Hauke Stars im Interview “Wir brauchen ein Ökosystem für Wachstum”

"Wir brauchen in Deutschland ein Ökosystem für Wachstum. Derzeit haben wir einen Flickenteppich. Das Kapital ist zwar da, das passenden Umfeld zur Wachstumsfinanzierung aber noch nicht. Investitionen kommen oft noch nicht dort an, wo sie benötigt werden", sagt Hauke Stars, Mitglied des Vorstands der Deutsche Börse AG
“Wir brauchen ein Ökosystem für Wachstum”

Am 12. Oktober findet wieder das Growth Company Forum statt. Hauke Stars, Mitglied des Vorstands der Deutsche Börse AG, spricht auf der Veranstaltung über “The Future of Financing”. deutsche-startups.de konnte die Wachstumsexpertin vorab zum Interview treffen. “Der Standort Deutschland muss für Gründer und Investoren attraktiver werden, ansonsten haben wir keine Chance”, sagt Stars.

Wie ist der Standort Deutschland bei der Wachstumsfinanzierung aufgestellt?
Wir machen Fortschritte, aber wir können uns nicht mit Ländern vergleichen, die bei der Wachstumsfinanzierung deutlich mehr Tradition und Erfahrung haben. In den USA, dem Mutterland der Gründer, ist beispielsweise über Jahrzehnte ein Umfeld entstanden, das unternehmerisches Denken und die Gründerkultur fördert. Das beginnt bei den Universitäten, allen voran Stanford, und geht weiter bei Investoren, Beratern und der Politik, die ansprechende Rahmenbedingungen für Gründer und Investoren setzt. Wir brauchen in Deutschland ein solches Ökosystem für Wachstum. Derzeit haben wir eher einen Flickenteppich. Das Kapital ist zwar da, das passenden Umfeld zur Wachstumsfinanzierung aber noch nicht. Denn Investitionen kommen oft noch nicht dort an, wo sie benötigt werden.

Warum sehen wir in Deutschland so wenige wirkliche Millionen-Investments? Mangelndes Kapital? Schlechte Ideen? Schlechte Gründerteams?
Ein Grund ist sicherlich, dass der Markt noch zu intransparent ist. Wir müssen Investoren und Unternehmen gezielt zusammenführen. Deshalb haben wir im Juni 2015 mit dem Deutsche Börse Venture Network eine Plattform gegründet, die derzeit vor allem deutsche Wachstumsunternehmen mit Investoren in ganz Europa und immer stärker auch den USA und Asien zusammenbringt. Über diese Plattform sind bislang 23 Finanzierungsrunden mit einem Gesamtvolumen von 720 Millionen Euro gelaufen, darunter zwei Finanzierungsrunden über 45 Millionen Euro, nämlich für brillen.de und eGym. Investoren müssen Vertrauen in die Gründerteams und die Geschäftsmodelle haben – dann investieren sie auch.

Warum muss es erklärtes Ziel sein, Ideen in Deutschland zu halten?
Für mich ist das eine Frage der Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Wenn gute Unternehmen mit guten Ideen ins Ausland abwandern, dann sind sie für uns verloren. Und leider ist das immer wieder der Fall, weil Finanzierungsmöglichkeiten fehlen, gerade bei der Anschlussfinanzierung im zweistelligen Millionenbereich. Sie alle kennen die Initiative der Bundesregierung und des Bundesverbandes der Deutschen Industrie: „Deutschland – Land der Ideen“. Wir müssen mehr dafür tun, dass diese Ideen in Deutschland bleiben und unserer Volkswirtschaft nutzen.

