“Softwarelokalisierung wurde meist als Stiefkind behandelt” – 15 Fragen an Helmut Juskewycz von Lingohub

Jeden Freitag beantwortet ein Gründer oder eine Gründerin unseren standardisierten Fragebogen, den es inzwischen auch in gedruckter Form und als eBook gibt – siehe “Hinter den Kulissen deutscher Start-ups“. Der kurze Fragenkatalog lebt […]
“Softwarelokalisierung wurde meist als Stiefkind behandelt” – 15 Fragen an Helmut Juskewycz von Lingohub

Jeden Freitag beantwortet ein Gründer oder eine Gründerin unseren standardisierten Fragebogen, den es inzwischen auch in gedruckter Form und als eBook gibt – siehe “Hinter den Kulissen deutscher Start-ups“. Der kurze Fragenkatalog lebt von der Vergleichbarkeit der unterschiedlichen Fragen, die alle Gründerinnen und Gründer beantworten müssen – diesmal antwortet Helmut Juskewycz von Lingohub.

Was bedeutet es Ihnen, Ihr eigener Chef zu sein?
Jeder sollte sein eigener Chef sein! In Österreich, Deutschland, und vielen anderen Ländern haben wir die glückliche Situation, dass jeder von uns entscheiden kann, was, wo und wieviel er arbeiten will. Ich habe kein Problem damit, irgendwo angestellt zu sein, denn meist wird heute ohnehin in Teams – gemeinsam mit dem “Chef” gearbeitet. Das traditionelle Chef-Konzept allerdings, “einer sagt – der andere macht”, funktioniert in einer kreativen und kompetitiven Branche nicht. Aaußerdem halte ich persönlich wenig von solchen Hierarchien. Vielmehr geht es darum, dem Team Freiraum zu schaffen und wenn es Probleme gibt zu versuchen, diese gemeinschaftlich zu lösen.

Bei welcher Gelegenheit kam Ihnen die Idee zu Ihrem Start-up?
In den Jahren vor Lingohub habe ich bei diversen Start-ups (Runtastic, Jumio) mitgearbeitet. Diese Start-ups waren von Anfang an international ausgerichtet, jedoch wurde die Softwarelokalisierung meist als Stiefkind behandelt. Die Gründe dafür waren einfach: Die Prozesse um neue Übersetzungen einzuspielen bzw. upzudaten mussten manuell erledigt werden und das kostete teure Entwicklerzeit. Zusätzlich gab es immer wieder Probleme mit der Verwendung unterschiedlicher Editoren, beim Sychronisieren bzw. auch mit der Übersetzungsqualität auf Grund mangelndem Kontext.

Diese Probleme haben genervt, und so startete ich das Projekt lingui.st. Der Fokus lag damals noch stark auf der technischen Integration von Übersetzungen in den Software-Entwicklungsprozess. Kurz darauf stieg Markus Merzinger in das Unternehmen ein und wir beide gründeten Lingohub im Sommer 2012. Durch viel Kundenfeedback und Gespräche mit anderen Gründern und Investoren stellte sich schnell heraus, dass die Idee von Lingohub ambitionierter sein musste. Ich kann leider noch nicht allzuviel erzählen, aber im nächsten Jahr haben wir noch einiges vor, um Übersetzungen einfacher, schneller und qualitativ besser zu machen.

Woher stammte das Kapital für Ihr Unternehmen?
Viel von dem was Lingohub ist, wurde von Markus und mir selbst investiert. Außerdem wurden wir in dem staatlich geförderten Inkubator tech2b aufgenommen. Der Inkubator endete im Juli dieses Jahres. An einer Folgefinanzierung haben wir im Sommer gearbeitet und es wird eine Mischung sein aus staatlicher Forschungsförderung und Investorengeldern, um die nächsten Schritte von Lingohub umzusetzen.

