#Interview

“Wir sind zu spät mit dem Kunden in den Austausch gegangen”

Gründeralltag - gibt es das überhaupt? "In der sehr schnelllebigen Startup-Welt versuchen wir möglichst viel Struktur in den Alltag zu integrieren, sofern das möglich ist", sagt Philipp Dressler, Gründer von Cathago.
“Wir sind zu spät mit dem Kunden in den Austausch gegangen”
Freitag, 26. März 2021Vonds-Team

Wie starten ganz normale Gründerinnen und Gründer so in einen ganz normalen Startup-Arbeitsalltag? Wie schalten junge Unternehmerinnen und Unternehmer nach der Arbeit mal so richtig ab und was hätten die aufstrebenden Firmenlenker gerne gewusst bevor sie ihr Startup gegründet haben? Wir haben genau diese Sachen abgefragt. Heute antwortet Philipp Dressler, Gründer von Cathago, einer Beschaffungsplattform für die Baubranche.

Wie startest Du in einen ganz normalen Startup-Arbeitsalltag?
In der sehr schnelllebigen Startup-Welt versuchen wir möglichst viel Struktur in den Alltag zu integrieren, sofern das möglich ist. Daher starten wir gegen halb neun in den Arbeitsalltag, dies ist natürlich von aktuellen To-Do’s und Terminen abhängig. Zu allerst tragen wir als Gründerteam die Aufgaben für den Tag zusammen. Anschließend startet jeder aus dem Team in einen zwei-stündigen Sprint, in dem er fokussiert seine Aufgaben bearbeiten und sich auf die Woche vorbereiten kann. Sobald wir mit allen Terminen durch sind treffen wir uns meistens gegen 19 Uhr zu einer abschließenden Besprechung und gleichen ab, was wir geschafft haben. Auf diese Weise können wir unsere tägliche Performance im Auge behalten und behalten den Überblick zu allen offenen Tasks.

Wie schaltest du nach der Arbeit ab?
Dies ist alles andere als einfach und gelingt nur bedingt. Dies sehe ich jedoch auch gar nicht als Nachteil an, da ich es sehr genieße abends auf dem Sofa noch Kleinigkeiten abzuarbeiten. Dabei möchte ich hervorheben, dass ich auch kein Freund des modernen Begriffes Work-Life-Balance bin. Denn das Gründerleben macht mir Spaß und ist somit Teil meines Lebens. Ich präferiere die “Work” in das “Life” zu integrieren und dies nicht als zwei verschiedene Aspekte zu betrachten. Dazu gehört auch sich samstags mit aktuellen Themen auseinanderzusetzen, was wir jedoch oft mit gemeinsamen Kochen oder einem Feierabendbier verknüpfen. Der Sonntag ist primär zum Abschalten und für Privates eingeplant!

Was über das Gründer-Dasein hättest du gerne vor der Gründung gewusst?
Wie wichtig eine gute Struktur ist! Auch wenn die Gründer und Mitarbeiter höchst motiviert und fachlich sehr kompetent sind, können diese ihre Leistung ohne eine gute Struktur niemals voll entfachen. Und dabei geht es nicht um wichtige Entscheidungen, sondern vielmehr um die kleineren Aufgaben. Im Laufe der Gründung entstehen immer mehr To-Do’s, die wenig Platz für das große Ganze lassen. Dies als Gründer wahrzunehmen ist nicht schwierig, die Herausforderung dabei besteht jedoch dieses Wissen auch in die Praxis zu übertragen. Es gibt niemanden, der einem eine Struktur vorgibt, weshalb man sich damit selbst sehr intensiv beschäftigen muss.

Was waren die größten Hürden, die Du auf dem Weg zur Gründung überwinden musstet?
Während des Gründungsprozesses gab es natürlich immer Herausforderungen, die es zu bewältigen gibt. Eine der größten Hürden ist sicherlich stets kritisch zu bleiben – vor allem sich selbst gegenüber. Dazu gehört auch, dass man eigene Ideen und Konzepte wieder über Bord wirft. Als Gründer kann man noch so stark von seinem Produkt überzeugt sein, wenn der Kunde dies nicht ist, muss man es überarbeiten. Eine weitere Hürde waren außerdem die Behördengänge: egal ob sich dabei um die Eintragung ins Handelsregister oder um den Erhalt der Steuernummer vom Finanzamt handelte, unsere Anträge wurden regelmäßig durch Systemfehler, verlorene Akten und falsche Zuordnung fehlerhaft behandelt. Dies hat uns sehr viel Zeit und Nerven gekostet!

