Usability – was Start-ups selbst können! – Gastbeitrag von Patrick Roelofs von eparo, Teil 3

In Teil 1 und Teil 2 der Serie erklärte Patrick Roelofs, Gründer und Geschäftsführer der User Experience Agentur eparo, in den letzten Wochen, was Usability eigentlich ist und wie diese aufgebaut werden kann. […]

In Teil 1 und Teil 2 der Serie erklärte Patrick Roelofs, Gründer und Geschäftsführer der User Experience Agentur eparo, in den letzten Wochen, was Usability eigentlich ist und wie diese aufgebaut werden kann. Mit diesem Teil des Gastbeitrags beendet deutsche-startups.de diese Serie. Zum Abschluss beschäftigt sich der Experte mit dem Aspekt, der normalerweise am stärksten mit dem Begriff Usability assoziiert wird – den Usability Tests.

Usability Tests können anhand verschiedener qualitativer und quantitativer Methoden durchgeführt werden. Auch hier legen wir den Fokus dieses Beitrags auf die qualitativen Methoden.

Auch während dieser Serie gibt es die Möglichkeit, unserem Experten bis Ende dieser Woche Fragen zu stellen, die entweder in den Kommentaren hinterlassen oder per E-Mail an Christina Cassala geschickt werden können.

Warum Usability Tests?

Diese Frage mag trivial klingen, aber sie wird, da immer noch eine ganze Reihe Internetagenturen gänzlich ohne Usability Tests arbeiten, häufig gestellt.

Fakt ist, Usability Tests liefern wichtige Daten, die dafür sorgen, dass erfolgskritische (Interaktions-) Probleme vor dem Launch identifiziert und eliminiert werden können. Vor allen Dingen helfen Usability Tests unbeachtete und unerwartete Aspekte der Webapplikation aufzudecken, die vorher außen vor gelassen wurden. Problem: Das Entwicklungsteam ist in den seltensten Fällen Teil der relevanten Nutzergruppe und hat somit oftmals einen ganz anderen Blick auf das Endergebnis.

Immer wieder kommt es vor, dass sich die vom Anbieter hoch priorisierten Funktionalitäten und Inhalte für Nutzer als uninteressant herausstellen und der USP der Webapplikation an anderer Stelle zu finden ist. Das kann zur Folge haben, dass sich die Produktstrategie stark verändert, sofern man als Unternehmen so flexibel ist, das Nutzerfeedback ernst zu nehmen.

Es gibt noch eine ganze Menge anderer guter Gründe Usability Tests durchzuführen. Alleine die Genannten sollten aber ausreichen, den Aufwand für sich und seine Nutzer auf sich zu nehmen.

Was genau passiert bei einem Usability Test?

Qualitative Usability Tests sind nichts anderes als konkrete Aufgaben, die die Testpersonen durchführen sollen. Das Ziel ist, die Probleme der Testpersonen beim Ausführen dieser Aufgaben zu identifizieren.

Je öfter und je mehr getestet und mit den Erkenntnissen das Konzept im Anschluss verbessert wird (Stichwort: Iterativer Entwicklungsprozess), desto höher ist auch die Chance, dass das Endergebnis von Nutzern akzeptiert wird. Im Idealfall fängt man mit den ersten konzeptionellen Entwürfen, den bereits erwähnten Wireframes (siehe Teil 2), schon früh an zu testen. Ziel ist es dabei, grobe Verständnisprobleme bei der Nutzung der Webapplikation herauszufiltern.

Die bekannteste unter den qualitativen Testmethoden ist das sogenannte “Think Aloud Protokoll”. Wie der Name vermuten lässt, werden Testperson während der Aufgabenerfüllung dazu angehalten, ihre Gedanken und Eindrücke bei der Nutzung der Webapplikation laut auszusprechen. Das Ganze wird auf Video und Papier protokolliert und kann später im Detail ausgewertet werden.