Was waren bei der Gründung Ihres Start-ups die größten Stolpersteine?
Die richtigen Leute zu finden. Dies ist bei weitem der schwierigste, aber auch wichtigste Schritt. Ein super Team erhöht die Erfolgschancen am meisten, denn auch wenn Geschäftsidee, Marketing usw. laufen – mit einem guten Team kommt man durch kritische Phasen oder Krisen, mit einem schlechten Team hat man verloren.

Was ich hier gelernt habe, ist bei Personalentscheidungen schnell zu reagieren. Nicht jeder ist für ein Start-up-Leben geeignet, dies zu akzeptieren erspart beiden Seiten Enttäuschungen und Frust. Die andere Seite ist, dass ein eingespieltes und kompetentes Team ungeheuer motiviert. Ich bin immer wieder überrascht, welche Dynamiken dadurch entstehen.

Was würden Sie rückblickend in der Gründungsphase andersmachen?
So einiges. Beispielsweise würde ich rückblickend das Thema Außenkommunikation viel früher angehen. Wir haben uns von Anfang an auf ein erstklassiges Produkt konzentriert, haben aber in Sachen Marketing und Pressearbeit wertvolle Zeit verloren. Aber so lernt man daraus. Wichtig ist ja auch, Erfahrungen gezielt in Fortschritte umzusetzen.

Jedes Start-up muss bekannt werden. Welche Marketingspielart ist für Sie besonders wichtig?
Wir sind noch ein kleines Start-up und haben noch nicht umfangreiche Ressourcen für starkes Marketing. Klar nutzen wir AdWords und diverse Kanäle, jedoch glänzen wir aktuell vor allem durch Expertise, unter anderem publizieren wir erstklassige Entwicklertutorials für Lokalisierung mit verschiedensten Programmiersprachen und erreichen so unsere Hauptzielgruppe der Entwickler die in den Firmen mit der Internationalisierungs- und Lokalisierungsarbeit betraut sind.

Dazu konzentrieren wir uns momentan auf persönliche Gespräche auf Konferenzen, Treffen mit uns bekannten Unternehmen bzw. Weiterempfehlungen unserer aktuellen Kunden. Wir sind uns durchaus bewusst, dass dies nicht die optimalste Strategie ist um sehr schnelles Wachstum zu erzeugen. Es hilft uns jedoch aktuell auch, uns nicht selbst zu belügen. Ungefiltertes, persönliches Feedback zeigt uns wo wir gut sind und wo wir (noch) schlecht sind. Spannend fand ich, dass Paul Graham von YCombinator vor kurzem erst einen Artikel über diesen Ansatz geschrieben hat: “Do Things That Don’t Scale”.

Welche Person hat Sie bei der Gründung besonders unterstützt?
Abgesehen jetzt von den Personen, die aktuell auch an Lingohub mitarbeiten, hat mich Peter Brandstätter sehr viel unterstützt. Peter ist Professor an der Fachhochschule Steyr und ist eigentlich im Bereich HR angesiedelt. Bei regelmäßigen Treffen reden wir über Privates und Geschäftliches, diskutieren Ideen bzw. erarbeiten Lösungen, falls gerade Probleme da sind. Peter ist Mentor und guter Freund in einem.

Welchen Tipp geben Sie anderen Gründern mit auf den Weg?
Ich will nicht nur einen Tipp geben, es müssen zwei sein. 1. Sich selbst nie belügen! Leider geht es schnell und oftmals merkt man nicht, dass man gar nicht mehr auf dem richtigen Weg ist. Daher muss man manchmal inne halten und reflektieren. Das gilt sowohl privat, als auch beruflich. Die Meinung anderer Menschen ist hier sehr wichtig, aber man sollte immer auch auf seine eigene Meinung vertrauen. 2. Gründe nicht alleine! Wir alle kennen die Geschichten vom einsamen Programmierer in der Garage hin zum Multimillionär. Es gibt bestimmt solche, aber das sind Ausnahmen. Im Team kann man sich schlecht selbst belügen (siehe 1.), es werden bessere Ergebnisse geliefert, und es macht noch mehr Spaß. Natürlich kann es auch anstrengend sein, aber die positiven Dinge überwiegen klar.

