“Ich habe gerade mit Oliver Samwer über einen Fernsehspot auf MTV gesprochen” – Avocado Store-Macher Stephan Uhrenbacher im Interview

Stephan Uhrenbacher schickte im Frühjahr 2006 den Bewertungsdienst Qype auf die Reise. Demnächst startet Uhrenbacher gemeinsam mit Philipp Gloeckler den Avocado Store (www.avocadostore.de), einen Internet-Marktplatz für nachhaltige Produkte. Im Gespräch mit deutsche-startups.de spricht […]

Stephan Uhrenbacher schickte im Frühjahr 2006 den Bewertungsdienst Qype auf die Reise. Demnächst startet Uhrenbacher gemeinsam mit Philipp Gloeckler den Avocado Store (www.avocadostore.de), einen Internet-Marktplatz für nachhaltige Produkte. Im Gespräch mit deutsche-startups.de spricht Uhrenbacher über nachhaltigen Konsum, Designer-Bürostühle und Innovationen aus Deutschland.

Mit dem Avocado Store starten Sie demnächst einen Internet-Marktplatz für nachhaltige Produkte. Ist das ein Gutmenschen-Projekt oder wollen Sie damit auch Geld verdienen?
Wenn wir Dinge wirklich verändert wollen, dann müssen wir das innerhalb unseres Wirtschaftssystem tun und nicht ausserhalb. Deshalb ist es unser Ziel, dass Avocadostore ein kommerziell erfolgreiches Unternehmen wird. Ich möchte meine kreative Energie dort einsetzen, wo ich Geld verdienen und gleichzeitig sinnvolle Dinge tun kann. Ich glaube, die Zeit ist reif dafür. Die alte Logik war: Erst Geld verdienen und danach Philantropie, das geht wohl auf Andrew Carnegie zurück. Für die zukünftigen Generationen muss es ein Ziel geben. Wirtschaftlich und sinnvoll handeln.

Ist der Markt für nachhaltigen Konsum überhaupt schon groß genug, um damit angemessen Geld zu verdienen?
Es gibt unzählige Statistiken, die behaupten, der Markt für nachhaltigen Konsum sei riesig. Ich bin da konservativ: Die meisten Menschen kaufen schliesslich irgendwelche Wegwerf-Produkte bei Tchibo oder Aldi. Was ich aber weiss, dass der Anteil der Menschen, die sich Gedanken machen und lieber weniger aber bessere Produkte haben, stetig wächst. Bislang ist das eher in den höheren Einkommensschichten der Fall, aber ich glaube, es ist ein grundsätzlich Trend, der Schritt für Schritt viele normale Menschen erreicht.

Wer soll im Avocado Store einkaufen und vor allem warum?
Wir wollen eine Anlaufstelle für alle sein, die sich bewusst sind, dass wir durch unseren Konsum nicht nur im Kleinen Dinge verändern können, sondern vor allem Signale setzen, die auf Andere abstrahlen. Das sind viele Menschen, viel mehr als die früheren Ökos und später die Lohas. Ich glaube, das sind wir alle.

Welche Produkte soll es im Avocado Store geben – vermutlich nicht nur T-Shirts?
Es gibt eine Vielzahl von Produkten, die sinnvoller hergestellt werden, als die Produkte die wir alle kennen. Das reicht vom T-Shirt aus fair gehandelter Biobaumwolle bis zum Designer-Bürostuhl, der, wenn er kaputt ist, nach Cradle-to-Cradle-Standard wieder zu einem neuen Bürostuhl gemacht werden kann. Die meisten Menschen wissen jedoch nicht, dass es diese Alternativen gibt, und wo man die kaufen soll.

Nutzer können sich beim Avocado Store auch einbringen und das Sortiment bestimmen. Wie muss ich mir das vorstellen?
Das ist im Moment erst in Ansätzen realisiert. Aber ich stelle mir vor, dass engagierte Nutzer sowohl Produkte vorschlagen können, als auch Produkte aus dem Sortiment nehmen können, wenn diese bestimmte Versprechen nicht einhalten. Im Moment sind wir da noch am Anfang, der Marktplatz, d.h. die Anbindung vieler Produkte und Händler, steht im Mittelpunkt.

Mit Qype haben Sie das Thema Bewertungen vorangetrieben. Welche Rolle spielen Bewertungen beim Avocado Store?
Bei Qype haben wir den Konsumenten im lokalen Bereich zum ersten Mal eine Stimme gegeben. Das kam für viele “von oben Herab-Gastronomen” wie ein Schock. Tim Mälzer meinte dazu mal “Fuck Qype”. Heute ist Qype über 16 Millionen Nutzern im Monat eine Orientierung, was gut ist. Hier bei Avocado weiss ich noch nicht, wo wir uns mit der Partizipation der Nutzer hinbewegen werden. Mein Traum wäre, dass wir durch viele Nutzer die Preise für umweltfreundliche Produkte nach unten bekommen.

In der Selbstbeschreibung versprechen Sie Händlern, ohne die Avocado Store nicht funktioniert, einen „starken Marktplatz“. Wie soll diese Stärke aussehen?
Bislang gibt es eher halbprofessionelle Ansätze in diesem Umfeld. Wenig Bekanntheit, wenige Nutzer, die dann zu Frustration bei den Händlern führt, die eh meist anderes zu tun haben, als ihre Produkte noch online einzustellen. Wir bieten von Anfang an eine Super-Plattform die es den Händlern leicht macht, Produkte einzustellen und vielen potentiellen Käufern zu präsentieren.

