#Gastbeitrag

Die dunklen Seiten des Entrepreneurships – und warum wir offen damit umgehen sollten

Inspiriert durch eine Linkedin-Diskussion mit Olaf Jacobi (Capnamic Ventures) habe ich mich entschlossen, in diesem Artikel ein Thema zu behandeln, das in der Gründerszene ungern besprochen wird: die dunklen und schmerzhaften Seiten des Entrepreneurships.
Die dunklen Seiten des Entrepreneurships – und warum wir offen damit umgehen sollten
Dienstag, 15. Dezember 2020Vonds-Team

Als mich Christoph Keese für sein Buch „Disrupt Yourself“ interviewte und von mir wissen wollte, was mich antreibt, war er von meiner ehrlichen Antwort nicht sonderlich überrascht (was mich wiederum überraschte). Hart formuliert treibt mich ein innerer, stets präsenter Schmerz an. Die Geburtsstunde meiner Angst war, als meine Eltern hart von einer Markttransformation getroffen wurde. Als selbstständige Bäcker mit eigener Bäckerei hatten sie große Schwierigkeiten, mit der neuen Billigkonkurrenz der Backshops umzugehen. Dass sie ihr Geschäft aufgeben mussten, ist weiterhin der Nukleus des besagten Schmerzes, der mir große Energie, Kraft und Fokus gibt und mich förmlich dazu prügelt, meine Ziele erreichen zu wollen und die Extrameile zu gehen. Überraschenderweise, so die Erkenntnis von Christoph aus diversen Gesprächen mit anderen Unternehmen, ist Schmerz ein Antrieb, den viele teilen.

Auch wenn es mich enorm freut, dass immer mehr Gründer und Gründerinnen ihre Zukunft im Entrepreneurship sehen, bedauere ich es, dass die Start-up-Welt eine falsche, aus meiner Sicht über-romantisierte Version der Realität des Gründens und des Gründerseins vermittelt. Wir hören ständig von jungen Menschen, deren Träume wahr wurden, wir erfreuen uns an Geschichten, wie aus Ideen Firmen mit hunderten Mitarbeiter wurden und wir blicken neidisch auf Exits mit großen Zahlen, die das Leben der Gründer und Gründerinnen nachhaltig verändern.

Die Kehrseite des Gründens

Wir verschweigen dabei allerdings viel zu oft, dass diese Reise nicht immer schön ist, dass sie schmerzvoll sein kann und dass es viel Selbstaufgabe und Schmerzresilienz benötigt, um erfolgreich ins Ziel zu kommen. Wir vergessen auch oftmals zu erwähnen, dass in nicht wenigen Fällen Glück, glückliches Timing oder andere nicht steuerbare Impulse von außen den entscheidenden Erfolgsfaktor darstellten. Obwohl es mittlerweile Basiswissen jedes Start-up-Interessierten ist, dass es die meisten Neugründungen NICHT schaffen, vergessen wir bei dieser Darstellung, was es mit Unternehmern und Unternehmerinnen macht, wenn ihr Traum nicht in Erfüllung geht. Was es bedeutet, das berühmte erste Kapital der „Friends and Family“ abzuschreiben. Wie es sich anfühlt, Mitarbeiter zu entlassen, die an die Idee geglaubt haben und deren Vertrauen und deren Hingabe so wichtig war. Die Mär vom „Fail fast“ und die Inszenierung von „Fuck-up-Nights“ verzerren das Bild weiter. Ich selbst kann mich davon nicht ausnehmen: Obwohl mir die ganz große unternehmerische Niederlage bisher glücklicherweise erspart blieb, musste ich in meinen Start-ups – ob als Gründer oder CEO – selbst immer wieder schmerzlich feststellen, dass es nicht wie ursprünglich geplant weitergehen konnte. Ein gutes Beispiel dafür ist relayr: Zwar konnten wir 2018 einen erfolgreichen Exit hinlegen, aber bis dahin war es ein sehr langer Weg. Auf dem wir unser ursprüngliches Geschäftsmodell aufgeben mussten, als uns klar wurde: Das wird nie skalieren und der Bedarf für unser Produkt ist viel zu begrenzt. Das tat weh und war ein schwerer Schritt, den nicht alle unsere Mitarbeiter mitgehen wollten und konnten.

