Alexander Kölpin im VC-Interview “Man ist eine Art Geburtshelfer, Mentor, Trainer”

"Da wir schon Pre-Seed und Seed investieren ist meistens die Datenlage dünn. Trotzdem geht es nicht um Bauchgefühl, sondern darum, Daten aufzunehmen und sich daraus ein Bild zu machen", sagt Alexander Kölpin, Partner bei WestTech Ventures, im VC-Interview.
“Man ist eine Art Geburtshelfer, Mentor, Trainer”

WestTech Ventures investiert seit 2013 in junge Start-ups. Im Portfolio des Berliner Geldgebers befinden sich Startt-ups wie Book A Tiger, Dalia, familio, Itembase, Remerge und styla. Im VC-Interview mit deutsche-startups.de spricht Alexander Kölpin, Partner bei WestTech Ventures, über Geburtshelfer, Informationsjunkies und Produktstrategien.

Reden wir über Geld. Was genau reizt Dich daran, Geld in Unternehmen zu investieren?
Wir investieren in ganz frühen Phasen, da ist man eine Art Geburtshelfer, Mentor, Trainer in den ersten Jahren. Man darf Gründerinnen begleiten, die mit vollem Engagement etwas Neues aufbauen. Man ist zwangsweise mit dabei, beim Erfolg, aber auch beim Scheitern und trägt selbst sein VC-Risiko, steht also nicht nur am Rand im Zuschauerfeld. Man kann über Erfolg und Misserfolg mit entscheiden. Spannenderes kann ich mir gerade nicht vorstellen.

Wie wird man eigentlich Venture-Capital-Geber – wie bist Du Venture-Capital-Geber geworden?
Ich meine bei großen Fonds in Europa oft Lebensläufe zu sehen, die aus dem Investmentbanking kommen, wo dann der Anzug dem Hoodie weicht. Bei kleinen Seed-Fonds oder MicroVCs sind es oft ehemalige Gründer, aber oft auch einfach Personen, die über viele Jahre Kenntnisse aus ihrer Arbeit in Startups, über Technologie, Trends etc. erworben haben und dann über Mitarbeit in VCs auf die Partnerebene aufsteigen. Ich vergleiche das oft mit Sporttrainern, etwa für Langstreckenläufer. Die Trainer müssen nicht selber Olympiasieger gewesen sein, um ihren Schützlinge zum Erfolg zu verhelfen. Aber würden sie gar nicht laufen, wäre meist auch keine gute Betreuer/Sportler Beziehung möglich. Ich selber habe nach verschiedenen Abschlüssen an europäischen Unis bei einer amerikanischen Unternehmensberatung in Frankfurt am Main angefangen. Die dort gemachten IT-Projekte brachten mich zu einem B2B-Softewarestartup in Berlin. Über längere Zeit habe ich Startups für Berlin vor allem aus dem Valley nach Berlin geholt und einen – erfolglosen – Gründungsversuch unternommen. Zusätzlich kann der Aufbau der BerlinWebWeek seit 2008. Ich kam nach einigen Jahren an einen Punkt, bei dem viele Erfahrungen zusammen kamen, die nötig waren, um nicht nur erfolgreiche Investments zu finden, sondern auch über die ersten Jahre proaktiv zu begleiten. Ich habe dann einen – anderen – VC mit einem Partner gegründet und danach 2013 begonnen zusammen mit Masoud Kamali unseren VC WestTech aufzubauen.

Wie entscheidet Ihr, ob Ihr in ein Start-up investiert: Bauchgefühl, Daten, Beides oder was ganz anderes?
Da wir schon Pre-Seed und Seed investieren ist meistens die Datenlage dünn. Trotzdem geht es nicht um Bauchgefühl, sondern darum, Daten aufzunehmen und sich daraus ein Bild zu machen. Die sind aber nicht nur interne Firmendaten, sondern betreffen das ganze Umfeld von Wettbewerbern über Technologie bis hin zu den großen Trends. Deswegen zählen gute VCs auch meist zu den Informationsjunkies. Da wir sehr früh investieren, auch immer wieder Gespräche.

Was sollte jeder Gründer über Euch – als VC – wissen – wie etwa grenzt Ihr Euch von anderen Investoren ab?
Wir sind sehr hands-on in den ersten Jahren. Wenn gewünscht, stehen wir jede Woche in Kontakt mit den Gründerinnen und unterstützen bei vielen Fragen. Bei einigen Teams tun wir das regelmäßig, andere treffen wir nur einmal im Monat und unterstützen dann aktiv, wenn eine neue Finanzierungsrunde ansteht. Bei einigen größeren Investments ist auch längst der Staffelstab an andere große VCs übergeben, da sind wir dann nach zwei bis drei Jahren nur noch Finanzinvestor. Unser Ziel ist es die Startups aus der Seedphase auf die nächste Stufe zu bringen.

