Gastbeitrag von Lea Sigg Arbeiten hier keine Frauen? Nee, die sind rar!

Warum ich mich ausgerechnet bei einem Startup beworben habe? Ich bin der Meinung, dass sich Talente und Fähigkeiten besser herauskristallisieren, wenn man ihnen die Chance dazu gibt. In großen Konzernen wird oftmals das Tätigkeitsfeld eingeschränkt – vor allem bei Praktikanten oder Mitarbeitern ohne längere Berufserfahrung.
Arbeiten hier keine Frauen? Nee, die sind rar!

“Kind, das finden wir klasse!” Meine Eltern, schauen mich an, als hätte ich Obama zum Essen eingeladen (und er hat zugesagt), als ich von meiner Bewerbung bei einem IT-­Startup erzähle. Prompt kommt auch gleich die Einladung zum Bewerbungsgespräch, per Mail, vom Geschäftsführer persönlich. Wie er so ist, frage ich mich. Zwei Tage später drücke ich auf den Klingelknopf und warte auf den Summer. Mit festem Händedruck, Grinsen und lockerem “Hi” werde ich begrüßt. Ein großzügiges Loft. Backsteinwände, Sofaecke, Billardtisch. Aha, hier arbeiten sie also. Die Startups. Die Küche? Auch nicht von schlechten Eltern. Obst, Snacks, Fritz Cola, Club Mate, Smoothie­-Mixer und eine Kaffeemaschine, die die Vermutung eines angestellten Barista nahelegt. Moin, denk ich mir – ganz geil hier.

Social Media und Business Development. Das Gespräch ist locker. Die Chefs, beide 29 und beste Kumpels. Ihr Produkt: eine Plattform zum erstellen eines eigenen Onlineshops. Zeitloses Design, eine intuitive Benutzeroberfläche. Der Onlineshop – easy mit zwei Klicks erstellt. Handhabbar für den Einsteiger ohne Vorkenntnisse und ein hochwertiges Spielzeug für den Computerexperten. In der Freizeit? Ne, viel feiern geh ich nicht. Ach gut, wir auch nicht. Sie erzählen von Wochenenden im Office. Samstag und Sonntag sind wie Montag und Dienstag.

Fünf Tage später die Zusage. Eine Frau würde nochmal ganz andere Ansichten einbringen, danach haben sie gesucht. Als ich den ersten Tag im Office bin, weiß ich auch wieso. “Arbeiten hier keine Frauen?” Nee, die sind rar. Männerdomäne. Jeder sitzt vor zwei, drei schwarzen Bildschirmen und coded was das Zeug hält. Bisher war für mich Ruby einer der angesagten Clubs in München oder bestenfalls die hippe Boutique im Glockenbachviertel – wer weiß, vielleicht tragen Nerds mittlerweile ja auch Acne und Co. Beim Mittagessen wage ich es kaum, mich mit meinen unqualifizierten Kommentaren einzubringen. Vielleicht ist der neueste High­End Shit aus dem Silicon Valley wie für uns Frauen Haute ­Couture aus Paris. „Ach, da kommst du schon rein, alles halb so kompliziert.“ Sie sollten Recht behalten.

Artikel für die Knowledgebase, Blogartikel, Facebook, Twitter, ein bisschen Instagram – vielfältig ist mein Arbeitstag. Außerdem werden grundlegende Fragen aus dem Weg geräumt. Wie funktioniert das Internet? Was passiert im Hintergrund eines Programms? Aber auch: Wie gründe ich ein Unternehmen? Wer gibt mir Geld? Was braucht die Welt? Die Welt, die immer digitaler wird? Die Black Box erscheint nicht mehr ganz so black. Diese Dinge gehören bald zum 1×1. Nach zwei Monaten bin ich verblüfft über meinen sicheren Umgang mit dem Computer. Man könnte glatt von Fingerakrobatik sprechen, wenn ich so ganz selbstverständlich die krassesten Shortcuts anwende. Like a Nerd! Ich sitze mit sechs von ihnen am Tisch, esse türkische Antipasti und Kartoffel­Gözlem. Alle diskutieren über diesen Teufel von Bug, der heute morgen gefixed wurde.

Warum ich mich ausgerechnet bei einem Startup beworben habe? Ich bin der Meinung, dass sich Talente und Fähigkeiten besser herauskristallisieren, wenn man ihnen die Chance dazu gibt. In großen Konzernen wird oftmals das Tätigkeitsfeld eingeschränkt – vor allem bei Praktikanten oder Mitarbeitern ohne längere Berufserfahrung. Als Studentin der BWL kam mir die Vorstellung in einem Konzern zu arbeiten unwirklich und abschreckend vor. Ich selbst würde mich als kreativen Freigeist bezeichnen, deswegen ist BWL nicht meine erste, aber auch nicht die schlechteste Wahl. Später möchte ich in Richtung Design gehen. Das ich für kreative Dinge ein Händchen besitze, merkten meine beiden Chefs sehr schnell.

Marketing und Design liegen jetzt in meiner Hand. Verantwortung schafft Selbstbewusstsein. Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Ausloten der eigenen Fähigkeiten in einem großen Konzern ähnlich gut gelungen wäre. Natürlich wird auch hier wie wild gearbeitet und man liegt nicht Stunden mit einem grünen Smoothie in der Sofaecke und wartet, dass der Körper die gestrige Partynacht entgiftet. Mit Pausen geht man locker um. Sie sind wichtig und gehören dazu. Dennoch – Spaß und Spiel fordern Disziplin. Der Artikel muss raus. Kein Feierabend um fünf. Lesson learned.

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Zur Person
Lea Sigg ist 23 Jahre, studierte BWL in München an der Ludwigs-Maximilians-Universität. Im Münchner Startup Wundery prägt sie als kreativer Kopf des Teams die Bereiche Marketing und Design. Die kreative Arbeit bei Wundery bestärkte sie in ihrem zukünftigen Plan eines Design-Studiums.

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