Ich möchte mit diesen Zeilen niemanden vom Gründen abhalten. Im Gegenteil. Es ist mir allerdings ein Anliegen, dass wir ehrlich über die unternehmerische Reise sprechen. Das ist einer der Gründe, warum mir Mentoring so wichtig ist. Einen (im Idealfall) positiven Einfluss auf junge Menschen zu haben, ist für mich eine wichtige Erfahrung und etwas, das mir viel gibt.

Mittelstand und Start-ups: geteilte Werte

Mittlerweile glaube ich aber auch, dass diese schmerzhaften Erfahrungen, die wir Unternehmer im Laufe der Zeit machen mussten, ein Grund sind, warum immer mehr eher konservative Unternehmen auf unsere Lösungen und Leistungen vertrauen. Durch meine Rolle bei relayr, die ich nach wie vor sehr genieße und die ich jetzt, nach dem Exit, mit derselben Intensität und Passion vorantreibe wie vorher, habe ich viel Kontakt mit mittelständischen Unternehmen und familiengeführten „Hidden Champions“. Ein Grund dafür, das höre ich immer wieder, warum diese eher konservativen Unternehmer mit uns zusammenarbeiten und nicht mit „den großen“ Playern, sind die Werte, die wir teilen und die schmerzhaften Erfahrungen, die wir gemein haben.
Ein mittelständischer Unternehmer weiß, dass wir Gründer nicht aufgeben. Wenn wir ein Leistungsversprechen abgeben, weiß er, dass wir mit allen uns möglichen Mitteln dafür kämpfen werden, das Versprochene einzulösen. Wir gehen die Extrameile. In Diskussionen spürt er, dass wir durch diverse „Täler der Tränen“ gegangen sind, um dort anzukommen, wo wir heute stehen. Daraus leitet sich eine gemeinsame Werte- und Einstellungsbasis ab, auf der aufbauend eine eng verbundene Beziehung entstehen kann. Ein unschlagbarer Vorteil, im Idealfall eine Verbindung auf Augenhöhe. Ein wahrer USP, den Großunternehmen nur schwer kopieren oder verwässern können.

Da ich ferner daran glaube, dass die Zeit der B2B-Gründungen jetzt erst recht gekommen ist, bin ich der festen Überzeugung, wir sollten offener mit unseren Erfahrungen umgehen. Zum einen verstehe ich das als unsere Verantwortung gegenüber der neuen Gründergeneration. Zum anderen haben wir in Deutschland eine Landschaft an Unternehmen, die zu einem Großteil familiengeführt sind. Ein Vorteil, der uns volkswirtschaftlich erfolgreich durch diverse Krisen geführt hat. Wie bereits beschrieben, reagieren diese Unternehmer positiv auf das, was wir Unternehmer erleben. Sie identifizieren sich teilweise damit und wir sollten diese vermeintliche Schwäche zu unserem Vorteil nutzen.

Daher möchte ich diesen Artikel mit einem Apell abschließen. Sprecht offen über Eure Erfahrungen. Zelebriert die Erfolge, die Ihr Euch erarbeitet habt. Aber vergesst nicht, dass es nicht die rosaroten Erfolge sind, die Euch formen. Geht offen mit der anderen Seite der Medaille um.

Tipp: Gründer über ihren größten Fehler

Über den Autor
Josef Brunner startete 2014 bei relayr als Founding Investor und Executive Chairman. 2015 übernahm er die Position des CEO. In dieser Tätigkeit koordiniert er die Bedürfnisse verschiedener Gruppen – vom relayr Management und dem Strategie-Team, bis zu den Investoren, dem Board of Directors, den Angestellten und natürlich den Kunden. Vor seiner Tätigkeit bei relayr gründete Josef Brunner bereits mehrere IT- und Cyber-Sicherheits-Unternehmen, darunter den Softwareanbieter JouleX sowie Bastille Networks, das später von Cisco übernommen wurde.

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Foto (oben): Shutterstock