“In Japan gibt es gutes Essen, also sind wir da hin” – Phil Libin von Evernote im Interview

Evernote ist mittlerweile in Europa, Japan, China und USA mit Data-Centern vertreten. Die Nutzer des Dienstes kommen aus der ganzen Welt. Weltweit hat Evernote 150 Mitarbeiter und 900.000 zahlende Nutzer. Im Interview mit […]
“In Japan gibt es gutes Essen, also sind wir da hin” – Phil Libin von Evernote im Interview

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Evernote ist mittlerweile in Europa, Japan, China und USA mit Data-Centern vertreten. Die Nutzer des Dienstes kommen aus der ganzen Welt. Weltweit hat Evernote 150 Mitarbeiter und 900.000 zahlende Nutzer. Im Interview mit Benjamin Rohé von makeastartup.com (www.makeastartup.com), welches am Rande der The Next Web Conference in Amsterdam stattfand, sprach Phil Libin, CEO und Gründer von Evernote (www.evernote.com), über Zahlen zum Nutzerverhalten, die Konvergenz zwischen Mobile und Online und den Zusammenhang zwischen Essen und Internationalisierung.

Phil, vielen Dank für deine Zeit und das Gespräch heute. Wie du eben in deinem Vortrag beschrieben hast, kann man Evernote für 90 Minuten Audio-Recording nutzen. Aber was ist eigentlich Evernote eigentlich, kannst du dies für die wenigen die es noch nicht kennen, kurz beschreiben?
Nun, ich glaube viele Menschen kennen Evernote noch nicht – und das ist die gute Nachricht – Evernote hat derzeit circa 20 Millionen Nutzer – es gibt also 7 Milliarden Menschen, die noch nicht wissen was Evernote ist. Das ist auch der Antrieb für mich. In einem Umfeld wie der TNW Conference, wo ziemlich jeder weiß, was Evernote ist mag man schnell glauben, dass jeder unser Produkt kennt.

Ja, damit hast du recht. Ich glaube, das ist ein branchenweites Problem. Viele Menschen vergessen dann schnell, wie es in der restlichen Welt ausschaut. Nun, vor unserem Meeting habe ich nachgeschaut und festgestellt, dass ich meinen Evernote Account seit März 2008 besitze.
Wow! März 2008 – das war unser erster closed-beta Monat. Damit bist du einer der ersten 10.000 Nutzer.

Vielleicht daher auch meine Annahme, dass es mittlerweile schon im Massenmarkt angekommen ist. Also: was ist Evernote?
Evernote funktioniert wie ein externes Gehirn. Wir möchten einen Service schaffen, welchen man für den Rest seines Lebens nutzen kann und dir die Möglichkeit gibt, einfach alles in Erinnerung zu behalten. Weniger Stress, sich etwas intelligenter zu fühlen, produktiver zu werden und auf jeden Fall glücklicher zu sein da man sich weniger sorgen machen muss, was man wo wann und wie gespeichert hat.

Also wirklich alles: Audio, Video, Text, Bilder?
Jeder hat so viel Informationen die er in Erinnerung behalten möchte oder muss. E-Mails, Dokumente, Webseiten, Notizen, Bilder, Audio-Aufzeichnungen. Business Cards oder Labels von Weinflaschen. Evernote bietet dir die Möglichkeit, diese Daten zentral zu erfassen und jederzeit zugänglich zu machen. Wir haben es für uns gemacht! Es war unser Bedürfnis und wir möchten es für alle lösen.

So wie GPS: GPS hat mein Leben verändert. Vor 10 Jahren hatte ich immer die Befürchtung dass ich mich unterwegs verirre oder verfahre. GPS hat dieses Problem ganz einfach gelöst. Heute muss ich darüber nicht mehr nachdenken. Genau das, möchten wir für Informationen aller Art bieten.
Dieses Problem scheint ja ein sehr offensichtliches zu sein und muss natürlich irgendwann von jemanden gelöst werden.

