Die Finanzkrise und ihre Folgen aus Sicht der Start-ups

Bereits vor einigen Wochen hörte sich deutsche-startups.de unter den größten deutschen Investoren um und bat sie um eine Einschätzung der Folgen der aktuellen Finanzkrise. Diese geht auch an den Start-ups nicht spurlos vorbei. […]
  • Von Christina Cassala
    Mittwoch, 3. Dezember 2008
  • 4 Kommentare

Bereits vor einigen Wochen hörte sich deutsche-startups.de unter den größten deutschen Investoren um und bat sie um eine Einschätzung der Folgen der aktuellen Finanzkrise. Diese geht auch an den Start-ups nicht spurlos vorbei. Deshalb wollte deutsche-startups.de ähnliches auch von den Gründern und Geschäftsführern ausgewählter Start-ups wissen und fragte sie:

Wir schätzen Sie die derzeitige Finanzsituation für junge Start-ups ein und welche betriebwirtschaftlichen Konsequenzen, auch hinsichtlich möglicher Finanzierungsrunden, ergeben sich für Ihr Unternehmen bzw. für junge Gründer daraus?

Hier die Antworten der Gründer:

Alexander Artopé, smava, Berlin:

“Im kommenden Jahr wird es deutlich selektivere Finanzierungen und niedrigere Bewertungen geben. Trotz der Krise werden wir keine Veränderungen vornehmen und setzen wie bisher auf striktes Kostenbewusstsein, nur performance-basiertes Marketing und realistische Erlösplanung. Auch eine weitere Finanzierungsrunde ist bei uns nicht geplant.”

Dennis von Ferenzcy, amiando, München:

“Durch die aktuelle Situation wird es sicherlich zu einer stärkeren Selektion kommen, welche Start-ups mit Investorengeldern unterstützt werden. Jedes Unternehmen, das akuten Finanzierungsbedarf hat, muss sich daher vor allem darüber klar werden, wie sie Geld verdienen werden. Ein skalierendes Monetarisierungsmodell ist Pflicht. Amiando ist da in einer glücklichen Ausgangslage, da wir mit unserem Onlinetool für Events ein transaktionsbasiertes, sehr gut skalierendes Business-Modell und eine sehr gute Marktposition haben. Daher werden wir strategisch weiterhin auf Wachstum setzen.

Da wir Anfang des Jahres unsere Series A Finanzierung mit Wellington Partners und Adinvest abgeschlossen haben, können wir uns jetzt voll auf das operative Business konzentrieren.”

Michael Glöß, toksta, Potsdam:

“Ganz klar: Die fetten Jahre sind vorbei. Die Finanzsituation deutscher, als auch internationaler Start-ups wird sich dramatisch verschlechtern. Zum einen wird es schwieriger Finanzierungen zu erhalten, zum anderen werden die Bewertungen wesentlich geringer ausfallen als noch vor ein paar Monaten. Darüber hinaus wird es zunehmend schwieriger, mit reinen werbefinanzierten Geschäftsmodellen erfolgreich zu sein. Die Werbepreise werden in Kürze erheblich einbrechen. Davon betroffen sind vor allem Branding-Kampagnen mit schlechter oder gar keiner Konversion. Aufgrund der neuen Situation haben sich die mittelfristigen Prioritäten von toksta daher von Reichweiten-Wachstum hin zu einem schnellen Break-Even verlagert.

toksta setzt im wesentlichen auf zwei Erlösquellen: Whitelabel-Lizenz-Umsätze und Werbeerlöse. Vor allem das Umfeld für Werbeerlöse hat sich doch erheblich verschlechtert. Wir optimieren daher das Werbemodell und setzen den Focus dabei auf optimales Targeting für unsere Anzeigenkunden. Wir sind in der Lage Anzeigen sehr nah und mit sehr geringen Streuverlusten für die entsprechende Zielgruppe zu schalten und so bessere Konversionen für Kampagnen zu erzielen. Insofern die Conversion-Raten hoch sind, ist auch der Effekt aus den sinkenden Werbeumsätzen im Internet für toksta eher gering. Darüber hinaus versuchen wir auch auf der Kostenseite kontinuierlich zu optimieren.

Ich denke die nächste Finanzierungsrunde ist für jedes Start-up, welches zum jetzigen Zeitpunkt eine Anschlussfinanzierung benötigt, sehr schwierig. Ich glaube auch, dass wir in naher Zukunft leider viele Unternehmen sehen werden, welche diese Anschlussfinanzierung nicht erhalten und daher den Geschäftsbetrieb einstellen müssen.

Uns ist es gelungen sehr große internationale Communitys von unserem Service zu überzeugen und auch, wenn die Bewertungen in den Finanzierungsrunden leider nicht mehr denen von noch vor wenigen Monaten entsprechen, blicken wir zukünftigen Finanzierungsrunden positiv gegenüber.”

