Iskender Dirik im Interview “Wir fordern 100%ige Transparenz, was Probleme angeht”

"Die Wahrscheinlichkeit, mit einer kalten Direktanfrage wahrgenommen zu werden, ist praktisch gesehen sehr, sehr gering. Gerade für frühe Phasen können sich passende Events eignen, wenn - und nur dann - man als Gründer seine Hausaufgaben macht", sagt Iskender Dirik von Bauer Venture Partners.
“Wir fordern 100%ige Transparenz, was Probleme angeht”

Stattliche 100 Millionen Euro kann das Team von Bauer Venture Partners, ein Ableger des reichweitenstarken Medienhauses Bauer (“Bravo”, “Neue Post” , “tv14”), in den kommenden Jahren in Later Stage-Start-ups investieren. Im Portfolio des Hamburger Geldgebers sind bereits bekannte Unternehmen wie CareerFoundry, Contorion und navabi vertreten. Generell interessieren sich die Hanseaten für die Themen Digital Media, LeadGen, Classifieds und Marketplaces.

Pro Investment sind dabei zwischen 2 und 5 Millionen möglich. Neben der DACH-Region ist Bauer Venture Partners auch im skandinavischen Raum unterwegs. Im VC-Interview mit deutsche-startups.de spricht Iskender Dirik, Managing Director bei Bauer Venture Partners, über Innovationen, grüne Wiesen und Hausaufgaben.

Reden wir über Geld. Was genau reizt Dich daran, Geld in Unternehmen zu investieren?
Die Königsdisziplin in der Wirtschaft ist und bleibt es für mich, tolle, funktionierende Unternehmen “from scratch” aufzubauen. Gleichzeitig begeistern mich technologiegetriebene Innovationen. Um beides zusammen zu bringen, also ein gesundes Unternehmen auf Basis technologischer Innovationen zu schaffen, ist oft ein langer Atem notwendig. Das Geld ist schlussendlich das Mittel, der Enabler, um Startups diesen Atem zu geben. Und das macht es für mich unglaublich spannend: Innovationen ermöglichen und fördern, Unternehmen “from scratch” entstehen und gedeihen zu sehen – und am Ende dann natürlich hoffentlich aus Geld “mehr Geld” für alle Beteiligten zu machen.

Wie wird man eigentlich Venture-Capital-Geber – wie bist Du Venture-Capital-Geber geworden?
Die Wege zum VC sind grundsätzlich sehr unterschiedlich. Es gibt VCs, die schon immer VCs waren, es gibt Kollegen, die aus dem Investment Banking kommen und es gibt auch mehr und mehr Kollegen, die aus unternehmerischer Erfahrung heraus VC werden. Bei mir ist es klar letzteres. Ich habe viele Startups gegründet und hands-on mit aufgebaut, habe Erfahrungen in der Umsetzung neuer Geschäftsmodelle und Entwicklung komplexer Technologien auf der grünen Wiese gesammelt. Mein Background ist dadurch sehr unternehmerisch geprägt und Tech- sowie Produktlastig. Bei Bauer Venture Partners habe ich die Möglichkeit erhalten, auf die andere Seite des Tisches zu wechseln und meine Erfahrungen in den Bereichen Unternehmertum, operatives Management und Technologie als Mehrwert für unsere Positionierung als VC zu nutzen.

In der VC-Welt wird oftmals mit Millionenbeträgen hantiert, wird Dir da nicht manchmal mulmig zumute – bei diesen Summen?
Es ist sehr wichtig, richtig und sorgfältig mit dieser Verantwortung umzugehen. Mulmig wird uns nicht, weil wir uns unserer Verantwortung bewusst sind und jeden Stein mehrmals umdrehen, bevor wir eine Investmententscheidung tätigen. Denn tatsächlich ist es so, dass man in dem Geschäft ansonsten relativ schnell relativ viel Geld ausgeben und eben auch verbrennen kann. Da hilft es nur, dass wir unsere Hausaufgaben möglichst gut machen und bei jeder Investmententscheidung Respekt vor jedem ausgegeben Euro haben.

Was sollte jeder Gründer über Bauer Venture Partners – als VC – wissen – wie etwa grenzt Ihr Euch von anderen Investoren ab?
Wir haben total smartes Money, sind gründerfreundlich, beraten Gründer exzellent, haben ein unfassbar gutes Netzwerk usw. Und jetzt kommt der Zwinkersmiley. Denn das sagen natürlich alle.
Was wir darüber hinaus – noch ein Smiley – aber sagen können: Wir haben einen interessanten thematischen Fokus, den wir gerade weiter schärfen, und eine gute Plattform mit der Bauer Media Group im Hintergrund.