Wie bist du darauf gekommen genau das zu machen?
Ich glaube, dieses Problem wird schon von vielen Menschen und Firmen versucht seit tausenden von Jahren zu lösen. Wir sind da sicherlich nicht die Ersten. In der Idee war nichts wirklich originelles – wir haben uns vor 5 oder 6 Jahren gedacht, dass Technologie langsam an den Punkt kommt wo man so etwas für den Massenmarkt machen kann. Sozusagen der erste Zeitpunkt in der Geschichte in dem wir eine Milliarde Menschen erreichen können mit einer solchen Lösung.

Reden wir mal über die Evolution des Produkts: 2008 war mobile noch etwas weiter entfernt. Nun hat euch der mobile App-Markt und der Boom von
Smartphones neue Zielgruppen erschlossen und beim Wachstum stark geholfen. Was bedeutet dies für andere Start-ups und den Markt?

Nun, Evernote ist mein drittes Start-up und in den letzten 3 bis 4 Jahren hat sich der Markt so schnell gewandelt wie ich es noch nie gesehen habe. Es ist die Beste Zeit um ein Tech-Start-up zu gründen. Es gibt App-Stores, Social Media und gute Geschäftsmodelle. Heutzutage muss man sich als Unternehmer nur darauf konzentrieren, ein gutes Produkt zu schaffen. Das ist fast alles, was du heute machen musst. Wenn du ein gutes Produkt schaffst, wirst du auch erfolgreich werden. In der Zeit davor, war es weniger das Produkt sondern wie du alles andere gemeistert hast. Vertrieb, Finanzierung etc. – in Zeiten wie diesen, ist das Produkt wieder zentraler und wichtiger für den Erfolg eines Start-ups. Für Geeks und Nerds wie mich, ist es die beste Zeit ein Start-up zu gründen.

Wenn du dir das Nutzungsverhalten der 20 Millionen User anschaust – wie stark überlappen sich Mobile Nutzer mit “klassischen” PC/Laptop Nutzern?

Evernote macht wirklich Sinn, wenn man es mit mehreren Geräten nutzt. Wir haben auf den mobilen Endgeräten wie auch im Web und auf den Laptops/PCs eine großartige User Experience – aber wirklich großartig wird es, wenn man es auf mehreren Geräten nutzt. 70 % nutzten Evernote auf einem mobilen Gerät und einem Desktop oder Laptop. Circa 30 % unserer Nutzer haben Evernote auf drei oder mehr Geräten im Einsatz. Umso mehr Geräte an verschiedenen Orten Evernote genutzt wird, um so höher ist die Conversion zu Premium-Nutzern.

Also ist Karl Lagerfeld euer #1 Customer! Wie wir heute morgen gesehen haben, besitzt er 4 iPhones, 1 iPad und jede Menge iPods. Es liegt offensichtlich auf der Hand: mehr Geräte, mehr Bedürfnis zu Synchronisieren. Wobei der Faktor Mobile immer wichtiger wird, richtig?
Circa 70 % unserer neuen Nutzer finden Evernote sogar zuerst über den Appstore! Der Appstore ist so viel besser als Software-Distribution auf dem Laptop/Desktop. Vom mobilen Endgerät kommen immer mehr Nutzer zu unserer Web und OS Version.

