#Gastbeitrag Die Stunde der Unternehmer

Die Corona-Krise stellt uns alle auf die Probe. Ein Punkt, der aus meiner Sicht noch nicht genug adressiert wurde, ist die Bedeutung des unternehmerischen Mindsets. Diese Krise ist der erste wirkliche Unternehmertest für viele Gründer*innen.
Die Stunde der Unternehmer

Wir erleben eine Zeit, an die wir uns wohl immer erinnern werden – insbesondere in der Startup-Szene. Von heute auf morgen brechen die Umsätze ein und es gibt keine klare Exit-Strategie aus der Situation. Virologen sind die neuen Propheten und die Politik ist gefordert Entscheidungen zu treffen, ohne ausreichende Fakten zu haben. Sie befindet sich dabei permanent im Spagat zwischen Verantwortung für die Gesundheit der Bevölkerung und der Verantwortung für die Wirtschaft. Welche von beiden Seiten nun mehr “Opfer” fordern werden und wir diese wohl erst weit im Nachhinein bewerten können.

Was bedeutet das nun für die deutsche Startup-Szene?

Mich beeindruckt die enorme Solidarität, die sich während der letzten Wochen innerhalb der Gründergemeinschaft gezeigt hat. Die vielen guten und kreativen Ideen und Initiativen, z.B. das Gutscheinportal von nebenan.de, um die vielen Einzelhändler und Restaurants, die besonders hart von der Situation betroffen sind zu unterstützen, ist so ein Beispiel. Aber auch die unermüdlichen Bemühungen seitens des Bundesverbands der Deutschen Startups die Szene mit wichtigen Informationen und umfassenden Ratschlägen zu unterstützen sind beeindruckend. In kürzester Zeit einen 2 Mrd. Euro großen Schutzschirm für Startups beim Bundeswirtschaftsministerium zu erwirken – das ist eine bemerkenswerte Leistung von Christian Miele und seinem Team.

Die Implikationen für unsere deutsche Startup-Szene sind aber gekoppelt an die gesamte Entwicklung der globalen Wirtschaft. Meiner Einschätzung nach werden wir in eine Rezession rutschen, die durchaus einige Jahre anhalten kann, je nach Dauer des Stillstandes. Aktuell rechnen wir bei einem einmonatigen Stillstand mit einem negativen Wirtschaftswachstum von vier Prozent in diesem Jahr. Parallel zu dieser Prognose werden Zukunftstechnologien dennoch einen Aufwind erleben: Nicht zuletzt, weil in Zeiten der Krise die digitalen Tools und Dienstleistungen von vielen Menschen zum ersten Mal- und insgesamt deutlich stärker genutzt wurden.

Was machen die Investoren?

Vor der Krise haben viele Investoren ihr Investitionskapital noch einmal ausreichend aufgestockt. Insgesamt gibt es derzeit in Deutschland schätzungsweise 6 Mrd Euro Wagniskapital. Dabei sind die ausländischen Fonds nicht mitgezählt, die mittlerweile stärker auf Europa fokussiert sind. Eine Entwicklung, die sich durch die schwierige Situation in den USA noch verstärken wird. Das Geld ist somit da, um Firmen, die einen klaren Product-Market Fit haben, jetzt zu unterstützen. In einem allseits geschwächten Markt könnten sich so einige Startups überproportional behaupten, insbesondere, wenn es um Märkte geht, die bisher von der digitalen Disruption unberührt gewesen sind. Gründer müssen sich aber auch darauf einrichten, niedrigere Bewertungen zu akzeptieren. Dafür werden sie aber nach der Krise in einer Rebound oder Ramp-up-Phase überdurchschnittliche Marktanteile bekommen, die dazu führen, bei der nächsten Finanzierungsrunde auch ihre Unternehmensbewertung wieder ins Positive zu korrigieren. Zudem gehe ich davon aus, dass Kapitalgeber, die neu auf den Markt gekommen und eher unerfahren sind, wieder verschwinden werden. Somit wird auch im VC-Segment eine Art “Bereinigung” stattfinden.

Was sollten Gründerinnen jetzt am besten tun?

Es hat mich gefreut zu sehen, wie viele wertvolle Ratschläge innerhalb der Unternehmergemeinschaft geteilt worden sind. Die Hauptbotschaften drehen sich dabei um die Frage der  Liquiditätssicherung auf Kostenseite, aber auch um Kapitalbeschaffung. In der Founders Foundation sagen wir unseren Gründer*innen, dass es jetzt besonders wichtig ist, trotz des natürlichen Spar-Reflexes auch auf die Kernkompetenzen und Leistungsträger zu schauen und diese konsequent weiterzuentwickeln.

Ein Punkt, der aus meiner Sicht noch nicht genug adressiert wurde, ist die Bedeutung des unternehmerischen Mindsets. Ich habe in den letzten Wochen mit vielen Gründer*innen gesprochen und festgestellt, dass diese Krise der erste wirkliche Unternehmertest für viele Gründer*innen ist. COVID-19 hat uns alle auf die Probe gestellt, um zu zeigen, wie man mit einer unsicheren und ernsthaften Lage am besten umgeht: wie Gründer*innen ihr Team mit gutem Erwartungsmanagement und Zuversicht führen oder wie sie mit Kreativität neue Lösungen entwickeln, um ihr Unternehmen durch diese besondere Situation zu navigieren.

