#Gastbeitrag Höher, schneller, weiter: Startup-Gründer an ihren psychischen Grenzen 

Nervosität, Reizbarkeit und Rastlosigkeit sind erste Anzeichen für eine hohe Stressbelastung. Um dauerhaft ein Arbeitsumfeld zu gewährleisten, in dem Höchstleistungen entstehen, müssen Gründer nicht nur in das Produkt selbst, sondern auch in die mentale Gesundheit aller Mitarbeiter investieren.
Höher, schneller, weiter: Startup-Gründer an ihren psychischen Grenzen 

Leidenschaft, Veränderungswille und Mut. Das sind drei der vielen Eigenschaften, die erfolgreiche Gründer auszeichnen. Doch sie charakterisieren auch jene Entrepreneure, für die genau diese Charakteristika mit dem vorzeitigen Ende eines großen Traums einhergehen. Denn immer mehr Startup-Gründer erkranken psychisch aufgrund von Überlastung, Stress und Versagensängsten. Bisher ein großes Tabuthema. 

Vor einiger Zeit kam ich beim Mittagessen mit einigen Gründern und Kollegen auf das Thema psychische Gesundheit. Es stellte sich heraus, dass jeder ganz persönliche Erfahrungen damit gemacht hatte – sei es Angst, Burnout, Stress oder Depression. Obwohl ich viele von ihnen schon länger kenne, hörte ich einige dieser Geschichten zum ersten Mal. 

Das Thema begleitet mich, seit ich 1995 mit Freunden meine erste Firma gegründet habe. Wir haben damals immer gesagt: “Das hier wird ein Marathon und kein Sprint.” Denn wir hatten vorher bei der Organisation einer gemeinsamen Konferenz “ausprobiert”, was passiert, wenn man nur arbeitet und ständig kurz vor dem Ausbrennen steht. Zum Glück hatte ich während der Arbeit an der Konferenz eine Einladung zu der Online Community well.com bekommen und dort mit vielen interessanten Menschen über ein gutes Leben gesprochen. Seitdem versuche ich nicht, eine Work/Life Balance zu erreichen, sondern eine gute Mischung der verschiedenen Dimensionen meines Lebens dynamisch zu organisieren. Ich bin davon überzeugt, dass Arbeit eine wichtige Dimension meines Lebens ist, und ich sie nicht vom Rest meines Lebens abgrenzen, sondern sinnvoll integrieren möchte – passend zu meiner jeweiligen Lebenssituation.

Psychische Gesundheit als Fundament für den Erfolg

Neben einer grandiosen Idee und einem ausgefeilten Businessplan wird ein zentraler Baustein für erfolgreiches Gründen häufig übersehen: die eigene (mentale) Gesundheit. Gründer und ihre Teams neigen dazu, wirklich alles für ihre Träume zu geben und sind einem hohen Burnout-Risiko ausgesetzt. Viele leiden zudem unter Realitätsverzerrungen: Natürlich ist es wichtig, eine starke Vision zu haben. Doch es besteht das Risiko, dass sich die Realität anders verhält, als sie es sich vorgestellt haben.

Der Hauptgrund für das Scheitern von Startups ist aus meiner Sicht jedoch das Fehlen gemeinsamer Werte. Sobald Menschen zusammenarbeiten, stehen sie vor psychologischen Herausforderungen, beispielsweise weil konträre Meinungen oder unterschiedliche Vorstellung von Arbeit aufeinander treffen. So steht fast jedes Startups vor der Herausforderung, dass ein Gründer die Dinge quick and dirty testen will und der andere sich lieber Zeit nimmt, um tiefgreifender zu entwickeln. Diesen Konflikt müssen sie lösen, um Frust und krankmachenden Stress zu verhindern. 

Wenn das Gründungsteam die ersten Wachstumsstufen erklommen hat, kommen neue Herausforderungen: Wie verteilt man Verantwortung und Entscheidungsspielräume? Wie stellt man sicher, dass alle wissen, was erwartet wird, was das Team erreichen möchte und was das für die eigenen Ziele und Aufgaben bedeutet? Auch in den besten Teams kommt es hier oft zu Wachstumsschmerzen, weil die Zeit nicht da ist, gute Organisationen und Systeme aufzubauen und permanent weiter zu entwickeln.

Der Verständnis-Wandel braucht Zeit 

Als ich in den 90er Jahren mein erstes Unternehmen mitgründete und leitete, war es für uns normal, Nachtschichten zu machen, um Projekte abzuschließen. Irgendwann wurde mir jedoch klar, dass mehr Arbeit nicht mehr Leistung bedeutet, und wir die Reißleine ziehen müssen. Also haben wir unsere Prozesse effizienter gemacht, um mehr Schlaf und Bewegung zu bekommen. Langfristig hat das sowohl unser Team als auch den Unternehmenserfolg gestärkt.