Sie treffen den Bundeswirtschaftsminister – was würden Sie sich für den Gründungsstandort Deutschland von ihm wünschen?
Wieder Direktflüge von Berlin nach Linz! Spaß bei Seite, ich denke in den letzten Jahren hat es bereits viele positive Impulse in Deutschland und auch Österreich gegeben. Auch die EU hat hier einige bessere Rahmenbedingungen gesetzt. Ich könnte mir gar nicht mehr vorstellen, bei meinen Berlinreisen wieder Schilling nach D-Mark umzutauschen. Auch vereinfacht der Euro Europa als Gesamtabsatzmarkt zu sehen – was leider viele Start-ups ausblenden.

Ich habe lange über diese Frage nachgedacht und muss sagen, ich wünsche mir nichts von Deutschland oder Österreich. Was ich mir wirklich wünsche, sind Erfolgsgeschichten, wie Google oder Apple in Europa! Hier spielen viele Faktoren eine Rolle. Zwar haben die Regierungen Einfluss, aber viel wichtiger ist was wir (Unternehmer, Startupler, Forscher, …) jetzt selbst machen können.

Was würden Sie beruflich machen, wenn Sie kein Start-up gegründet hätten?
Dann wäre ich wohl ein (klassischer) Unternehmer.

Bei welchem deutschen Start-up würden Sie gerne mal Mäuschenspielen?
Bei www.ezeep.com.

Sie dürften eine Zeitreise unternehmen: In welche Epoche reisen Sie?
In die Zukunft, am liebsten würde ich so alle 10 Jahre kurz hineinschnuppern und sehen, was sich so getan hat.

Sie haben eine Million Euro zur persönlichen Verfügung: Was machen Sie mit dem ganzen Geld?
Ich möchte gerne einmal am Wasser wohnen, d.h. ich würde mir vielleicht ein Haus an einem See kaufen. Mit dem Geld das übrig bleibt, würde ich eine verrückte Party schmeißen.

Wie verbringen Sie einen schönen Sonntag?
Sport nach dem Aufstehen, anschließend im Freien frühstücken. Kurz chillen, dann etwas Verrücktes machen (jeden Sonntag etwas anderes), abends Freunde treffen und ins Kino.

Mit wem würden Sie sich gerne einmal auf einen Kaffee oder ein Bier verabreden?
Eigentlich mit jedem, ich finde Leute generell interessant. Ich bin ein Filmeliebhaber, daher würden mich andererseits auch Promis wie Joss Whedon oder Peter Jackson reizen.

Im Fokus: Weitere Fragebögen in unserem großen Themenschwerpunkt 15 Fragen an

Zur Person:
Helmut Juskewycz ist CEO der Übersetzungsplattform Lingohub (http://lingohub.com), welches er zusammen mit Markus Merzinger (CTO) und Sebastian Haselbeck betreibt. Juskewycz studierte Wirtschaftsinformatik und Informatik an der Johannes Kepler Universität in Linz und an der Arizona State University. Danach kam ein kurzes Zwischenspiel bei der Firma Siemens, gefolgt einem Wechsel in die Startup Szene. Vor Lingohub war Juskewycz unter anderem bei Ecommerce.com, Runtastic und Jumio tätig.

15 Fragen als eBook und in gedruckter Form

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Christina Cassala, Redakteurin bei deutsche-startups.de, war schon zu ihren besten Uni- Zeiten in den 90er Jahren journalistisch tätig. Gleich nach dem Volontariat arbeitete sie bei einem Branchenfachverlag in Hamburg, ehe sie 2007 zu deutsche-startups.de stieß und seither die Entwicklungen der Start-up Szene in Deutschland mit großer Neugierde beobachtet.

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