Wie kann dies umgesetzt werden? Wie kann man Ideen in Deutschland halten?
Der Standort Deutschland muss für Gründer und Investoren attraktiver werden, ansonsten haben wir keine Chance. Es braucht ein Zusammenspiel vieler Akteure: Von Kapitalgebern, der Politik, aber auch der Wissenschaft und der Universitäten. Die USA machen uns vor, wie es geht. Nicht umsonst sind dort mit Blick auf die, nennen wir sie „digitalen“ Geschäftsmodelle, die Champions der letzten Dekade entstanden: Amazon, Google, Facebook. Es geht also darum, ein Ökosystem für Wachstum aufzubauen, in dem viele Beteiligte an einem Strang ziehen.

Wo ist grundsätzlich das Problem, Wachstumsunternehmen und Investoren zusammenzubringen?
Das ist eine Frage von Transparenz und Aufklärung, auf beiden Seiten. Wir sind da übrigens wieder sehr nah beim Börsengeschäft, denn es geht darum, einen Marktplatz aufzubauen, in dem Angebot und Nachfrage zusammenkommen. Dieser Marktplatz ist das Deutsche Börse Venture Network. Dort ist momentan das Ziel, ein möglichst vollständiges Angebot auf unsere Plattform zu bringen. Derzeit sind 109 Unternehmen und 189 Investoren im Venture Network. Das ist, nach etwas mehr als einem Jahr, ein Erfolg, aber wir bauen diese Zahl weiter aus. Die Liquidität ist entscheidend.

Die Bundesregierung hat in diesem Bereich auch ganz konkrete Vorstellungen. Wie äußert sich das bzw. was sind die Zielvorstellungen?
Das Wirtschaftsministerium kümmert sich sehr intensiv um dieses Thema, und das ist gut und wichtig. Wenn es darum geht, ein Ökosystem aufzubauen, in dem sich Wachstumsunternehmen in Deutschland entwickeln können bzw. Investoren Anreize haben, am Standort zu investieren, dann ist die Politik gefragt. Da geht es beispielsweise um steuerliche Anreize für Investoren, die Förderung von Wagniskapitalanlagen durch Kapitalsammelstellen, oder die Förderung der Mitarbeiterbeteiligung durch Belegschaftsaktien …

Welche Anstrengungen unternimmt hierbei die Börse bzw. welche Rolle geben Sie sich dabei? An wen richtet sich das Angebot?
Wir schneiden unser Angebot auf die Zielgruppen zu. Für Start-ups haben wir unseren FinTech Hub in Frankfurt eröffnet und sind auch Sponsor der Fintech-Initiative des Landes Hessen, das im November in Frankfurt eine weitere Anlaufstelle für junge Fintech-Unternehmen ins Leben rufen wird. Für etabliertere Unternehmen gibt es das Deutsche Börse Venture Network, das wir im September um den Service „Venture Match“ erweitert haben. Damit bringen wir Unternehmen und Investoren sehr zielgerichtet zusammen, fördern also das Matchmaking. Und wenn sich ein Unternehmen aus dem Deutsche Börse Venture Network am Kapitalmarkt finanzieren möchte und für einen Börsengang entscheidet, wie am 30. September die va-Q-tec AG, dann sind wir der natürliche Partner dafür.

Wo sind die Bemühungen der großen Kapitalgeber?
Es entstehen zurzeit viele neue und insbesondere auch größere Venture Capital-Fonds, die in Wachstumsunternehmen investieren. Als Deutsche Börse haben wir mit DB1 Ventures ja ebenfalls eine Einheit aufgebaut, um in strategisch interessante, aufstrebende Unternehmen zu investieren. Wir sehen beispielsweise aus dem Umfeld von Rocket Internet, dass auch deutsche Start-ups beim Exit erfolgreich sind und Investoren sich für diese Unternehmen öffnen.

