“Von Kanada aus ist der Marktzugang in die USA einfach” – Peter Berger von Suite101 im Interview, Teil 1

Wenn Start-ups zum Sprung über den großen Teich ansetzen wollen, haben sie nahezu immer die USA im Blick. Dabei gibt es viele gute Gründe, den nordamerikanischen Markt von Kanada aus zu erobern. Flickr […]
  • Von Christina Cassala
    Mittwoch, 27. August 2008
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Wenn Start-ups zum Sprung über den großen Teich ansetzen wollen, haben sie nahezu immer die USA im Blick. Dabei gibt es viele gute Gründe, den nordamerikanischen Markt von Kanada aus zu erobern. Flickr ist sicher das bekannteste Beispiel dafür, sich als weltweit agierendes Unternehmen vom Land nördlich der USA aus zu etablieren. Suite101.com will es diesem Vorbild gleich tun und versucht, von Kanada aus in Europa Fuß zu fassen. Mit Suite101-CEO, Peter Berger, sprach deutsche-startups.de über die Vorteile von Kanada und das Web-Verhalten seiner Einwohner.

Wie groß ist Ihrer Einschätzung nach der kanadische Start-up-Markt?
Die kanadische Start-up-Szene ist zurzeit ein wirklich bunter Markt mit vielen hoffnungsvollen Neugründungen. Ein kanadischer Szene-Blog, Techvibes, macht sich regelmäßig die Mühe, einen kanadischen “Start-up-Index” zusammenzustellen und über 170 Web-Start-ups zu ranken; die drei größten sind demnach zur Zeit Metrolyrics.com, Plentyoffish.com und Suite101.com – alle drei aus Vancouver.

Welche Themen bzw. welche Trends werden in der kanadischen Web-2.0-Welt zurzeit gesetzt?
Viele versuchen, Web 2.0 weiterzuentwickeln, was auch eine Entradikalisierung dieser manchmal kalten und massenfokussierten Web-2.0-Idee sein kann. Suite101.com konzentriert sich auf schreiberische Qualität, wie sie nur von Menschen mit Talent und Verantwortung in einem redaktionellen Prozess geschaffen werden kann – und diesen Prozess dennoch skalierbar zu machen.

Welche Argumente könnte es deutschen Start-ups schmackhaft machen, beim Sprung über den großen Teich zuerst nach Kanada statt in die USA zu gehen?
Suite101.com ist sicher ein gutes Beispiel, wie man von Kanada aus in den USA vollständig präsent sein kann. Suite101.com generiert derzeit 70 % seines Traffics in den USA und erwirtschaftet 100 % seines Umsatzes mit US-Unternehmen.
Von kanadischen Partnern hört man, dass der Umgang mit den US-amerikanischen Finanzbehörden viel komplizierter als mit den kanadischen sein kann. Dies kann man aber nur vermeiden, wenn man wie Suite101.com überhaupt keine Angestellten oder Niederlassungen in den USA unterhält.

Wenn ein Start-up nicht gerade einen Versandhandel betreibt, ist der Marktzugang in die USA von Kanada aus sehr einfach: gleiche Sprache, ähnliche Mentalität, einfache Finanztransaktionen, schnelle Flugverbindungen – den meisten US-Amerikanern scheint der Unterschied zwischen Städten wie Seattle und Vancouver eher akademischer Natur. Kanadier differenzieren hier üblicherweise stärker und betonen die Unterschiede.

Nicht zuletzt: der Lebensstil und -standard Kanadas liegt vielen Europäern sehr, oft mehr als der US-amerikanische und man sollte die bevorzugte Lage Vancouvers zwischen Meer und Bergen mit seinen Sport- und Freizeitmöglichkeiten an dieser Stelle nicht unterschlagen!

