Fragestunde mit Friedrich Schwandt von Statista – die Antworten

Mit den Antworten von Friedrich Schwandt, Gründer und Geschäftsführer des ersten Statistik-Portals Statista (www.statista.org), beenden wir die aktuelle Runde des User generated Interviews auf deutsche-startups.de. Zahlreiche Fragen erreichten erneut die Redaktion oder wurden […]
  • Von Christina Cassala
    Mittwoch, 15. Oktober 2008
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Mit den Antworten von Friedrich Schwandt, Gründer und Geschäftsführer des ersten Statistik-Portals Statista (www.statista.org), beenden wir die aktuelle Runde des User generated Interviews auf deutsche-startups.de. Zahlreiche Fragen erreichten erneut die Redaktion oder wurden in den Kommentaren hinterlassen. Um die Fragen zeitnah zu beantworten, hat Friedrich Schwandt extra einen Teil seines Wochenendes am Schreibtisch verbracht.

Wie kam Ihnen die Idee für Statista?
Ich habe früher als Statistik-Tutor mein Studium finanziert und hatte immer schon eine gewisse Affinität zu Zahlen. Später stand ich als Berater immer vor der Herausforderung, meine Hypothesen quantitativ belegen zu müssen, konnte aber die Statistiken nicht immer einfach finden. Google hilft hier, ist aber eher auf Textsuche ausgelegt. Daher kamen Tim Kröger und ich auf die Idee, ein Portal aufzubauen, welches analog zu itunes, istockphoto, flickr oder youtube Statistiken einfach zugänglich macht.

Von der Idee bis zur Online-Stellung: Wie lange hat dieser Prozess gedauert?
Ungefähr 18 Monate.

Wie ist die Eigendefinition von Statista – verstehen Sie sich eher als Spaßseite für die Allgemeinheit oder doch mehr als Dienstleister für Zahlenfreaks?
Statista ist eindeutig ein Dienstleister, der Privat- und Geschäftskunden hilft, an relevante Statistiken zu kommen. Die “Spaßelemente” haben wir in der Startphase eingeführt, um den Begriff der Statistik von seiner Staubigkeit zu befreien, sie werden aber sukzessive in den Hintergrund treten. Unser Versprechen an unsere Kunden ist: “Statista hilft Ihnen, die für Sie relevanten Informationen schnell und einfach zu finden.” In der Standardversion kostenlos und als Premium-Service gegen Bezahlung.

Ist es in Deutschland einfach so erlaubt, statistische Daten ins Netz zu stellen? Wenn nein, welche juristischen Fragen mussten im Vorfeld beantwortet werden?
In der Tat sind in Deutschland auch Datenbanken urheberrechtlich geschützt – sie können sich also nicht einfach Studiendaten besorgen und diese dann auf einer Webseite zugänglich machen. Wir verstehen uns ja aber ohnehin als Partner von Datengebern. Mit denen gemeinsam legen wir demnach auch vertraglich fest, welche Inhalte auf welche Weise bei Statista veröffentlicht werden sollen.

Vor dem Hintergrund der Datenschutz-Debatte: Gibt es Statistiken, die nicht öffentlich gemacht werden dürfen? Welche genau sind das?
Wir veröffentlichen bei Statista nur vollständig anonymisierte Daten. Sie können von unseren Statistiken nie auf die Befragten zurück schließen.

Wie sieht der ganz normale Arbeitsalltag bei Statista aus?
Im Prinzip dreht der sich um drei Bereiche: Zum einen stellen wir interessante und spannende Fakten zum aktuellen Geschehen ein und präsentieren diese auf der Seite. Das macht unsere Redaktion in Hamburg. Hinzu kommt die Aufarbeitung von Studien, die wir dann auf Statista veröffentlichen. Und dazu kommt das Tagesgeschäft wie beispielsweise die Ausarbeitung von Analysen oder die Recherche von Daten für Kunden. Nebenher läuft natürlich ständig die Kreation neuer Produkte und Services, die wir auf unsere Datenbank aufsetzen können.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Statitstiken eigentlich aus?
Bei Statista haben wir den Anspruch, nach und nach alle relevanten Statistiken rund um den Menschen einzustellen. Was denken Menschen, was nutzen, kaufen, machen sie usw. – das betrifft die getrunkene Biermarke genauso, wie die Ausstattung beim Auto, Körpereigenschaften oder politische Meinungen. Das ergänzen wir mit Statistiken, die für sehr viele Menschen relevant sind, auch wenn hier nicht direkt der Mensch der “Informationsträger” ist. Die Inflationsrate beispielsweise erfassen sie nicht über eine Befragung von Menschen – dennoch ist diese Information für viele relevant.

