Interview mit Marcus Tandler Progressive Web Apps sind cooler als native mobile Apps

Progressive Web Apps können zum neuen 'heißen Scheiß' werden, wenn sich unter smarten Online Marketern herumspricht, welche Vorteile PWAs gegenüber nativen mobilen Apps haben. Fundierte Informationen zu diesem Thema liefert einer der bekanntesten SEO-Experten: Marcus Tandler.
Progressive Web Apps sind cooler als native mobile Apps

Was sind Progressive Web Apps?
Progressive Web Apps sind mobil nutzbare Webangebote, die sich progressiv an das Endgerät und / oder den verwendeten Browser anpassen. Progressive Enhancement ist der Grundsatz nach dem Progressive Web Apps gebaut werden und Progressive Enhancement bedeutet vor allem eines: Mobile first! Progressive Web Apps werden auf Basis offener Webstandards entwickelt. Markup wird von CSS getrennt, Inhalt von Design und JavaScript wiederum von beidem isoliert. Die Idee dahinter ist, dass die Inhalte immer angezeigt werden können und die Kernfunktionalität gegeben ist, egal ob JavaScript deaktiviert wurde oder auch das CSS für das gewünschte Medium nicht geeignet ist. Letztendlich sind Progressive Web Apps nur eine aufgebohrte Version einer bereits existierenden mobilfreundlichen Webseite auf HTTPS-Basis. Es bedarf lediglich eines oder mehrerer JavaScript-Service Worker und eines sogenannten Web App Manifests, um dem Nutzer die Möglichkeit zu geben, die App auf den Homescreen zu legen. Das Grundgerüst für die dynamischen Inhalte, die App Shell, wird beim ersten Aufruf im Cache des Endgeräts angelegt und kann somit fortan ohne Verzögerungen aus dem Cache aufgerufen werden. So fühlen sich Progressive Web Apps letztendlich wie herkömmliche native Apps an – es sind halt nur keine.

Was ist der Vorteil von Progressive Web Apps gegenüber nativen Apps?
Die Vorteile von Progressive Web Apps gegenüber nativen Apps sind vielfältig. Progressive Web Apps sind eine Kombination der Stärken von nativen Apps und den Stärken von responsivem Mobile Web Development und das auf Basis offener Webstandards. Durch JavaScript-Service Worker kann eine Progressive Web App bspw. im Offline-Zustand Inhalte und Funktionalitäten aus dem Cache verwenden. Sobald die Verbindung wieder besteht, können diese mit dem Server abgeglichen werden. Der größte Vorteil von Progressive Web Apps ist allerdings die Möglichkeit der Auffindbarkeit über eine normale Google-Suche: Eine Progressive Web App kann ganz normal über die Google-Suche gefunden, aufgerufen und genutzt werden. Die Suche im App-Store und Installation entfallen. Auch Updates via App-Store sind nicht notwendig, so wird eine Progressive Web App mit Hilfe eines Service Workers automatisch auf dem neusten Stand gehalten. App-Stores werden in Folge dessen obsolet. Diese Zukunftsaussicht ist signifikant, denn Smartphone-Nutzer verbringen aktuell immer noch die meiste Zeit mit ein paar wenigen Apps – Stichwort: App Fatigue – App-Müdigkeit. Der Mobile Web Nutzer hingegen legt ein geradezu gegensätzliches Verhalten an den Tag, so besucht der durchschnittliche Nutzer pro Monat mehr als 100 unterschiedliche Domains. Die enorme Reichweite des Mobile Webs gegenüber den unterschiedlichen App Stores ist demnach der größte Vorteil, denn Progressive Web Apps lassen sich so deutlich besser und einfacher promoten.

Wo sind die Grenzen für PWA, welche Risiken bergen sie?
Da Progressive Web Apps genau wie Native Apps die Möglichkeit haben, auf Gerätefeatures wie bspw. Kamera oder Gyrosensor zurückzugreifen, sind bei der Entwicklung von Progressive Web Apps kaum Grenzen gesetzt. Allerdings ist die Unterstützung seitens Apple / iOS noch nicht vollumfänglich, so läuft aktuell auf Apple-Geräten zwar die Web-App, aber durch die fehlende Unterstützung für Service Worker ist das Nutzererlebnis noch nicht wirklich progressiv. Nur unter Android sind PWAs derzeit voll funktionsfähig. Immerhin ist beim Safari Browser der Support für Service Worker mittlerweile „Under Consideration“.

Für welche Art von Anwendungen sind PWA geeignet, für welche nicht
Durch den vorhandenen Hardware-Access lassen sich prinzipiell alle App-Konzepte auch als Progressive Web App umsetzen. Jedoch eignen sich meiner Meinung nach insbesondere inhalts- und news-lastige Anwendungen für die Umsetzung als Progressive Web App, aufgrund des bereits oben erwähnten Vorteils, dass die Inhalte über eine einfache Google-Suche gefunden werden können und somit die PWA einfacher promotet werden kann. Komplexe Spielerlebnisse eignen sich eher weniger, sind aber selbstverständlich durchaus möglich. Auf der Website Progressive Web Apps gibt es einige tolle Beispiele für erfolgreiche Progressive Web Apps. Dennoch, wir stehen hier noch ganz am Anfang.

