VC-Interview Über Startups, die die Dinge gerne sehr positiv darstellen

"Ich habe selber einige Businesspläne geschrieben, die leider nicht eingehalten wurden, habe aber am Ende mein Startup trotzdem erfolgreich verkauft! Die konkreten Werte im Businessplan sind uns weniger wichtig", sagt Johannes von Borries, Managing Partner bei UVC.
Über Startups, die die Dinge gerne sehr positiv darstellen

Im Februar des vergangenen Jahres legte Unternehmertum Venture Capital (UVC) seinen zweiten Fonds auf (Zielgröße: 70 Millionen Euro). Der bayerische Kapitalgeber investiert in Startups aus dem deutschsprachigen Raum in den Bereichen Industry 4.0 und IoT, B2B Software (SaaS), Mobilität und Smart City. Zuletzt floss unter anderem Geld in Unternehmen wie shyftplan, Blickfeld und 3YOURMIND. Im VC-Interview mit deutsche-startups.de spricht Johannes von Borries, Managing Partner bei UVC, über Experteneinschätzungen, Workshops und Vertrauensbrüche.

Reden wir über Geld. Was genau reizt Dich daran, Geld in Unternehmen zu investieren?
Geld ist für mich das Mittel, um bei spannenden Startups mit dabei zu sein. Die Zusammenarbeit mit enthusiastischen und visionären Gründer, die die Welt verändern wollen, das ist was mich reizt. Natürlich ist auch der finanzielle Erfolg wichtig. Denn wir müssen und wollen unseren Investoren eine gute Rendite liefern, damit wir auch in Zukunft investieren können.

Wie wird man eigentlich Venture-Capital-Geber – wie bist Du Venture-CapitalGeber geworden?
Alles hat angefangen, als ich 2001 meinen MBA in Berkeley, USA gemacht habe. Dort habe ich das Silicon Valley, Venture Capital und die Startup-Szene kennen und lieben gelernt. Eigentlich wollte ich erst selber ein Startup gründen, aber nach dem Zusammenbruch des Dotcom-Hypes hat das nicht geklappt. Daraufhin habe ich bei Wellington Partners angefangen und das VC-Geschäft von der Pike auf gelernt. 2006 wollte ich es dann nochmals als Unternehmer wissen und habe ein Startup im Bereich Semiconductor Equipment erfolgreich aufgebaut und später verkauft. Nach dem Exit bin ich dann als Partner bei Unternehmertum Venture Capital Partners eingestiegen.

In der VC-Welt wird oftmals mit Millionenbeträgen hantiert, wird Dir da nicht manchmal mulmig zumute – bei diesen Summen?
Es ist viel Geld, aber wenn man das mal in Gehälter für Mitarbeiter umrechnet, stellt man schnell fest, dass ein Team mit 20 Mitarbeitern – SW-Entwicklern, Vertrieblern und Managern – schnell mal 2 Million Euro pro Jahr kostet. Wenn man also Firmen aufbauen will die auch etwas im Markt bewegen können, benötigt man einfach solche Summen.

Was sollte jeder Gründer über Euch – als VC – wissen – wie etwa grenzt Ihr euch von anderen Investoren ab?
Wir investieren nur in Branchen, nämlich B2B SaaS, Industrie 4.0, Advanced Manufacturing und Mobility, die wir gut verstehen. Dieses Wissen haben wir erworben, weil wir selber in diesen Themen Startup-Erfahrung haben und/oder erfolgreich in diesen Bereichen investiert haben. So investierten wir im Bereich Mobility unter anderem in Flixbus, Carjump und Blickfeld und bei Industrie 4.0 bzw. 3D-Druck in KONUX oder 3YOURMIND. Außerdem war mein eigenes Startup im Bereich Software-, Maschinenbau tätig und ich habe selber die ganze Tour von VC-Finanzierung bis Exit als Gründer miterlebt – ich weiß also was man da durchmacht.

Wie entscheidet Ihr, ob Ihr in ein Start-up investiert?
Wir versuchen eine transparente Due Diligence durchzuführen, die möglichst auf Marktdaten, Kundeninterviews und Experteneinschätzungen beruht. Wir haben klare Kriterien wie Marktgröße, USP, Nachhaltigkeit des Businessmodells, ExitMöglichkeiten, etc. Und natürlich das Team, das wir auch möglichst nach objektiven Kriterien beurteilen. Viele dieser Daten sind jedoch nur Prognosen und subjektive Einschätzungen und keine Fakten, außerdem gibt es oft auch unterschiedliche Meinungen bei Kunden und Experten. Daher hilft uns unsere langjährige Erfahrung, aus den einzelnen Datenpunkten ein Gesamtbild zu erstellen. Das nennen viele dann auch Bauchgefühl, weil das Resultat am Ende sehr subjektiv ist.

