#Interview “In der Krise haben wir es geschafft, Kunden zu gewinnen”

"Wir mussten in den ersten Wochen im März schnell und flexibel reagieren. An manchen Tagen haben wir 50.000 Stunden neu besetzt und mussten gleichzeitig 20.000 Stunden stornieren", sagt Benjamin Roos, Gründer von Studitemps.
“In der Krise haben wir es geschafft, Kunden zu gewinnen”

In den vergangenen Jahren stecken diverse Investoren mehr als 23 Millionen Euro in die Jungfirma Studitemps. Zu den Investoren der Zeitarbeit-Jobbörse gehören Holtzbrinck Ventures, Xange, Iris Capital und Seventure. In den vergangenen Wochen ist auch bei Studitemps viel passiert. Letztendlich haben die Kölner es in wenigen Wochen geschafft, ganz neue Kunden zu gewinnen.  “Wir mussten gerade in den ersten Wochen im März schnell und flexibel reagieren, während der LEH stark bestellte, wurden bei Mode und Technik-Händlern alle Aufträge storniert. An manchen Tagen haben wir 50.000 Stunden neu besetzt und mussten gleichzeitig 20.000 Stunden stornieren. Da hat sich unser starkes Tech-System bewährt – ohne eine gute Software und ein hervorragendes Tech-Team wäre das nicht möglich gewesen”, sagt Benjamin Roos, Gründer von Studitemps.

Das Kölner Startup profitiert somit letztendlich sogar von der Corona-Krise. “In der Krise haben wir es geschafft, Kunden zu gewinnen, und Rahmenverträge zu schließen, von denen wir vorher nur geträumt haben. Wir sind im Handel, der Logistik und im E-Commerce Bereich verlässlicher und dauerhafter Partner für viele große Unternehmen geworden – die wissen jetzt, dass sie sich jederzeit auf unsere Schnelligkeit, Flexibilität und insbesondere die Qualität unserer vielen studentischen Mitarbeiter verlassen können”, sagt Roos.

Im Interview mit deutsche-startups.de spricht der Kölner außerdem über Hamsterkäufe, Softwareumstellungen und Landwirte als Kunden.

Wie würdest Du Deiner Großmutter Studitemps erklären?
Wir wollen jedem Studenten in Deutschland die Möglichkeit geben, Studium und Arbeit flexibel miteinander zu kombinieren und dabei gutes Geld zu verdienen. Unternehmen ermöglichen wir die einfache und verlässliche Zusammenarbeit mit Studenten für langfristige Projekte, sowie für wöchentliche oder jährliche wiederkehrende Hochphasen. Wir sind der beliebteste digitale Arbeitgeber für Studenten, Absolventen und Young Professionals in Deutschland. 

Hat sich das Konzept seit dem Start irgendwie verändert?
Auch wenn die Idee von Anfang an Studitemps war, also ein digitaler Arbeitgeber für Studenten, haben wir zunächst mit Jobmensa begonnen – einer Online Jobbörse für Studentenjobs – anfangs nur für Unternehmen, später auch für Privatpersonen bspw. Umzugshelfer, Babysitter oder Immobilienbesichtiger. Um einen echten Marktplatz aufzubauen, mussten wir zunächst das Henne-Ei-Problem lösen, genug Jobs und Jobsuchende auf der Plattform haben. Als wir uns sicher waren, dass genügend Jobangebote für die Studenten und vice versa  vorhanden waren, haben wir begonnen unseren Namen mit Leben zu füllen – Student Temping – Studitemps – also Zeitarbeit mit Studenten. Wir hätten es vielleicht auch als reinen Marktplatz, Freelancer Plattform oder ähnliches aufbauen können, aber das in unseren Augen beste rechtliche Konstrukt in Deutschland für Unternehmen und Studenten, ist die Zeitarbeit. Allerdings ist es eine ganz andere Hausnummer, ob man einen Marktplatz für Jobanzeigen, oder für Zeitarbeit baut. 

