Fünfzehn Fragen an René Marius Köhler von internetstores

Was bedeutet es Ihnen, Ihr eigener Chef zu sein? Man kann als Unternehmer Freiräume ausleben, die in einem Angestelltenverhältnis nicht möglich wären. Es macht mir Spaß den vielseitigen Anforderungen nachzukommen, die der Job […]

Was bedeutet es Ihnen, Ihr eigener Chef zu sein?
Man kann als Unternehmer Freiräume ausleben, die in einem Angestelltenverhältnis nicht möglich wären. Es macht mir Spaß den vielseitigen Anforderungen nachzukommen, die der Job des Gründers mit sich bringt. Außerdem gefällt es mir, vom Markt und nicht von einem Vorgesetzten die Bewertung der gemeinsamen Teamleistung zu erhalten. Man muss sich jedoch ständig seiner Verantwortung bewusst sein, da wir aktuell rund 170 Kolleginnen und Kollegen beschäftigen.

Bei welcher Gelegenheit kam Ihnen die Idee zu Ihrem Start-up?
Einen speziellen Moment gab es nicht. Meine Mutter hat mich aber schon im Alter von zwei Wochen mit in den elterlichen Fahrradladen genommen, große Teile meiner Jugend habe ich im Unternehmen verbracht. Ich habe mir also nie überlegt, welchen Beruf ich wohl lernen könnte, sondern mit welcher Geschäftsidee ich mich als erstes selbständig mache.

Woher stammte das Kapital für Ihr Unternehmen?
Der Verkauf von einzelnen Fahrrädern über eBay war als Einzelkämpfer von Beginn an profitabel. Da ich bis heute nie eine Entnahme aus den Erträgen des Unternehmens getätigt habe, konnte sich das Unternehmen hauptsächlich aus Eigenkapital plus Bankkredite finanzieren. Erst im Jahr 2008 habe ich 20 % des Unternehmens an den European Founders Fund der Samwer-Brüder verkauft. Mit diesem Kapital konnten wir die Auslandsexpansion sowie den Eintritt in weitere Branchen finanzieren.

Was waren bei der Gründung Ihres Start-ups die größten Stolpersteine?
Da internetstores von Beginn an enorm vieles inhouse gemacht hat, war die größte Herausforderung in allen Bereichen gleichzeitig Kompetenz aufzubauen und daraus effiziente Prozesse aufzubauen. Wir müssen beispielsweise die Steifigkeitswerte unserer Eigenmarken-Rahmen optimieren, die Produktivität in der Fahrradmontage verbessern, die Ladezeiten unseres selbst entwickelten Shopsystems verkürzen und die Profitabilität unserer SEM Kampagnen erhöhen. Es gab also nicht die „einen“ Stolperstein, sondern die Breite der Anforderungen gepaart mit der jeweiligen Komplexität unter Berücksichtigung der Weiterentwicklung des Wettbewerbs stellen die Herausforderung dar.

Was würden Sie rückblickend in der Gründungsphase anders machen?
Ich würde auf alle Projekte verzichten, die nicht der Fortentwicklung der Kernkompetenz dienen und die Kapazitäten darauf verwenden, die tatsächlichen Hebel beherzter zu betätigen. Dies würde eine schnellere Expansionsgeschwindigkeit zulassen und dennoch bessere Ergebnisse erwirtschaften. Grundsätzlich wäre ich auch kostenbewusster und würde das eingesparte Geld in größer angelegte Software stecken, da spätere Systemwechsel deutlich bremsen können.

Jedes Start-up muss bekannt werden. Welche Marketingspielart ist für Sie besonders wichtig?
Als E-Commerce Unternehmen sind die Onlinemarketingkanäle sehr wichtig für uns. Je nach Branche, Zielland und Zielgruppe setzen unsere Shops hauptsächlich SEM, Preissuchmaschinen, Affiliate, SEO, Display und E-Mail Marketing ein. Aber auch TV-Werbung oder Print-Kampagnen in Fachzeitschriften wird zur Neukundengewinnung eingesetzt.

Welche Person hat Sie bei der Gründung besonders unterstützt?
Da ich meinen ersten Schreibtisch, ohne zu fragen, im Fahrradladen meiner Eltern aufgeschlagen habe, wurden sie „unfreiwillig“ mit allen Problemen eines jungen Gründers konfrontiert. In vielen Fällen haben sie mir Hilfestellung geben können und wurden so zu den größten Unterstützern der ersten Jahre. Obwohl sich meine Mutter zum Zeitpunkt der Gründung bereits aus dem Berufsleben zurückgezogen hatte, ist sie 2005 in das Unternehmen eingestiegen und hat zuerst die Buchhaltung und später die Personalabteilung aufgebaut.

