#Interview

“Wir haben gezeigt, wie schnell unser Modell wachsen kann”

Das junge EdTech Edurino, das wahrend der Pandemie gegründet wurde, ist auch in der jetzigen Krise extrem gut unterwegs. "Um die Aufmerksamkeit von Investoren aktuell auf sich zu lenken, bedarf es Lösungen für akute gesellschaftliche Probleme", sagt Gründerin Franziska Meyer.
“Wir haben gezeigt, wie schnell unser Modell wachsen kann”
Dienstag, 4. April 2023VonAlexander Hüsing

Das Münchner EdTech Edurino, das 2021 von Franziska Steiner und Irene Klemm gegründet wurde, möchte Kinder ab vier Jahren “spielerisch und verantwortungsbewusst an digitales Lernen heranzuführen”. Investoren wie DN Capital, Tengelmann Ventures, FJ Labs, btov, Emerge Education, Pirate Impact sowie Business Angels wie Jens Begemann, Verena Pausder, Ben Drury, Christian Felgenhauer und Maurice Khudhir investierten bisher rund 14 Millionen in die Jungfirma.

“Innerhalb eines Jahres haben wir über 100.000 Produkte an Familien verkauft und Edurino wird bereits in über 160 Bildungseinrichtungen für den digitalen Vorschulunterricht eingesetzt. Unser Team besteht derzeit aus 42 MitarbeiterInnen”, sagt Gründerin Franziska Meyer zum Stand der Dinge bei Edurino. Und die Gründerinnen haben noch viel vor! “Nach dem erfolgreichen Start in der DACH-Region planen wir dieses Jahr weitere Märkte in Europa und UK zu erschließen.”

Im Interview mit deutsche-startups.de spricht die Edurino-Macherin außerdem über Bildschirmzeit, Aufmerksamkeit und Lernfortschritte.

Wie würdest Du Deiner Großmutter Edurino erklären?
Das 21. Jahrhundert ist von einem raschen technologischen Wandel geprägt, was auch ein Umdenken in der Bildung erfordert. Um Kinder ab dem Vorschulalter an das digitale Lernen heranzuführen, haben wir gemeinsam mit PädagogInnen und ErgotherapeutInnen ein hybrides Lernsystem entwickelt. Dabei kombinieren wir eine digitale Lernapp mit haptischen Figuren und einem ergonomischen Eingabestift. Mit der Magie von Spielen vermitteln wir Kindern wichtige Zukunftskompetenzen als ein nützliches Werkzeug für die Welt von morgen verstehen lässt. Unser Produktangebot besteht aktuell aus vier Figuren, die jeweils für einen anderen Lerninhalt stehen. Durch das Aufsetzen einer Figur auf das Tablet oder Smartphone öffnet sich die Edurino-App und die jeweilige Figur führt Kinder in der App durch die magische Lernwelt. Zu den Lerninhalten zählen neben den klassischen Schulkompetenzen, wie u.a. Lesen, Schreiben, Rechnen, auch logisches Denken, Coding, Naturkunde, Kreativität und Medienkompetenz. Um die Schreibmotorik der Kinder zu fördern, wird Edurino mit einem ergonomischen Eingabestift gespielt.

War dies von Anfang an euer Konzept?
In der ersten Unternehmensphase haben wir es geschafft, ein Produkt zu entwickeln, das Kinder lieben, jungen Familien dabei hilft, die Bildschirmzeit ihrer Kinder sinnvoll zu gestalten und Kitas unterstützt, die Vorschulinhalte an das 21. Jahrhundert anzupassen. Im nächsten Schritt wollen wir uns von der hybriden Lernapp zu einer personalisierten Lernplattform für Kinder entwickeln, die sie während des Aufwachsens im 21. Jahrhundert begleitet und gemäß ihren Stärken und Interessen fördert. Was daraus für die Zukunft resultiert, ist, dass wir jetzt noch stärker auf Eltern und Einrichtungen eingehen wollen und ihnen die richtigen Tools an die Hand geben, um die Entwicklung der Kinder fördernd zu begleiten. Wir sehen in Edurino das Potenzial umfassend in der Bildung mitwirken zu können, sowohl in den Kinderzimmern, als auch in Bildungseinrichtungen. Das wird auch in der aktuellen Bildungspolitischen Debatte zur frühkindlichen Medienerziehung und Bildung deutlich. Im Digitalpakt Kita wird gesagt, dass digitale Bildung für Kinder neu gedacht werden muss und nur funktioniert, wenn die Brücke zwischen Bildungseinrichtungen und Familien gebaut wird, was wir als Pionier geschafft haben!