Was sie bei uns nicht finden und nicht finden werden, wäre aber zum Beispiel die Anzahl produzierter Glühbirnen pro Jahr oder die Daten des Finanzmarktes.

Haben Sie die Website selbst programmiert, entwickeln lassen oder ‘fertig’ (bis auf Anpassungen) gekauft?
Wir haben die Webseite selber gemeinsam mit der Firma getanent entwickelt; getanet hat die gesamte Programmierung übernommen.

Wie haben Sie die Umsetzung bis heute finanziert?
Wir, das sind Tim Kröger, Hubert Jakob, Thilo Löwe und Matthias Protzmann, haben das Unternehmen bis heute allein finanziert , weil wir möglichst unabhängig das Geschäft entwickeln wollen und die Geschwindigkeit der Entwicklung selber bestimmen wollen.

Wie wollen Sie mit der b2b-Version Geld verdienen?
Wir werden im nächsten Jahr für Geschäftskunden unterschiedliche Möglichkeiten anbieten, noch leichter relevante Informationen zu finden.
a. Stufe 1 bleibt die Möglichkeit, kostenlos auf Statista.org nach Statistiken rund um Menschen bzw. Verbraucher zu suchen.
b. Stufe 2 erlaubt einem Kunden gegen Bezahlung, die existierende Datenbank noch detaillierter auszuwerten. Zum Beispiel können wir analysieren, was genau die Käufer einer Marke oder einer anderen Zielgruppen, zum Beispiel Jogger, ausmacht.
c. Sollte ein Kunden keine Zeit für die eigene Recherche haben oder etwas sehr Detailliertes suchen, dann bieten wir in Stufe 3 zusätzlich den Dienst eines Infobrokers an. Hier recherchieren Mitarbeiter von uns dann für Kunden nach Hintergrundinformationen und stellen diese zusammen.
d. Gibt es de facto keine Informationen zu einem Thema, dann kann der Kunde über uns schließlich in Stufe 4 ein Online-Panel befragen und darüber eigene repräsentative Umfragen zu einem Thema generieren.
e. Alternativ werden wir es Datenpartnern zukünftig über Statista auch ermöglichen, Studien auszugsweise auf Statista zu präsentieren – und die vollständige Studie über die Plattform zu vertreiben.
Bis Ende 2009 hoffen wir, alle diese unterschiedlichen Stufen ausgerollt zu haben.

Warum machen die Marktforscher solch einen Dienst eigentlich nicht selbst?
Ich glaube für uns gilt das gleiche, was für die Musikindustrie gilt: Natürlich kann Universal, Sony BMG, EMI oder andere eine Musikplattform launchen, auf der man die Musik des jeweiligen Labels hören und kaufen kann. Es hat sich allerdings gezeigt, dass Kunden nicht Musik von Universal sondern eher von Madonna kaufen wollen.

Betrachten Sie die großen Marktforschungsinstitute als Konkurrenz oder als Ergänzung?
Wir sind ganz klar eine Ergänzung zum Angebot der großen Marktforschungsinstitute. In gewisser Hinsicht sind wir und wollen wir eine Zweitvermarktung von vorhandenen Untersuchungen sein. Marktforschungsinstitute haben durch Statista eine weitere Möglichkeit, ihre Daten aus Umfragen und Erhebungen zu monetarisieren.

Warum setzen Sie auf Kooperationen mit großen Namen?
Es gibt wenige Sektoren, in der die Bedeutung von Marken so groß ist, wie im Bereich von Statistiken beziehungsweise Marktforschung. Ob ich einer Statistik “glaube”, hängt außerordentlich stark davon ab, wer die Statistik erstellt hat. Statista ist noch eine junge Marke. Mit den Kooperationen mit Medien- und Marktforschungsunternehmen stärken wir das Vertrauen in die Marke Statista.

