Gründerinnen. “Etwas Unbesorgtheit im Vorfeld ist gut” – Julika Bleil von allyve

Die deutsche Online-Gründerszene ist ein Männerverein. Auf Kongressen, Tagungen und sonstigen Branchenhöhepunkten sind Frauen die große Ausnahme. Aber es gibt sie! Jeden Mittwoch stellt deutsche-startups.de in der Reihe “Gründerinnen” eine interessante, wichtige oder […]
Gründerinnen. “Etwas Unbesorgtheit im Vorfeld ist gut” – Julika Bleil von allyve

Die deutsche Online-Gründerszene ist ein Männerverein. Auf Kongressen, Tagungen und sonstigen Branchenhöhepunkten sind Frauen die große Ausnahme. Aber es gibt sie! Jeden Mittwoch stellt deutsche-startups.de in der Reihe “Gründerinnen” eine interessante, wichtige oder erfolgreiche Web-Unternehmerin vor.

Wie so viele knüpfte auch Julika Bleil den Kontakt zu ihrem späteren Gründungspartner Philipp Spethmann während des Studiums: “Wir haben in verschiedenen Projektgruppen gemerkt, dass wir total gut zusammen arbeiten können”, erinnert sie sich. Die Idee zu allyve (www.allyve.com), der personalisierten Startseite, kam aber erst später. Beide fingen nach dem Wirtschaftsingenieur-Studium als Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group an. In einer Mittagspause stellten sie fest, wie genervt sie vom Internet waren: “Dieses ständige Ein- und Ausloggen, verschiedene Accounts checken, in unterschiedliche Netzwerke eintreten”. Sie suchten ein “Cockpit” fürs Internet, und als sie keines fanden, entwickelten sie es eben selbst. Schnell fanden sie einen Investor, so dass es von der Idee bis zum Start nur drei Monate dauerte.

Mittlerweile ist allyve das Cockpit für viele Nutzer, die ihre persönlichen Accounts auf einer Seite zusammenfassen wollen. Da allyve dementsprechend mit vielen Partnern zusammenarbeitet, erfolgt die Monetarisierung über Affiliate-Programme. Wenn Nutzer über die Website Produkte bei Online-Shops bestellen, erhält allyve zwischen fünf und fünfzehn Prozent Provisionen. Daneben probieren die Hamburger noch ein abgewandeltes Erlösmodell aus: Sie bieten Firmen eine spezielle Form von personalisierter Startseite an, die Unternehmensanwendungen beinhaltet. Das Produkt wurde bereits an einen großen Hamburger Elektronikkonzern verkauft. Bleil ist mit dem Erlös mehr als zufrieden. “Allerdings ist der Endkundenmarkt letztlich doch spannender, außerdem ist es in der aktuellen Situation schwierig, weitere Firmen zu aquirieren.” Deswegen investiert das Team momentan mehr in White-Label-Lösungen, erster Partner ist die ComputerBild (www.computerbild.de). Außerdem sind die beiden beständig darauf bedacht, noch mehr Partner bei allyve zu integrieren, damit die Nutzer alle für sie relevanten Seiten dabei haben.

“Der Typ hat die ganze Zeit nur Philipp angesprochen”

Die begeisterte Unternehmerin freut sich über den Erfolg, auf dem Weg dahin gab es aber auch manche Hürde zu bezwingen. Eine Hürde bestand aus Vorurteilen, zum Beispiel von Seiten eines IT-Dienstleisters, an den sich das Gründerteam wandte. Sie schilderten ihr Anliegen und wollten sich ein Angebot einholen. “Wir konnten es beide kaum glauben: Der Typ hat die ganze Zeit nur Philipp angesprochen und auch die anschließende E-Mail ausschließlich an ihn gerichtet!” Manch seltsames Verhalten, das sie nicht immer deuten konnte, kennt Bleil auch aus ihrem Studium, wo die Frauenquote bei 13 bis 15% lag: “Zum Glück lernt man, sich davon nicht verunsichern zu lassen und es nicht auf sich zu beziehen.” Doch noch häufiger macht sie die umgekehrte Erfahrung, dass Menschen sehr positiv auf sie reagieren und sich freuen. “Frauen lockern die Atmosphäre oft etwas auf, Männer werden plötzlich persönlich und sagen Dinge wie \’Was soll ich meiner Freundin zur Hochzeit schenken?\’.” Ihr selbst ist die Stimmung und Atmosphäre im eigenen Unternehmen sehr wichtig, alle sollen sich wohl fühlen.