Welche konkreten Standortvorteile bietet Kanada, z.B. hinsichtlich der Löhne, Mieten, etc.?
Kanada fördert qualifizierte Einwanderung stark – viel stärker als die USA. Sogar Microsoft hat nur aus diesem Grund in Kanada ein IT-Entwicklungszentrum aufgebaut. Gerade für Unternehmen mit starken internationalen Verbindungen ist die vereinfachte Einwanderung ein riesiger Vorteil.

Aber das Lohnniveau ist doch deutlich niedriger, oder?
Im letzten Jahr hat der kanadische Dollar gegenüber dem US-Dollar stark hinzugewonnen, was das normalerweise attraktive Kostenverhältnis etwas verschlechtert hat. Wir sehen jetzt aber wieder eine Verbesserung für exportorientierte Unternehmen wie Suite101.com. Das Lohnniveau ist deutlich niedriger als in Deutschland, was für die Mitarbeiter jedoch durch etwas geringere Steuern und Abgaben teilweise aufgefangen wird. Lebenshaltungskosten, Mieten und Immobilienpreise in Toronto und Montreal sind mit Deutschland vergleichbar, Vancouver ist etwas teurer.

Können Sie sagen, was die Zentren bzw. die Start-up-Hochburgen in Kanada sind? Welche Gründe gibt es dafür?
Vancouver – Toronto – Montreal, die Ballungszentren Kanadas, alle gesegnet mit Gründern, Zuwachs – und ganz einfach Menschen, die nicht nur online etwas bewegen wollen. Die Start-ups von Vancouver sind – siehe den Techvibes-Index – die erfolgreichsten, aber da ist natürlich auch viel Glück dabei!

Suite101.com beispielsweise hat seinen Sitz in Vancouver in British Columbia. Warum fiel die Entscheidung ausgerechnet auf diesen Standort?
Die ursprünglichen Gründer von Suite101.com haben hier gelebt und hier gegründet. Uns haben die Standortvorteile in Vancouver überzeugt, insbesondere ist es nicht schwierig, talentierte Mitarbeiter von Vancouver zu überzeugen.

Gibt es “Ballungszentren” für die unterschiedlichen Geschäftsmodelle, d.h. gibt es aus Ihrer Wahrnehmung heraus in Kanada regionale Unterschiede?
Ich beobachte das nicht bei Start-ups, aber die Websites vieler größerer Unternehmen sowie die kanadischen Niederlassungen von US-Unternehmen sind vorwiegend in Toronto angesiedelt: das ist das traditionelle Wirtschaftszentrum Kanadas.

Wie gut ist die kanadische Start-up-Szene vernetzt, z.B. auch in Vancouver. Gibt es regelmäßige Treffen der Gründer, Open Coffee Clubs oder ähnliches?
Es gibt hier eine sehr aktive Szene mit verschiedenen Formaten. Das ist an Kalifornien angelehnt, ist aber natürlich kleiner, viel intimer.

Wie Internet-affin sind die Kanadier im Durchschnitt? Können Sie etwas über das Nutzungsverhalten sagen? Worin liegen Gemeinsamkeiten/Unterschiede zu den US-Amerikanern oder den Deutschen?
Die Internet-Nutzung in Kanada ist hoch, ähnlich wie in Deutschland. Nicht ganz so hoch wie in den USA, aber zum Beispiel Facebook ist in Kanada noch stärker verbreitet als in den USA, cirka jeder vierte Kanadier ist mittlerweile auf Facebook. Dagegen nicht einmal jeder zehnte US-Amerikaner. Im Versandhandel hinkt Kanada dafür stark hinterher. Die großen Distanzen im Land und generell schwächerer Wettbewerb bewirken eine kleine Auswahl, hohe Preise und lange Lieferzeiten. Selbst bei den kanadischen Ablegern von Amazon und eBay.