Bekommen die Marktforschungsunternehmen Geld für ihre Daten von Ihnen? Wenn ja, wie berechnet sich der Preis?
Marktforschungsunternehmen haben zwei Interessen, mit uns zusammen zu arbeiten: Zum einen schaffen wir Aufmerksamkeit für Ihre Studien. Mit unserer Präsenz bei Google und den vorhandenen Medienkooperationen werden Studienergebnisse, die bei uns eingestellt werden, schneller bekannt. Viele Marktforschungsunternehmen, vor allem Spezialisten, leiden darunter, dass ihre häufig sehr hochwertigen und spannenden Ergebnisse kaum publik werden. Statista erlaubt dies zu ändern, in dem sie auszugsweise Daten bei uns veröffentlichen. Zum anderen erhalten die Marktforschungsunternehmen, deren Daten wir zugänglich machen oder in Analysen verwerten, Geld in Form einer Umsatzbeteiligung.

Ist es geplant, dass Statista auch selbst Umfragen oder Statistiken erstellen wird?
Im Kern bauen wir auf die Umfragen und Studien anderer Unternehmen, die wir aggregieren – ähnlich wie itunes kein Plattenlabel ist und werden wird. Allerdings planen wir, einfache und schnelle Umfragen für uns durchführen zu lassen, wenn es keine Studien zu einer Frage gibt.

Gibt es bereits Pläne zur Internationalisierung?
So weit wir herausfinden konnten, ist Statista weltweit einzigartig. In so fern ist die Idee schon charmant, nicht immer nur von amerikanischen Anwendungen und Sites beglückt zu werden, sondern umgekehrt auch den Amerikaner etwas zurückzugeben. Ich sehe aber Statista in 2009 erst einmal ein tragfähiges Geschäftsmodell in Deutschland umsetzen. Planen kann man immer vieles, Powerpoint ist ja bekanntlich geduldig. Aber etwas wirklich zu realisieren ist die Herausforderung. Tim Kröger und ich wollen in 2009 unbedingt den Break-even für Statista erreichen.

Glauben Sie, dass die Deutschen statistik-verliebter sind, als andere Länder?
Nicht im Geringsten. Ich habe mal ein paar Jahre für die Beratung Boston Consulting Group gearbeitet und Präsentationen aus allen Ländern gesehen. Alle Menschen lieben Zahlen und Statistiken. Die Aussage „viele trinken Wein“ hilft ihnen nicht, wenn sie den Umsatz für einen neuen Weinfachhandel schätzen wollen. Zu wissen, dass 40 % der Deutschen mehrmals im Monat Wein konsumieren hingegen um so mehr.

Wie gut waren Sie in Mathematik?
Mein Fluch: Ich wollte immer cool und populär sein, war aber tatsächlich immer ganz gut in Mathematik und Alt-Griechisch. Etwas Langweiligeres gibt es wohl kaum. Dann gründet ein Freund von mir ein Start-up, Moviepilot, und kann auf alle Filmfeste gehen; meine Kinder rennen mit Buttons von Moviepilot herum. Nun gründe ich auch ein Start-up und was wird es. Statista!

Welche der vielen Statistiken halten Sie persönlich für die überflüssigste bzw. kurioseste?
Das liegt natürlich im Auge des Betrachters – aber ich mag am wenigsten den Vergleich, wie häufig andere in meinem Alter Sport und auf ihre Ernährung machen. Da kriege ich immer ein so schlechtes Gewissen… wie beispielsweise bei dieser oder auch dieser Statistik.

Christina Cassala, Redakteurin bei deutsche-startups.de, war schon zu ihren besten Uni- Zeiten in den 90er Jahren journalistisch tätig. Gleich nach dem Volontariat arbeitete sie bei einem Branchenfachverlag in Hamburg, ehe sie 2007 zu deutsche-startups.de stieß und seither die Entwicklungen der Start-up Szene in Deutschland mit großer Neugierde beobachtet.