Wie genau funktioniert denn euer Geschäftsmodell?
Unser erstes Produkt besteht aus einer adaptiven Lernapp, unserem ergonomischen Eingabestift und echten Figuren – wobei jede Figur der Schlüssel zu einer thematischen Lernwelt ist. Die App ist kostenlos und kompatibel mit fast allen gängigen Smartphones und Tablets. Die Monetarisierung beginnt mit den haptischen Komponenten Stift und Figuren. Eltern bzw. Bildungseinrichtungen kaufen das Starterset für 44,99 Euro, das aus Stift und Figur besteht, um digitale Lernwelten freizuschalten und danach weitere Figuren für 24,99 Euro pro Lernwelt. Aktuell haben wir eine Cross-Sale-Quote für die nächste Figur von >90 %. Um noch stärker auf Kinder und Eltern einzugehen, ist ein Edurino Club in Planung, der neben tiefgreifenden Informationen und zusätzlichen Materialien für Eltern und Erzieherinnen auch weiteren Content für Kinder bereithält.

Wie ist überhaupt die Idee zu Edurino entstanden?
Uns war wichtig, etwas Nachhaltiges und Sinnvolles in die Welt zu bringen, das einen positiven Einfluss auf unsere Gesellschaft hat. Mit Ausbruch der globalen Pandemie haben wir gemerkt, wie groß der Bedarf im Bildungssektor ist. Ein entscheidender Punkt für uns war auch, dass in der Schule oft der Spaß am Lernen verloren geht und dort schon lange nicht mehr alle Kompetenzen geschult werden, die heutzutage im (Arbeits-)Alltag verlangt werden. Deswegen haben wir uns dazu entschlossen, etwas für die Bildung der nachkommenden Generationen zu tun und dort anzufangen, wo der Lernweg beginnt: im Kindergarten. Wir sind der Überzeugung, dass Bildung eine der wichtigsten Investitionen ist, was uns ermutigte, eine digitale Neuerung zu initiieren. Und damit war unsere Idee für Edurino geboren.

Was waren zuletzt die größten Herausforderungen, die Ihr überwinden musstet?
Unsere Gründung zu Beginn einer weltweiten Pandemie war sehr spannend und zugleich unternehmerisch herausfordernd. Neben dem Aufbau der kompletten Logistik inklusive Produktionsnetzwerk für unsere Hardware kreierten wir eine App. Dafür mussten wir schnell MitarbeiterInnen finden, die die richtigen Kompetenzen mitbringen und sich sehr früh mit uns auf diese spannende Reise begeben.

Wie genau hat Edurino denn seit der Gründung entwickelt?
Innerhalb eines Jahres haben wir über 100.000 Produkte an Familien verkauft und Edurino wird bereits in über 160 Bildungseinrichtungen für den digitalen Vorschulunterricht eingesetzt. Gerade haben wir unsere Serie-A Finanzierung von 10,5 Millionen Euro verkündet, die von DN Capital angeführt wird, gefolgt von unter anderem Tengelmann Ventures, Emerge Education, Jens Bergmann und FJ Labs. Unser Team besteht derzeit aus 42 MitarbeiterInnen.

Wie seid ihr mit euren Investor:innen in Kontakt gekommen?
Im ersten Schritt haben wir das persönliche Gespräch gesucht und waren auf der Slush-Konferenz in Helsinki. Dabei haben wir uns das Ziel gesetzt, möglichst viele persönliche Gespräche mit möglichen Investoren zu führen. Unsere letzte Finanzierungsrunde haben wir komplett virtuell abgeschlossen. Daraufhin haben wir mit mehr als 90 Funds gesprochen und die Investoren-Ansprache wie einen Sales-Prozess aufgebaut. Das heißt: Im ersten Gespräch galt es herauszufinden, wie die internen Prozesse ablaufen und nachgefragt, was fehlt, um im Prozess weiterzukommen. Intern haben wir uns Weihnachten als Deadline gesetzt, was uns dabei half, unser Investitionsziel zu verfolgen.