Die Corona-Krise trifft die Startup-Szene – insbesondere die HR-Firmen – derzeit hart. Wie und in welcher Form spürt ihr die Auswirkungen?
Im März haben wir 57.000 Jobeinsätze mit Studierenden besetzt – vor allem in systemrelevanten Bereichen: Lebensmitteleinzelhandel, Kinderbetreuung, Logistik und Warenversorgung. Unsere Studenten haben die Grundversorgung am laufen gehalten. Die Nachfrage nach studentischen Aushilfskräften bei Studitemps ist um rund 78 % höher als im Vorjahr. Gleichzeitig bewerben sich wöchentlich über 7.000 Studierende bei Studitemps – Tendenz steigend. Wir mussten gerade in den ersten Wochen im März schnell und flexibel reagieren, während der LEH stark bestellte, wurden bei Mode und Technik Händlern alle Aufträge storniert. An manchen Tagen haben wir 50.000 Stunden neu besetzt und mussten gleichzeitig 20.000 Stunden stornieren. Da hat sich unser starkes Tech-System bewährt – ohne eine gute Software und ein hervorragendes Tech-Team wäre das nicht möglich gewesen. Was wir jetzt beobachten können: Die Nachfrage aus dem LEH geht langsam zurück, da die Hamsterkäufe aufhören. Dafür steigt die Nachfrage aus der Logistik / Kommissionierung – Online Bestellungen steigen stark an. Krankenhäuser, Labore, und Landwirte fragen bei uns an. Und ich denke viele Geschäfte, die jetzt wieder öffnen dürfen, brauchen Unterstützung bei der Umsetzung der Corona-Regeln. Studenten können hier beispielsweise als Doorman eingesetzt werden, die darauf achten, dass nicht zu viele Kunden auf einmal in einem Geschäft sind.

Welche langfristigen Auswirkungen erwartest du für Studitemps?
Das ist ganz schwer vorherzusagen, bis letzten Mittwoch hat keiner über den 20. April hinaus geplant, jetzt richten sich alle Augen auf den 3. Mai. Nach einer Umfrage unseres Arbeitgeberverbandes iGZ halten 35 % der befragten Zeitarbeitsunternehmen die Krise für existenzbedrohend. 40 % derjenigen, melden einen Beschäftigung-Ausfall zwischen 90 % und 100 %. Was wir aber auch im Auge haben: Zeitarbeiter sind diejenigen, die in der Krise als erstes gehen müssen, aber auch diejenigen, die bei ersten Zeichen der Erholung als erste eingestellt werden. Wir setzen daher voll auf unsere Flexibilität in vielen Branchen helfen zu können und unseren extrem hohen Grad der Digitalisierung. Wenn die Jobs, die aus der Corona-Krise resultierten wieder wegfallen, öffnen sich wieder andere Türen – für Studenten gibt’s es eigentlich immer Jobs, denn Studenten können alles.

Wie genau bereitet ihr euch auf die Zeit nach der Corona-Pandemie vor?
Für uns ist es auf Lange Sicht wichtig, dass sich die Key-Account-Kunden nach der Krise wieder erholen – vor allem der Einzelhandel im Non-Food-Bereich, der vollkommen zum Erliegen gekommen ist. Gleichzeitig wollen wir natürlich die Zusammenarbeit mit den Kunden weiter stärken, die erst in der Krise auf uns aufmerksam geworden sind. Wir und unsere Studenten haben in der Notsituation tolle Arbeit geleistet, die Unternehmen wissen das zu schätzen – hier haben wir eine schöne Grundlage für eine weitere Partnerschaft. 