Welche Unterstützung bietet Ihr – neben Geld?
Dies ist vor allem Mentoring oder wie ich oft im Valley höre: sounding board zu sein. Die Gründerin hat dadurch den Vorteil, Fragen mit jemandem zu besprechen, der nicht Teil des Unternehmens ist, aber das gleiche Interesse hat, das Unternehmen nach vorne zu bringen und über Erfahrungen aus über 40 Investments verfügt. Das geht über HR Fragen, Pricing, Produktstrategie bis natürlich zum Fundraising. Unser großes Netzwerk ist dabei sehr von Vorteil.

Wie organisiert Ihr den Austausch mit Euren Portfolio-Firmen, welche Tools nutzt Ihr?
Wir nutzen eigentlich einen bunten Blumenstrauß an Tools. Von der Häufigkeit her könnte es so sein: E-Mail, Whatsapp, Telefon, Slackgruppen, FB-Gruppe.

In der VC-Welt wird oftmals mit Millionenbeträgen hantiert, wird Dir da nicht manchmal mulmig zumute – bei diesen Summen?
Bei uns sind die Summen eher sechsstellig, aber auch das ist sehr viel Geld. Je näher man einem Investment kommt, um so klarer wird es, wie sicher man sich wirklich ist. Dazu kommt auch meistens, dass es ja wiederum auch andere Investoren sind, die einem VC Geld anvertrauen, Fehler kann man da nicht einfach wegstecken.

Nicht jedes Start-up läuft rund, nicht jedes wird ein Erfolg. Was macht Ihr, wenn eine Eurer Beteiligungen in Schieflage gerät?
Wir sind ja mit im Boot und idealerweise eng mit den Gründerinnen verknüpft. Wir unterstützen wo wir können, entweder selbst oder mit Experten aus unserem Netzwerk. Das ist oft mit viel Zeit verknüpft, manchmal auch mit neuem Geld.

Und woran merkt Ihr, dass Ihr bei einem Start-up die endgültige Reißleine ziehen müsst?
Die Reißleine zieht ein Frühphasen-VC im Allgemeinen nicht. Die Gründerinnen sitzen bei uns im Fahrersitz. Nach einem Investment fühlen wir uns als Teil des Startups. Wenn allerdings Argumente nicht überzeugen oder die nicht gehört werden wollen, macht es auch keinen Sinn, dem schlechten Geld neues, gutes hinterher zu werfen oder die andere knappe Ressource, Zeit, zu investieren.

Wie spricht man als Gründer am besten einen Investor an?
Am besten gut vorbereitet, wie bei jedem wichtigen Salesgespräch. Und idealerweise schafft man es über andere Gründerinnen oder Angel direkt einen Kontakt zu bekommen. Ich kann aber versichern, dass wir bei WestTech alle Mails, die an Pitch@WestTechVentures.com gehen auch lesen.

Was sollten Gründer vor Investoren niemals sagen oder machen?
Idealerweise ist das Bild, das nach außen vermittelt wird und die Zustände im Inneren ja gleich. Aber ich bin im Zwiespalt, hier etwas zu sagen: wenn ich bei Gründerinnen den Tip gebe, Uneinigkeit vor den VCs zu vermeiden, tun sie das sicher, aber ich möchte ja hinter den bloßen Schein schauen!
Generell kann man sicher sagen, dass das Geschäft vertrauensbasiert ist. Von Leichen im Keller erst zu reden, wenn Verträge auf den Tisch kommen, führt eher zu Verhandlungsabbruch, während es ganz zu Anfang eher eine Sache gewesen wäre, die halt zu klären ist.

Gebt Ihr uns einen Einblick in Euer Anti-Portfolio – bei welchen, jetzt erfolgreichen, Firmen seid Ihr leider nicht eingestiegen?
Für ein richtiges Anti-Portfolio ist man nach vier Jahren noch zu jung, es dauert ein wenig länger, um Erfolge zu sehen. Finanzierungsrunden reichen dazu nicht aus, sie sind sicher ein Grund zu feiern, aber am Ende zählt nur der Exit. Wir halten aber die Infos vor, schon um uns selber zu überprüfen. Am Ende würde ich dazu aber nur die Firmen zählen, in die wir von den Kriterien her auch investiert hätten: ein E-Commerce Projekt z.B., dass sich bei uns vorstellt und später hocherfolgreich ist, würde ich nicht dazu zählen, denn diese Themen liegen nicht in unserem Fokus. Aber ich kann sagen, dass es eins, zwei Enterprise Software Startups gibt, deren Entwicklung ich verfolge.

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Foto: Beth Jennings

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.