Es herrscht ansonsten derzeit Krisenstimmung in der deutschen Startup-Szene. Was ist Deine Sicht auf die aktuelle Eiszeit?
Um die Aufmerksamkeit von Investoren aktuell auf sich zu lenken, bedarf es Lösungen für akute gesellschaftliche Probleme. Mit Edurino fallen wir genau in diese Nische, da wir in Bezug auf Zukunftskompetenzen sowie die Ausbildung der nächsten Generation als höchst relevant eingestuft werden. Nehmen wir zum Beispiel die jüngste Debatte um ChatGPT als nur einer der zukünftigen Use Cases, wo Kinder andere Fähigkeiten lernen müssen, als wir es getan haben. Zudem sollten Gründerinnen ein nachhaltiges Geschäftsmodell vorweisen können. So ist zum Beispiel eine Software, die in frühestens 10 Jahren profitabel ist, in unserer Erfahrung für Investoren zur aktuellen Zeit eher unattraktiv. Wir haben seit der letzten Finanzierungsrunde gezeigt, wie schnell unser Modell wachsen kann und unsere Ziele, die wir uns zur Seed-Finanzierung gesetzt haben, nicht nur erreicht, sondern übertroffen. Damit konnten wir unter anderem  unsere Investoren überzeugen.

Blicke bitte einmal zurück: Was ist seit eurer Gründung so richtig schief gegangen?
Als Startup, das während einer weltweiten Pandemie gegründet wurde, kann so leicht nichts aus der Bahn werfen. Wir hatten bisher noch keine richtige Krise, aber es galt natürlich einige Herausforderungen zu meistern. So war beispielsweise eine Figur an Weihnachten fast ausverkauft oder ein Container ist beim Zoll hängen geblieben und wir mussten für jeden Tag Strafgebühren zahlen.

Und wo hat Ihr bisher alles richtig gemacht?
Wir haben uns getraut, inmitten einer weltweiten Pandemie zu gründen, was im Nachhinein das beste Timing für unser edukatives Produkt war. Als Vorreiter wagten wir uns, digitale Bildung für Vorschulkinder neu zu denken und der jungen Zielgruppe einen sicheren Einstieg ins digitale Lernen zu gewähren. Dafür hat das deutsche Bildungssystem trotz der Dringlichkeit bis heute keine flächendeckende Lösung entwickelt. Das Team ist das A und O. Bei Edurino haben wir ein Remote-First Arbeitsmodell mit Teamwoche, das sich als funktionierendes Arbeitsmodell bestätigt hat. Unseren MitarbeiterInnen arbeiten aus ganz Europa, was uns dabei half, innerhalb kürzester Zeit unser Spitzen-Team aus PädagogInnen, DeveloperInnen, Tech-, Gaming- & Marketing-ExtertInnen aufzubauen. Es ist eine große Bereicherung, mit Teammitgliedern zu arbeiten, die mehr Know-how in ihrem Gebiet haben, als man selbst und man von ihnen lernt bzw. inspiriert wird. Unser Team besteht aus 64 % Frauen aus 10 Nationen und wir sprechen 18 Sprachen. Unsere Diversität schlägt nicht nur positive Wellen auf unsere Unternehmenskultur, sondern auch auf die Produktentwicklung. Zudem hat es sich für uns ausgezahlt, rigoros aus Kundensicht zu denken. Dadurch haben wir z. B. bereits entwickelte Spiele weggeworfen und komplett neu gedacht, was viel Mut und Vertrauen in die Zielgruppe fordert.

Wo steht Edurino in einem Jahr?
Nach dem erfolgreichen Start in der DACH-Region planen wir dieses Jahr weitere Märkte in Europa und UK zu erschließen. Die deutschsprachigen Lerninhalte für Vor- und Grundschulkinder sollen sich in diesem Jahr verdoppeln und die Features für Eltern und ErzieherInnen wie u.a. die Einblicke in die Lernfortschritte erweitern. Dafür haben wir auch einen Edurino Club in Planung. Unsere Produkte sind bereits in über 10 großen Handelspartnern und Onlinestores in der DACH-Region, wie Media Markt, Saturn, Müller, Thalia und Gravis, erhältlich. Die Retail Präsenz soll in diesem Jahr flächendeckend weiter ausgebaut werden.

Tipp: Wie sieht ein Startup-Arbeitsalltag? Noch mehr Interviews gibt es in unserem Themenschwerpunkt Gründeralltag.

Foto (oben): Edurino

Alexander Hüsing

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.