Welche (politischen) Rahmenbedingungen müssen verbessert werden?
Es gibt eine ganze Reihe von Dingen, die wir tun müssen. Viele davon drehen sich um das unternehmerische Denken und Handeln. Die Unternehmensgründung ist in Deutschland recht aufwändig, bürokratisch und, verglichen mit anderen Ländern, teuer; im Vergleich zu den USA sind wir in Deutschland eher risikoavers; uns fehlen die Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten, die auf Gründungen ausgelegt sind; zudem haben wir zu wenig Programmierer – denn momentan wird das Gründungsthema vor allem von der Digitalisierung getrieben. Hinzu kommen die politischen Rahmenbedingungen, z.B. steuerliche Anreize.

Wie werden diese Themen konkret umgesetzt und welche Rolle spielen Sie dabei?
Wir sind natürlich im engen Austausch mit der Bundesregierung und unterstützen ihre Pläne. Unter anderem gab es im letzten Jahr einen Round Table, auf dem wir Empfehlungen vorgestellt haben, die derzeit umgesetzt werden, darunter das Deutsche Börse Venture Network als vorbörsliche Wachstumsplattform. Zu diesen Empfehlungen zählt auch, die ökonomische Bildung oder die Regulierung bei der Aktienberatung zu verbessern. Es geht auch bei diesen Themen um die Zusammenarbeit aller Beteiligten – um ein Ökosystem für Wachstum.

Über den neuen Service Venture Match organisieren Sie Finanzierungsrunden zwischen Startups und Kapitalgeber. Welche Voraussetzungen müssen beide Seiten erfüllen, um dort mitzumischen?
Wir konzentrieren uns auf Geschäftsmodelle, die sich am Markt bewährt haben, die zudem ein überdurchschnittliches Wachstum, sowie klar messbare Erfolgskennzahlen vorweisen können. Der Service richtet sich insbesondere an institutionelle Investoren, Family Offices und High Net Worth Individuals, die Interesse an einem Angebot haben, das auf ihre Präferenzen bei Investitionen abgestimmt ist, und die ab 1 Million Euro investieren möchten. Das Deutsche Börse Venture Network hat bei der Auswahl der Unternehmen und Investoren eine neutrale Rolle und spricht keine Investitionsempfehlungen aus. Wir richten uns mit unserem Service daher nur an professionelle Investoren und Unternehmen, die die Marktmechanismen und die typischen Risiken in diesem Bereich kennen.

Wann sind die ersten Börsengänge aus diesem Netzwerk heraus zu erwarten und welche Unternehmen werden das sein?
Wir hatten am 30. September den ersten Börsengang aus dem Deutsche Börse Venture Network in Frankfurt. Von den über 100 Unternehmen, die derzeit auf der Plattform sind, denken einige über einen Börsengang nach oder bereiten sich sogar schon darauf vor. Wir werden 2017 sicherlich weitere Börsengänge aus dem Venture Network sehen.

Eventtipp: “Wachstum pur! Kommt zum Growth Company Forum!”

Zur Person:
Hauke Stars ist Mitglied des Vorstands der Deutsche Börse AG und verantwortet mit ihrem Ressort Cash Market, Pre-IPO & Growth Financing das Listing und den Börsenhandel mit Aktien, Anleihen und anderen Wertpapieren, sowie Initiativen zur vorbörslichen Wachstumsfinanzierung. Von 2012 bis 2015 führte sie das Vorstandsressort Information Technology and Market Data + Services und trieb die Erneuerung der globalen IT und den Ausbau des Marktdatengeschäfts der Gruppe Deutsche Börse voran. Zuvor war sie Geschäftsführerin von Hewlett Packard Schweiz inklusive der Länderverantwortung für die größte Konzernsparte HP Enterprise Business.

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Christina Cassala, Redakteurin bei deutsche-startups.de, war schon zu ihren besten Uni- Zeiten in den 90er Jahren journalistisch tätig. Gleich nach dem Volontariat arbeitete sie bei einem Branchenfachverlag in Hamburg, ehe sie 2007 zu deutsche-startups.de stieß und seither die Entwicklungen der Start-up Szene in Deutschland mit großer Neugierde beobachtet.