Was waren die größten Fehler, die Du bisher gemacht hast – und was hast Du aus diesen gelernt?
Rückblickend haben wir bei Cathago sehr viel Zeit in die Entwicklung des heutigen Geschäftsmodells gesteckt. Grund dafür waren die Fehler, die wir seit Beginn der Gründung begangen haben: Wir sind zu spät mit dem Kunden in den Austausch gegangen und haben uns außerdem nicht intensiv genug mit der tiefgehenden Produktentwicklung befasst. Jedoch haben uns genau diese Fehler eine steile Lernkurve ermöglicht. Währenddessen war es uns nämlich möglich ein enorm großes Netzwerk aufzubauen. Nachdem wir den Kontakt mit Branchenexperten und potenziellen Kunden gesucht haben, war nicht nur die Bereitschaft mit uns zusammenzuarbeiten sehr groß, sondern wir als Gründer haben unfassbar viel dazugelernt. Der Prozess und die damit zusammenhängenden Fehler waren somit die Grundlage für unser heutiges Geschäftsmodell.

Wie findet man die passenden Mitarbeiter für sein Startup?
Indem man diese von seiner Idee und seiner Vision überzeugt. Als Startup ist man finanziell nicht der attraktivste Arbeitgeber, was es schwierig macht gute Bewerber zu finden. Wir glauben jedoch fest daran, dass Soft Skills und die Motivation zu lernen die Grundlage für eine erfolgreiche Zusammenarbeit sind, denn Hard Skills können gelernt werden. Als Startup mit wenig Budget haben wir mit den großen bekannten Jobportale ausschließlich schlechte Erfahrung gemacht – ganz anders lief es über LinkedIn. Mit einer kostenfreie Anzeige haben wir dort innerhalb von zwei Tagen über 30 Bewerbungen für unsere Stelle als CTO erhalten. Über LinkedIn haben wir somit auch unseren heutigen CTO kennengelernt.

Welchen Tipp hast Du für andere Gründer:innen?
Seid dazu bereit euch anzupassen, auch wenn das heißt, dass die eigene Idee vielleicht nicht mehr umgesetzt wird. Man baut in den seltensten Fällen von heute auf morgen ein riesen Unternehmen aus. Dies ist ein Prozess, der von Höhen und Tiefen geprägt ist und sicherlich auch von Momenten, an denen man am liebsten alles hinwerfen würde. Genau dann kommt es darauf an nicht aufzugeben und weiterzumachen! Der Austausch mit Verbänden und Experten hat uns dabei sehr weitergeholfen, denn diese bewerten das eigene Produkt aus einem komplett anderen Blickwinkel. Im ersten Moment kann dies auch abschreckend wirken, jedoch ist ehrliches Feedback das beste, das man als Gründer erhalten kann.

Ohne welches externes Tool würde dein Startup quasi nicht mehr existieren?
Wir arbeiten mit sehr vielen verschiedenen Tools, weshalb es schwierig ist das wichtigste davon zu benennen. Bisher sind wir ClickUp sehr zufrieden, worüber wir das Projektmanagement steuern. Gerade für den Austausch mit dem Entwicklerteam können wir somit einen guten Überblick über die aktuellen Prozesse behalten. Außerdem ist Webflow für den Aufbau unserer Website und Google Analytics, um das Nutzerverhalten zu analysieren, für uns unverzichtbar. Wir arbeiten jedoch auch sehr gerne noch mit dem klassischen Whiteboard, um Ideen zu sammeln und zu diskutieren.

Wie sorgt ihr bei eurem Team für gute Stimmung?
Die Erfolge, die wir feiern können. Wir merken deutlich, welche Energie positive Nachrichten auslösen können und das Team vorantreiben. Dies macht nicht nur Spaß, sondern motiviert alle. Außerdem ist das Kreativmeeting am Donnerstagnachmittag ein fester Termin in unserem Kalender. Dort besprechen wir beispielsweise neue Ideen, spinnen über künftige Geschäftsmodelle oder erarbeiten gemeinsam neue Funktionen, was oftmals mit einem Feierabendbier verbunden wird.

Was war Dein bisher wildestes Startup-Erlebnis?
Bei Cathago war es weniger ein Erlebnis, sondern vielmehr der Prozess von der Ideenphase bis hin zur Gründung, der Produktentwicklung bis hin zum ersten Investment. Und wenn wir über die kommenden Monate reden, strotzt das ganze Team voller Motivation und Ehrgeiz! Wir haben wirklich ein tolles Team geschaffen und für unser junges Alter viel gemeinsam erleben dürfen. Das gibt uns viel Kraft und verbindet uns alle sehr!

Tipp: Wie sieht ein Startup-Arbeitsalltag? Noch mehr Interviews gibt es in unserem Themenschwerpunkt Gründeralltag.

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Foto (oben): Cathago