Doch dieses Bewusstsein ist längst noch nicht überall angekommen: Häufig existiert noch immer die Auffassung, Stress und Burnout würden nicht in ein Startup gehören. Sie widersprächen angeblich dem Bild des erfolgshungrigen, jungen Gründers, der den Status Quo umkrempeln will. Wer die Welt verändern möchte, kann nicht pünktlich Feierabend machen – so oftmals die Meinung.

Die mentale Gesundheit als wichtigste Kapitalanlage 

Nervosität, Reizbarkeit und Rastlosigkeit sind erste Anzeichen für eine hohe Stressbelastung. Wer sie ignoriert, wird langfristig krank. Um dauerhaft ein Arbeitsumfeld zu gewährleisten, in dem Höchstleistungen entstehen, müssen Gründer also nicht nur in das Produkt selbst, sondern auch in das Team und die mentale Gesundheit aller Mitarbeiter investieren.

Das Verständnis dafür wächst zwar zunehmend in Startups wie etablierten Unternehmen, dennoch ist die Inanspruchnahme professioneller Hilfe weiterhin ein Tabuthema. Viele Gründer befürchten, ihre Investoren und Kontakte würden schlecht über sie denken, im Zweifel sogar nicht investieren. 

Mentale Gesundheit ist mehr als Yoga und Smoothies  

Bei APX haben wir uns gefragt, was wir tun können, um unseren Portfolio-Startups zu helfen. Wir haben uns das Ziel gesetzt, der erste Accelerator Europas zu sein, der psychische Herausforderungen von Gründern aktiv angeht. Entstanden ist eine umfassende Strategie zur Förderung mentaler Gesundheit, die wir “Mental Mining” nennen. Wichtig ist für uns, die Probleme von Gründern frühzeitig zu erkennen und möglichst individuell zu beantworten. Dafür achten wir konstant auf die Verfassung der Teammitglieder – während der Auswahl der Startups für das Accelerator-Programm genauso wie im gesamten Verlauf unseres maßgeschneiderten Accelerator-Programms.

#APXMentalMining: ein fortlaufendes Konzept innerhalb unseres maßgeschneiderten Programms

Teil dessen sind regelmäßig themenbezogene Happenings, die sich an den Bedürfnissen der Gründerteams orientieren. Die hohe Beteiligung an diesen Events hat uns noch einmal mehr gezeigt, wie wichtig psychische Gesundheit und Wohlbefinden wirklich sind. Auf den Veranstaltungen schaffen wir dann beispielsweise Safe Spaces, in denen niemand verurteilt wird und eine schonungslos offene Diskussion möglich ist.

Ein relevanter Faktor für das Wohlbefinden ist auch die Arbeitsumgebung. Darum haben wir eine Poster-Kampagne in unserem Office gestartet, die einerseits das Bewusstsein für individuelle Arbeitsweisen schärft und gleichzeitig klar macht, dass wir nicht am offenen Herzen operieren. Zusätzlichen haben wir unseren Ansatz um Sportangebote, Meditationskurse, eine kleine Bibliothek mit Selfcare-Büchern und einen Podcast erweitert. 

Bewusstsein ist der erste Schritt zur Veränderung

Das allerwichtigste ist meiner Meinung nach, dass das alles ein ganz selbstverständlicher Teil unserer Angebote für Startups ist: Genauso wie wir mit ihnen daran arbeiten, wie man das beste Minimal Viable Product entwickelt oder eine Kommunikationskampagne gestaltet, helfen wir ihnen dabei, langfristig hochperformante Organisationen aufzubauen.

Jeder von uns kämpft manchmal und hat schlechte Phasen. Und das ist okay. Wie auch immer der individuelle Weg zu dauerhafter, mentaler Gesundheit aussieht: Wir haben uns das Ziel gesetzt, Bewusstsein für die psychologische Belastung in Startups zu schaffen. Wir wollen Geschichten teilen und das Thema zu einem machen, über das man offen sprechen kann und das als Stärke und Erfolgsfaktor verstanden wird.

Zum Autor
Jörg Rheinboldt ist Gründer und Geschäftsführer von APX. Vor APX war Rheinboldt seit 2013 CEO von Axel Springer Plug and Play. Das Unternehmen investierte in mehr als 100 Unternehmen, darunter N26, Zizoo, Blogfoster und Careship. 1994 gründete Rheinboldt seine erste Firma denkwerk. Im Jahr 1999 gründete er Alando.de, das sechs Monate später von eBay übernommen wurde. Nach fünf Jahren als Geschäftsführer von eBay.de begann Rheinboldt als Business Angel zu investieren. Im Jahr 2007 war er Mitbegründer von betterplace.org.

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