Die Finanzkrise und ihre Folgen aus Sicht der Investoren, Teil 1

Trotz prall gefüllter Fonds bewegt die Finanzkrise auch die Gemüter der Investoren in Deutschland. deutsche-startups.de erkundigte sich bei den größten und wichtigsten deutschen Venture Capitalists und wollte von ihnen wissen: Wie hoch schätzen […]

Trotz prall gefüllter Fonds bewegt die Finanzkrise auch die Gemüter der Investoren in Deutschland. deutsche-startups.de erkundigte sich bei den größten und wichtigsten deutschen Venture Capitalists und wollte von ihnen wissen:

Wie hoch schätzen Sie künftig die Chancen für hohe Exits ein und welche Auswirkung hat dies für Ihre Investments? Welche Modelle sind weiterhin interessant?

Hier die Antworten der Investment-Manager ausgewählter Investoren in Deutschland:

Andreas Brinkrolf, Tiburon Partners, München:

“Wir erwarten keine wirklich interessanten Exits in 2009. Aber diese Einschätzung hat keine Auswirkung, da man als Investor (und Gründer) über die nahe Zukunft hinaus denken soll. Der Proof of concept sollte dennoch nicht zuviel Geld benötigen; danach sollte die Möglichkeit bestehen, Finanzierungsbedarf und Aufbauerfolge in Einklang zu bringen. Weiteres Geld zu investieren oder zu finden ist kein Problem, wenn klar ist, wofür es erfolgreich ausgegeben wird.”

Matthias Brix, Neuhaus Partners, Hamburg:

“In den nächsten Monaten wird es kaum Exits zu tollen Bewertungen geben. Da müssen wir einfach ein wenig warten. Auch die Bewertungen für Start-ups werden in den nächsten Monaten schlechter werden. Da können wir günstiger \’einkaufen\’. Die meisten Geschäftsmodelle der Start-ups sind durch die Krise nicht direkt betroffen, daher wird sich an unserer Auswahl kaum etwas ändern.”

Alex von Frankenberg, High-Tech Gründerfonds, Bonn:

“Wir schätzen die Chancen für Gewinn bringende Exits in naher Zukunft als hoch ein. Dies hat keine Auswirkung auf unsere kommenden Investments. Da wir in der Frühphase investieren, rechnen wir mit einer Zeitdauer von 3-5 Jahren bis zum Exit. Aus Exitsicht glauben wir, dass die Finanzkrise bis dahin keine Auswirkung auf die Entwicklung der finanzierten Unternehmen hat.

Aus Anschlussfinanzierungssicht muss sich jedoch noch kritischer gefragt werden, wie der Kapitalbedarf eines Unternehmens bis zum Exit gedeckt werden kann. Für den High-Tech Gründerfonds sind Modelle mit nachhaltigem Wettbewerbsvorteil und Geschäftsmodell interessant. Außerdem schauen wir auf umsatznahe Modelle sowie Modelle mit begrenztem Kapitalbedarf.”

Mark Miller, CatCap, Hamburg:

“Als Frühphaseninvestor wie auch als Corporate Finance-Berater sehen wir, dass Verlage und große Big Player der Internetindustrie als potentielle strategische Partner für Exits noch aktiv sind. Die Zeit der Börsengänge ist allerdings erst einmal vorbei. Die börsennotierten Unternehmen wenden ihren niedrigeren Multiplikator auch auf potentielle Targets an, damit sinkt die Bewertung. Im allgemeinen analysieren Käufer sehr genau, ob ein Kauf strategisch Sinn macht. Anders als 2001 ist das Vertrauen in Internetgeschäftsmodelle nicht per se erschüttert!

Es gibt eine \’Internetindustrie\’ mit realen Umsätzen und attraktiven Margen. Womöglich profitiert Online sogar von der Krise, wenn Werbespendings mit dem Ziel einer besseren Performance und Messbarkeit Richtung Online umgeleitet werden. Wir sehen 2009 als guten Zeitpunkt fürs Investieren. Unternehmen werden realistisch bewertet. Krisenjahre sind immer gute Vintageyears. Aber: Wir wollen nur etwas anfinanzieren, wenn der Breakeven oder aber Co-Investoren bzw. eine Folgefinanzierung in greifbarer Nähe sind. Da letzteres anspruchsvoller wird, werden wir im Zweifel die Erstrunde mit Partnern (Business Angels, High Tech-Gründerfonds, KfW oder MBG) lieber etwas größer machen. Wir wissen ja nicht, wann die nächste Tankstelle kommt.

