#Gastbeitrag

Das Nutzererlebnis entscheidet! Die Fintech-Szene – eine Zwischenbilanz

Die bislang ausgereiftesten Fintech-Bereiche sind wohl der Zahlungsverkehr, die Kreditvergabe und das Trading. Künftige Anwendungsgebiete und Technologie werden durch Blockchains, noch günstigere und schier unbegrenzte Rechenleistung und Clouds geprägt.
Das Nutzererlebnis entscheidet! Die Fintech-Szene – eine Zwischenbilanz
Freitag, 20. November 2020Vonds-Team

Kontaktloses Bezahlen, Echtzeit-Zahlungsabwicklung, Handel mit Kryptowährungen und Social Trading – alle diese Innovationen haben den Finanzsektor umgeworfen, Traditionsinstitute an den Rand oder zu Fusionen gedrängt und überflüssige Berufsgruppen minimiert. Wie in keiner anderen Branche haben Fintechs ihre disruptive Wirkung gezeigt. Welche Aspekte prägten die Entwicklung der vergangenen Jahre – und welche Faktoren entscheiden über die Zukunft der knapp 1.000 deutschen Finanz-Startups?

Mit modernster Computertechnik arbeiten Banken & Co. bereits seit Jahrzehnten, meist hinter den Kulissen. Kunden haben davon wenig mitbekommen. Vor gut 20 Jahren traten Onlinebanken ihren Siegeszug an. Dann ist lange nichts passiert – bis zur Finanzkrise 2008. Das Negativimage der Branche und verspieltes Vertrauen haben neuen Akteuren Chancen eröffnet. Es war die Zeit, in der jedes Unternehmen Vorschusslorbeeren bekam, das „API-Calls“ in vermeintliche Nutzererlebnisse übersetzen konnte. Allerdings wurde dies von den Kunden kaum akzeptiert, es war mehr ein Trend-Wort für Investoren. Anderes funktionierten vor allem Startups, die sich auf Zahlungsdienstleistungen spezialisierten, wie einst Paypal. Die neue Generation um TransferWise und N26 startete die Fintech- und Finanzierungswelle neu und öffnete die Schleusen für uns alle.

In der Phase bis heute verbreiterte sich der Branchenfokus: In jeder Kategorie haben wir jetzt mehr Unternehmen mit Fintech-Ansatz, wie Steuern, Zahlungen, Investitionen, Robo-Advisory, Vermögensverwaltung und Kryptowährungen. PropTech, Finanzierung und InsurTech waren 2019 laut Comdirect die größten Sparten. Die Firmen sind ordentlich finanziert. Der Löwenanteil der gut 1,5 Milliarden Euro Risikokapital in 2019 ging demnach an Finanzaggregation, also Unternehmen, die Produkte zur Bündelung von Finanzinformationen vermarkten. Allerdings ist es für alle Fintechs teurer, um in Fahrt zu kommen. Vieles dreht sich dabei um Lizenzen oder starke Whitelabel-Partnerschaften, ohne die kaum ein Geschäft zu machen ist. Auch die API-Landschaft ist jetzt offener. Eine Fülle von Diensten ist entstanden, die Open Banking, Open Apis und Accelerating Programs anbieten, wie das „VISA FinTech Program“. Gleichzeitig ist die Kundenbetreuung wichtiger geworden. Das Bewusstsein der Nutzer ist hier nämlich höher als in anderen Branchen. Banken und die Etablierten gelten bei den Verbrauchern als langsam und angerostet. Daher hat man auch einen besseren Zugang, den Kunden das Verkaufs-Pitch zu liefern.

Künftig wird sich also noch mehr, ja alles um das Nutzererlebnis drehen: Die App / das Produkt mit der einfachsten Lösung und den komplexesten Operationen im Hinterland, wird gewinnen. Super-Apps werden den Markt übernehmen. Die Leute wollen nicht sechs Finanz-Apps haben, sondern eine, in der alles drin ist. Daneben wird die Regulierung, inklusive Anti-Geldwäsche-Auflagen, immer strenger. Hier ist mit den RegTechs sogar eine Untersparte entstanden. Der zunehmende Wettbewerb lässt indes die Akquisitionskosten explodieren. Für all dies – Super-Apps, Regulierung und starke Konkurrenz – benötigen die Unternehmen mehr Finanzmittel und Zugkraft. Automatisierte Abläufe werden der Schlüssel für das bestmögliche Nutzererlebnis sein. „Conversion Time“ wird zum Erfolgsfaktor. Denn Nutzer treibt die Frage: “Wie schnell kann ich mein Konto bei Ihnen eröffnen?” Know your customer-Prozesse werden daher bedeutsamer denn je.

Fintechs mit ihrem Kunden- und Technikfokus und Smartphones und Tablets als einfacher Zugangsebene haben die Branche neu erfunden. Und wie haben die Branchengrößen auf all das reagiert? Sie haben eigene Entwicklungsabteilungen gegründet, sind Kooperationen eingegangen oder haben Start-ups aufgekauft. Daneben haben sie Inkubatoren und Hubs eröffnet, wie die Deutsche Börse oder die Deutsche Bank. Gleichzeitig sind viele junge Unternehmen gescheitert, vom Markt verschwunden oder haben Insolvenz angemeldet. Inzwischen hat sich die Szene in vor allem Hamburg, Frankfurt und Berlin konsolidiert und ausdifferenziert. Die bislang ausgereiftesten Fintech-Bereiche sind wohl der Zahlungsverkehr, die Kreditvergabe und das Trading. Künftige Anwendungsgebiete und Technologie werden durch Blockchains, noch günstigere und schier unbegrenzte Rechenleistung und Clouds geprägt. Robo-Advisor, Smart Contracts, Künstliche Intelligenz und selbstlernende Algorithmen stellen die kommende Stufe dar. Kryptowährungen vereinfachen und verbilligen Geldtransaktionen – Blockchains jedoch alle erdenklichen Transaktionen von Vertragsabschlüssen bis zu vollständigen Lieferketten. Ich bin gespannt auf die nächste Fintech-Zwischenbilanz.

Über den Autor
Benjamin Bilski ist CEO der NAGA Group AG.

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Foto (oben): Shutterstock