Welche Unterstützung bietet Ihr – neben Geld?
Wir bieten auf Wunsch Zugriff auf die Plattform der Bauer Media Group, unserem Limited Partner. Bauer Media ist inzwischen Europas führendes Magazin- und Radiohaus und hat eine sehr internationale Verbreitung – 65 % Umsatz im Ausland -: Von Skandinavien und Polen bis nach Australien und in die USA. Die internationale Bauer Plattform ist ein entscheidendes Asset, das wir neben unserem Geld einbringen: Reichweite, Infrastruktur, Netzwerk/Kontakte, Knowhow – so auch im Bereich Vertrieb & Sales. Als eines von wenigen Medienunternehmen weltweit deckt Bauer zudem mit Digital, Print, Radio und TV alle relevanten Medienkanäle ab.

Wie entscheidet Ihr, ob Ihr in ein Start-up investiert: Bauchgefühl, Daten, Beides oder was ganz anderes?
Definitiv beides. Zu den reinen Daten kommt natürlich auch eine generelle Einschätzung des Businessmodells, der Marktaussichten, des Wettbewerbsumfelds etc. Und wir legen großen Wert darauf, Brachenexperten aus unserem Netzwerk nach ihrer Einschätzung zu fragen.

Nicht jedes Start-up läuft rund, nicht jedes wird ein Erfolg. Was macht Ihr, wenn eine Eurer Beteiligungen in Schieflage gerät?
Grundsätzlich: Wenn wir etwas von unseren Startups fordern, dann ist es 100%ige Transparenz, was Probleme angeht. In Boardmeetings will ich von Gründern auch am liebsten immer ein Slide mit Punkten sehen, die gerade nicht gut laufen oder zu einer Gefahr werden könnten. Viel zu oft werden Boardmeetings nur genutzt, um ausschließlich gute Stimmung bei den Investoren zu verbreiten.
Kommen Gründer bezüglich einer Schieflage dann hoffentlich offen auf uns zu, ist unsere Philosophie klar: Wir sitzen auf der gleichen Seite des Tisches und müssen gemeinsam schauen, wie wir die Lage verbessern können. Das ist kein Blabla, sondern sehr ernst gemeint. Wenn das Business in eine Schieflage gerät, ist das letzte, was man gebrauchen kann, dass sich jeder um seine eigene Agenda kümmert. Es darf nur eine Agenda geben: Gemeinsam das Problem zu lösen.

Und woran merkt Ihr, dass Ihr bei einem Start-up die endgültige Reißleine ziehen müsst?
Das lässt sich kaum verallgemeinern. Die Anzeichen können so unterschiedlich sein. Die Alarmglocken gehen bei uns aber auf jeden Fall an, wenn man den Gründern Ratlosigkeit und/oder Motivationsschwierigkeiten ansieht. Und wenn wir eben merken, dass die Gründer nicht transparent sind, uns Informationen vorenthalten und uns insbesondere klare Schwierigkeiten verschweigen.

Was sollten Gründer vor Investoren niemals sagen oder machen?
Streiten, Arroganz an den Tag legen, ihre Zahlen, ihren Markt und ihre Wettbewerber nicht kennen, sich vorab nicht über den VC informiert haben und bitte nicht von unzähligen Termsheets sprechen, die angeblich bereits auf dem Tisch liegen – wenn das nicht wirklich der Fall ist.

Wie spricht man als Gründer am besten einen Investor an?
Auch das ist keine Überraschung: Das beste ist immer ein gutes Intro zu bekommen. Die Wahrscheinlichkeit, mit einer kalten Direktanfrage wahrgenommen zu werden und durch den VC Funnel zu kommen, ist praktisch und statistisch gesehen einfach sehr, sehr gering. Gerade für frühe Phasen können sich zudem auch passende Events eignen, wenn – und nur dann – man als Gründer seine Hausaufgaben vor dem Event macht und nicht wahllos Investoren auf dem Event anspricht. Das heißt in dem Fall: Vorher schauen, welche Investoren auf dem Event sein werden, dann deren Investfokus prüfen und erst dann die Investoren, die einen passenden Themen-, Phasen- und Marktfit haben ansprechen und nach einem Termin auf dem Event fragen.

Gebt Ihr uns einen Einblick in Euer Anti-Portfolio – bei welchen, jetzt erfolgreichen, Firmen seid Ihr leider nicht eingestiegen?
Uns gibt es ja erst seit zwei Jahren, da ist die Liste alleine zeitbedingt noch nicht lang. HometoGo kann ich aber definitiv nennen, da haben sich DN Capital und Acton leider schneller durchsetzen können. Ansonsten investieren wir bei uns auch in andere VC-Funds und hätten gerne unter anderem bei Northzone und Cherry investiert, haben das aber leider nicht rechtzeitig geschafft.

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Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.