Welche Unterstützung bietet Ihr – neben Geld?
Durch unsere enge Zusammenarbeit mit der UnternehmerTUM, dem führenden deutschen Innovationszentrum mit über 50 Corporate Partnern – unter anderem SAP, Facebook, IBM, Siemens, BMW, Daimler und Bosch – und der engen Anbindung an einer der führenden technischen Universitäten Europas können wir unseren Portfoliofirmen Zugang zu Talenten und Kunden/Partnern bieten. Natürlich hat jeder VC sein Netzwerk, aber wir haben 170 Mitarbeiter in der UnternehmerTUM die sich alle mit dem Aufbau von Startups und der Zusammenarbeit mit Corporates beschäftigen.

Wie organisiert Ihr den Austausch mit Euren Portfolio-Firmen, welche Tools nutzt Ihr?
Zum einen hat die UnternehmerTUM eine Menge Aktivitäten für Startups – etwa TechFest, MUST-3D, spezielle Events mit Corporate Partnern – zu denen wir unsere Portfoliofirmen bevorzugt einladen. Zum anderen organisieren wir als Unternehmertum Venture Capital Partners selber themenspezifische Workshops. So haben wir letztens etwa einen Experience-Sharing-Workshop mit dem Head of Germany von Salesforce organisiert, bei dem unsere B2B-SaaS-Startups im vertrauten Rahmen gegenseitig Best-Practice Sharing betreiben konnten und auch erfuhren, wie Salesforce selber Vertrieb macht.

Nicht jedes Start-up läuft rund, nicht jedes wird ein Erfolg. Was macht Ihr, wenn eine Eurer Beteiligungen in Schieflage gerät?
Die wenigsten Startups entwickeln sich anhand einer linear steigenden Kurve. Meistens sind es Zickzack-Kurven mit vielen Höhen und Tiefen. Wenn also ein Startup mal in eine Schieflage gerät, stellt sich die Frage, ob es ein kurzfristiges Tief ist, oder ob grundlegende Faktoren dem Erfolg entgegenstehen. Sehr oft entwickeln sich dann etwa die Märkte nicht so wie erhofft, oder das Produkt funktioniert nicht bzw. der Kunde will eigentlich etwas anderes. Wir arbeiten dann mit den Teams eng zusammen, analysieren die Lage und versuchen das Produkt bzw. das Businessmodell anzupassen oder auch andere Märkte anzugehen. Das führt nicht immer zum Erfolg, aber gerade in dieser Phase ist eine enge Zusammenarbeit unumgänglich.

Und woran merkt Ihr, dass Ihr bei einem Start-up die endgültige Reißleine ziehen müsst?
Sollte unsere Einschätzung der aktuellen Lage dazu führen, dass wir nicht mehr an einen finanziellen Erfolg glauben, das heißt wir unser Geld nicht mehr zurückbekommen oder neues Geld nicht unsere Rendite-Erwartungen erfüllt – dann entscheiden wir, nicht mehr weiter zu finanzieren. Das ist aber nicht immer das Ende für das Startup. Manchmal schafft es auch selber den Break-Even oder finanziert sich woanders. Wichtig ist in diesem Prozess eine hohe Transparenz von Anfang an auf beiden Seiten. Wir wollen das Team mit der Entscheidung, nicht mehr weiter zu finanzieren, ebenso wenig überraschen, wie wir ungerne schlechte Nachrichten erst spät erfahren.

Wie wichtig und bindend ist ein Businessplan?
Ich habe selber einige Businesspläne geschrieben, die leider nicht eingehalten wurden, habe aber am Ende mein Startup trotzdem erfolgreich verkauft! Die konkreten Werte im Businessplan sind uns weniger wichtig. Ein guter Businessplan zeigt aber die Abhängigkeiten der einzelnen Faktoren und erlaubt dem Management das Startup zu steuern. Es zeigt auch, ob sich das Management über gewisse Themen bewusst ist, selbst wenn es die Werte nicht genau prognostizieren kann. So ist etwa im B2B der Sales Cycle eine wesentliche Größe. Anfangs kennt man den einfach nicht, da man noch nicht genügend Kunden hat. Ein längerer Sales Cycle stört uns nicht, denn meistens haben den alle im Markt, aber ich muss meine Planung entsprechend anpassen, sonst verbrenne ich unter Umständen viel Geld ohne etwas zu bewirken.

Was sollten Gründer vor Investoren niemals sagen oder machen?
All das, was Vertrauen zerstört. Am Ende investieren wir in ein Team und gehen mit ihm auf eine Reise über mehrere Jahre. Ähnlich wie in der Ehe! Nur können wir uns nicht so einfach scheiden lassen. Daher sollte auch das Startup prüfen, mit welchem Investor es wirklich gut zusammenarbeiten kann. Wir wissen auch, dass die Teams ihre Startups verkaufen müssen und daher gerne mal die Dinge sehr positiv darstellen. Das muss so sein und ist kein Vertrauensbruch. Sollten aber konkrete Informationen falsch oder zu „naiv“ dargestellt werden, sehen wir das sehr kritisch. Denn wie kann ich sicher sein, dass später in schwierigen Zeiten das Team dann wirklich transparent und offen ist?

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Foto (oben): UVP

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.