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Julika Bleil und Mitgründer Philipp Spethmann

Mit ihren 28 Jahren gehört Bleil zur Generation “junge Gründerinnen”. Sie weiß, dass “Familienplanung” ein Thema ist, das manche Frau vom Gründen abhält: “Frauen, für die klar ist, dass sie zwischen 27 und 30 Jahren ihr erstes Kind wollen, gründen nach ihrem Studium nicht noch schnell ein Start-up.” Sie selbst fände es ebenfalls schade, diese beiden intensiven Lebensphasen zu vermischen und ständig hin- und hergerissen zu sein. Ist man erstmal aus der Start-up-Phase raus, könne es aber gut funktionieren. Einen weiteren Grund für die bisherige “Frauenarmut” innerhalb der Gründerszene sieht sie in einer charakterlichen Tendenz: “Frauen denken sehr viel voraus.” Sie setzten sich zu sehr mit sämtlichen Risiken auseinander und scheiterten teilweise an den Hürden im Kopf. Hätte sie selbst alles bedacht, was auf sie zugekommen ist, hätte sie vermutlich auch nicht gegründet: “Man schafft die Dinge dann, wenn sie anstehen. Etwas Unbesorgtheit im Vorfeld ist gut, das gelingt Männern oft besser.”

Alle Fotos: © 2009 Financial Times Deutschland, © Dirk Eisermann/FDT

Zur Person
Julika Bleil arbeitete während ihres Wirtschaftsingenierustudiums bei Airbus, ehe sie bei der Boston Consulting Group als Unternehmensberaterin tätig wurde. Anfang 2008 gründete sie zusammen mit Philipp Spethmann allyve. Wenn mal nicht das eigene Unternehmen auf dem Programm steht, ist sie begeisterte Kletterin und genießt die Natur oder ein gutes Essen, selbst schnelle Spaghetti.

Seit Mai 2009 schreibt Yvonne für deutsche-startups.de Gründerportraits, Start-up-Geschichten und mehr – ihre besondere Begeisterung gilt Geschäftsideen mit gesellschaftlich-sozialer Relevanz. Sie tummelt sich auch im Ausland – immer auf der Suche nach spannenden Gründerpersönlichkeiten und Geschäftsideen.



  1. Paul

    Was ich mich bei allyve immer frage: warum sind die eigentlich so erfolgreich?

    Sie gewinnen (so scheint es) jeden Wettbewerb, an dem sie teilnehmen, sie schaffen es, immer und überall in den Medien präsent zu sein, sie sind immer und überall mit dabei.

    Dabei haben sie (gemessen an dem Hype um allyve, der Zeit seit der Gründung und dem theoretischen Zielmarkt) extrem wenige User und kämpfen nach wie vor um Monetarisierung und den Break Even.

    Warum also ist allyve bei Wettbewerben so erfolgreich und in den Medien so omnipräsent?

    Paul

    P.S. Versteht mich nicht falsch – ich mißgönne den beiden nichts. Ich möchte nur verstehen, was allyve hat, was andere nicht haben.



  2. Sebastian

    Na ja, die beiden können als Ex-Berater sehr gut Probleme/Lösungen strukturieren und präsentieren, der Investor hat ziemlich früh für Glaubwürdigkeit gesorgt und ein gemischtes Gründerteam schadet auch nicht gerade bei der Ansprache von Journalisten.

    Das ist schon die absolute Schokoladenseite. Fraglich ist aber wie viel die Präsenz in FTD, Handelsblatt & Co. bringt wenn man eigentlich auf RTL2 Zuschauer abzielt.

    Schaut man weiter findet man wenige Startups, die ähnlich gut Business Development und Vetrieb betreiben. Hier gibt es eine Setup-fee, andere Startups schikcken Praktis los, die “betteln” anstatt zu verkaufen.

    Die Frage, die ich mir stelle ist was die beiden mit einer richtig geilen Idee anstellen könnten…



  3. Steven

    Das merkwürdige ist doch, daß die Idee bei weitem nicht neu war… Habe das seit 2000 von ungefähr hundert verschiedenene Leuten gehört, vor zwei Jahren ist selbst mein kleiner Bruder drauf gekommen.

    Ich glaube, der “Erfolg” liegt darin, einen weitreichend branchenfremden Investor gefunden zu haben, der die Idee wohl tatsächlich noch nicht kannte.

    Alles andere ist der nette Mix aus Mann & Frau, artikeltauglich: Sie die Kommunikative, er der Techie. So sieht es auf jeden Fall für mich aus..



  4. Ichmich

    Bei Gallileo auf Pro7 kann man oftmals etwas gewinnen, was von denen gesponsort wurde.

    Mich würde mal interessieren, was dieses Gewinnspielsponsoing kostet und was der Nutzen davon ist



  5. Tina

    .. Idee bei weitem nicht neu ..

    Naja, das gilt ja generell für vieles…

    Google… Facebook… Twitter…

    Mir dünkt, da war vieles so oder so ähnlich schon da, nur halt evtl anders oder mit anderen Leuten…

    So ist das halt.
    Bei den Bäckern gibts auch grössere Ketten und kleine Läden. So what!?

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