Ganz klar bleiben alle Geschäftsmodelle interessant, die nah an einer Transaktion oder Kaufentscheidung orientiert sind. Gern auch Cases, die nur ein Angel-Investment bis zum Breakeven benötigen und uns dann gutes Geld verdienen, ohne gleich den 100 Mio.-Exit zu versprechen. Dafür haben wir dann auch keine Liquidation Preferences von Folgefinanzierungrunden im zweistelligen Millionen-Bereich vor uns in der Exit-Erlösverteilungstabelle. Zudem Technologie-Cases, die dann fliegen, wenn das Finanzkrisengewitter wieder dem Exitsonnenschein weicht. Insofern betreiben wir gern Bewertungsklimaarbitrage. Also in Krisenzeiten mit guten und günstigen Arbeitskräften das Produkt entwickeln und die Vermarktung starten und in guten Zeiten hochskalieren und verkaufen, verkaufen, verkaufen: das Produkt und das Unternehmen.”

Christian Nagel, Earlybird Ventures, Hamburg:

“Exits werden 2008 und 2009 schwierig, sie werden erst wieder 2010 möglich. Derzeit sinken alle Pre-Money Bewertungen deutlich. Interessant bleiben trotzdem alle Modelle mit Traktion und Transaktionsvolumen bzw. Umsatz.”

Oliver Samwer, EFF, München:

Wir sind nach wie vor optimistisch, was Internet-Investments angeht. Gute Ideen setzen sich auch in schlechten Zeiten durch. Dazu wächst der Internetmarkt insgesamt weiter. Trotz und gerade wegen der derzeitigen Situation investieren wir weiter und sind fest davon überzeugt, dass gute Unternehmen auch weiterhin zu guten Exits führen werden.

Oliver Schuepbach, Wellington Partners, München:

“Traditionell sind in Europa Trade Sales der übliche Weg für einen Exit von VCs und nicht Börsengänge. Daher spielen bei Investmententscheidungen auch Analysen über mögliche Kaufinteressenten eine Rolle, wobei sich die Parameter dieser Analysen im jetzigen Umfeld nicht grundsätzlich ändern. Denn große Unternehmen werden immer auf Innovationen von Start-ups angewiesen sein, die schon aufgrund ihrer Größe neue Trends am Markt wesentlich schneller in entsprechende Produkte und Dienstleistungen umsetzen können.

Eine Ausrichtung von Investmententscheidungen an den Rahmenbedingungen am Kapitalmarkt verbietet sich demgegenüber schon mit Blick auf die hohe Volatilität sowie die unterschiedliche Aufnahmebereitschaft der Börsen für junge Technologieaktien. Unabhängig von der Verfassung der Kapitalmärkte gelten daher bei Wellington Partners 2008 und 2009 die gleichen Investmentkriterien wie in den Vorjahren: Wir investieren in Managementteams von europäischen Unternehmen in den Bereichen Cleantech Digitale Medien, Elektronik, Internet und Software, deren einzigartiges Geschäftsmodell ein klar adressierbares Bedürfnis von Kunden befriedigt, dabei einen bestehenden Markt von Grund auf verändert oder einen neuen Markt kreiert und sich zumindest europaweit ausrollen lässt.”

Mischa Wetzel, IBB Beteiligungsgesellschaft, Berlin:

“Die kurzfristigen Exit-Aussichten haben sich eingetrübt, für unsere Entscheidung, Neuinvestments einzugehen, spielt das aber keine wesentliche Rolle. Unsere Haltedauer liegt typischerweise bei drei bis sieben Jahren – bis eine neue Beteiligung exitreif ist, wird sich das gesamtwirtschaftliche Umfeld geändert haben. Auch in der Vergangenheit sind wir in Baisse-Phasen sehr erfolgreiche Investments eingegangen. Wir legen seit jeher Wert auf eine geschlossene Gesamtfinanzierung, also die Möglichkeit, mit unserem Investment den Cashflow Break-Even zu erreichen. Das ist heute wichtiger denn je, da Anschlussfinanzierungen im aktuellen Marktumfeld nicht einfacher geworden sind.”

Die Frage, wie sich die Spielregeln in der Gründungsphase junger Start-ups ändern werden, beantworten die VCs morgen an gleicher Stellen zu gleicher Uhrzeit in Teil 2 unserer Umfrage.

Christina Cassala, Redakteurin bei deutsche-startups.de, war schon zu ihren besten Uni- Zeiten in den 90er Jahren journalistisch tätig. Gleich nach dem Volontariat arbeitete sie bei einem Branchenfachverlag in Hamburg, ehe sie 2007 zu deutsche-startups.de stieß und seither die Entwicklungen der Start-up Szene in Deutschland mit großer Neugierde beobachtet.