#Gastbeitrag Komisches Deutschland: 5 Besonderheiten, die Gründer (und alle anderen) kennen sollten

Gründer, die den Schritt einer Unternehmensgründung in Deutschland wagen, kommen nicht um den Dschungel aus Vorschriften, Bewilligungen und aufwändiger Dokumentation ihrer Geschäftstätigkeiten umher. Denn die Deutschen sind vor allem berühmt berüchtigt für ihren Bürokratie-Wahn.
Komisches Deutschland: 5 Besonderheiten, die Gründer (und alle anderen) kennen sollten

Die Konjunktur brummt, die Auftragsbücher sind voll und die Kaufkraft der Deutschen befindet sich weiterhin auf einem Allzeithoch. Ein guter Zeitpunkt also, ein Unternehmen zu gründen. Nur: Wer den deutschen Markt erfolgreich erobern möchte, sollte seine Eigenheiten genau kennen. Eine Übersicht.

Die Sache mit dem Datenschutz

Weltweit kaufen immer mehr Menschen online ein. Der Datenschutz spielt hierzulande dabei eine wichtige Rolle. Denn Umfragen zeigen immer wieder, wie wichtig den Deutschen der Schutz ihrer Daten im Vergleich zu anderen Staaten ist. So gaben in einer Bitkom-Umfrage zur Nutzung von Messenger-Programmen 90 Prozent der 1.212 teilnehmenden Internetnutzer an, dass ihnen der Umgang des Anbieters mit persönlichen Daten wichtig sei.

Nicht ohne Grund ist das deutsche Recht eines der strengsten in Bezug auf den Datenschutz. Seit dem 25. Mai 2018 gilt zudem die neue EU-Datenschutz-Grundverordnung. Insbesondere Start-ups sollten das Thema nicht auf die leichte Schulter nehmen. Die Nichteinhaltung der Datenschutzregeln kann andernfalls sehr teuer werden. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, welche Daten wofür erhoben werden. Allgemeine Faustregel: So viel wie nötig, so wenig wie möglich.

Nur Bares ist Wahres

Deutsche zahlen auch 2018 noch am liebsten mit Scheinen und Münzen. Knapp die Hälfte der Befragten einer aktuellen Splendid-Research-Studie gaben an, lieber bar zu zahlen – nur 0,4 Prozent zücken danach an der Kasse ihr Smartphone. Für die deutschen Verbraucher ist bislang nur Bares wirklich Wahres, so scheint es. Doch auch die Voraussetzungen für die flächendeckende Ausweitung von bargeldlosen Zahlungsmöglichkeiten sind noch nicht geschaffen: Solange nur wenige Händler Mobile Payment überhaupt anbieten, bleibt der Service für die Nutzer eher uninteressant.

Bislang wird Mobile Payment von den Deutschen eher als nettes Extra-Angebot gesehen. Wer Online-Banking nutzt oder bereits eine EC- oder Kreditkarte besitzt, scheint im Zahlen mit dem Handy momentan keinen großen Vorteil zu sehen. Nur All-in-One-Lösungen, die überall und jederzeit funktionieren, werden dies womöglich ändern können. Daher sind vor allem die Anbieter in der Pflicht, Lösungen anzubieten, die mehr können als das reine Bezahlen via Smartphone. Inwieweit Apple Pay, das vermutlich im Winter 2018 auch in Deutschland starten soll, dem Thema Mobile Payment nochmal einen Schub geben kann, bleibt abzuwarten.

Deutschland deine Bürokratie

Gründer und Entrepreneure, die den Schritt einer Unternehmensgründung in Deutschland wagen, kommen auch in Zukunft nicht um den Dschungel aus Vorschriften, Bewilligungen und aufwändiger Dokumentation ihrer Geschäftstätigkeiten umher. Denn die Deutschen sind – neben ihrer Vorliebe für eine Tennissocken-Sandalen-Kombination – vor allem berühmt berüchtigt für ihren Bürokratie-Wahn. Egal ob es um Mitarbeiter, Prozesse oder gesetzliche Vorschriften geht, Bilanzierung, Buchhaltung, Versicherung oder die Umsatzsteuervoranmeldung: Die Geduld von Gründern wird in dem Bürokratie-Dickicht ein ums andere Mal auf die Probe gestellt.

Und trotzdem müssen all diese bürokratischen Pflichten erledigt werden, bevor ein Unternehmen gegründet werden kann. Wichtig zu wissen ist außerdem, dass Deutschland eigene Rechnungslegungsvorschriften verwendet, die es zu beachten gilt. Wer in Deutschland gründen will, sollte also viel Zeit für verwaltende Aufgaben mitbringen.

Print und TV bei Deutschen immer noch am beliebtesten

Die Mediennutzung ist weltweit im Umbruch – überall dominieren Social Media- und Online-Angebote das Bild. Nur Deutschland scheint ein Sonderfall zu sein. Hierzulande wird die gedruckte Zeitung immer noch häufiger gelesen als das Webangebot, noch stärker schneidet laut einer Studie aus 2017 nur TV als Informationskanal ab. Während sich Social Media global gesehen auf Platz 1 positioniert, landen die sozialen Kanäle in Deutschland laut Studie auf Platz 6. Am wenigsten relevant unter elf abgefragten Infoquellen sind demnach hierzulande Blogger.

Die Studie zeigt auch: Medienrelevanz ist abhängig vom Alter. Denn vor allem in den älteren Zielgruppen erfreuen sich die traditionellen Medien großer Beliebtheit. Dies ist insofern relevant für jeden Gründer, als dass der demographische Wandel eines der großen Themen hierzulande sind und massive Auswirkungen auf Gesellschaft, Kultur und die Wirtschaft in Deutschland haben wird.

Apps stehen weiter hoch im Kurs

Viel ist rund um den Globus davon zu hören, dass die App sich überlebt habe, sie schon bald von anderen Angeboten abgelöst wird. Doch entgegen des allgemeinen Trends nimmt die App-Nutzung in Deutschland weiter zu. Laut einer Studie von Adjust aus dem vergangenen Jahr sind die Deutschen sogar die aktivsten App-Nutzer in ganz Europa – Tendenz steigend. Deutschland ist im internationalen Vergleich also ein stark wachsender Markt, insbesondere im Bereich App-Entwicklungen sowie in der digitalen und mobilen Werbung.

Dabei geht der Trend weg von Applikationen, die sich auf einzelne Services bzw. Problemlösungen beschränken. Plattformen wie Payback, WeChat oder der Facebook Messenger, die mehrere Funktionen und Services unter einem Dach bündeln, gewinnen an Bedeutung.

Wissen ist Macht

Unter dem Strich bleibt festzuhalten: Es gibt sicherlich einfachere Pflaster als Deutschland, wenn es um das Gründen von Unternehmen geht. Diverse kulturelle Besonderheiten oder bürokratische Hürden gilt es zu beachten. Und dennoch wagen jedes Jahr mehrere hunderttausend Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit. Erfolg hat vor allem, wer den Markt und seine Zielgruppen in all seinen Facetten kennt.

Zum Autor
Jan Wolter, ist General Manager bei Applause EU. Als VP und Geschäftsführer Europa leitet Wolter für Applause den europäischen Geschäftsbereich und ist verantwortlich für den Ausbau des Unternehmens im europäischen Markt. Seine Hauptaufgabe besteht darin, sicherzustellen, dass die Ziele von Applause Europe in Bezug auf das Umsatzwachstum und die Kundenakquisition umgesetzt werden.

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