Wie wollen Sie den Avocado Store bekannt machen?
Ich habe gerade mit Oliver Samwer über einen Fernsehspot auf MTV gesprochen. Aber im Ernst: Wir fangen in der Kernzielgruppe an, Word of Mouth, dann Performance Marketing und ein bisschen Suchmaschinen-Optimierung.

Ist der Avocado Store ihre Idee oder die von Gründer Philipp Gloeckler?
Ich hatte die Idee, was im E-Commerce für sinnvolle Produkte zu machen. Philipp fand das gut, wollte aber lieber einen Marktplatz daraus machen. Damit fangen wir an, vielleicht kommen eigene Angebote dazu.

Welche Rolle nehmen Sie beim Avocado Store genau ein: Mitgründer, Investor, Ratgeber oder Türenöffner?
Ich habe lange nach einem Namen für die Rolle gesucht, und ihn im angelsächsischen Raum gefunden: Executive Chairman. Ich bin in die Strategie involviert, öffne natürlich ein paar Türen, aber kümmere mich vor allem darum, dass die Firma nicht die ganzen Fehler wiederholt, die ich in den letzten 15 Jahren Online gesehen oder selber gemacht habe. Das kann manchmal operativ werden, ist es im Regelfall aber nicht.

Neben dem Avocado Store wollen Sie noch weitere Ideen angehen. Planen Sie eine Art Inkubator?
Die meisten Inkubatoren sind gescheitert. Was mir vorschwebt, ist dass meine Holding Upspring, mittelfristig an drei bis vier Unternehmen beteiligt ist. Diese Unternehmen müssen für mich sinnvoll sein, d.h. mindestens revolutionär das Leben vereinfachen wie Qype. Mein Suchfeld sind Unternehmen, die einen positiven Einfluss auf die Umwelt haben. Und das muss nicht immer Internet sein. Ich bin vom Hintergrund her Wirtschaftsingenieur der Fachrichtung Maschinenbau – aber ich bin zu 100 % ein Endkunden-orientierter Unternehmer.

Gründer mit welchen Ideen sollten bei Ihnen anklopfen?
Ich suche Gründer nicht nach ihren Ideen aus, sondern nach ihrer Persönlichkeit. Und da geht es um den Willen viel zu bewegen: Das braucht hohe Intelligenz, sehr viel Energie, Leistungsbereitschaft, klares Urteilsvermögen. Und menschlich ok sollte man sein. Eine tolle Idee verfolge ich natürlich gerne weiter aber lieber entwickle ich Ideen gemeinsam neu.

Gibt es international Vorbilder für den Avocado Store oder ist das Konzept eine Idee made in Germany?
Das Konzept ist – wie immer bei mir – eine Eigenentwicklung. Ähnliche Ideen gab es aber sowohl in Deutschland schon, als auch international. Allerdings hat mich noch keine davon so überzeugt, dass ich nicht denke, dass wir das machen sollten.

Warum gibt es so wenige Internet-Innovationen aus Deutschland?
Darüber könnte ich mindestens eine Stunde reden. Und ja, leider sind einige Leute zu erfolgreich darin, Konzepte aus den USA zu kopieren – was an und für sich ja auch eine beachtliche Leistung ist, aber keine Innovation. Aber ich glaube das Hauptproblem ist, dass wir einfach nicht genug wirklich geniale Produkt-Leute haben. Alle wirklich guten Unternehmen: Google, Amazon, Apple, sind produktgetriebene Unternehmen. Wir haben nicht die nötigen Skills im Land: Weder von der Ausbildung noch von der Erfahrung her. Im Silicon Valley gibt es Leute, die haben schon die User-Flows von vier oder fünf Start-ups optimiert. Die Leute die Android gebaut haben, hatten vorher schon ein anderes Mobile OS gebaut. Leute, die heute bei Facebook sind, waren vorher bei LinkedIn. Ich glaube, das ist das entscheidende Problem.

Es heißt aber auch, dass Geldgeber in Deutschland nicht bereit sind, in innovative Start-ups zu investieren. Teilen Sie diese Meinung?
Das stimmt schon. Man hört oft: “Der Business Case wurde noch nicht validiert.” Was nichts anderes heißt als: “Wir haben noch kein US–Startup gesehen, das damit Erfolg hatte.” Aber wer sagt denn, dass ein deutsches Start-up auch Geld aus Deutschland braucht? Ich sehe das umgekehrt: Die wenigen exzellenten Start-ups, die ich kenne, haben auch VCs aus England oder Frankreich, manchmal auch aus den USA.

Wo steht der Avocado Store in einem Jahr?
Er sollte zumindest in der Kernzielgruppe der heute schon an nachhaltigem Konsum orientierten Kunden die erste Adresse sein, bei der diese online einkaufen.

Zu Person
Stephan Uhrenbacher, Jahrgang 1969, baute Mitte der 90er des vergangenen Jahrhunderts für Gruner+Jahr die Reiseplattform TravelChannel auf. 1999 ging er nach London und arbeitete als Head of Northern für LastMinute.com. Danach wirkte er als Director Product & Programm sowie als Prokurist bei der Bild.T-Online AG. Später verantwortete der Diplom-Wirtschaftsingenieur bei der Versandapotheke DocMorris Logistik, Auftragsbearbeitung, IT und Marketing. Im Frühjahr 2006 hob Uhrenbacher das interaktive Stadtmagazin Qype aus der Taufe.

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.