Was sind Ihrer Einschätzung nach die wesentlichen Unterschiede des kanadischen zum US-amerikanischen Markt?
Für die meisten Web-Start-ups ist Nordamerika ein einziger großer Markt. Sobald Waren bewegt werden und Offline-Dienstleistungen ins Spiel kommen, ist der US-amerikanische Markt aber eine Liga für sich und Kanada hinkt, wie erwähnt, hinterher.
Als Europäer war ich etwas überrascht, wie kompliziert der Handel zwischen Kanada und den USA trotz des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens…

…der NAFTA
ja, der NAFTA, wirklich ist. Und sei es nur die Bestellung eines Taschenbuchs auf der anderen Seite der Grenze. Das trennt den kanadischen vom US-amerikanischen Markt gehörig ab.

Gibt es denn auch Gemeinsamkeiten? Wenn ja, welche?
Gemeinsam ist eigentlich alles, was ohne physische Transaktionen vonstatten geht – eine Seite wie Suite101.com zieht fast zehnmal mehr Leser aus den USA als aus Kanada an.

Welches sind die erfolgreichsten kanadischen Start-ups der letzten Jahre? Sind davon welche in Deutschland aktiv?
Flickr war sicherlich das erfolgreichste kanadische Web-Start-up bislang und ist ja auch in Deutschland sehr erfolgreich. Die Dating-Seite Plentyoffish.com ist ein toller Erfolg. Besonders charmant ist, dass diese große Seite von ihrem – übrigens deutschstämmigen – Gründer immer noch als höchst effiziente One-Man-Show ohne Netz und doppelten Boden geführt wird. Der Gebrauchtbuchmarktplatz Abebooks.com aus British Columbia, an dem einige unserer eigenen Investoren ebenfalls beteiligt sind und der vor kurzem von Amazon gekauft wurde, ist durch Akquisitionen nach Deutschland expandiert. Suite101.de ist jetzt seit Februar auf Deutsch mit Büro in Berlin online.

Wie sehr blicken kanadische Start-ups in die USA, insbesondere ins Valley?
Kalifornien ist der Impulsgeber unserer Industrie, ganz klar. Obendrein ist San Francisco nur einen kurzen 2-Stunden-Hüpfer von Vancouver entfernt. Wir sind dicht dran, aber ich weiß nicht, ob die Unternehmen hier deshalb unbedingt mehr dahin schauen. Die drei größten Wettbewerber von Suite101.com sitzen beispielsweise alle nicht im Silicon Valley…

Wie sehr empfinden kanadische Start-ups die US-amerikanischen als Vorbilder?
Anders als schon oft in Deutschland geschehen, reicht es für den Erfolg hier nicht aus, einfach ein erfolgreiches amerikanisches Geschäftsmodell neu zu verpacken. Der nordamerikanische Markt ist dazu viel zu stark integriert und man muss sich stark differenzieren. Aber natürlich schauen wir, was wir von den stärksten Web-Unternehmen lernen können; die meisten davon sitzen in den USA.

Zur Person:
Peter Berger ist seit Anfang 2006 Geschäftsführer der Suite101.de (www.suite101.de) Media Inc. in Vancouver. Aufgewachsen in Hamburg, studierte er Internationale Beziehungen und Skandinavische Literatur in München und Oslo und arbeitete als Strategieberater bei der Boston Consulting Group (BCG) in Berlin. Die Autorenplattform Suite101.com erblickte bereits 1996 das Licht der Welt und unterhält seit Frühjahr dieses Jahres ein Büro in Berlin

Aufgrund der Länge des Interviews wird es morgen an gleicher Stelle zu gleicher Uhrzeit mit Teil 2 fortgesetzt.

Christina Cassala, Redakteurin bei deutsche-startups.de, war schon zu ihren besten Uni- Zeiten in den 90er Jahren journalistisch tätig. Gleich nach dem Volontariat arbeitete sie bei einem Branchenfachverlag in Hamburg, ehe sie 2007 zu deutsche-startups.de stieß und seither die Entwicklungen der Start-up Szene in Deutschland mit großer Neugierde beobachtet.