#Gastbeitrag Gründen Frauen wirklich anders?

Noch immer gibt es in der weltweiten Startup-Szene viel zu wenige Gründerinnen! Woran liegt das? Interessieren sich Frauen etwa nicht für das Thema Entrepreneurship? Erfolgreiche Beispiele zeigen, dass viele Vorurteile schlicht falsch sind.
Gründen Frauen wirklich anders?

Die Startup-Szene weltweit boomt seit vielen Jahren, doch bei Finanzierungsrunden und Netzwerkveranstaltungen der Internetgründerszene trifft man Frauen eher selten an. Und wenn, dann eher als Mitarbeiterinnen, anstatt als Gründerinnen. Unternehmensgründungen scheinen weltweit Männersache zu sein. Woran liegt das? Interessieren sich Frauen etwa nicht für das Thema Entrepreneurship? Erfolgreiche Beispiele aus dem MBA Alumni Netzwerk der WU Executive Academy zeigen, dass viele Vorurteile falsch sind.

Zunächst einmal belegen viele Untersuchungen, dass Frauen für Selbständigkeit, Verantwortung und unternehmerische Freiheit grundsätzlich genau die gleiche Faszination empfinden wie Männer. Dennoch ist ein erster Hemmfaktor die Biologie.

Gleich, und doch ein bisschen unterschiedlich

Mirela Pitu, Eigentümerin und Gründerin von Pi2 und Absolventin unseres Executive MBA Bucharest, meint dazu: „Es ist alles eine Frage der Prioritäten. Frauen in ihren späten Zwanzigern und Dreißigern legen ihr Hauptaugenmerk auf Familie und potenzielle Mutterschaft. Nachdem die Möglichkeiten dafür zeitlich begrenzt sind, beeinflussen der Druck, eine Familie zu gründen, und gesellschaftliche Erwartungen die Prioritätensetzung vieler Frauen.“ Viele Unterstützungsangebote für Eltern wie der Mutterschutz und Freistellungen nehmen ein Angestelltenverhältnis an. Ein Entrepreneur kann die Verantwortung für das Unternehmen dagegen nicht einfach abgeben oder unterbrechen. Das Start-up braucht den Entrepreneur, er oder sie ist unersetzbar. Dieser Umstand hält viele eigentlich am Thema interessierte Frauen von einer Gründung ab.

Die Sache mit dem gesunden Selbstbewusstsein

Daneben sind es jedoch auch manchmal Persönlichkeitsunterschiede, die die verschiedenen Zugänge zum Thema Entrepreneurship erklären. Frauen scheinen stärker zu Selbstbeschränkung (Self-Censorship) zu neigen als Männer.

Mirela Pitu bestätigt diese Beobachtung: „Zu viel über etwas nachzudenken, kann auch ein Nachteil sein – manchmal muss man einfach an sich selbst glauben und solange für etwas kämpfen, bis man es erreicht hat. Und wenn man etwas nicht schafft, beginnt man einfach von Neuem, bis man am Ziel ist. Frauen tendieren dazu, zu viel nachzudenken und Hindernisse zu überschätzen, und haben in Folge dessen größere Zweifel und Versagensängste.“ Wer unter Selbstbeschränkung leidet, wird das Risiko und die vielen Unwägbarkeiten einer Unternehmensgründung möglicherweise nicht eingehen wollen. Im Übrigen mag das Gegenteil der Selbstbeschränkung, nämlich Selbstüberschätzung – was man tendenziell eher Männern nachsagt – zwar tatsächlich zu einer Gründung animieren. Doch wer sich überschätzt, der macht (unnötige) Fehler. Die Tendenz zur Selbstüberschätzung erklärt zu einem Teil, warum manche Gründungen von Männern nicht erfolgreich sind. Am besten ist also ein gesundes Selbstbewusstsein.

Mehr weibliche Role Models, mehr Diversität

Inwieweit diese Unterschiede – wenn es um das Thema Gründen geht – gesellschaftlich verursacht sind, also durch Sozialisation entstehen, oder eine biologische Grundlage haben, ist schwer zu entscheiden. Klar ist jedenfalls, dass erfolgreiche weibliche Entrepreneure eine wichtige Vorbildwirkung haben. Wir sehen auch in unseren MBA-Kursen, dass Frauen hier Selbstvertrauen tanken. Sie sehen, dass sie genauso smart, kreativ und leistungsstark sind wie Männer. Warum also nicht auch als Frau ein Unternehmen gründen?