Wenn ich eine PWA entwickeln will, welche Ressourcen kann ich dann nutzen, wie gehe ich vor?
Wer damit anfangen will, selber PWAs zu entwickeln, sollte sich zuallererst das PWA Code Lab von Google zu Gemüte führen. Insbesondere Googles Firebase eignet sich als Entwicklungsplattform für die Entwicklung von Progressive Web Apps. Firebase ist eine intelligente Arbeitsoberfläche für das Bauen von Apps, die im Oktober 2014 von Google übernommen worden ist. Die Plattform bietet eine skalierbare Infrastruktur und ist mit diversen Tools beliebig erweiterbar. So ist es bspw. möglich auf das kostenfreie Firebase Cloud Messaging zurückzugreifen, um Push Notifications auf beliebig viele Endgeräte zu senden. Mittels einer Authentication Lösung können sich Nutzer auf beliebige Art und Weise bei der App anmelden. Google macht es Entwicklern somit super einfach, an Nutzerdaten zu kommen. Ein besonderes Schmankerl ist Firebase Remote Config, mit Hilfe dessen sich das Aussehen und Verhalten der App ändern kann, ohne das der Nutzer sich ein Update der App herunterladen muss. Man kann die App also je nach Zielgruppe anders aussehen lassen, ganz auf den Nutzer fokussiert. Auch hyper-dynamische A/B Tests werden somit möglich. Mittlerweile ist Firebase für Google die United App Plattform, also für Android, iOS und Mobile Web Development im Allgemeinen.

Chancen der PWA – Ausblick in die Zukunft, wie werden sie sich weiterentwickeln?
Progressive Web Apps sind wahrlich eine Bereicherung für das Mobile Web. Da Entwickler bislang ihren Nutzern im Mobile Web und im Browser nur eine suboptimale Nutzererfahrung bieten konnten, mussten sie sich eben nativen Apps zuwenden. Funktionalitäten wie eine schnelle Ladezeit, die Möglichkeit der Offline-Nutzung oder auch das Versenden von Push Notifications war bislang nur nativen Apps vorbehalten. Nun ist es endlich möglich, dem Nutzer im Mobile Web und damit im Browser eine nahezu vergleichbare Nutzererfahrung zu bieten. Durch die bessere Auffindbarkeit mittels einfacher Google-Suchen und dem daraus resultierenden Wegfall des nervigen Umwegs über App-Stores werden sich Progressive Web Apps meiner Meinung nach langfristig durchsetzen. Google und anderer Tech-Vertreter arbeiten mit Hochdruck daran, die Möglichkeiten von Progressive Web Apps noch weiter auszubauen, um native Apps letztendlich überflüssig zu machen.

Du bist bekannt dafür, neue Entwicklungen immer auch unter dem Aspekt zu betrachten, was sie aus Googles Sicht bedeuten: Was beabsichtigt Google Deiner Meinung nach in Bezug auf das mobile Web?
Durch den erwünschten Wegfall von App-Stores als Intermediär beim Befüllen des Smartphone-Homescreens greift Google einen seiner erbittertsten Mitbewerber, nämlich Apple direkt an.
Zwar werden im Google Play Store mittlerweile doppelt so viele Apps heruntergeladen, aber Apple macht damit dennoch 90 % mehr Gewinn als Google. Auch scheint das initiale Wachstum von Google mittlerweile abzuflachen, was durchaus erwähnenswert ist, da Android weltweit einen signifikant höheren Marktanteil als iOS hat .Letztendlich aber versucht Google dem mittlerweile vorrangig mobilen Nutzer die bestmögliche Nutzererfahrung zu bieten. ‘Mobile first!’ lautet ja schon länger Googles Devise -vor kurzem hat Google CEO Sundar Pichai das nächste visionäre Ziel: ‘AI first!’ ausgerufen. Durch die mittlerweile zahlreichen „Walled Gardens“, wie bspw. Facebook oder auch Snapchat ist ein Kampf um das Mobile Web entbrannt. Google versucht durch die konsequente Weiterentwicklung von Mobile Web Standards, das Mobile Web weg von Apps und wieder zurück in den Browser zu holen. Firebase scheint hierbei die Plattform für das mobile Web von Google zu werden. Da mittels Firebase erstellte Apps quasi optimal auf Google zugeschnitten sind und alleine schon durch das Hosting in der Google Cloud sicherlich auch einen Geschwindigkeitsvorteil hinsichtlich der Ladezeit haben, kann ich mir gut vorstellen, dass solche Apps einen nachgelagerten Vorteil beim Ranking innerhalb der Google-Suchergebnisse haben könnten. Dies ist eine große Chance für ambitionierte Online-Marketer! In diesem Sinne: Happy Optimizing.

Zur Person
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Marcus Tandler, auch bekannt als ‘Mediadonis’ , ist Co-Gründer und Geschäftsführer von OnPage.org, einer preisgekrönte Software für umfassendes Qualitätsmanagement und nachhaltige Suchmaschinenoptimierung von Webseiten. Marcus liebt SEO und ist seit 1998 im SEO-Bereich aktiv. Mit dem Deutschlandstart von Google im Jahr 2000 ist er mit Google und dessen Suchalgorithmus aufgewachsen. Er ist ein gern gesehener Sprecher auf Konferenzen rund um den Globus, wie bspw. TEDx, LeWeb, The Next Web, SMX und O´Reilly´s web2.0expo. Auch bei hausinternen Veranstaltungen von Google, Facebook und Microsoft durfte er bereits Vorträge halten. Er ist außerdem Dozent an der FH Erding, der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, sowie der FH Salzburg.

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Elke Fleing aus Hamburg liefert Texte aller Art, redaktionellen Content und Kommunikations-Konzepte. Sie gibt Seminare, hält Vorträge und coacht Unternehmen. Bei deutsche-startups.de widmet sie sich vor allem Themen und Tools, die der Erfolgs-Maximierung von Unternehmen dienen.