Gastbeitrag von Thomas Wittbecker Erfolgreich Gründen geht hier anders als im Silicon Valley

Über Start-ups und warum man in Deutschland zwar ein erfolgreiches mittelständisches IT-Unternehmen, aber kein zweites Facebook aufbauen kann. Aus Deutschland hat es bisher nur ein IT-Unternehmen geschafft hat, in der Liga, wie die großen US-Unternehmen zu spielen und das ist SAP.
Erfolgreich Gründen geht hier anders als im Silicon Valley

Wenn ich mir die Start-up-Szene in Deutschland anschaue, bin ich immer wieder verblüfft wie weit sich die Eigenwahrnehmung von der Wirklichkeit unterscheidet. Da wird in Berlin nach dem “nächsten großen Ding” gesucht, als ob man im Silicon Valley arbeiten würde. Diese Begeisterung kann ich bisher nicht teilen. Passend zum Thema: “Dinge, die das Silicon Valley und San Francisco einmalig machen“.

Die Marktgebenheiten bestimmen den Erfolg von Start-ups

In der Realität ist es so, dass es aus Deutschland bisher nur ein einziges IT-Unternehmen geschafft hat, nachhaltig internationale Bedeutung zu erlangen und in der gleichen Liga, wie die großen US-Unternehmen zu spielen und das ist die SAP. Dann haben wir natürlich auch noch die Copycat-Samwers, aber da geht es nur um das schnelle Geld. Warum gibt es so wenige deutsche Start-ups, die langfristig zu international bedeutenden Unternehmen werden? Meiner bescheidenden Meinung nach, liegt es an den Marktgegebenheiten. Dafür sprechen mindestens zwei Punkte.
1) Die USA sind die bestimmende Kraft des Internets. Alle wichtigen Gremien (icann, RIPE, ISOC, W3C), die die Infrastruktur des Internets bestimmen sind amerikanisch dominiert.
2) Der amerikanische Binnenmarkt ist so groß, dass junge Unternehmen schon eine beträchtliche Größe erreichen, bevor sie sich mit Internationalisierung auseinandersetzen müssen. Das ist ein meiner Meinung nach ein entscheidender Vorteil gegenüber den Marktgegebenheiten in Europa.

Alleine diese beiden Unterschiede erzeugen in den USA ein ganz anderes Umfeld, was Finanzierung und Wachstum neuer Internetunternehmen angeht und das können wir in Deutschland nicht mit Förderung und Subvention ausgleichen.

Ein Internet-Start-up mit einer coolen Idee kann in seinem Heimatmarkt in kurzer Zeit Millionen von Nutzer und Kunden gewinnen, ohne sich auf unterschiedliche Sprachen, Gesetze und Kulturen einstellen zu müssen. Diese Möglichkeit haben deutsche Gründer nur, wenn Sie Ihr Unternehmen direkt in den USA gründen und nicht hier. Weiterhin ist im Silicon Valley ein einzigartiges miteinander vernetztes Umfeld entstanden. Dies sind Venture Capital Firmen, große Internetkonzerne und vielen Startups, die allesamt miteinander vernetzt sind. So etwas existiert in Europa einfach nicht.

Heißt das jetzt wir schmeißen die Flinte ins Korn und das war es? Mitnichten! Man kann in Deutschland tolle erfolgreiche IT-Unternehmen gründen. Man sollte nur nicht vergessen, dass auch im Internetwunderland USA 99,9 % der Startups nicht zu einem neuen Facebook oder Google werden. Wenn man sich mal von dem Gedanken verabschiedet, dass man selber ein Steve Jobs, oder mindestens ein Zuckerberg ist, dann steht einer erfolgreichen Gründung wenig im Wege.

Deutsche mittelständische Unternehmen bilden auch für Gründer das Rückgrat

Die deutsche Wirtschaft ist sehr stark durch den Mittelstand geprägt, die Mehrheit der Arbeitsplätze entsteht durch mittelständische Unternehmen. Außerdem sind wir Exportweltmeister und in vielen Marktnischen Weltmarktführer. Dies sind beste Voraussetzungen dafür, ein erfolgreiches mittelständisches Unternehmen aufzubauen.

In meiner Karriere war ich selber am Aufbau von fünf Unternehmen beteiligt. Obwohl kein Unternehmen in Konkurs gegangen ist, waren die ersten beiden Versuche nur mäßig erfolgreich. Meine letzten drei Gründungen sind dagegen sehr erfolgreich. Also habe auch ich eine Lernkurve hinter mir und bin kein geborener Erfolgsmensch, sondern musste mir den unternehmerischen Erfolg über Fehler und „Learning by Doing“ erarbeiten.

