksten für den deutschen Markt aufgestellt, bereits aufgrund der deutschen Beteiligung, aber auch aufgrund der einzigartigen Positionierung der Geschäftsmodelle.

Wie gut ist die Finanzierungssituation für kanadische bzw. für ausländische Start-ups in Kanada? Wie sind diesbezüglich Ihre Erfahrungen?
In der Start-up-Phase finden Unternehmer hier hervorragende Bedingungen durch sehr aktive Angel Investors und Early Stage VCs. Größere Finanzierungen finden aber auch über Investoren aus dem Silicon Valley statt; dort sind offensichtlich einige in den letzten Jahren auf die kanadischen Start-ups aufmerksam geworden.

Wie sehr haben kanadische VCs oder BAs den deutschen Markt im Blick? Konnten Sie beobachten, dass es ein Interesse gibt, in Europa insbesondere in Deutschland zu investieren?
Für den typischen Kapitalgeber ist Europa geografisch weit weg und hat ungewohnte geschriebene und ungeschriebene Geschäftsregeln – zusätzliche Risiken in einem ohnehin riskanten Geschäftsmodell. Es gibt bei nordamerikanischen Unternehmen eine starke Tendenz, sich sehr, sehr lange auf den Heimmarkt bzw. die USA zu konzentrieren.

Wie bewerten Sie dies?
Aus unserer Sicht ist das eine vergebene Chance: Europa besteht aus hochattraktiven Märkten mit weniger starkem Wettbewerb.

Was können deutsche Start-ups von kanadischen lernen?
Sicherlich von allen erfolgreichen kanadischen Web-Start-ups: wie man in den USA, dem härtest umkämpften Markt der Welt wächst.

Können Sie aus Ihrer Tätigkeit einmal genauer beschreiben, wie es Suite101.com gelungen ist, sich von Vancouver aus seine Marktstellung in Nordamerika zu erarbeiten?
Vancouver ist ein wunderbarer Ausgangspunkt, aber unser Fokus liegt seit jeher auf dem US-Markt, in dem wir den Löwenanteil unseres Traffics generieren. Wir bieten unseren Autoren professionelle Bedingungen und unseren Lesern hochqualitativen Content – das, gepaart mit einem feinen Team und viel Beharrlichkeit, ist eine hervorragende Basis für erfolgreiche Arbeit.

Gibt es weitere Beispiele für diesen Weg?
Ohne selbst dabei gewesen zu sein: mit etwas veränderten Vorzeichen galt das ganz bestimmt auch für Flickr.

Sie expandieren ja nun stark nach Europa und haben unlängst ein Büro in Berlin eröffnet: Was darf man von Suite101.com künftig erwarten? Welche Einflüsse aus Übersee sind in der Konzeption der Seite aufgenommen worden?
Ermutigt durch den erfolgreichen Start von Suite101.de wollen wir weiter in europäischen Sprachen wachsen – wir denken da derzeit vor allem an eine französische und/oder spanische Seite. Durch unser besonderes Modell ist Marktpräsenz erforderlich; das kostet immer etwas Zeit in der Vorbereitung, aber zahlt sich langfristig durch große Marktnähe aus. Das Suite101.com-Erfolgsmodell wollen wir dabei im Grundsatz übernehmen, auch wenn es feine Unterschiede bei den internationalen Seiten gibt.

Gibt es eigentlich kulturelle Unterschiede im Nutzungsverhalten von Suite101? Ist es beispielsweise in Deutschland schwieriger, gute Autoren zu bekommen, die auf Tantiemenbasis schreiben möchten? Wenn ja, worin erklären Sie sich diese Unterschiede?
Durch unser Tantiemenmodell können wir erfolgreiche Autoren stärker am Erfolg ihrer Artikel beteiligen als unsere Wettbewerber: Autoren, die unsere Hilfestellung beherzigen – und das gilt für die amerikanische wie für die deutsche Seite – lernen das nach einer typischen Anlaufphase bei uns schnell zu schätzen.

Manchmal haben wir aber den Eindruck, dass beim Wort “Autor” in Deutschland mehr mitschwingt als in Amerika und sich dadurch tatsächlich vorwiegend qualifizierte Autoren bei uns bewerben. In Amerika lehnen wir dagegen rund 80 % der Bewerbungen ab.

Abschließend: Mit der Expansion von Suite101.com nach Deutschland steht das Unternehmen ja sozusagen exemplarisch für das Modell “einmal Kanada und zurück” – was ist Ihr Erfolgrezept dafür?
Einer unserer Wettbewerber, so haben wir gehört, hat vor einigen Jahren versucht, nach Deutschland zu expandieren – und hat das noch vor dem geplanten Marktstart wieder gestoppt. Zugegeben, einige der vielen Regeln und Konventionen in Deutschland haben bei meinen kanadischen Mitarbeitern für Verwirrung oder sogar Empörung gesorgt. Aber wenn man in der deutschen Geschäftswelt aufgewachsen ist, weiß man, dass es am Ende funktionieren wird – und gibt einfach nicht auf.

Zur Person:
Peter Berger ist seit Anfang 2006 Geschäftsführer der Suite101.com (www.suite101.com) Media Inc. in Vancouver. Aufgewachsen in Hamburg, studierte er Internationale Beziehungen und Skandinavische Literatur in München und Oslo und arbeitete als Strategieberater bei der Boston Consulting Group (BCG) in Berlin. Die Autorenplattform Suite101.com erblickte bereits 1996 das Licht der Welt und unterhält seit Frühjahr dieses Jahres ein Büro in Berlin

Christina Cassala, Redakteurin bei deutsche-startups.de, war schon zu ihren besten Uni- Zeiten in den 90er Jahren journalistisch tätig. Gleich nach dem Volontariat arbeitete sie bei einem Branchenfachverlag in Hamburg, ehe sie 2007 zu deutsche-startups.de stieß und seither die Entwicklungen der Start-up Szene in Deutschland mit großer Neugierde beobachtet.

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