Sechs Testpersonen reichen aus

Um als Start-up einen solchen Usability Tests selbst durchzuführen, bedarf es eines guten Testleitfadens (Aufgaben und Fragen für die Testpersonen) und etwa sechs Testpersonen, die in einem Zeitfenster von rund 60 Minuten durch den Leitfaden geführt werden. Wichtig ist auch hier, das Ziel des Tests genau zu formulieren. Was mit dem Test herausgefunden werden soll, hat definitiv starken Einfluss auf die Aufgaben und Fragen, mit welchen die Testpersonen später konfrontiert werden.

Wir haben festgestellt, dass sich schon nach 3-4 Tests pro Iteration die kritischsten Usability Probleme herauskristallisieren. Natürlich gibt es dazu in der Fachwelt unterschiedliche Meinungen, aber gerade für junge Start-ups sollte die genannte Stichprobengröße ausreichen. Die restlichen Tests dienen dann der Überprüfung dieser ersten Testergebnisse.
Denn auch hier gilt der Grundsatz, wenige Daten sind besser als gar keine Daten. Es ist sehr viel wichtiger, die richtigen sechs Personen im Test sitzen zu haben, als ein vielfaches dieser Menge, die nicht dem tatsächlichen Nutzerprofil entsprechen.

Ein Test mit sechs Personen lässt sich inklusive Ergebnisauswertung innerhalb einer Woche ohne Probleme abwickeln. Pro Tag sollte ein ungeübter Interviewer maximal drei Tests durchführen, denn es erfordert ein hohes Maß an Konzentration sowohl den Testleitfaden im Blick zu behalten, die Testperson bei der Aufgabenerfüllung zu beobachten und gleichzeitig relevante Aussagen aufzunehmen.

Für den zeitlichen Ablauf bedeutet es, dass alleine für das Testen zwei Tage vorzusehen sind (3 Tests à 2 Stunden inklusive Vor- und Nachbereitung). Die Auswertung der Ergebnisse für interne Zwecke sollte in den verbleibenden drei Tagen zu bewerkstelligen sein.

Tipps für Do-It-Yourself Usability Testing

Einen Usability Test zu planen und durchzuführen ist leider gar nicht ganz so einfach. Vor und während der Testsessions muss an viele unterschiedliche Dinge gedacht werden.

Und gerade als Laie ist es umso schwerer, alles richtig zu machen. Leisa Reichelt, eine Usability Beraterin aus England, hat daher in einem ihrer Vorträge zum Thema User Research wertvolle Tipps für Do-It-Yourself Usability Testing gegeben.

Für diesen Beitrag seien die wichtigsten Aspekte zusammengefasst:

1. In Ruhe erklären worum es geht
Erklären Sie der Testperson vor dem Test, was das Ziel des Tests ist und holen Sie sich vor allem die Erlaubnis den Test mit Video aufzuzeichnen.

2. Ein gutes Verhältnis zur Testperson bedeutet eine gute Testsession
Geben Sie der Testperson das Gefühl, dass ihre Meinung wirklich zählt und später in den Entwicklungsprozess einfließen wird. Auf diese Weise erhalten Sie wesentlich besseres Feedback.

3. Falls möglich, nicht verraten, dass man selbst der “Designer” (i.S. Erfinder) ist
Testpersonen möchten während der Testsituation gefallen und auf gar keinen Fall die Gefühle irgendeiner fremden Person (des Testleiters) verletzen. Das könnte dazu führen, dass sich das Verhalten und die Aussagen der Testperson verfälschen.

4. Die Webapplikation wird getestet, nicht die Testperson
Teilen Sie der Testperson zu Beginn der Testsession unbedingt mit, dass nicht sie und ihre Fähigkeiten, sondern die Webapplikation getestet werden (“Sie können hier nichts falsch machen.”).

5. Nur die Meinung der Testperson zählt
Für den Test ist es unerheblich was andere (vorherige) Testpersonen über die Webapplikation denken. Insofern sollte der Testleiter auch keine Sätze wie “Echt? Alle anderen fanden das aber okay so” loswerden.

6. Planen und üben Sie den Testleitfaden sorgfältig
Mindestens einen Tag bevor der erste Test durchgeführt wird, sollte unbedingt ein so genannter “Pre-Test” durchgeführt werden, um den Testleitfaden auf mögliche Schwächen zu überprüfen.