Drei wichtige Punkte für eine erfolgreiche Gründung

Das Gründerteam muss natürlich einige Voraussetzungen mitbringen, damit das Ganze funktionieren kann. Entscheidend sind die Idee ein funktionierendes Geschäftsmodell, Verkaufstalent und Betriebswirtschaftskenntnisse. Aber es kommen noch einige wichtige Punkte hinzu.

1) Langer Atem: Der erste Punkt ist der wichtigste. In allen Projekten in die ich involviert war habe ich die Erfahrung gemacht, es dauert alles viel länger als geplant. Das Worstcase Szenario und dann alles mal zwei kommt ungefähr hin. Dies ist der Grund warum auch vielen Startups mit großem Potential die Luft ausgeht. Es fehlt am langen Atem. Alle drei erfolgreichen Unternehmungen, in denen ich aktuell involviert bin, würden gar nicht mehr existieren, wenn wir keinen langen Atem hätten. Ein VC, der in 30 Unternehmen investiert ist, kann es sich leisten, wenn nur fünf oder sechs langfristig überleben und zwei oder drei erfolgreich werden. Aber als Gründer, der all sein Geld, seine Arbeit und Leidenschaft in ein Projekt steckt, kann ich mir eine 10-%ge Überlebenschance einfach nicht leisten. Deshalb braucht jede gute Idee und jedes gute Startup einen langen Atem. Das heißt langfristige Finanzierung und schnelle Profitabilität vor überzogenen Wachstumsambitionen.

2) Unabhängigkeit: Natürlich kann ich mein Startup mit VC Geld finanzieren und erfolgreich sein. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass mein Unternehmen dann überlebt ist nicht sehr hoch. Die Frage ist dann wie viel Risiko bin ich bereit einzugehen und wie sehr ich von mir und meiner Geschäftsidee überzeugt bin.. Wenn ich mich für den deutschen Zuckerberg halte – kein Problem, wenn ich eher meine, dass es vielleicht länger dauert als im Businessplan vorgesehen, dann sollte ich vorsichtig sein. Der beste Weg ist möglichst schnell genug Geld zum überleben zu verdienen und von da aus weiter zu gehen. Das geht wirklich! Vielleicht muss man in den ersten zwei oder drei Jahren noch Kompromisse machen und Projekte die nicht zum eigentlichen Geschäftsmodell passen umsetzen, nur um Geld zu verdienen. Dafür ist man aber unabhängig. Wenn ich dazu nicht in der Lage bin oder keine Lust dazu habe würde ich mir die Frage stellen, ob ich wirklich Unternehmer sein möchte.

3) Ein richtiges Geschäftsmodell: Für die Gründung eines erfolgreichen mittelständisch geprägten Startups ist ein tragfähiges Geschäftsmodell von Anfang an elementar. Der Ansatz erst einmal viele User zu generieren und sich dann zu überlegen, wie man das monetarisiert ist nur in ganz wenigen Fällen nachhaltig erfolgreich gewesen. Mir fallen da nur Google und Facebook ein. Twitter legt an der Börse zwar auch eine immense Kapitalisierung hin, aber ob das Geschäftsmodell wirklich funktioniert wird die Zukunft zeigen… Natürlich gab es da noch die Firmen die erfolgreich verkauft haben, z.B. Youtube, tumblr. usw., aber die sind dann in das Geschäftsmodell des Käufers integriert worden. Das funktioniert nur mit massiven Mitteln von VCs im Rücken. Auch hier gilt: nur ein Bruchteil der Gründungen überlebt oder wird erfolgreich verkauft.

Mir als Unternehmer, der von den Einnahmen meiner Firma leben muss, ist das einfach zu risikoreich. Wenn die Chancen kleiner 50/50 stehen, kann ich auch ins Casino gehen.

Wenn ich allerdings von Anfang an ein tragfähiges Geschäftsmodell habe und dies schnell zum laufen bekomme, habe ich es selber in der Hand etwas draus zu machen und langfristig zu wachsen. Natürlich sind die Wachstumsaussichten ohne einige Millionen im Rücken etwas überschaubarer. Eine weltweite Expansion muss dann warten, bis wirklich Geld verdient wird. Aber ich habe auch nicht die Mehrheit an Investoren verkauft, die ganz andere Ziele haben als ich selber.

Zur Person
Thomas Wittbecker ist geschäftsführender Gesellschafter der ADACOR Hosting GmbH, Geschäftsführer der adesso hosting services GmbH und Gesellschafter und Mitgründer der FastBill GmbH.

Foto: Palo Alto City Limit sign, Palo Alto, Silicon Valley, California from Shutterstock