Für viele Startups, gerade aber auch etablierte Unternehmen, gibt es scheinbar unlösbare Herausforderungen und für einige wird es (vorerst) das Aus bedeuten. Es ist aber meine feste Überzeugung, dass die talentiertesten Unternehmer*innen sich nicht unterkriegen lassen und immer einen Weg finden.

Denn genau dieses Denken des Möglichmachens geben wir unseren Gründern in der Start-up-Ausbildung in der Founders Foundation vom ersten Tag an mit auf den Weg. Von Beginn an haben wir den Schwerpunkt in unserer Gründer-Schmiede auf das entsprechende Gründer-Mindset gesetzt und ständiges Validieren in den Kern unserer Ausbildung gestellt. Wenn der Markt sich verändert passen sich Unternehmer an, indem sie den Product Market Fit überprüfen und gegebenenfalls pivotieren. Das muss in der DNA eines jeden Unternehmers und Unternehmens sein.

Möglicherweise wird nach der Corona-Krise der globale Wettlauf um die schnellsten und besten Unicorns durch Startups ergänzt, die den neuen digitalen Mittelstand in Deutschland aufbauen: Skalierbare und hoch innovative Firmen, die substantielle und nachhaltige Geschäftsmodelle haben.

Etablierte Unternehmen und Startups rücken zusammen

Auch wenn es angesichts eingefrorener Märkte erstmal heißt, in Demut kleinere Brötchen zu backen, ist jetzt die Zeit, um nochmal alles neu zu denken und auf den Prüfstand zu stellen. Um jeden Tag als unternehmerische Stunde Null zu begreifen und Produkte den aktuellen Bedürfnissen anzupassen. Dieses iterative Arbeiten erleben Startup-Unternehmer genauso wie Inhaber von Traditionsbetrieben und deren Mitarbeiter als verlässliche Lotsen durch die Krise. Kreativität, Mut für Neues und Loslassen von Altem geben der Gesellschaft, die kollektiv in den Lean-Start-up-Modus gewechselt ist, heute Vertrauen für die Gestaltung von Morgen.

Startup-typische Begriffe wie “Burnrate“ werden nun auch für etablierte Unternehmen relevant  – Startup und Mittelstand kommen sich näher. Eine Chance, die viele Potentiale bietet und diejenigen heben, die sich schnellstmöglich anpassen. Deshalb feiert auch die Agilität aus Gründerzeiten bei vielen Corporates gerade ein Comeback: Zum Beispiel wechseln sie quasi über Nacht von B2B zu B2C, um die Nachfrage zu stützen. Die Energie der Krise durchbricht alte Blockaden und macht plötzlich viele Dinge möglich.

Insbesondere im Mittelstand dürfen die Digitalisierungsvorhaben nicht gestoppt werden. Sie müssen jetzt erst Recht vorangetrieben werden – in der Rebound-Phase wird das der entscheidende Wettbewerbsvorteil sein.

Solidarität und Menschlichkeit als Gewinn 

Wenn uns die Krise eines jetzt schon gelehrt hat, dann ist es, den Mensch und die Menschlichkeit wieder stärker in den Fokus zu nehmen. Ob es die Familie im Home Office ist oder die Solidarität Schwächere in der Gesellschaft zu unterstützen, aber auch kritisch die enge Abhängigkeit und Verlässlichkeit der Weltmärkte zu hinterfragen.

Ich tue mich schwer die Situation und Implikationen für die Zukunft und unsere Startup-Szene abschließend zu beurteilen. Neben der harten Realität die unsere Wirtschaft mit aller Wucht trifft, gibt es auch durchaus Dinge, die in Gang gesetzt worden sind, die wir als Gesellschaft auch nach der Krise behalten wollen, z. B die Vorzüge der Digitalisierung, aber eben auch die Menschlichkeit sind dabei die zentralen Faktoren. Es ist schon verrückt, dass es ein Virus dafür braucht, das uns zum einen körperlich trennt und auf der anderen Seite emotional zusammenführt.

Über den Autor
Sebastian Borek ist CEO und Mitgründer der Founders Foundation in Bielefeld. Das gemeinnützige Tochterunternehmen der Bertelsmann Stiftung verfolgt die Mission, im Herzen des deutschen Mittelstands ein nachhaltiges Tech-Ökosystem aufzubauen und die nächste Generation erfolgreicher GründerInnen und Unternehmer auszubilden. Neben dem Aufbau der Kaderschmiede dessen Gründerinnen bis zu. 12 Startups pro Jahr aufbauen (darunter z.B Evermood, Semalytix, Valuedesk, Zahnarzt-Helden, uvm.) hat die Founders Foundation den Pioneers Club initiiert und die Hinterland of Things Konferenz aufgebaut.  Sebastian Borek ist international erfahrener Seriengründer, Angel Investor, Digitalisierungs-Experte und Familienunternehmer. Er hält einen MBA der HSG St. Gallen und einen BA der NYU.Sebastian Borek lebt mit seiner Frau und vier gemeinsamen Kindern in Bielefeld.