Wir haben uns jetzt häufiger über Millionen-Zahlen unterhalten. Sprechen wir über eure Finanzierung: Bis jetzt hat Evernote mehr als 160 Millionen Dollar an Finanzierung erhalten – davon mehr als 70 Millionen vor wenigen Monat. Das Freemium-Model scheint für Evernote aufzugehen. Wie zufrieden bist du?
Ja, wir sind mit dem Geschäftsmodell sehr zufrieden. Das meiste Geld was wir bis jetzt eingesammelt haben, haben wir nicht gebraucht. Wir haben Fundraising betrieben um die Sicherheit und das Polster zu haben, um einen 100-Jahresplan aufrecht zu erhalten, so dass wir uns nicht Sorgen um die kurz- und mittelfristigen Marktentwicklungen sorgen müssen. Niemand weiß, in welche Richtung die Märkte gehen. Das letzte was wir riskieren wollen ist, von dem Verlauf der Märkte abhängig zu sein wenn es nicht gut läuft. Unser Ziel ist es, eine Firma für die nächsten einhundert Jahre zu etablieren – und nicht Evernote zu verkaufen. Evernote ist die Firma die wir behalten wollen. Fundraising ist ein Teil der Infrastruktur die wir benötigen, um eine so langfristige Firma abzusichern. Es ist uns bedeutend wichtiger, wer die Investoren sind und nicht wie viel Geld sie uns geben können.

Das ist sehr faszinierend und inspirierend! Ich habe noch nie einen Unternehmer im Tech-Umfeld von einer hundertjährigen Firma reden gehört – meistens redet man dort mit einem Fokus von maximal einhundert Monaten.
Nun, es ist die dritte Firma für die meisten im Management. Die ersten beiden haben wir verkauft. Evernote ist die Firma und das Produkt welches wir für uns machen. Es ist eine ganz neue Mentalität und Treiber wenn man morgens zur Arbeit fährt: Etwas schaffen, dass dauerhaft die Welt verändert und nicht eine Firma die man schnellstmöglich verkaufen kann.

Du und viele deiner Mitarbeiter sind häufig in Europa, LeWeb Paris, The Next Web Amasterdam etc. Wie wichtig ist für euch Europa?
In 2011 haben wir uns sehr stark auf Asien fokussiert. Wir sind dort hingegangen, wo die Nutzer waren. Wir haben sehr früh ein starkes Wachstum in Märkten wie Japan festgestellt. Es war weniger unsere Strategie die uns dort hin gebracht hat. Genau so ist es auch jetzt mit Europa. 2012 steht im Mittelpunkt für uns. In Zürich haben wir Anfang 2012 ein eigenes Büro eröffnet und stellen auch schon dort bald Entwickler ein. Wir glauben nicht, dass Silicon-Valley das Herz der Tech Branche ist und wir ein Produkt für die ganze Welt von dort aus produzieren können. Ich glaube auch, dass TNW Conference und LeWeb zusammen mit SXSW die besten Tech-Events in der Welt sind. Darum sind wir hier! Außerdem spielt das Essen bei unseren Entscheidungen eine große Rolle: Wir lieben die japanische Küche – deshalb sind wir dort hin. Ich mag das Essen in Europa: Also sind wir hier.

Zum Abschluss: Was ist für dich die wichtigste Funktion in Evernote oder welche Funktion ist die wertvollste für Nutzer und was steht dieses Jahr im Fokus?
Für mich, schon seit dem Anfang, ist die Funktionalität der Synchronisation. Diese Funktion ist fundamental wichtig – auch wenn sie überhaupt nicht im Mittelpunkt steht. Wir möchten dass die Nutzer darüber nicht nachdenken. Sie sollen es als selbstverständlich erachten. Was ich seit ca. einem Jahr sehr stark nutze, ist das Web-Clipping. Ich nutze es ständig und könnte ohne das nicht mehr leben. 2012 werden wir Evernote zur Plattform machen. Wir möchten
Produktivitätssoftware neu definieren und Entwicklern die Möglichkeit geben, auf unserem System aufbauend neue Produktivitätssoftware zu erstellen. Das Verständnis von Produktivitätssoftware ist bei den meisten Word, Excel, Powerpoint. Diese Idee ist 30 Jahre alt. Apps, E-Mail, Social Networks, iPads, die Cloud – das alles kam danach und wird kaum berücksichtigt. Wir haben uns überlegt was Produktivität für “Knowledge-Workers” bedeutet. Man kann also noch viel von uns erwarten.

Vielen Dank und weiterhin viel Erfolg.

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.