Zurück zum Alltag. Wie hat sich Studitemps seit der Gründung entwickelt?
Wie jedes Unternehmen hatten wir Höhen und Tiefen, die wir bisher gemeinsam immer gemeistert haben. Die ersten zwei Jahre mussten wir erst einmal das endgültige Geschäftsmodell finden, dann kam eine Zeit starken Wachstums, in der wir zeitweise 40% unseres Umsatzes mit einem Kunden gemacht haben, der uns dann 2013 weggebrochen ist. Wir haben uns ab 2015 von einer zentral gesteuerten Organisation in eine dezentrale Organisation entwickelt, bei der jeder Standort ein Unternehmen im Unternehmen ist. Und erst im letzten Jahr haben wir unseren über 10 Jahre entwickelten Software Monolithen durch eine Microservice Architektur ersetzt, die uns den Self-Service ermöglicht und an der mittlerweile 50 Mitarbeiter direkt arbeiten. Parallel zur Softwareumstellung haben wir so gut wie jeden Prozess im Unternehmen neu aufgesetzt.

Nun aber einmal Butter bei die Fische: Wie groß ist Studitemps inzwischen?
Wir haben über 400 interne Studitemps-Mitarbeiter an 23 Standorten in Deutschland: Im Westen: Köln, Bonn, Düsseldorf, Essen, Bochum, Duisburg, Dortmund und Münster, im Süden: Frankfurt, Stuttgart, Karlsruhe, Mannheim, München, Augsburg und Nürnberg, im Osten: Berlin Leipzig und Dresden und im Norden: Hamburg, Flensburg, Kiel, Hannover und Bremen. Wir wachsen jedes Jahr um durchschnittlich 30 %, hatten 2018 eines Jahresumsatz von 75 Millionen Euro und waren auf Jahresbasis profitabel. Und das wichtigste: Jeden Monat beschäftigen wir zwischen 8.000 und 10.000 Studenten bei fast 3.000 Unternehmen. Seit der Gründung von Studitemps konnten wir über 218 Millionen Euro an Gehältern an Studierende auszahlen und Ihnen helfen ihr Studium zu finanzieren. 

Wo steht Studitemps in einem Jahr?
In der Krise haben wir es geschafft, Kunden zu gewinnen, und Rahmenverträge zu schließen, von denen wir vorher nur geträumt haben. Wir sind im Handel, der Logistik und im E-Commerce Bereich verlässlicher und dauerhafter Partner für viele große Unternehmen geworden – die wissen jetzt, dass sie sich jederzeit auf unsere Schnelligkeit, Flexibilität und insbesondere die Qualität unserer vielen studentischen Mitarbeiter verlassen können. Außerdem haben wir gelernt, dass wenn wir uns gemeinsam auf eine oder einige wenige Branche fokussieren, wir große Erfolge in kurzer Zeit realisieren können, daher werden wir diese Erfahrungen nutzen und uns auf zwei bis drei weitere Branchen spezialisieren, wie das Gesundheitswesen. In einem Jahr nutzen uns noch mehr Großkunden im Full-Service und Self-Service, kleinen Kunden können wir hingegen den reinen Self-Service anbieten und haben damit ein neues Marktsegment für uns erschlossen. Durch das starke Wachstum der deutschen Wirtschaft wird insbesondere unser Bereich “Studitemps – Young Professionals” profitieren. Da viele Unternehmen sich bei den ersten Erholungs Zeichen schwer tun werden, Mitarbeiter fest einzustellen, können wir vielen Absolventen den flexiblen Einstieg via Zeitarbeit ermöglichen. Wir werden in einem Jahr 20.000 Studenten und über 100 Absolventen im Monat beschäftigen. Wenn wir all das bis Mitte 2021 schaffen, können wir uns im gesamten Studitemps Team gegenseitig auf die Schulter klopfen.

Durchstarten in Köln – #Koelnbusiness

In unserem Themenschwerpunkt Köln berichten wir gezielt über die Digitalaktivitäten in der Rheinmetropole. Mit circa 400 Startups, über 60 Coworking Spaces, Acceleratoren und Inkubatoren sowie attraktiven Investoren, zahlreichen Veranstaltungen und Netzwerken bieten Köln und das Umland ein spannendes Ökosystem für Gründerinnen und Gründer. Diese Rubrik wird unterstützt von der KölnBusiness Wirtschaftsförderungs-GmbH#Koelnbusiness auf LinkedInFacebook und Instagram.

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Foto (oben): Studitemps

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.