Malte Gösche, iliketotallyloveit, Bremen:

“Ich denke, dass die meisten Start-ups in Deutschland schon immer eher konservativ mit ihrem Etat umgegangen sind. Wir haben immer 2x überlegt bevor wir Geld ausgegeben haben. Jetzt überlegt man eben 3x und ist noch ein wenig vorsichtiger, aber im Großen und Ganzen setzt man auf das, was sich bewehrt hat und geht noch weniger Risiken ein. Anders als in den USA hat es hier noch keine Kündigungswellen (z.B. Seesmic, Mahalo) gegeben und ich erwarte dies auch nicht zwingend. Dort wurden Posten besetzt, die nun plötzlich überflüssig scheinen. Ich sehe dieses Phänomen in Deutschland nicht.

Vor einiger Zeit wurde noch in Ideen investiert – jetzt in Modelle, die sich bewehrt haben. Das ist keineswegs schlecht, denn so wird ein spätes Scheitern eventuell schon verhindert. Und man wird schneller in die richtige Richtung \’gezwungen\’.”

Claudia Helmig, DaWanda, Berlin:

“Es ist sicher nicht einfacher geworden, eine Finanzierung für sein Start-up zu bekommen und auch im kommenden Jahr wird wohl vorsichtiger investiert werden. Auch Bewertungen werden weniger euphorisch verhandelt. Gerade für neue Start-ups und Start-ups, deren Geschäftsmodell vom Markt noch nicht bestätigt wurde, wird es härter werden. Ich glaube aber nicht, dass wir es mit einer ähnlichen Situation wie im Jahr 2000 zu tun haben, sondern dass auch weiterhin investiert werden wird.

Unsere Strategie für das nächste Jahr und die nächsten Monate hat sich durch die derzeitige allgemeine Finanz- und Wirtschaftskrise nicht grundlegend geändert. Die Einführung von weiteren Erlösquellen, hauptsächlich Einstellgebühren, war schon seit langem für den Januar 2009 geplant und ist ein zentraler Bestandteil unseres Geschäftsmodells. Angesichts der derzeitigen Situation haben wir aber unsere Kostenstrukturen im Marketing überprüft und Kanäle, die nicht kosteneffizient liefen reduziert.”

Martin Oppenrieder, Limango, München:

“Durch die Finanzkrise werden Anschlussfinanzierungen und generell Risikokapital für junge Unternehmen schwieriger zu realisieren sein. Venture Fonds und Business Angels werden noch stärker die tatsächlichen Ertragspotentiale von Start-ups unter die Lupe nehmen und nur noch sehr selektiv investieren. Das heißt für alle jungen Unternehmen die Kosten im Griff zu halten und nicht unbedingt nötige Ausgaben erstmal zu verschieben.

Daher setzen wir jetzt schon jede größere Investitionsentscheidung nochmal auf den Prüfstand um zu ermitteln, ob sie wirklich notwendig ist. Aber auch die operativen Ausgaben werden ständig überprüft und wenn möglich werden Kosten eingespart um auch in einer Rezession genug Handlungsspielraum für die weitere Entwicklung der Firma zu haben. Bei den Marketingausgaben rechnen wir ebenfalls mit harten Kosten/Nutzen-Kriterien, um keine unnötigen Mehrausgaben zu produzieren.

Sollte eine Finanzierungsrunde in einer starken Rezession stattfinden müssen, wird es wahrscheinlich schwieriger, frisches Kapital zu erhalten bzw. werden die Kriterien der Kapitalgeber vermutlich deutlich strikter sein als in den letzten Jahren. Unser Business-Konzept, das bereits jetzt starkes Umsatz- und Ertragspotenzial zeigt sollte aber auch in Zukunft für Investoren attraktiv sein, insbesondere da wir von Anfang an Umsatz generieren und nicht auf lange technische und hoch innovative Entwicklungen angewiesen sind, die dann hoffentlich vom Markt akzeptiert werden. Die Akzeptanz des Marktes können wir täglich bereits jetzt vorweisen.”

Stephan Uhrenbacher, Qype, Hamburg:

“Alle mir bekannten VCs sind zurückhaltend und werden, wenn sie investieren, zu niedrigeren Bewertungen einsteigen. Wir geben sowieso extrem wenig für Marketing aus, und sind im Moment noch zurückhaltender. In Sachen Erlöse ist Qype relativ weit, aber auch wir müssen genau beobachten, ob Neukunden für unsere bezahlten Unternehmenseinträge zurückhaltender werden. Bei uns stellt sich die Frage nach einer weiteren Finanzierungsrunde derzeit nicht.”

Artikel zum Thema
* Die Finanzkrise und ihre Folgen aus Sicht der Investoren, Teil 1
* Die Finanzkrise und ihre Folgen aus Sicht der Investoren, Teil 2

Christina Cassala, Redakteurin bei deutsche-startups.de, war schon zu ihren besten Uni- Zeiten in den 90er Jahren journalistisch tätig. Gleich nach dem Volontariat arbeitete sie bei einem Branchenfachverlag in Hamburg, ehe sie 2007 zu deutsche-startups.de stieß und seither die Entwicklungen der Start-up Szene in Deutschland mit großer Neugierde beobachtet.

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