Welchen Tipp geben Sie anderen Gründern mit auf den Weg?
Ich würde versuchen – gerade in der Anfangszeit – extrem sparsam mit dem Geld umzugehen. Ansonsten stehen mehrere Kapitalerhöhungen an, die die Gründer unnötig verwässern. Da man nicht bei jedem Unternehmen von einem Multi-Millionen Exit ausgehen kann, macht es aus meiner Beobachtung einen erheblichen Unterschied, ob man am Ende 15% oder 40% hält. Manchmal hat die Strategie der ersten Monate enorme Auswirkungen auf das spätere Leben. Unbedingt auch öffentliche Fördermöglichkeiten prüfen und bei Profitabilität auch Fremdkapital von der Hausbank einsetzen.

Sie treffen den Bundeswirtschaftsminister – was würden Sie sich für den Gründungsstandort Deutschland von ihm wünschen?
Bei der Verleihung des deutschen Gründerpreises 2010 hatte ich die Gelegenheit den Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle kennen zu lernen. Allerdings war ich über den Gewinn der internetstores AG so überrascht, dass ich das Treffen nicht für Lobbyarbeit nutzen konnte. Spaß beiseite: Für die Unternehmen würde ich mir noch deutlich mehr Unterstützung durch eine liberalere Wirtschaftspolitik wünschen. Insbesondere für Gründer müsste es Vereinfachungen geben, z.B. im Steuer- und Arbeitsrecht.

Was würden Sie beruflich machen, wenn Sie kein Start-up gegründet hätten?
Ich habe eben versucht eine Antwort zu finden. Hat leider nicht geklappt, ich konnte mir nichts anderes vorstellen.

Bei welchem deutschen Start-up würden Sie gerne mal Mäuschen spielen?
Bei der internetstores AG. Erstens ist in Baden Württemberg aktuell kein E-Commerce Start-up interessanter. Und zweitens könnte ich mir als Mäuschen in Ruhe einen Überblick über alle Prozesse verschaffen – ohne, dass mich jemand ernsthaft stören würde.

Sie dürften eine Zeitreise unternehmen: In welche Epoche reisen Sie?
Ich finde unsere Zeit so toll, dass mich hier niemand wegbringt. Die Entwicklungen der Zukunft ein kleines Stück mitgestalten zu können, möchte ich mir nicht entgehen lassen.

Sie haben eine Million Euro zur persönlichen Verfügung: Was machen Sie mit dem ganzen Geld?
Ein Drittel in internetstores AG Aktien investieren, mit einem weiteren Drittel Aktien von Unternehmen wie Zooplus oder Delticom kaufen und das letzte Drittel in ein paar schöne Jahre Motorsport stecken.

Wie verbringen Sie einen schönen Sonntag?
Da mein freier Tag der Samstag ist: Aufstehen, Sport machen, frühstücken, arbeiten.

Mit wem würden Sie sich gerne einmal auf einen Kaffee oder ein Bier verabreden?
Mit Larry Page, dem neuen und alten Google CEO. Ich würde ihm gerne ein paar strategische Fragen stellen, schließlich kommt ein nicht unerheblicher Teil der Neukunden von Google.

Zur Person
René Marius Köhler, Jahrgang 1982, begann nach der Schule eine Lehre zum Groß- und Außenhandelskaufmann im Fahrradshop seines Vaters. Während der Ausbildung und dem anschließenden Zivildienst war er stets auf der Suche nach Möglichkeiten, sich selbstständig zu machen. Köhler entschloss sich schließlich, ebenfalls Fahrräder zu verkaufen – aber über das Internet. Die ersten Räder verkaufte er über eBay, später über seine eigene Domain, www.fahrrad.de. Er gründete die internetstores GmbH (www.internetstores.de), die später zur AG umgewandelt wurde. Inzwischen umfasst das Portfolio von internetstores Shops aus der Fahrrad-, Fitness-, Outdoor- und Möbelbranche. Das Unternehmen beschäftigt mittlerweile 170 Mitarbeiter und strebt in diesem Geschäftsjahr einen Umsatz von rund 40 Millionen Euro an.

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.