7. Fragen Sie offene Fragen
Stellen Sie die Fragen so, dass die Testpersonen nicht mit ja oder nein antworten können.
Viel wichtiger sind qualitative Aussagen (in ganzen Sätzen), die Sie gut als Zitate in der Auswertung verwenden können.

8. Lassen Sie die Testperson nie hängen
Sollte eine Testperson nicht in der Lage sein eine gestellte Aufgabe zu erfüllen, unbedingt einspringen und helfen. Denn wenn sich die Testperson stark verunsichert fühlt, wird sich die Qualität des Nutzerfeedbacks und auch das Interaktionsverhalten verschlechtern.

Auf das Verhalten der Testperson achten

Zu erwähnen ist, dass die eigenen Beobachtungen während der Testsession ebenfalls von sehr großer Bedeutung sind. Sie sind manchmal sogar wichtiger, als die Aussagen der Testpersonen. Das liegt daran, dass die während des Tests getätigten Aussagen häufig nicht zu ihrem tatsächlichen Verhalten passen.

Viele halbwegs professionell gestaltete Websites werden in Tests auf Nachfrage erstmal per se als “übersichtlich” beschrieben. Stellt man dann aber eine konkrete Aufgabe, kam es in unseren Test schon öfter vor, dass diese Aufgabe von der Testperson nicht erfolgreich durchgeführt werden konnte. Aussage und Verhalten passten also nicht zusammen.

Dieser Tatsache sollte man sich stets bewusst sein und sich lieber auf die eigenen Beobachtungen verlassen. Dennoch, diese aus Beobachtung des Testleiters und Aussagen der Testperson kombinierten Erkenntnisse liefern eine ideale Ausgangssituation, um die Schwachstellen der Webapplikation zu optimieren.

Ergebnisse rasch auswerten

Die Ergebnisse sollten schon kurz nach dem Test ausgewertet werden, um die frischen Eindrücke unmittelbar in die Auswertung einfließen lassen zu können. Die erkannten Usability Probleme können gut in drei Kategorien sortiert werden:

• Schwerwiegendes Problem: Die gestellte Aufgabe kann nicht oder nur durch eingreifen des Testleiters erfolgreich durchgeführt werden.
• Mittelschweres Problem: Es bestehen Verständnis- oder Orientierungsprobleme. Die Aufgabe konnte aber (nach einer gewissen Zeit) selbstständig erfüllt werden.
• Leichtes Problem: Die Aufgabe konnte selbstständig durchgeführt werden, aber der Testperson sind negative Aspekte in der Umsetzung aufgefallen.

Zumindest die schwerwiegenden und mittelschweren Probleme sollten bis zum nächsten Test beseitigt werden. Auf die in den drei Teilen dieses Beitrags ausgeführte Weise führt der User Centered Design Prozess dazu, dass sich die Webapplikation Schritt für Schritt verbessert.

Vor allem: Bis hierhin wurde noch nicht eine Zeile Code geschrieben!

Zur Person:
Patrick Roelofs (33) ist Gründer und Managing Partner der User Experience Agentur eparo GmbH in Hamburg. Dort entwickelt er nutzerzentrierte Produktkonzepte für Webservices, Web 2.0 Plattformen und mobile Applikationen. Zu den Kunden von eparo gehören internationale Konzerne genauso wie auch kleine, innovative Start-ups. Vor der Firmengründung leitete Patrick Roelofs den Fachbereich Konzeption bei Tribal DDB und war als Informationsarchitekt bei Proximity Germany tätig. Studiert hat Patrick das Fach Multimedia Arts am SAE Technology College in Hamburg und Australien. Seit kurzem unterrichtet er das Fach Digitale Kommunikation an der HTK in Hamburg.

Christina Cassala, Redakteurin bei deutsche-startups.de, war schon zu ihren besten Uni- Zeiten in den 90er Jahren journalistisch tätig. Gleich nach dem Volontariat arbeitete sie bei einem Branchenfachverlag in Hamburg, ehe sie 2007 zu deutsche-startups.de stieß und seither die Entwicklungen der Start-up Szene in Deutschland mit großer Neugierde beobachtet.