torial: Portfolio-Plattform für Journalisten und artverwandte Berufe

Das Zeitungssterben bedeutet auch, dass plötzlich Journalisten auf dem Markt sind, die ihr ganzes Berufsleben über in Festanstellungen gearbeitet haben. Ergo mussten sie sich um Selbstmarketing nicht oder kaum kümmern. Nun befinden sie […]
torial: Portfolio-Plattform für Journalisten und artverwandte Berufe

Das Zeitungssterben bedeutet auch, dass plötzlich Journalisten auf dem Markt sind, die ihr ganzes Berufsleben über in Festanstellungen gearbeitet haben. Ergo mussten sie sich um Selbstmarketing nicht oder kaum kümmern. Nun befinden sie sich in der Situation, ihre Brötchen anderweitig verdienen zu müssen. Um einen Job und/oder Aufträge zu bekommen, sollten sie Selbstmarketing betreiben. Dabei will torial (www.torial.com) helfen.

Auf dieser Plattform, die noch in der offenen Beta und für alle Nutzer kostenlos ist, können Journalisten und Menschen artverwandter Berufe ihr dynamisches und medienübergreifendes Portfolio erstellen, um Sichtbarkeit, Relevanz und Reichweite für die eigene journalistische Marke zu schaffen und semantisch basiert findbar zu werden – für Kunden und Kooperationspartner.

Besonders für solche, die noch keine eigene Internetpräsenz haben, ist dieses Angebot nützlich. Zumal das eigene Profil rein technisch problemlos für jeden zu erstellen ist. Die Feeds aus Blogs, Twitter, Flickr, YouTube und Vimeo können automatisch und dynamisch mit dem eigenen Portfolio bei torial verknüpft werden.

Außerdem können sich die Nutzer untereinander vernetzen, torial also auch als eine Art Kollaborations-Tool nutzen. Die Funktionen dazu sollen noch ausgebaut werden.

Eigentlich war eine solche oder ähnliche Plattform absolut vorhersehbar. Ich möchte wetten, dass spätestens mit dem Beginn des Zeitungssterbens so mancher mit dem Gedanken liebäugelte, eine Plattform für Journalisten und deren potentielle Kunden zu bauen.

Konrad Schwingenstein, ehemaliger Gesellschafter beim Süddeutsche Verlag, hat es nicht bei der Idee bleiben lassen. Gemeinsam mit der Kommunikationsagentur Bloom hat er torial – der Name wurde aus ‘Editorial’ abgeleitet – mit Sitz in München unter dem Dach der Audible Web GmbH ins Leben gerufen.

Schon seit einem sehr frühen Stadium mit an Bord sind Marcus von Jordan als ‘Frontsau’, wie er seine Position selbst bezeichnet und Christian Wiener.

Ein Geschäftsmodell ist noch nicht wirklich klar

Bisher existiert wohl noch kein echtes Geschäftsmodell. torial antwortete auf die Frage danach eher vage: “torial wird in seinen Grundfunktionen kostenfrei bleiben. Grundsätzlich glauben wir, dass eine Plattform, auf der sich Meinungsmacher versammeln und vernetzen, relevant genug ist, um die nötige Finanzierung zu realisieren.

Die aktuell wahrscheinlichste Finanzierungsform ist eine Mischkalkulation aus den Beiträgen institutioneller Nutzer für ihre Gruppenseiten (Verlage, Redaktion, Agenturen) und Stiftungsgeldern oder öffentlichen Finanzierungen.”

Leider keine Matching-und Qualitäts-Kontrolle
Noch ist torial ja längst nicht ‘fertig’ und man freut sich auf Userfeedbacks, um die Plattform weiterzuentwickeln. Hier wär’ dann mal solch ein Nutzerfeedback:

Es dürften zum Beispiel gern viel mehr Kanäle des Social Web verknüpfbar sein als bisher, denn bislang kann man nur RSS-Feeds, Twitter, YouTube und Vimeo – und auch da nur selbst hochgeladene Videos -, Flickr-Bilder und Soundcloud-Sets verknüpfen.

ifttt beispielsweise bietet Verknüpfungen zu inzwischen 69 Kanälen des Social Web an. Es ist ja für eine Positionierung im semantischen Kontext nicht nur relevant, was jemand selbst veröffentlicht hat, sondern auch, um welche Interessensgebiete er kreist und wie er diese konnotiert und kommentiert.

Viel wichtiger erscheint mir aber eine Art Gatekeeper, der prüft, ob jemand die Kriterien von torial überhaupt erfüllt, wenn er sich dort registrieren will. Bislang scheint jeder sein Profil dort anlegen zu können, gleichgültig, ob er wirklich der schreibenden Zunft angehört oder beispielsweise einen Fliesenfachhandel betreibt.

Zwar kann man sich fragen, was ein Fliesenfachhändler von einem Profil bei torial hätte. Aber hey, es gibt viel unsinniger Dinge, die Leute tun, um eine weitere Präsenz im Netz zu haben und um Backlinks zu bekommen.

Die Gefahr, dass der Nutzerstamm ohne solche Kontrolle sehr schnell arg verwässert und damit für Auftraggeber – und damit auch wieder für die torial-Nutzer – an Nutzen einbüßt, ist recht groß.

Die Portfolios sagen nichts über die Arbeitsqualität der registrierten Journalisten aus. Ohne solche ist torial nichts anderes als noch eine Adressdatenbank, und die habe ich zum Beispiel bei Xing mit deutlich größerem Datenbestand.

Aber ein Bewertungssystem ist wohl in Arbeit. Stelle ich mir allerdings schwierig vor, denn so ganz abwegig ist es nicht, dass es Negativbewertungen von ‘Kollegen’ hagelt, die gern sich selbst aufwerten, indem sie andere abwerten. Und auch hier sollten Prüfmechanismen integriert werden.

So richtig erschließt sich der Nutzen, sich mit anderen Usern zu vernetzen, noch nicht. Einfach irgendwelchen Kollegen zu folgen, um über ihre Aktivitäten auf dem Laufenden zu bleiben, erscheint nicht Motivation genug.

Man darf also gespannt sein, wie torial sich weiterentwickelt und ob potentielle Auftraggeber diese Plattform annehmen werden. Einen guten Ansatz für Journalisten und Medianarbeiter verfolgt torial jedenfalls allemal.

Elke Fleing aus Hamburg liefert Texte aller Art, redaktionellen Content und Kommunikations-Konzepte. Sie gibt Seminare, hält Vorträge und coacht Unternehmen. Bei deutsche-startups.de widmet sie sich vor allem Themen und Tools, die der Erfolgs-Maximierung von Unternehmen dienen.