Andrea Rinker, Gründerin von Next Wave Management und Absolventin unseres Professional MBA Entrepreneurship & Innovation, dazu: „Die wichtigsten Eigenschaften von Gründungsteams sind Erfahrung, Talent, Fähigkeiten sowie Vertrauen ineinander und gegenseitiger Respekt – alles Dinge, die nichts mit dem Geschlecht zu tun haben.“

Man könnte ergänzen, dass Diversität im Gründungsteam äußerst wichtig ist. Mehr und unterschiedlichere Hintergründe im Team bedeuten mehr Ideen, mehr Sichtweisen und mehr Kompetenz. Dies gilt für Faktoren wie den Ausbildungshintergrund, Kompetenzen, Werte, Stärken & Schwächen, aber eben auch für das Geschlecht. Auch aus diesem Grund ist es wichtig, dass sich die erfolgreichen weiblichen Entrepreneure ihrer Vorbildwirkung bewusstmachen. Bescheidenheit wäre an dieser Stelle geradezu unverantwortlich.

Auf die Rahmenbedingungen kommt’s an

Ein weiterer Faktor, der manche Frauen abschreckt, ist das Gründungsumfeld. Auch die Kapitalseite ist männerdominiert. Andrea Rinker meint: „Was Venture Capitalists betrifft: Wenn man die Szene aus unserer Perspektive betrachtet, wie viele Frauen sind denn darunter? Sehr wenige, wenn überhaupt. Meiner Meinung nach würde die gesamte Branche von ein wenig frischem Wind profitieren, und nicht nur Gründerinnen und Gründer in der Start-up-Community.“ Es gibt verschiedene Analysen, die zeigen, dass diese Männerdominanz für Frauen tatsächlich ein Nachteil sein kann. In einem wissenschaftlichen Projekt am Institut für Entrepreneurship & Innovation der WU haben wir festgestellt, dass bei den scheinbar unbestechlich rationalen Venture Capitalists ein “Similarity Bias” besteht. Bedeutet: Bei gleicher Ideenqualität und auch sonst gleichen Umständen favorisiert ein Techniker tendenziell eher ein Technikerteam, ein VC mit einem Corporate Hintergrund eher ein Corporate Spin-off und ein Mann eben eher ein Männerteam. Dies ist ein Problem und es ist zu wünschen, dass auch mehr qualifizierte Frauen ins Gründungsumfeld drängen.

Und die Politik?

Doch das Umfeld kann auch durchaus hilfreich sein. Oana Vaideanu, multiple Entrepreneurin und Absolventin unseres Executive MBA Bucharest, weiß, welche Rolle die Politik in diesem Zusammenhang spielt: „In meinem unternehmerischen Umfeld gründen viele Frauen einen Betrieb, nachdem sie ein Kind bekommen haben, weil sie sich davon die Flexibilität erhoffen, mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen und ihren Arbeitsalltag nach ihren eigenen Prioritäten ausrichten zu können. In dieser Hinsicht spielt die Politik eine wesentliche Rolle. Der rumänische Staat stellt von Frauen gegründeten Unternehmen zweckgebundene Fördermittel zur Verfügung.“ Tatsächlich hat die Politik in vielen Ländern das Problem erkannt und spezielle Förderprogramme für Frauen aufgesetzt. Für die Gesellschaft bedeutet es schließlich einen schwerwiegenden Nachteil, wenn unternehmerische Frauen ihr Potenzial nicht einlösen. Uns gehen auf diese Weise nicht nur innovative Ideen, sondern auch wichtige Wohlstands- und Arbeitsplatzeffekte verloren. Wir brauchen mehr Frauen, die gründen! Deshalb haben wir an der WU Executive Academy auch bereits vor einigen Jahren spezielle „Female Leaders“-Stipendien ins Leben gerufen, die aktiv darauf abzielen, mehr Frauen ein MBA-Studium zu ermöglichen und – direkt und indirekt- mehr Frauen zum Gründen zu animieren.

Über den Autor
Nikolaus Franke ist Akademischer Leiter des Professional MBA Entrepreneurship & Innovation der WU Executive Academy und Leiter des Instituts für Entrepreneurship & Innovation, des WU Gründungszentrums, und der User Innovation Research Initiative an der WU Wien. Er promovierte und habilitierte an der Universität München und verbrachte mehrere Semester als Visiting Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT).

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Foto (oben): Shutterstock