#Interview

„Distribution schlägt Produkt“

Mehr als 1.000 Architektur- und Ingenieurbüros nutzen inzwischen Phase0. Nun möchte das Berliner PropTech mit KI-Agenten große Teile der Büroarbeit automatisieren. Gründer Matthäus Kerres spricht über diesen Plan, Fehler der Anfangsjahre und die Bedeutung von Distribution.
„Distribution schlägt Produkt“
Montag, 14. September 2026VonAlexander

Das Berliner Startup Phase0, 2020 von Matthäus Kerres und und Ferdinand Witt-Dörring als Compa gegründet, positioniert sich als „cloudbasierte AVA-, HOAI- und Bauleiter-Software für kleine und mittlere Architektur- und Ingenieurbüros“. Langfristig möchte das Team der „Branchenstandard für Architektur- und Ingenierbüros werden – als KI-Plattform mit Agenten, die eigenständig arbeiten“.

Der Kölner Venture Capitalist Realyze Ventures sowie Business Angels wie Albert Achammer und Ershad Jamil investierten kürzlich 2,6 Millionen Euro in die Jungfirma. Atlantic, LocalGlobe, Discovery Ventures sowie Angel-Investoren wie Victor Jacobsson (Klarna), André M. Bajorat und Jochen Siegert investierten zuvor bereits rund 3 Millionen Euro in das Unternehmen.

Im Interview mit deutsche-startups.de spricht Gründer Matthäus Kerres einmal ausführlich über den Stand der Dinge bei Phase0.

Wie würdest Du Deiner Großmutter Phase0 erklären?
Die meisten denken, Architekt:innen zeichnen den ganzen Tag. Tatsächlich geht aber ein Großteil ihrer Zeit für ganz andere Dinge drauf: Kosten kalkulieren, Bauunternehmen finden und beauftragen, Rechnungen prüfen, den Baufortschritt dokumentieren und dann natürlich auch die eigene Honorarabrechnung. Das ist der Teil des Jobs, den kaum jemand sieht und der trotzdem einen Großteil des Arbeitstages frisst. Genau dafür sitzen viele bis heute vor einem einzigen Rechner mit uralter Software, die sonst nirgendwo läuft, und rechnen den Rest in Excel. Wir bauen deshalb eine Software, mit der sie auf jedem Gerät arbeiten können; egal, wo sie gerade sind. Inzwischen übernimmt sogar die Künstliche Intelligenz Teile davon: Leistungsverzeichnisse und Bautagebücher, von allein geschrieben, damit Architekt:innen doch wieder mehr zum Zeichnen kommen.

War dies von Anfang an Euer Konzept?
Angefangen haben wir 2020 mit einer ganz anderen Idee: einer Zahlungsplattform für Handwerker. Die ersten Betriebe, mit denen ich gesprochen hatte, haben mir aber erklärt: Bezahlt wird erst, wenn der Architekt die Rechnung freigegeben hat. Also bin ich in die Architekturbüros gegangen und habe dort ein ganz anderes, viel größeres Problem gesehen: die Inhaber:innen haben sich mit uralter Software rumgeärgert, die nicht für kleine Büros gemacht wurde. Es gab längst 200+ Softwarelösungen für die Ausschreibung, Vergabe, Abrechnung, Controlling und Bauleitung – aber keine, die zu kleinen Planungsbüros passte: zu komplex, zu starr, meistens an einen einzelnen Windows-Rechner gebunden. Also haben wir eine cloudbasierte AVA-Software gebaut und sind mit 50 Büros auf der Plattform gestartet. Als klar war, dass das funktioniert, haben wir uns ans nächste Modul gewagt: 2023 die HOAI-Software, 2025 das Bautagebuch – Schritt für Schritt, um die komplette Büroarbeit eines Architekturbüros abzudecken. Unser Ziel ist das AI Operating System für Architektur- und Ingenieurbüros. Mit KI verändert sich jetzt noch mal alles: wie wir Software entwickeln und wie sie von Architekt:innen und Ingenieur:innen genutzt wird. Gleich geblieben ist dagegen unser Anspruch: so nah wie möglich an den Büros zu sein, für die wir Phase0 bauen.

Wie hat sich Phase0 seit der Gründung entwickelt?
Aus 50 Architektur- und Ingenieurbüros sind mittlerweile über 1.000 geworden. Als Team sind wir aber bewusst klein geblieben und wir stellen lieber langsam ein; aber dafür Leute, die mit derselben Leidenschaft und viel Ownership an die Sache rangehen. Aktuell sind wir 12 Leute, bunt gemischt zwischen Produktentwicklung und Sales/Marketing.

Blicke bitte einmal zurück: Was ist seit der Gründung so richtig schief gegangen?
In den ersten Jahren habe ich viel zu wenig mit unseren Kund:innen geredet. Dadurch haben wir viel Zeit verloren und ein paar falsche Entscheidungen getroffen. Mittlerweile spreche ich jede Woche mit 20+ Architekt:innen, ob im Support, am Sales-Telefon oder für die Produktentwicklung. Es gibt immer noch Tage, an denen mir das schwer fällt, mittlerweile weiß ich aber, dass es dafür keine Ausreden gibt.

Und wo habt Ihr bisher alles richtig gemacht?
Bei unserem Fokus in der Produktentwicklung. Wir sind bei den kleinen und mittleren Büros geblieben, vom Einzelkämpfer bis etwa 20 Personen, und haben jedes neue Modul erst gebaut, wenn wir sicher waren, dass es wirklich gebraucht wird. Wir sitzen bis heute bei unseren Kund:innen im Büro und auf der Baustelle, statt uns die Probleme am Schreibtisch auszudenken. Bestes Beispiel: Unser KI-Bautagebuch via WhatsApp, das entstanden ist, nachdem wir die Bauleitung eines 40-Millionen-Euro-Projekts dabei beobachtet haben, wie sie trotz eigener App ihr Bautagebuch abends aus Notizen und Fotos auf dem Handy zusammengebastelt hat. Durch die Nähe zu unseren Architekt:innen konnten wir ein Produkt bauen, das sie lieben und weiterempfehlen.

Welchen generellen Tipp gibst Du anderen Gründer:innen mit auf den Weg?
Ganz klar: Distribution schlägt Produkt. Das beste Produkt der Welt bringt dir nämlich nichts, wenn du es nicht besser vertreiben kannst als alle anderen am Markt. Und selbst ans Telefon gehen, jeden Tag. Egal ob für Sales, Support oder Produktentwicklung. Im direkten Gespräch mit jemandem, der gerade nicht weiterkommt oder der überlegt zu kaufen, hörst du Dinge, die in keinem Formular auftauchen.

Wo steht Phase0 in einem Jahr?

Wir wollen der Branchenstandard für Architektur- und Ingenierbüros werden – als KI-Plattform mit Agenten, die eigenständig arbeiten. Wir wollen den gesamten administrativen Aufwand für Architekt:innen und Ingenieur:innen automatisieren, damit sie sich ihrer Leidenschaft widmen können: Gebäude entwerfen statt Programme zu bedienen.

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Foto (oben): Phase0 

Alexander

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.